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Entwicklungsrhetoriken

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Luise Stein / Katharina Pohl, BGHS, Universität Bielefeld
Datum, Ort:18.09.2012–19.09.2012, Bielefeld

Bericht von:
Hanna Acke, Exzellenzcluster "Religion und Politik", Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <hanna.ackeuni-muenster.de>

Vom 18. bis zum 19. September 2012 fand in Bielefeld ein Doktorandenworkshop mit dem Titel „Entwicklungsrhetoriken“ statt, zu dem mit Katharina Pohl und Luise Stein zwei Doktorandinnen der „Bielefeld Graduate School in History and Sociology“ eingeladen hatten. Ziel des interdisziplinären Workshops war es, Konzepte, die die internationale Entwicklungspolitik geprägt haben, in einem Zeitraum von 1918 bis heute zu untersuchen. Insbesondere sollte es auch darum gehen, Praktiken der Legitimierung und Delegitimierung, die mit Entwicklungskonzepten in Zusammenhang stehen, herauszuarbeiten sowie den Wandel von Hierarchisierungen und Selbst- und Fremdzuschreibungen zu analysieren.

Um trotz der Vielfalt der Beiträge eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu schaffen, hatten die Veranstalterinnen einen Fragenkatalog erarbeitet. In diesem wurde besonders thematisiert, wie diskursive Prozesse und Mechanismen der Konstruktion und Dekonstruktion von Entwicklungskonzepten und mit ihnen verbundener Wissensbestände verlaufen.

Die erste Session „Diskursive Verhandlung von Entwicklung“ wurde von TOMÁŠ PROFANT (Wien) eingeleitet, der in seinem Dissertationsprojekt aktuelle Entwicklungsdiskurse österreichischer und slowakischer staatlicher wie nicht-staatlicher Akteure vergleicht. Er nahm in seinem Vortrag auf die These der Entpolitisierung von James Ferguson Bezug. Ähnlich wie bei diesem diskutiert, wird auch in Profants Quellen Entwicklungshilfe als eine unpolitische, rein technische Intervention konstruiert. SAMUEL MISTELI (Luzern) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der „UNO-Wirtschaftskommission für Afrika“ (UNECA) in den 1960er-Jahren. Seine These lautete, dass Entwicklungsrhetoriken als Kooperationsmechanismen wirken, die eine Entpolitisierung potentiell konfliktiver Beziehungen ermöglichen, indem sie, Profants Argument folgend, politische Probleme technisch fassen. Die Mitglieder der Kommission konnten so politische Gegensätze, die im Zusammenhang mit den Unabhängigkeitsbestrebungen afrikanischer Staaten unweigerlich bestanden, zumindest temporär überbrücken und auf diese Weise ihre Zusammenarbeit gewährleisten. Mit den Ursprüngen deutscher Entwicklungspolitik setzte sich DAVID GILGEN (Bielefeld) in seinem Beitrag auseinander. Dabei skizzierte er die teilweise gegensätzlichen Rhetoriken des „Auswärtigen Amtes“ und des 1961 gegründeten „Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit“. Während ersteres immer wieder die außenwirtschaftlichen Interessen der Bundesrepublik in den Mittelpunkt gerückt habe, habe zweiteres an einer politisch-humanitären Sichtweise festgehalten.

Die zweite Session „Barmherzigkeit, Solidarität und Entwicklung“ begann mit einem Vortrag von LUISE STEIN (Bielefeld). Sie richtete am Beispiel der Tätigkeit der „Norddeutschen Mission“ in Togo und Ghana den Blick auf den Paradigmenwechsel von Missionierung zu Entwicklungshilfe, der sowohl von Kontinuität als auch von Brüchen geprägt war. Auch im Beitrag von RUBEN QUAAS (Bielefeld) spielten kirchliche Akteure eine Rolle. Er zeigte, dass in den frühen 1970er-Jahren die Neubewertung dessen, was als – auch im politischen Sinne – angemessene Entwicklungshilfe zu gelten habe, die Idee des Fairen Handels erst ermöglichte und so zur Legitimierung dieser Praxis beitrug.

Die Session „Selbstbilder und Entwicklung“ ermöglichte einen vergleichenden Blick auf die Selbstdarstellung zweier europäischer Staaten, Norwegens und der Schweiz, als Geberländer in der Entwicklungshilfe in den 1960er-Jahren. KATHARINA POHL (Bielefeld) und PATRICIA HONGLER (Luzern) zeigten anhand von Zeitungsartikeln bzw. internen Rapporten wie die jeweiligen nationalen, vom US-amerikanischen „Peacecorps“ inspirierten Freiwilligenorganisationen trotz einer stark betonten rhetorischen Abkehr vom Kolonialismus insbesondere die diesem inhärente hierarchisierende Zweiteilung der Welt reproduzierten. Besonderes Augenmerk richteten beide Referentinnen auf die dominierenden Dichotomien von entwickelt-unterentwickelt und aktiv-passiv.

Honglers These, dass bestimmte Aspekte der Entwicklungsrhetoriken nicht einfach verschwinden, sondern sich vielmehr summieren und in wechselnden Kontexten überlagern, wurde durch einen Vortrag aus der nächsten Sektion „Wissen und Entwicklung“ bestätigt: Obwohl sie in etwa zeitgleich und im gleichen Land geäußert wurden, standen die Rhetoriken der Verantwortlichen und der Schüler der „Schweizerischen Tropenschule“, mit denen MARINA LIENHARD (Zürich) sich beschäftigte, denjenigen der „Schweizer Freiwilligen für Entwicklungshilfe“ diametral gegenüber. Im zweiten Vortrag dieser Session zeigte YANN STRICKER (Luzern), dass der Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung häufig in einer wirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rhetorik gefasst wurde und wird. Diese Rhetorik versetze einerseits die MigrantInnen in einen permanenten Legitimationszwang. Andererseits ermögliche sie es diesen Akteuren auch, ihren Forderungen politische Aufmerksamkeit zu verschaffen, indem sie den wirtschaftlichen Nutzen der Migration betonen.

