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Theologische Orakel in der Spätantike

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Helmut Seng, Goethe-Universität Frankfurt am Main; Giulia Sfameni Gasparro, Università degli studi di Messina
Datum, Ort:19.07.2012-21.07.2012, Frankfurt am Main

Bericht von:
Helmut Seng, Institut für Klassische Philologie, Goethe-Universität Frankfurt am Main
E-Mail: <helmut.sengem.uni-frankfurt.de>

Zu den Charakteristika spätantiker Philosophie gehört das Interesse für inspirierte Texte. Dies gilt einerseits für Homer und weitere Dichter, deren poetischen Texten die Autorität göttlicher Inspiration zugeschrieben wurde und die aus der Perspektive eines philosophischen Ansatzes interpretiert wurden, andererseits für explizit theologische oder religiöse Dichtungen wie die Orphischen Hymnen. Weitere Texte wurden als Orakel auf die Götter selbst zurückgeführt und als deren direkte Mitteilung aufgefasst (die sich freilich menschlicher Rede bedient). Häufig befassen sich diese Orakel mit Fragen zum Wesen Gottes oder der Götter und mit dem Wirken der Götter im Kosmos, sodass von theologischen Orakeln gesprochen werden kann.[1] Vier Sammlungen sind in besonderer Weise einschlägig: die Chaldaeischen Orakel (= OC), die „philosophia ex oraculis haurienda“ des Porphyrios, die Tübinger Theosophie sowie auf jüdisch-christlicher Seite (wenigstens zum Teil) die Sibyllinischen Orakel; weitere Texte sind damit nicht ausgeschlossen. Ziel der von Helmut Seng (Frankfurt am Main / Konstanz) gemeinsam mit Giulia Sfameni Gasparro (Messina) organisierten Tagung „Theologische Orakel in der Spätantike“ war es, die einschlägigen Texte zu interpretieren, in ihren jeweiligen sozio-kulturellen und theologisch-philosophischen Kontext einzuordnen sowie untereinander in Beziehung zu setzen.

ILINCA TANASEANU-DÖBLER (Göttingen) stellte heraus, dass die in den Fragmenten der OC enthaltenen Bezugnahmen auf die Theurgie weitgehend abstrakt gehalten seien und somit geeignet, Rituale generell in einem theologischen Kontext zu verstehen; im Einzelnen bleibe – wohl absichtlich – ununterscheidbar, ob von einem rituellen Aufstieg der Seele oder ihrer Erhebung zum Göttlichen in der Kontemplation die Rede sei. Zudem müsse unsicher bleiben, inwiefern die Überlieferungen zu spezifisch chaldaeisch-theurgischen Ritualpraktiken erst auf die neuplatonischen Theurgen zuträfen.[2]

HELMUT SENG (Frankfurt am Main) stellte theologische Orakel, die bei Porphyrios in der Schrift „De philosophia ex oraculis haurienda“ bzw. in der Tübinger Theosophie überliefert sind, den OC gegenüber. Während deren metaphysische Vorstellungen komplexer seien und somit auch für den Neuplatonismus interessante Anknüpfungsmöglichkeiten böten, seien die Vergleichstexte zwar durch eine zum Teil überbordende Metaphorik geprägt, philosophisch jedoch weitgehend unspezifisch und als Belege einer theologischen Koine zu verstehen.[3]

ADRIEN LECERF und LUCIA SAUDELLI (beide Paris) wandten sich der neuplatonischen Exegese der OC zu. Das Grundmuster, wonach metaphysische Entitäten niederen Ranges in den höheren Stufen bereits präexistent enthalten sind und sich aus ihnen entfalten, wobei sie sich differenzieren und somit im Vergleich zum Ursprung vervielfachen, führten sie auf Vorformen in den OC zurück, zu deren Metaphorik einerseits der Mutterschoß oder die Quelle, andererseits das Hervorsprudeln oder das Herausspringen gehören.

