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HT 2012: Neue Ansätze für eine transnationale Geschichte. Das Beispiel der Deutsch-Französischen Geschichte in 11 Bänden

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum, Ort:25.09.2012–28.09.2012, Mainz

Bericht von:
Amélie Sagasser, Ecole des hautes études en sciences sociales; Deutsches Historisches Institut Paris
E-Mail: <ASagasserdhi-paris.fr>

Im Rahmen des 49. Deutschen Historikertags in Mainz, dessen Partnerland in diesem Jahr Frankreich war, veranstaltete das Deutsche Historische Institut Paris (DHIP) unter der Leitung von PD Dr. Rainer Babel (Paris) und Prof. Dr. Rolf Große (Paris) eine Sektion zu der vom DHIP herausgegebenen Deutsch-Französischen Geschichte (DFG). Bei den Sektionsleitern und den Referent/innen handelte es sich um Autoren dieser Reihe.

ROLF GROSSE (Paris) erläuterte in seiner Einführung die Konzeption der Reihe und ging auf die lange Geschichte des Projekts ein, die sich bis in die Anfänge des DHIP 1958 zurückverfolgen lässt. Die beiden ersten Bände, aus der Feder von Rainer Babel und Rolf Große, erschienen 2005, und inzwischen liegen acht vor. Seit 2011 wird die Reihe auch auf Französisch veröffentlicht. Bis 2014 sollen alle Bände in beiden Sprachen zu erhalten sein. Die Sektion diente einem ersten Fazit. Neben der Analyse der deutsch-französischen Beziehungen fasst die DFG nicht nur die gegenseitigen Verflechtungen beider Länder sowie den Transfer in den Blick, sondern auch die unterschiedlichen Entwicklungen, um Charakteristika der deutschen und französischen Geschichte im direkten Vergleich aufzuzeigen. Auf der einen Seite geht es um einen „Nahvergleich“, wie Marc Bloch ihn gefordert hatte. Auf der anderen soll das Konzept einer Histoire croisée berücksichtigt werden. Rolf Große warf die Frage auf, in welchem Maße diese Ansätze für die Bearbeitung des gesamten Zeitraums von der Spätantike bis zur Gegenwart anwendbar sind.

MICHAEL WERNER (Paris) stellte den maßgeblich von ihm konzipierten Ansatz der Histoire croisée vor. Er sprach sich gegen die Übersetzung dieses Begriffs mit Verflechtungsgeschichte aus, da sie ein homogenes Verhältnis beider Länder voraussetzt, dieses aber nicht gegeben sei. Zudem hebe die Verflechtungsgeschichte die Eigenheiten der einzelnen Länder zu wenig heraus. Gleichwohl setze sich das Konzept der Histoire croisée deutlich von dem der vergleichenden Geschichte ab. Michael Werner stellte die Frage nach der Interpretation multidirektionaler Transferprozesse. Er wies darauf hin, dass man Deutschland und Frankreich als nationale Untersuchungseinheiten mit einer Reihe von Problemen behaftet seien, und betonte, dass nationale Untersuchungen als ein dynamisches Konstrukt verstehen solle, die sich gegenseitig beeinflussen, aber auch zu Dichotomien führten. Sodann stellte er die Frage nach den nationalen Untersuchungsebenen: Was passiert, wenn man die Geschichte auf regionale und auch einzelne thematische Aspekte herunterbricht? Hierzu bemerkte er, dass gerade nationale Ordnungen sehr unterschiedlich gewichtet werden und manche Prozesse auf ganz verschiedenen Ebenen stattfinden. Große Bedeutung im Rahmen des Transfers maß Michael Werner der Position des Beobachters bei. Die Histoire croisée berücksichtigt nicht nur die eigene Position, sondern zieht auch die anderen Perspektiven in Betracht. Bei der Bearbeitung der DFG wird dies insofern berücksichtigt, als die Autorenschaft aus beiden Ländern stammt. Das Ergebnis ist eine Pluralisierung der Perspektiven und die Konstitution eines binationalen Forschungsraums, der eine transnationale Geschichtsschreibung ermöglicht. Diese multidirektionalen Prozesse stoßen allerdings auch auf Grenzen. Erstens sind die Ansätze in den einzelnen Bänden sehr verschieden. Dem Projekt liegt ein „gemeinsamer Horizont“, aber kein einheitlicher Theorieansatz zugrunde. Zudem sprach Michael Werner von der „exception franco-allemande“: Allgemein wurden gute Erfahrungen bei der deutsch-französischen Zusammenarbeit gemacht. Aber diese „Zweisamkeit“ wirft auch die Frage auf, ob binationale Themen nicht überholt sind. Andererseits führt gerade diese Art von Studien zu multilateralen Kooperationen. Das Interesse anderer Länder, eine vergleichbare Geschichte zu schreiben, etwa eine deutsch-polnische, spricht für das der DFG zugrundeliegende Konzept.

