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Kultur der Ökonomie. Materialisierungen und Performanzen des Wirtschaftlichen in kulturwissenschaftlicher Perspektive

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Sonja Windmüller und Inga Klein, Institut für Volkskunde / Kulturantropologie, Universtität Hamburg
Datum, Ort:20.09.2012-22.09.2012, Hamburg

Bericht von:
Silke Meyer, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Universität Innsbruck; Barbara Lemberger, Berlin
E-Mail: <silke.meyeruibk.ac.at>;<barbara.lembergergmx.de>

Die Tagung nahm die Schnittstelle von Kultur und Wirtschaft interdisziplinär in den Blick und versammelte unterschiedliche Ansätze ökonomischer Forschungsrichtungen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie das weithin unangetastete Primat der Ökonomie in anderen gesellschaftlichen Bereichen wie Politik, Öffentlichkeit und im kulturellen Alltag verhandelt wird. Die Referierenden beleuchteten dabei die Kultur- und Ideengeschichten ökonomischer Konzepte, die mediale Kommunikation des Ökonomischen sowie gescheiterte Theorien als kultur- und epochenspezifische Aussagen über Topoi, Themen und Figuren in Wirtschaftsdiskursen. Dabei galt die Historizität (aktueller) ökonomischer Diskurse als zentrale epistemische Kategorie.

Gerahmt wurde die Tagung durch folgende Posterpräsentationen: „Bares auf Knopfdruck. Kulturanalytische Perspektiven auf den Geldautomaten“ von Sophia Booz, „Bestätigende und herausfordernde Impulse in der kokreativen Interaktion“ von Nadja Marlene Antoine, „Warum wir handeln. Zur praxeologischen Fundierung der Ökonomie“ von Rolf W. Puster und Michael Oliva Córdoba sowie „Schicht(en)wechsel. Berufsbiographische Erzählungen über den Wandel der Arbeitswelt im Hafen Hamburg“ von Janine Schemmer.

Der Ethnologe HANS PETER HAHN (Frankfurt am Main) eröffnete mit einem grundlegenden Vortrag über die Entstehung und Bedeutung des Geldes aus ethnologischer und archäologischer Perspektive. Sein Anliegen war es, mit den Protagonisten Marcel Mauss und Bernhard Laum evolutionistisch geprägte Geldtheorien zu überwinden und zu verdeutlichen, wie auch dem gegenwärtigen wirtschaftlichen Handeln kulturelle und religiöse Motive innewohnen.

Sprachliche Repräsentationen des Ökonomischen lieferten die Überschrift zu so unterschiedlichen Aspekten wie Krise, ökonomische Theoriebildung und Rhythmus. ROMAN ROSSFELD untersuchte Metaphern der ökonomischen Krise und kam zu dem Ergebnis, dass diese überwiegend aus dem Bereich der Gesundheit und der Körperlichkeit stammen: von „Fieberkrisen“ über „Finanzspritzen“ zu „kollabierenden Märkten“ zeigte er an einer Vielzahl von Beispielen die sinnstiftende Kraft solcher Sprachbilder auf. Anhand von Metaphern der aktuellen Finanzkrise stellte NINA PETER (Berlin) die auffallend hohe Frequenz bildlicher Beschreibungsformen wie „Kernschmelze“, „Crash“ und „Kollaps“ fest. Sie interpretierte die Metaphern als kognitive Rahmen, die unterschiedliche Annahmen über die Verantwortlichkeitsverhältnisse und die Funktionsweisen des Marktes implizierten.

Das konstitutive Moment von Metaphern in der ökonomischen Theoriebildung stand auch in HANNO PAHLS (Jena) kritischem und detailreichem Referat im Mittelpunkt. Zunächst zeigte der Soziologe, wie es zur kognitiven Autorität und disziplinärer Hegemonie der Wirtschaftswissenschaften kam; diese nahm ihren Aufschwung ab den 1930er Jahren beispielsweise mit der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie, nach 1945 durch standardisierte Studienbücher, den Nobelpreis sowie der Modernisierungsthese, wobei die neoklassische Wissenschaftskultur eine Synthese mit technischen Wissenschaften, ihrer Mathematik und Modellbildungen einging. Pahl rekonstruierte, wie sich diese Prozesse wissenschaftsgeschichtlich in den Social Sciences, in den verschiedenen Zweigen der Ökonomik sowie auch in ihrer praktischen Anwendung niederschlugen. So gilt das Beispiel der Metapher von der „unsichtbaren Hand“, das erst nach 1945 in die Lehrbücher standardmäßigen Eingang fand, als ein wirkungsvoller Statthalter für Marktmechanismus unter der Ideologie der vollständigen Konkurrenz.