LUCIANA SOARES (Paris) stellte ihr seit Anfang 2012 betriebenes Projekt einer Datenbank vor, das zwei Forschungsstränge zusammenführt, die bislang weitgehend unverbunden nebeneinander stehen: die Erforschung der platonischen und insbesondere neuplatonischen Philosophie auf der einen und die der Gnosis auf der anderen Seite.[4] Durch Erfassung der einschlägigen Literatur mittels standardisierter Schlagworte soll die elektronische Recherche solche Verknüpfungen ermöglichen. Zur Exemplifizierung dienten neben gnostischen Texten die OC und ihre Kommentierung im anonymen Parmenideskommentar von Turin.

JOHN TURNER (Lincoln) führte einen Vergleich zwischen den OC und der gnostischen Schrift Allogenes durch. Zunächst entwickelte er seine Sicht der chaldaeischen Monas-Trias aus Vater, Dynamis und Intellekt, wobei er insbesondere der Dynamis zwischen Vater und Intellekt eine dreifache Funktion zuschrieb und sie insofern als Analogon nicht nur zum tridynamischen Einen („Triple Powered One“) in der gnostischen Schrift interpretierte, sondern auch zur Barbelo, einer charakteristischen Größe in einem weiteren Zweig der Gnosis. Dabei sind Tendenzen zu einer dreifachen Trias bzw. Enneas nicht nur in den gnostischen Schriften festzustellen, sondern auch in der Orakelexegese des Turiner Parmenideskommentars.

PIERFRANCO BEATRICE (Padova) stellte diesen kontrovers diskutierten Text in das Zentrum seiner Darlegung. In seiner Zuschreibung an Porphyrios folgte er Pierre Hadot;[5] mit seiner These, es handle sich um einen Teil der Schrift „De philosophia ex oraculis haurienda“ führte er seine früheren Ansätze fort, dieser Schrift zahlreiche weitere Texte des Porphyrios zuzuordnen, die fragmentarisch bezeugt sind: was üblicherweise als deren Titel aufgefasst wird, interpretiert er als Inhaltsangaben.[6]

CHIARA TOMMASI (Pisa) arbeitete die Verfahren der Übernahme von heidnischen Orakeln in christliche Theologie in der Tübinger Theosophie heraus, wobei thematisch die Transzendenz des einen göttlichen Prinzips im Mittelpunkt stehe, und stellte sie in weitere Traditionszusammenhänge, über Agostino Steuco (1540) und Antonio Ghislanzoni (1870) bis hin zu Tommaso Landolfi (1947).[7]

LUCIA MADDALENA TISSI (Firenze), die einen Kommentar zur Tübinger Theosophie vorbereitet, zeigte an Beispielen die Einbettung der Orakel in die spätantike Dichtung und die Verbindung der christlich umdeutenden Kommentare zur philologischen und philosophischen Tradition der Antike. Dabei seien drei Momente der Redaktion zu unterscheiden: Die Produktion der paganen Orakel selbst, ihre Sammlung und Bearbeitung durch einen christlichen Redaktor sowie die Epitomisierung, die zum heutigen Textbefund geführt habe.

AUDE BUSINE (Bruxelles) zeigte auf, wie die Sieben Weisen (in wechselnder Besetzung) im Lauf der Rezeptionsgeschichte zu Propheten des Christentums umgedeutet wurden. Dabei wurden ihnen orakelartige Sprüche christlichen Inhalts zugeschrieben. Angesichts dieser lebendigen Tradition sei es unzutreffend, von einem Niedergang zu sprechen.[8]

MARIANGELA MONACA (Messina) arbeitete heraus, wie in den Sibyllinischen Orakeln die Konversion der Sibylle als ursprünglicher Prophetin Apollons zu der des einen Gottes zunächst der Juden, dann der Christen inszeniert werde; zur Gottesfrage trete neben eschatologischen Vorstellungen apokalyptischer und messianischer Prägung in einer weiteren Stufe die christliche Ethik der Nächstenliebe.

