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HT 2012: Regulating Families and Resources in American Contemporary History

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum, Ort:25.09.2012–28.09.2012, Mainz

Bericht von:
Jana Hoffmann, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <j_hoff08uni-muenster.de>

Welche Bedeutung kommt Familien im Zusammenhang mit Ressourcen zu? Können Familien den Zugriff auf Ressourcen regeln? Welche Bedeutung haben Werte und Idealvorstellungen in diesem Kontext? Diese Fragen stellte sich die Sektion „Regulating Families and Resources in American Contemporary History“, in deren Fokus nordamerikanische Familien, sowie die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert mit ihren massiven Konflikten um begrenzte kulturelle und gesellschaftliche Ressourcen, wie Erziehung, Bildung, Arbeit, oder Bürgerrechte, standen.

Zwei Annahmen bildeten, so JÜRGEN MARTSCHUKAT (Erfurt) in seinen Einführungsworten, den gedanklichen Ausgangspunkt der Sektion: Erstens komme der Familie bei der Verteilung, Regulierung und dem Zugriff auf Ressourcen ein besondere Bedeutung zu. Allerdings seien kulturelle und gesellschaftliche Ressourcen begrenzt und Zugangsqualifikationen hingen im Wesentlichen von Kategorien wie race, class und gender ab. Zweitens habe eine Gesellschaft eine ideale Vorstellung von Familie als stabilisierendem Fundament der Nation. Den diskursiven Referenzpunkt der Vorträge bildete die von Talcott Parsons 1955 beschriebene „modern isolated nuclear family“[1]. Diese amerikanische ‚Idealfamilie‘, bestehend aus „breadwinner father“ und „full-time homemaker mother“ mit ihren „dependent children“, angesiedelt in der weißen Mittelschicht, ist gekennzeichnet durch Heteronormativität, Monogamie und die Ehe als Voraussetzung für eine Elternschaft.

Mentale Eigenschaften als Ressourcen bildeten den Grundgedanken von NINA MACKERTs (Erfurt) Vortrag. So stellten in den 1950er- und 1960er-Jahren Eigenschaften wie Liebe und Reife den Ausgangspunkt für eine „gute“ Ehe und eine „gesunde“ Familie dar. Ehe und Familie waren Teil und zentrale Legitimation des eigenen staatsbürgerlichen Selbstverständnisses. Um aufzuzeigen, wie Jugendliche diese Eigenschaften erwerben konnten, analysierte Mackert Debatten über Dating-Praktiken, die im Untersuchungszeitraum als „kind of citizenship training“ angesehen wurden. Für die Analyse wählte Mackert Debatten in Zeitschriften aus, wobei sie Zeitschriften mit vornehmlich „weißer“ Leserschaft (Life) Zeitschriften für ein „schwarzes“ Publikum gegenüberstellte (Ebony). Mackert stellte heraus, dass „weiße“ Zeitschriften den Ratschlag erteilten, dass Frauen möglichst viele Männer treffen sollten, um anschließend eine freie Entscheidung im Bezug auf den Ehepartner treffen zu können. Gleichzeitig legten „weiße“ Zeitschriften in ihren Artikeln aber auch normierte gesellschaftliche Ideale in Bezug auf Ehe, Sexualität und Geschlechterrollen fest: 1) Heterosexualität führe zu einer gesunden Ehe, 2) vorehelicher Sex gelte als unreif, zumal „real love“ als Kennzeichen der monogamen Ehe die Voraussetzung für eine befriedigende gesunde Sexualität sei und 3) die Vermeidung vorehelicher Sexualität liege in der Verantwortung der Frau. Ebony dagegen warnte in ihren Artikeln ihre „schwarze“ Leserschaft, so Mackert, vor „Love Clubs“ und „oversexed girls“, welche die Konsequenzen dysfunktionaler Familien seien. Die Ursachen für dysfunktionale Familien waren, so die Zeitgenossen, unter anderem Armut sowie Unreife und damit die Unfähigkeit zu lieben und der Sorgfaltspflicht nachzukommen. Somit wurde erstens „schwarzen“ Jungendlichen aus zerbrochenen Familien die mentale Reife zu lieben abgesprochen. Zweitens wurde ein Bild von hypersexuellen „schwarzen“, jungen Frauen gezeichnet. Die Zeitschrift Ebony plädierte nicht nur für gesunde und funktionierende „schwarze“ Familien, damit diese Jugendlichen an gesellschaftlichen Ressourcen teilhaben konnten. Vielmehr führte die „racialization“ dieses Narrativs zur Stigmatisierung „schwarzer“ Familien und zur Stärkung und Normierung „weißer“ Familienstrukturen. Mackert fasste zusammen, dass nicht nur „Weiße“ Normen festsetzten, und damit entschieden, wer oder wer nicht der Norm entsprach, als legitimer Staatsbürger galt und damit Zugang zu kulturellen Ressourcen hatte, sondern dass auch „schwarze“ Medien an der Verbreitung dieser Normen beteiligt waren.