JEAN-MARIE MOEGLIN (Paris) stellte drei verschiedene Ansätze zur Erforschung der deutschen und französischen Geschichte im Mittelalter vor: die vergleichende Geschichte, die Beziehungsgeschichte und die Histoire croisée. Für den französischen Mediävisten sind sie aber nur dann ertragreich, wenn man sie miteinander kombiniert. Er erläuterte dies anhand von zwei prägenden Begriffen des Mittelalters: studium und regnum bzw. imperium. Zunächst analysierte Jean-Marie Moeglin die Entwicklung des geistigen Lebens in beiden Ländern und bemerkte, dass der Ausgangspunkt im Frühmittelalter links und rechts des Rheins derselbe war. Mit der sogenannten karolingischen Renaissance seien Schulen an Bischofssitzen und in Klöstern mit Skriptorien entstanden. Ende des 11. Jahrhunderts kam es zu einem Umbruch, der sich mit einer vergleichenden Geschichte und einer Beziehungsgeschichte erklären lässt. In Frankreich entstanden städtische Schulen, aus denen sich ab dem 13. Jahrhundert die Universitäten entwickelten. Die Klosterschulen verloren zur selben Zeit in beiden Ländern an Bedeutung. Während es in Frankreich gerade durch diese neuen Schulen zu einem wirtschaftlichen, sozialen, demographischen und kulturellen Aufschwung kam, verbreiteten die Domschulen in Deutschland weiter konservative Inhalte. Als Folge dieses Phänomens kamen schon im 12. Jahrhundert deutsche Gelehrte (zum Beispiel Hugo von St. Viktor oder Otto von Freising) nach Frankreich, etwa nach Chartres, Laon, Paris oder Reims, um an den neuen Schulen zu studieren. Durch diesen zwar sehr asymmetrischen Transfer von Gelehrten (es gab weniger französische Gelehrte, die nach Deutschland kamen als umgekehrt) wurden viele französische Werke (zum Beispiel die Schriften von Abälard) in Deutschland rezipiert, und nicht selten gründeten die deutschen Gelehrten nach ihrem Studium in Frankreich ihre eigene Schule nach französischem Vorbild (zum Beispiel Petrus von Wien oder Albertus Magnus). Diese Schulen erreichten allerdings nie den Rang einer Universität. Die wichtigsten deutschen Bildungsstätten jener Zeit waren vor allem Erfurt, Köln und Wien, die aber jeweils unterschiedlich auf den französischen Nachbarn blickten. An dieser Stelle kommt, so Jean-Marie Moeglin, die Histoire croisée zum Tragen. Nicht selten klagten deutsche Gelehrte (etwa Gerhoch von Reichersberg) über das Superioritätsgefühl und die Arroganz der französischen Gelehrten. In Frankreich war es kaum vorstellbar, dass es in Deutschland zu irgendeinem kulturellen Aufschwung kommen konnte. Gerade dieser regard croisé war für die Entwicklung der deutschen Bildungs- und Kulturzentren entscheidend. Spätestens mit dem Schisma und der Kirchenspaltung 1378 verfolgten die in Frankreich wirkenden deutschen Gelehrten die Absicht, in Deutschland (Köln, Heidelberg und Wien) Universitäten nach dem Pariser Vorbild zu gründen, ohne sich aber (anders als die Pariser Universität) zum avignonesischen Papsttum zu bekennen. Um das Konzept des Imperiums und zugleich die Entwicklung der unterschiedlichen politischen Strukturen in beiden Ländern zu analysieren, wählte Jean-Marie Moeglin den komparatistischen Ansatz. Beide Länder gingen aus dem karolingischen Reich hervor, doch unterscheiden sie sich in ihrer „staatlichen und nationalen Konstruktion“. So entwickelte sich die Verfassung des Reichs sowohl auf einer Reichs- als auch einer Länderebene, während in Frankreich den Regionen nur geringe Bedeutung zukommt. Links des Rheins arbeitete man intensiv an Mythen, der Sakralität, den Zeremonien und herrschaftlichen Symbolen, um fast propagandistisch in der Position des Königs das Imperium zu verkörpern. Im Deutschen Reich war man stolz, seinen Ursprung im römischen Reich Caesars und Augustus‘ zu sehen. Dies war natürlich nicht mit tatsächlicher Macht verbunden, sondern besaß eher eine „heilsgeschichtliche Funktion“. Abschließend betrachtete Jean-Marie Moeglin die unterschiedlichen Prozesse bei der Entstehung beider Länder mittels der Histoire croisée.

