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Digitale Editionen – Methoden und Technologien für Fortgeschrittene

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Institut für Dokumentologie und Editorik (IDE); Lehrstuhl für Literatur- und Sprachgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, TU Chemnitz
Datum, Ort:08.10.2012-12.10.2012, Chemnitz

Bericht von:
Ulrike Henny, Cologne Center for eHumanities (CCeH), Universität zu Köln
E-Mail: <ulrike.hennyuni-koeln.de>

Vom 8. bis zum 12. Oktober fand an der TU Chemnitz die Autumn School “Digitale Editionen - Methoden und Technologien für Fortgeschrittene” statt, die sechste einer Reihe von Schools zur digitalen Editorik, die seit 2008 vom IDE mit unterschiedlichen Ausrichtungen konzipiert und in Zusammenarbeit mit verschiedenen universitären Einrichtungen jeweils vor Ort durchgeführt werden. Die diesjährige Schulung, die zusammen mit dem Lehrstuhl für Literatur- und Sprachgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit organisiert und über Teilnehmerbeiträge sowie Mittel der Universität finanziert wurde, richtete sich an Wissenschaftler, die bereits über Vorkenntnisse in den Methoden und Technologien der digitalen Editionswissenschaft und -praxis verfügen. Die aktive Teilnahme an der School wurde mit einem Zertifikat bescheinigt, durch das die Teilnehmer zugleich zwei ECTS[1]-Leistungspunkte erwarben.

Die inner- und interdisziplinäre Breite der Teilnehmerprojekte zeigte, dass der Einsatz moderner digitaler Technologien bzw. das Bewusstsein für deren Relevanz und Potential Eingang in die Editionstätigkeiten der verschiedenen geisteswissenschaftlichen Fächer gefunden hat. Zugleich wurde der Bedarf an der Vertiefung methodischer und technischer Kenntnisse in diesem Bereich deutlich. 22 Teilnehmer/innen aus 20 verschiedenen Institutionen standen für Editionsprojekte, die vor allem in der germanistischen Philologie und der Geschichtswissenschaft angesiedelt sind, aber auch in der Romanistik, Skandinavistik, Indologie und Religionswissenschaft sowie in der Medizingeschichte und Sportwissenschaft. Zeitlich reichten die Teilnehmermaterialien vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 19. Jahrhundert, wobei Texte aus dem Mittelalter und aus dem 18./19. Jahrhundert besonders prominent vertreten waren.

Die Interessen der Teilnehmer/innen, die schon im Vorfeld geäußert werden konnten, erstreckten sich von Fragen der Textcodierung über Möglichkeiten zum Einsatz von Datenbanken und Publikationsframeworks bis hin zu Präsentations- und Visualisierungsstrategien. Diese Bedarfe wurden von dem fünftägigen Programm der School durch thematische Blöcke adressiert, die in der Regel aus einem theoretischen Vortrags- und einem praktischen Übungsteil bestanden. Dabei wurden teilweise individuelle Teilnehmerprobleme aufgegriffen, es bestand aber auch die Möglichkeit, sich im Anschluss an das allgemeine Programm gezielt von Mitgliedern des IDE beraten zu lassen. Das Programm sah folgende Kernpunkte vor:

- Grundlegende Konzepte der verschiedenen Technologien und deren Zusammenspiel
- Methodische und konzeptionelle Überlegungen zur digitalen Edition
- Vertiefung der Kenntnisse zur Erstellung und Codierung digitaler Texte
- Anwendung von Werkzeugen zur Kontrolle und Analyse der erstellten Daten
- Vertiefung der Kenntnisse zur Weiterverarbeitung und Transformation der Daten in unterschiedliche Ausgabeformate
- Vorstellung von Frameworks und Werkzeugen zur Verwaltung digitaler Editionen und zur Publikation im Web