ISABEL HEINEMANN (Münster) zeigte anhand öffentlicher Debatten um Mutterschaft, Arbeitsmarktpartizipation von Frauen und Reproduktion in den 1960er- und 1970er-Jahren, dass Familienwerte und Geschlechternormen am besten auf die Lebensbedingungen der „white middle class Americans“ abgestimmt waren. Hierdurch wurden die Lebensbedingungen und Traditionen anderer gesellschaftlicher Gruppen vernachlässigt. Sozialexperten spielten bei der Festsetzung von Geschlechternormen und der Verhinderung des Zugangs zu kulturellen Ressourcen eine bedeutende Rolle. In den Beispielen, die Heinemann anschließend präsentierte, zeigte sie erhebliche Unterschiede in Bezug auf „race“ und „class“ bei der Bewertung und Wahrnehmung beruflicher und reproduktiver Entscheidungen durch die Sozialexperten und durch die betroffenen Frauen selbst. Während bei dem Thema Frauenarbeit Sozialexperten eine ambivalente Meinung hatten, ob diese für die Familie zuträglich oder schädlich sei, bewerteten Frauen der weißen Mittelschicht ihre Partizipation am Arbeitsmarkt positiv, versprach Berufstätigkeit doch Gleichberechtigung, Entscheidungsfreiheit und Selbstwertsteigerung. Schwarze und Arbeiterfrauen hingegen, für die ein Job zum alltäglichen Lebenserhalt nötig war, wünschten sich mehr Zeit mit ihren Kindern.

In Reproduktionsdebatten konnte Heinemann weitaus komplexere und dramatischere Bewertungs- und Wahrnehmungsunterschiede hervorheben. Während weiße Frauen in der Zulässigkeit von Abtreibung (Roe vs. Wade 1973) ihr Selbstbestimmungsrecht (reproductive choice) verwirklicht sahen, waren Sozialexperten um das gesellschaftliche Wohl besorgt, weswegen Ende der 1960er-Jahre das sogenannte „population control movement“ einsetzte. Diese Bewegung – prinzipiell gerichtet auf Entwicklungsländer – fand jedoch auch in den USA und der Abtreibungsdebatte dort Resonanz und zwang u.a. Frauen aus sozial schwachen Schichten, häufig Schwarze, zur Sterilisation, wenn diese weiterhin Sozialhilfe in Anspruch nehmen wollten. Diesen Frauen wurde demnach ein Recht auf „reproductive choice“ und damit auch das Recht auf Kinder aberkannt. Am Beispiel der Kürzung staatlicher Sozialhilfe für alleinerziehende Mütter ab Mitte der 1970er-Jahre machte Heinemann deutlich, welche Wichtigkeit Familien für die amerikanische Gesellschaft hatten, da man hoffte, die Reform führe zu einer Stabilisierung von ‚richtigen‘ Familien mit zwei Elternteilen. Heinemann hielt in ihrem Fazit fest, dass in Expertendiskursen zwar liberale Geschlechternormen Akzeptanz gewannen, dennoch am traditionellen Bild der „white middle class nuclear family“ sowie der Mutterrolle als die natürliche Funktion der Frau festgehalten wurde. So wurden trotz der Bürgerrechtsbewegung die „race and class biases“ verstärkt.