In der letzten Session, „Tradition und Entwicklung“, machte KWESI AIKINS (Bielefeld) anhand von Beispielen aus seiner Forschungsarbeit in Ghana den Vorschlag, die monolithische, teleologische Idee von Entwicklung, die die Möglichkeit zur Verhandlung dieses Konzeptes einschränke, um die „indigenous notions of collective effort“ zu erweitern. JELENA ADELI (Bielefeld) schließlich nutzte die Kategorie Entwicklung, um verschiedene Legitimationen des Ressourcenumgangs auf den Kapverdischen Inseln zu untersuchen. Sie verwies dabei auf den relationalen Charakter der Kategorie Entwicklung. Dieser komme erst im Zusammenspiel mit anderen Kategorien wie Modernisierung oder Tradition zum Tragen.

In der Schlussdiskussion wurden vor allem drei Aspekte im Zusammenhang mit Entwicklungsrhetoriken thematisiert, die in vielen Beiträgen bereits angeklungen waren. Einleitend verwiesen die Veranstalterinnen auf den uneindeutigen Charakter des für den Workshop zentralen Konzeptes der Entwicklung. Diese konzeptuelle Beliebigkeit des Begriffes, welche die Analysen der Beitragenden aufgezeigt hatten, führe dazu, dass dieser zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten mit höchst unterschiedlichen und auch konfligierenden Inhalten gefüllt werden könne. Im Laufe der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass diese Beliebigkeit jedoch nicht zur Delegitimierung des Konzeptes führe, sondern im Gegenteil bis heute seine große legitimatorische Kraft mitbedinge. Daraus folgte für die TeilnehmerInnen die Notwendigkeit, in ihrer eigenen Forschung den Begriff Entwicklung konzise zu definieren und somit zu historisieren. Auch solle stets hinterfragt werden, welche impliziten Bedeutungsannahmen mit seiner Verwendung einhergehen. Schließlich mahnten einige der TeilnehmerInnen an, dass eine kritische Reflexion von Entwicklungsrhetoriken nicht nur bedeuten könne, die politisch-ideologischen oder wirtschaftlichen Interessen und den ‚Eigen-Sinn’ der jeweils beteiligten Akteure zu berücksichtigen. Vielmehr gelte es, darüber hinaus auch die eigene, oftmals wertende, Perspektive auf eben diese Akteure offenzulegen. Somit bestehe die Möglichkeit, sich der an den Entwicklungsrhetoriken kritisierten und sie konstituierenden Normativität zu entziehen.

Die Stärke des Workshops lag darin, dass es den Veranstalterinnen über die Einführung des Begriffs der Entwicklungsrhetoriken gelang, für die zeitlich und thematisch breit gestreuten Beiträge eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu schaffen und so zu weiterführenden Ergebnissen zu gelangen. Insbesondere die Dynamiken und Kontinuitäten des Konzeptes der Entwicklung, auf dessen Überzeugungskraft offenbar auf Grund seiner Wandlungsmöglichkeiten bis heute zurückgegriffen wird, wurden aufgezeigt. Gleichzeitig bot, wie oben ausgeführt, der Workshop auch Anregungen dazu, wie produktiv, d.h. reflektierend und problematisierend, mit diesem Konzept gearbeitet werden könne.

Konferenzübersicht:

I. Diskursive Verhandlungen von Entwicklung

Tomáš Profant: Exploring the Potential of the Postcolonial Critique in ‘Development’ Policy. A Comparison of ‘Development’ Discourses in Slovakia and Austria

Samuel Misteli: Die Anti-Politik des Entwicklungswissens. Die technische Rhetorik der UNO-Kommission für Afrika in der Dekolonisationsära

David Gilgen: Hoffen auf Humanität vs. Warten auf Wachstum? Entwicklungskonzepte der 1960er und 1970er Jahren zwischen entwicklungspolitischen Optimismus und außenwirtschaftlicher Interessenpolitik

II. Barmherzigkeit, Solidarität und Entwicklung

Luise Stein: Mission und Entwicklung. Die Norddeutsche Mission in Togo und Ghana, 1923-1972/1973

Ruben Quaas: Der Einfluss der Entwicklungshilfediskurse auf die Entstehung des Fairen Handels in der Bundesrepublik

III. Selbstbilder und Entwicklung

Katharina Pohl: Restricted Prisms? Wissensproduktion in medialen Diskursen zur norwegischen Entwicklungshilfe

Patricia Hongler: „Die Haltung eines älteren Bruders“. Ideal, Selbstverständnis und Afrikabild der Schweizer Freiwilligen für Entwicklungsarbeit (1964-1974)

IV. Wissen und Entwicklung

Yann Stricker: Geschichte des Wissens über Migration zwischen Afrika und Europa in internationalen Organisationen nach dem Zweiten Weltkrieg

Marina Lienhard: Die Schweizerische Tropenschule (1944-1981) als Umschlagplatz von kolonialem und postkolonialem Wissen

V. Tradition und Entwicklung

Kwesi Aikins: Balancing the Egg of Power – Ghanaian indigenous political authorities as ‘development actors’

Jelena Adeli: Klimawandel und Tourismus: Veränderungsprozesse des Ressourcenumgangs auf Kap Verde

ZitierweiseTagungsbericht Entwicklungsrhetoriken. 18.09.2012–19.09.2012, Bielefeld, in: H-Soz-u-Kult, 04.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4503>.

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