Das Bild der Konjunktur und ihrer Kurven untersuchte die Europäische Ethnologin SONJA WINDMÜLLER (Hamburg) unter dem Einbezug von Rhythmen der Arbeit und der Ökonomie. Die These, dass Rhythmus als Praxis-, Erfahrungs- und Deutungsmodell um die vorletzte Jahrhundertwende hohe Konjunktur hatte, erläuterte Windmüller an Hand der Werke Karl Büchers und Marcel Mauss' zu Rhythmus und Körper im Arbeitsleben. Die Idee von Rhythmus läge auch der Einrichtung des Instituts für Konjunkturforschung im Jahr 1925 zu Grunde: In der Konjunkturlehre ginge es wie den Wirtschaftswissenschaften darum, Dynamiken und Rhythmen der Weltwirtschaft einzufangen, um ökonomische und damit gesellschaftliche Krisen vorherzusehen. Die Konjunkturforschung münde allerdings in statistische Berechnungen, die von Bereinigungen, der idealen Kurve und idealtypischen Konjunkturzyklen dominiert seien. Letztlich, so Windmüllers Fazit, wurde das Rhythmische in Normierungs- und Standardisierungsprozesse überführt.

Die sprachliche Separierung von Ökonomie und Politik stand bei STEFAN SCHOLL (Bielefeld) im Mittelpunkt. Wie und wann trennt man Wirtschaft und Politik? Scholls These lautete, dass die sprachliche Arbeit an der Separierung im Zeitraum von 1880–1970 einen ökonomischen Diskurs stabilisierte, der das Politische als konstitutives Außen formte. So verlangten seine Sprecher, nämlich Ökonomen und Unternehmer, von der Politik, diese gemäß der vermeintlichen wirtschaftlichen Notwendigkeit zu gestalten, so dass das Ökonomische und die Ökonomie reibungslos funktionieren können. Ein weiteres Bild für Ökonomie war laut ANNA ECHTERHÖLTER (Berlin) die Metrologie und damit die ökonomische Expertise, Materialien in Ziffern zu transformieren. Anhand von Verteilungssituationen zeigte sie, wie in der mykenischen Palastwirtschaft das Prinzip von den Verhältnissen der Güter zueinander als substantivistisches Beispiel für eingebettete Ökonomie diente. Dem gegenüber stellte sie die Befunde von Raymond Firth aus seinen Forschungen auf Tikopia, dass Kultur für die freie Zirkulation von Gütern hinderlich sei. Die Frage nach Quantifizierungen in historischen Marktsituationen könne dabei helfen, die Marktszenarien der volkswirtschaftlichen Theoriebildung zu perspektivieren.

Ökonomisches Scheitern und Täuschen waren zwei Themenschwerpunkte, anhand derer sich der Gewinn des disziplinären Austausches ablesen ließ. So untersuchten die Soziologin UTE TELLMANN (Hamburg) und die Europäische Ethnologin SILKE MEYER (Innsbruck) Verschuldung einmal mit diskursanalytischen und weiterhin mit empirisch-praxeologischen Zugängen. Tellmann wies am Beispiel des Schulddiskurses in der Weimarer Republik und der Gegenwart unter den Aspekten der Temporalität und der Kollektivität eine Verschiebung des Schuldverständnisses von nachhaltigen zu toxischen Schulden nach. Epistemologisch beleuchtete sie, in welchen Momenten Schulden als Abweichung von einer ökonomischen Tugend bewertet wurden. Einer vergleichbaren Frage nach dem Zusammenhang von Schulden und Schuld ging Silke Meyer auf der Ebene der Konsumentenverschuldung nach. Anhand von Interviewanalysen zeigte sie die Macht der Narrative im ökonomischen Scheitern auf: unter Verwendung kulturell etablierter Erzählmustern und -motive konvertieren die befragten AkteurInnen Kapitalsorten ineinander und bewältigen ihre ökonomische Marginalisierung narrativ. Im Ergebnis zeigte sich die Verschränkung des individuellen Schuld- und Kreditverständnisses mit medialen Schulddiskursen.