JÜRGEN MARTSCHUKAT (Erfurt) analysierte anhand eines Beispiels von „Queer Parenting“ – eines lesbischen und eines schwulen Paares, die sich gemeinsam die Verantwortung der Kindererziehung teilen – den Bedeutungswandel von Familienleben im homosexuellen Umfeld zwischen 1980 bis 2010. Dabei stellte er die Frage nach den gelebten Familienwerten und Geschlechterrollen der „Queer Parents“. Hier wies Martschukat darauf hin, dass die Entscheidung für eine Familie einerseits zu Auseinandersetzungen innerhalb der homosexuellen Bewegung führte, andererseits jedoch die Teilhabe an der Gesellschaft, sowie den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen zur Konsequenz hatte. Insofern sei die Bedeutung von Ehe und Familie seit den frühen 1990er-Jahren für Homosexuelle gestiegen, da sie u.a. nicht mehr als Inbegriff von Heteronormativität gedeutet wurden. Im Hinblick auf Familienwerte und Geschlechterrollen hob Martschukat hervor, dass diese zum Teil auf sehr traditionellen Vorstellungen beruhten. So vertraten die von ihm 2010 interviewten homosexuellen Eltern folgende Ansichten: Die Voraussetzung für eine Familiengründung und eine Elternschaft seien stabile Verhältnisse, zudem müsse eine Familie im Voraus – aufgrund des Kontextes – sehr gut geplant werden. Im Hinblick auf das Selbstbild der Väter merkte Martschukat an, dass diese sich als „normale“ Väter betrachteten und deswegen auch am Leben ihrer Kinder teilhaben wollten. Dennoch liege die Hauptverantwortung der Erziehung, so die Väter, bei den Müttern. Ihre Aufgabe sei es lediglich den mütterlichen Job zu vereinfachen. Abschließend wies Martschukat auf die Ironie hin, dass obwohl ein Großteil der amerikanischen Gesellschaft sowie viele konservative Politiker homosexuelle Paare als dysfunktional und als Bedrohung betrachteten, diese jedoch aufgrund ihrer Lebensweise und ihres selbstgewählten Familienlebens dem amerikanischen Familienideal sehr nahe kämen. Schließlich zeige die Entscheidung für Familienstrukturen und traditionelle Geschlechternormen eine Möglichkeit auf, Ansprüche auf bestimmte Ressourcen geltend zu machen, den eigenen Status innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zu legitimieren und damit „Normalität“ zu leben. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit die zwei in San Francisco interviewten Paare repräsentativ für die gesamte Homosexuellenbewegung sind.

SHARON ULLMAN (Bryn Mawr) eröffnete ihren Kommentar mit weiteren Ansatzpunkten und Gedankenanstößen im Hinblick auf die Familienforschung. So hob sie die Familie in ihrer Bedeutung als Teil der „amerikanischen Identität“ hervor. Dennoch merkte Ullman auch kritisch an, dass der Fokus für die Konstituierung des Familienideals nicht nur auf dem Kalten Krieg liegen dürfe, sondern dass auch Abgrenzungsprozesse beispielsweise zu ethnischen Gruppen, wie den African-Americans, in den Blick genommen werden müssten. Im Hinblick auf Debatten um Sexualität verwies sie auf den Kinsey Report (Bd.1: Sexual Behavior in the Human Male (1948), Bd.2: Sexual Behavior in the Human Female (1953)), seiner Rezeption und dem Wissen um gelebte Praxis. Bezogen auf den Vortrag von Heinemann hob Ullman die konfliktreiche Problematik hervor, dass die „white middle class“ zwar in den 1950ern ihren Status mit definierten Standards erreichte hatte, die Erhaltung des Status jedoch in den Folgejahren ein zweites Gehalt unumgänglich machte, weswegen Frauen der Mittelschicht die am meisten wachsende Gruppe auf dem Arbeitsmarkt waren, was zur Konsequenz hatte, dass Frauen das Ideal der „fulltime homemaking mother“ aufgeben mussten. Abschließend führte Ullman den Sektionsbesuchern vor Augen, welche Rechte mit einer Ehe verbunden seien (z.B. medizinische, rechtliche, finanzielle Auskunft über den Partner), um zu verdeutlichen, warum das Recht auf eine eingetragene Partnerschaft/Ehe für Homosexuelle von so großen Bedeutung ist. Denn letztlich bedeute, so Ullman, der Zugang zu Familie und Ehe, ähnlich wie beim Militärdienst, nicht nur gesellschaftliche Teilhabe und Gleichberechtigung, sondern biete auch den Zugang zu weiteren kulturellen Ressourcen.