Im ersten Teil (a) wurden die wichtigsten X-Technologien zur Auszeichnung – eXtensible Markup Language (XML) und Text Encoding Initiative (TEI), zur Abfrage (XPath) und Transformation (XSLT) digitaler Texte aufgegriffen und deren Zusammenwirken anhand von Übungen gezeigt, die typische Anwendungsfälle bei der Umsetzung einer digitalen Edition darstellen (z.B. Erstellen einer synoptischen Webdarstellung oder eines Ortsregisters). Im methodischen Teil (b) wurde der State of the Art digitaler Editionen vorgestellt und ein vom IDE erarbeiteter Kriterienkatalog zu ihrer Besprechung diskutiert, der als Basis für eine konzeptuelle Einordnung, als Anleitung und zur Umsetzung und Evaluation von Ergebnissen dienen kann.[2] Die Kenntnisse zur Erstellung digitaler Texte (c) wurden durch die Behandlung von speziellen Modulen des Text Encoding Initiative-Standards (TEI P5) vertieft, die sich mit der Verknüpfung von Texten und Bildern, mit eingebetteter Transkription und mit der Erstellung kritischer Apparate befassen. Möglichkeiten der Anreicherung der so erstellten digitalen Texte und ihre sinnvolle Verwaltung innerhalb eines Editionsprojektes wurden in einem Block zu Analysewerkzeugen und Kontrolltechniken thematisiert (d), in dem auf die Kollationierungstools Juxta und CollateX eingegangen wurde, auf die Erstellung und Verwendung projektspezifischer TEI-Datenschemata mit Hilfe des von der TEI bereitgestellten Tools Roma, auf die Schemasprache Schematron, die es erlaubt, Daten vor allem anhand von Pfadausdrücken zu kontrollieren, und auf die Kodierung struktureller Metadaten mit dem Metadata Encoding & Transmission Standard (METS). Die Beiträge “XML ins Web” und “Druckvorlagen mit XSL-FO” (e) sollten die Teilnehmer in die Lage versetzen, ihre codierten Texte, Bilddaten und Kontextinformationen für die Präsentation im Internet und für eine Druckausgabe aufzubereiten. Hierfür wurden Kenntnisse der zugrundeliegenden Technologien vermittelt, aber auch Standardwerkzeuge wie oxGarage oder TEI Boilerplate vorgestellt, mit denen TEI-Dokumente unter anderem in die Zielformate PDF und XHTML konvertiert oder direkt im Browser dargestellt werden können. Den letzten Kernbereich (f) bildeten technische Systeme zur Speicherung, Verwaltung und Publikation vollständiger digitaler Editionen, namentlich die GAMS (Geisteswissenschaftliches Asset Management System), die native XML-Datenbank eXist und das Publikationsframework SADE (Scalable Architecture for Digital Editions). Für diejenigen, die an der eigenständigen Entwicklung oder Anpassung von XML-basierten Editionsumgebungen interessiert sind, wurde in die Abfragesprache XQuery eingeführt, mit der Abfragen, Datenverknüpfungen und -umstrukturierungen vorgenommen werden können, die ebenso effizient wie komplex sein können.

Die thematischen Blöcke wurden von weiteren fachlichen und sozialen Programmpunkten eingerahmt. Den fachlichen Höhepunkt bildete dabei der Abendvortrag von MICHAEL STOLZ (Basel) zum Thema “Vernetzte Varianz. Die Neuedition von Wolframs ‘Parzival’ und die Möglichkeiten elektronischer Darstellung”, der das Potential der digitalen Edition[3] aufzeigte, die Varianz und Unfestigkeit des Textes explizit und für den Benutzer nachvollziehbar zu machen und zugleich überlieferungsgeschichtliche Bezüge aufzudecken. Für eine Abrundung des Programms sorgten gemeinsame Abendessen und eine Stadtführung durch Chemnitz und seine Geschichte.

Für 2013 ist die nächste Editionsschule, dann wieder für Teilnehmer ohne technische Vorkenntnisse, bereits geplant. Sie wird erneut in Chemnitz stattfinden, unverbindliche Voranmeldungen können beim IDE (<schoolsi-d-e.de>) eingereicht werden. Dieser Tagungsbericht wurde bei der Arbeitsgemeinschaft historischer Forschungseinrichtungen (AHF) erstveröffentlicht.[4]

Konferenzübersicht:

Einführung und Wiederholung (Patrick Sahle, Ulrike Henny)

Abendvortrag: Vernetzte Varianz. Die Neuedition von Wolframs ‚Parzival‘ und die Möglichkeiten elektronischer Darstellung (Michael Stolz , Basel)

Methodik: Konzepte der digitalen Edition: State of the art; Orientierungspunkte; Szenarien und Architekturen; Evaluationskriterien für digitale Editionen (Patrick Sahle)

XML ins Web: fortgeschrittenes XSLT / XPath (Patrick Sahle, Ulrike Henny)

TEI vertieft: Verknüpfung von Texten und Bildern; eingebettete Transkription; Erstellung kritischer Apparate (Oliver Duntze, Franz Fischer)

Kodierung struktureller Metadaten mit METS (Markus Schnöpf)

Automatische Kollationierung: CollateX / Juxta (Franz Fischer)

Erstellen und Verwenden eines projektspezifischen TEI-Datenschemas (Susanne Haaf)

Schematron in der Qualitätssicherung (Stefan Krause)

Stadtführung

Druckvorlagen mit XSL-FO (Martina Semlak)

Publikationsworkflows und Standardwerkzeuge: GAMS, Boilerplate, TEI-Viewer , oxGarage (Martina Semlak)

XML-Datenbanken: Grundlagen, eXist: Installation und Handhabung (Ulrike Henny)

Das Publikationsframework SADE (Markus Schnöpf)

XQuery (Ulrike Henny)

Anmerkungen:
[1] European Credit Transfer System
[2] <www.i-d-e.de/aktivitaeten/reviews/kriterien-version-1> (05.11.2012)
[3] <www.parzival.unibe.ch/editionen.html> (05.11.2012)
[4] Nr. 159/2, <www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte/Berichte/pdf/2012/159-12.pdf> (05.11.2012)

ZitierweiseTagungsbericht Digitale Editionen – Methoden und Technologien für Fortgeschrittene. 08.10.2012-12.10.2012, Chemnitz, in: H-Soz-u-Kult, 11.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4540>.

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