Auch das Thema „Täuschungen“ wurde einmal erzähltheoretisch-praxeologisch und weiterhin als Bilddiskurs verhandelt. INGA KLEIN (Hamburg) befasste sich mit Narrativen der Hochstapelei und ihren Praktiken des Tauschen und Täuschens wie dem demonstrativen Konsum. Am Beispiel des in den 1990er-Jahren tätigen Hamburger Anlage-Betrügers Jürgen Harksen und des Londoner Börsenhändlers Nick Leeson zeigte Klein, wie sich in medialen Debatten moralische Entrüstung sowie die Faszination mit der Figur des Hochstaplers äußerte. IL-TSCHUNG LIM (Basel) bot daran anschließend am Beispiel des US-amerikanischen Falschgelddiskurses und der Falschgeldbeobachtung im 19. und 20. Jahrhundert einen Einblick in die kulturwissenschaftliche Fälschungsforschung. Falschgeld gebe hier Auskunft über das Vertrauen in das und in die Validität des Geldsymbols; dies wäre auch maßgeblich von visuellen Medientechniken abhängig. Denn die unter die Bevölkerung gebrachten Visualisierungen von falschen und echten Geldnoten trugen auch zur Normalisierung und Standardisierung des Geldsymbols bei. Als Fazit zog der Bildtheoretiker Lim die Notwendigkeit, in die Fälschungsforschung stärker bildtheoretische Perspektiven einzubeziehen, denn Fälschungspraktiken wären und blieben Bildpraktiken.

Die Akteursperspektive im ökonomischen Handeln verbindet die Vorträge der Europäischen Ethnologinnen ALEXA FÄRBER (Hamburg) und BARBARA LEMBERGER (München). Färber erläuterte urbane Praktiken des Budgeting unter der Vorstellung der Verwobenheit von Markt und sozialer Welt. „Budget“ stünde paradigmatisch für neoliberale Reformpolitik, es umfasse Berechnungspraktiken, Standardisierungen und Vermessungstechniken, so Färber. Empirisch ließe sich dies etwa an „Sparangeboten“ der Deutschen Bahn nachvollziehen, die ein antagonistisch angelegtes Feld von Dienstleistungen im Bereich von (informellen) Mitfahrgelegenheiten anlegten. Dieses Feld ist gekennzeichnet von einem soziomateriellen Netzwerk von Gesprächen, Preisen, Zeit, Vertrauen, Sparen und Verzicht. Barbara Lembergers Beitrag stellte Migrationsökonomien vor, bei denen Kultur und Ökonomie als nicht vereinbar gedacht werden. Sie stellte zur Diskussion, inwieweit ein Ansatz von einer übergreifenden unternehmerischen Subjektivität als ein möglicher Ausgangspunkt von Unternehmerforschung die diskursive Dichotomie vom migrantischen und als weißen „Normalunternehmer“ konzipierten Unternehmertum aufgelöst werden könnte. Als theoretisches Grundgerüst schlug sie Gabriel Tardes radikalen „extraökonomischen und irrationalen Ansatz vom Ökonomischen“ vor.[1]

In ihrem Abendvortrag erläuterte die Europäische Ethnologin GISELA WELZ (Frankfurt am Main) Märkte als soziotechnische Arrangements von Akteuren, Sachen, Instrumenten und Verfahrensweisen, deren Zusammenwirken Güter, Preise, Wettbewerb und Transaktionspraktiken hervorbrächten. Am empirischen Material zeigte Welz die Genese eines Marktes am Beispiel der EU-Siegelpolitik für regionalspezifische Lebensmittelprodukte mit dem Ziel der Erhöhung von Wertschöpfung auf. Das soziotechnische Arrangement besteht hier nun aus Sicht der Kulturanthropologin aus einem Standardisierungsregime, aus einer moralischen Ökonomie, die über Standards verhandelt werde sowie aus der Verwarnung der Märkte selbst, da Standards als „market devices“ dienen. Die Vielfalt der regionalspezifischen Lebensmittel werden marktgängig gemacht und somit, das Fazit, wird „das Ökonomische“, nicht „die Ökonomie“, gemacht.

Der Soziologe URS STÄHELI (Hamburg) beendete die Tagung mit dem Ausblick auf Hoffnung als ökonomischem Aspekt und skizzierte erwartungsvolle, furchterfüllte und panische Semantiken der Berechenbarkeit von Zukunft. Das Konzept oszillierte hierbei zwischen zwei Schulen der Hoffnung als Utopie (Bloch) und der Versklavung durch Hoffnung (Spinoza). Innerhalb des ökonomischen Systems seien Hoffen und Erwarten zentrale Elemente der Erzeugung von Zukunft, entweder durch die Kontinuität der Gegenwart in einer präsentistischen Zukunft, durch ein Amalgam von aktiv/passiv-besetzten Affekten oder als politische Herrschaftstechnologie.