Folgende Punkte wurden in der Sektion deutlich herausgearbeitet: Die Gesellschaft definiert im Zusammenhang mit Familie Werte und Normen, die den Zugang und Rückgriff auf kulturelle Ressourcen ermöglichen oder verhindern. Dabei stellt die „white middle class nuclear family“ ein Ideal nicht aber die Realität dar. Sozialexperten, Politiker und öffentliche Medien nehmen in diesem Konstruktionsprozess eine wichtige Funktion ein, da sie Werte und Normen, sowie „funktionale“ Familienstrukturen festlegen, propagieren und protegieren. Dieser Prozess führt trotz sozialer Bewegungen und Wandlungsprozesse (Bürgerrechts-, Frauen-, Homosexuellenbewegung) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu diskriminierenden Handlungen, Gesetzen und Ressourcenverfügung. Minderheiten und sozial diskriminierte Personen werden dazu genötigt, sich an heteronormative Strukturen der weißen Mittelschicht anzupassen, damit ein Zugriff auf Ressourcen gewährleistet und ein Normalitätsstatus garantiert werden kann. Dies wiederum führt dazu, dass diese Strukturen gestärkt und konstruierte Andersartigkeit pathologisiert werden. Gesellschaftlichen Pluralisierungsvorgängen wird so mit Homogenisierung entgegen gewirkt, ohne dabei den weißen Hegemonialanspruch aus der Hand zu geben.

Im Anschluss an die Abschlussdiskussion blieben jedoch einige Fragen offen. So fragt sich erstens, ob Familiengeschichte nicht breiter gedacht werden muss, indem die Schwerpunktsetzung auf Frauen/Mütter reduziert und Väter und Kinder, bzw. die ganze Familie stärker in den Blick genommen wird. Zudem blieb zweitens unklar, wie im Zusammenhang mit der Familiengeschichte der Begriff Ressource zu verstehen ist, da hier eine sehr offene Definition gewählt wurde, die u.a. Arbeit, mentale Fähigkeiten, Gefühle, Bürgerrechte und Erziehung umfasste. Um die Debatte, die von dem Historikertag geführt wurde, noch einmal aufzugreifen: Ist ein derart weitgefasster, unpräziser Begriff erkenntnisbringend? Worin läge der Vorteil des Ressourcenbegriffs gegenüber Pierre Bourdieus Kapitalbegriff? Und schließlich sollte drittens die weiße Idealfamilie als historischer Referenzpunkt in Zukunft stärker kritisch hinterfragt werden.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Jürgen Martschukat (Erfurt)

Jürgen Martschukat (Erfurt): Einführung

Nina Mackert (Erfurt): "Marriage is for adults": Love, Maturity, and the Sexual Organization of Families in the U.S.-American 1950s and 1960s

Norbert Finzsch (Köln): "I think that it is part of human sexuality, and perhaps it should be taught": American Sex Education 1950-1970 (entfiel)

Isabel Heinemann (Münster): Motherhood, Fertility and Reproductive Choice: Expert Discourses and Women's Agency, 1960-1980

Jürgen Martschukat (Erfurt): "Here in this neighbourhood, we're like stereotype": Queer Parents and Family Transformations in San Francisco, 1980-2010

Sharon Ullman (Bryn Mawr): Kommentar

Anmerkung:
[1] Talcott Parsons, „The American Family: Its Relations to Personality and to the Social Structure“, in Family, Socialization and Interaction Process, edited by Talcott Parsons/ Robert F. Bales, New York 1955, S. 3-33.

ZitierweiseTagungsbericht HT 2012: Regulating Families and Resources in American Contemporary History. 25.09.2012–28.09.2012, Mainz, in: H-Soz-Kult, 11.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4531>.

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