GUIDO BRAUN (Bonn) wies eingangs darauf hin, dass der von ihm behandelte Zeitraum in der Forschung bis jetzt noch in keinem Gesamtwerk untersucht wurde. Zwar verbindet man mit der Epoche die deutsch-französischen Grenzgänger Voltaire und Friedrich II. von Preußen wie auch die intensiven politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sprachlichen Beziehungen jener Zeit. Diese Themen wurden aber vor allem in Detailstudien behandelt, die den Blick auf eine politische Geschichte richteten. Die neuen Konzepte des Kulturtransfers und der Histoire croisée ermöglichen, so Guido Braun, neue Ansätze zur Erforschung dieser deutsch-französischen Geschichte. Gerade die politischen Beziehungen rücken hier mit einem kulturgeschichtlichen Ansatz in den Mittelpunkt. Bei der Charakterisierung der Epoche ist darauf hinzuweisen, dass es sich bei Deutschland zum einen um kein einheitliches Reich handelte und zum anderen ein Bündnissystem zwischen den fünf damaligen Großmächten (Frankreich, Österreich, Preußen, England und Russland) die Untersuchung einer binationalen Geschichte erschwert. Deutschland und Frankreich waren im 17. und 18. Jahrhundert Bestandteil einer komplexen europäischen Geschichte und somit auch eng mit den anderen Ländern verflochten. Guido Braun stellte die von ihm in seinem Band angewandten Forschungskonzepte vor. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war der von Louis Réau verwendete Begriff einer Europe française. In diesem Zusammenhang betonte Guido Braun, dass es sich dabei nicht um die Transponierung des französischen Modells auf Europa handelt, sondern dass dieser Kultureinfluss gegenseitige Transfer- und Anpassungsvorgänge zum Inhalt hatte. Selbst wenn der Kulturtransfer in erster Linie von Frankreich dominiert wurde, gab es auch Bereiche, in denen Deutschland führend war. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dieser Frage ist somit unabdingbar, und bei dem Begriff einer Europe française handelt es sich, so Guido Braun, um einen Mythos. Diese These belegte er anhand von zwei Fallstudien: Zum einen untersuchte er die Transferleistung im Bereich der Musik und Sprache und zum anderen im Bereich der Technologie. Auf beiden Gebieten gab es einen regen wissenschaftlichen und technologischen Austausch zwischen den beiden Nachbarländern, nur blieben sie bis heute weitgehend unerforscht. Der Grund dafür liegt darin, dass die Geschichtswissenschaft und die historische Erinnerungskultur selten den Forschungsschwerpunkt auf die Gemeinsamkeiten beider Ländern setzten und die nationalen Geschichtsbilder sowie die Erinnerungskulturen streng getrennt blieben. Guido Braun sieht dies zumindest teilweise dadurch bedingt, dass die kulturellen Vermittler, die zu dieser Verflechtung beitrugen, etwa die Hugenotten und das Elsass, diese Funktion heute nicht mehr ausüben.