In der Schlussdiskussion regte Windmüller an, dass in der kulturwissenschaftlichen Forschung sinnvollerweise von „Ökonomien“ im Plural als von „Ökonomie“ im Singular die Rede sein sollte. Die von Hans Peter Hahn eingangs eher pessimistisch beantwortete Tagungsfrage, ob Kultur- und Wirtschaftswissenschaften je eine gemeinsame Perspektive auf das Ökonomische finden werden, fände damit – so das Fazit der Berichterstatterinnen – eine andere Antwort: Ähnlich wie sich beispielsweise innerhalb der Gender- oder der Migrationsforschung ein Wechsel vollzogen hat von Gender oder Migration als Forschungsgegenstand zu denselben als Forschungsperspektive, wäre ein solcher Perspektivwechsel auch für die interdisziplinäre Erforschung der Schnittstellen von Ökonomie und Kultur gewinnbringend.

Konferenzübersicht:

Inga Klein, Sonja Windmüller (Hamburg): Einführung

Sektion 1:

Hans Peter Hahn (Frankfurt am Main): Von der Entstehung des Geldes bis zur Umwertung der Werte. Erfahrungen aus den Grenzbereichen von Ethnologie, Archäologie und Ökonomie

Ute Tellmann (Hamburg): Die moralische Ökonomie der Schulden

Keynote I:

Gisela Welz (Frankfurt am Main): "How do cultures produce values that make things economic?" Märkte als soziotechnische Arrangements

Sektion 2:

Barbara Lemberger (München): Die Entgrenzung von Kultur und Ökonomie: "Die Ökonomie als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen" - Oder, was heißt es, einE UnternehmerIn zu sein?

Silke Meyer (Innsbruck): "Mehr braucht's ja nicht". Kapitalsorten und ihre Konvertierung

Sektion 3:

Inga Klein (Hamburg): Tauschen und Täuschen. Praktiken und Narrative der Hochstapelei

Il-Tschung Lim (Basel): Falschgeld. Visualisierung und Falschgeldbeobachtung in den USA (1864–1941)

Sektion 4:

Anna Echterhölter (Berlin): Metrologische Szenen - Situationen des Quantifizierens in der Wirtschaftsethnologie

Sonja Windmüller (Hamburg): Rhythmen der Arbeit - Rhythmen der Ökonomie. Kulturanalytische Schlaglichter

Sektion 5:
Hanno Pahl (Jena): Konstitutive Metaphern in ökonomischer Theoriebildung: Zwischen Disziplinarität und gesellschaftsweiter Ausstrahlung

Stefan Scholl (Bielefeld): Trennungsgründe. 'Wirtschaft' und 'Politik' im 20. Jahrhundert

Sektion 6:

Alexa Färber (Hamburg): Das Konzept "Budget" in kulturwissenschaftlicher und akteur-netzwerktheoretischer Perspektive. Arbeitsansätze aus dem Forschungszusammenhang "Low-Budget Urbanität: Zur Transformation des Städtischen unter dem Primat des Sparens"

Roman Rossfeld (Zürich): "Fieberkurven" und "Finanzspritzen": Überlegungen zu einer Kulturgeschichte ökonomischen Scheiterns im 19. und 20. Jahrhundert

Sektion 7:

Nina Peter (Berlin): Kernschmelze, Crash oder Kollaps? Sprachbilder der Finanzkrise in Medien und Politik

Keynote II:

Urs Stäheli (Hamburg): Hoffnung: Zur affektiven Dynamik der Ökonomie

Anmerkung:
[1] Bruno Latour / Vincent Lépinay, Die Ökonomie als die Wissenschaft von den leidenschaftlichen Interessen. Eine Einführung in die ökonomische Anthropologie Gabriel Tardes, Frankfurt am Main, 2010, S. 47.

ZitierweiseTagungsbericht Kultur der Ökonomie. Materialisierungen und Performanzen des Wirtschaftlichen in kulturwissenschaftlicher Perspektive. 20.09.2012-22.09.2012, Hamburg, in: H-Soz-u-Kult, 15.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4537>.

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