CORINNE DEFRANCE (Paris) betonte zunächst, dass zwar der Hass auf den Nachbarn nach der Kapitulation 1945 sehr groß war, es aber recht schnell zu einer Kooperation und gegenseitigen Aussöhnung kam. Wie lässt sich dieser radikale Wandel – auch als „Wunder der Zeit“ bezeichnet – erklären? Zum einen ist das Problem der Periodisierung anzusprechen. Die Trennung zwischen Kriegs- und Nachkriegszeit ist nicht einfach, denn diese Übergangszeit, welche stark von seinen vielfältigen Folgen geprägt war und die die französische Geschichtsschreibung als „sortie de guerre“ bezeichnet, lässt sich kaum an einem Datum festmachen. So war zum Beispiel das Jahr 1963 weder für die Geschichte Frankreichs noch für die der Bundesrepublik oder der DDR, aber auch nicht für den Kalten Krieg ein Wendepunkt oder eine Zäsur. Es handelt sich bei diesem Datum ausschließlich um eine „symbolische Wegmarke “, einen Erinnerungsort, der erst im Nachhinein als ein Wendepunkt in den deutsch-französischen Beziehungen erscheint. Tatsächlich gab es deutsch-französische Kooperationen in manchen Bereichen bereits vor 1963.

ULRICH PFEIL (Metz) erinnerte daran, dass die deutsch-französischen Beziehungen Bestandteil eines „mehrdimensionalen Koordinatensystems“ waren. In einer DFG sind somit folgende Punkte zu beachten: Deutschland stand durch seine Zweistaatlichkeit (im Gegensatz zu Frankreich) im Zentrum des Kalten Kriegs. Aus diesem Grund muss bei einer Analyse der deutsch-französischen Beziehungen auch die DDR als dritte Komponente berücksichtigt werden. Des Weiteren wurde durch die Bedrohung des Kalten Kriegs, aus Angst vor dem plötzlichen Wiederaufstieg einer Macht, der Ruf nach einem geeinten Europa zunehmend lauter und beschleunigte den europäischen Integrationsprozess. Die zunehmende deutsch-französische Kooperation ist demnach eher das Ergebnis einer Interessensverlagerung denn ein „Wunder unserer Zeit“. Ulrich Pfeil schloss seinen Vortrag mit der These, dass die deutsch-französische Annäherung nicht alleine das Verdienst einiger Staatsmänner war. Bis in die 1950er-Jahre waren die alltäglichen Lebensweisen und gesellschaftlichen Strukturen zwischen den beiden Ländern so unterschiedlich, dass ein gegenseitiges Verstehen schwer fiel. Erst das Wirtschaftswachstum und der damit über die Grenzen hinweg verbundene Massenkonsum erleichterte Mitte des 20. Jahrhundert eine Vereinheitlichung der Gesellschaften und förderte die deutsch-französische Annäherung.

Die einzelnen Vorträge zeigten, dass es keinen spezifischen Ansatz für das Schreiben einer transnationalen Geschichte gibt, sondern jeweils abhängig von Epochen und Themen eine Entscheidung über die anzuwendende Methode zu treffen ist. Die Frage, ob im Zeitalter der Globalisierung eine binationale Geschichte überhaupt noch Sinn macht, darf mit einem klaren „ja“ beantwortet werden. Dafür sprachen im Übrigen auch der vollbesetzte Hörsaal und das damit zum Ausdruck gebrachte große Interesse an der DFG.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Rainer Babel (Paris) / Rolf Große (Paris)

Rolf Große (Paris): Einführung

Michael Werner (Paris): Möglichkeiten und Grenzen einer Histoire croisée

Jean-Marie Moeglin (Paris): Welcher Ansatz eignet sich zur Erforschung der deutsch-französischen Geschichte im Mittelalter: Beziehungsgeschichte, Vergleich oder Histoire croisée?

Guido Braun (Bonn): Von der verflochtenen Geschichte zur geteilten Erinnerung. Frankreich und Deutschland im Zeitalter von Barock und Aufklärung

Corinne Defrance (Paris)/Ulrich Pfeil (Metz): Die deutsch-französische Aussöhnung. Eine Nachkriegsgeschichte in Europa

Rainer Babel (Paris): Schlusswort

ZitierweiseTagungsbericht HT 2012: Neue Ansätze für eine transnationale Geschichte. Das Beispiel der Deutsch-Französischen Geschichte in 11 Bänden. 25.09.2012–28.09.2012, Mainz, in: H-Soz-u-Kult, 27.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4514>.

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