CLAUDIO MORESCHINI (Pisa) führte die Orakel vor, die sich in der Schrift „De Trinitate” finden, die in der Überlieferung fälschlich Didymos dem Blinden zugeschrieben wird. Zum Teil handele es sich um pagane Orakel, die auf den einen Gott der Christen oder auf Christus als Gottessohn neu bezogen würden; zum Teil auch um Fälschungen, insbesondere mit Bezug auf den Heiligen Geist oder die Trinität. Die inhaltliche Zielsetzung sah er weniger auf esoterisches Interesse als vielmehr gegen die Arianer gerichtet.

JOCHEN WALTER (Mainz) wandte sich gegen die These, Porphyrios habe mit dem Rekurs auf heidnische Orakel die gewaltsame Verfolgung der Christen propagiert.[9] Vielmehr ergebe sich aus einer genauen Textanalyse lediglich deren intellektuelle und moralische Abwertung.

WOLFGANG WISCHMEYER (Wien) zeichnete die Argumentation des Augustinus in „De divinatione daemonum“ nach. Das Vorherwissen der als Dämonen aufgefassten heidnischen Götter sei demnach nur punktuell und erweise somit nicht deren göttliche Autorität; zudem handle es sich bei ihren Orakeln zum Teil um vaticinia ex eventu.

GIULIA SFAMENI GASPARRO (Messina) stellte im Abschlussvortrag heraus, in welchem Maße die zunehmende Bedeutung (und Produktion) theologischer Orakel seit dem 2. Jahrhundert nach Christus auf das steigende Bedürfnis nach Offenbarung zur Vermittlung des Wissens um die göttlichen Geheimnisse zurückgehe. Dabei spiele auf paganer Seite nicht zuletzt die Auseinandersetzung und Konkurrenz mit dem Christentum eine Rolle; so sei die Betonung theologischer Orakel erstmals in der christenfeindlichen Schrift des Kelsos zu fassen. Auf christlicher Seite komme natürlich der Bibel grundlegende Bedeutung zu, daneben aber auch der Usurpation, Umdeutung und Fälschung heidnischer Orakel.

Mit dieser Synthese ist ein wesentliches Ergebnis der Tagung umfasst. Dazu treten die zahlreichen Einzelresultate zu einer Vielzahl von Texten, unter denen freilich die OC, die Tübinger Theosophie und der Turiner Parmenideskommentar den Schwerpunkt bildeten. Ansätze, die weitere Fragen aufwerfen, betreffen insbesondere die Rolle des Porphyrios und seiner Schriften sowie die Einbeziehung der Gnosis; dies ließe sich als Ausblick festhalten.

Die Veröffentlichung der Tagungsakten ist im Rahmen der Bibliotheca Chaldaica vorgesehen (Universitätsverlag Winter, Heidelberg, voraussichtlich 2014).

Konferenzübersicht:

Thomas Paulsen (Frankfurt am Main): Eröffnung

John Turner (Lincoln): The Chaldean Oracles: A Pretext for the Sethian Apocalypse Allogenes?

Luciana G. Soares Santoprete (Paris): Oracles Chaldaïques et Gnosticisme : une nouvelle approche numérique

Pierfranco Beatrice (Padova): So spoke the gods. Oracles and Philosophy in the so-called Anonymous Commentary on the Parmenides

Adrien Lecerf/Lucia Saudelli (Paris): Sources et principes: universalité et particularité dans les Oracles Chaldaïques

Chiara O. Tommasi Moreschini (Pisa): Oracoli pagani ed esoterismo cristiano nella Teosofia di Tubinga

Lucia Maddalena Tissi (Firenze): Studi sui capelli introduttivi, sui commenti e sugli oracoli come poesia tardo antica nella Teosofia di Tubinga

Ilinca Tanaseanu-Döbler (Göttingen): Zwischen Fiktion und religiöser Praxis: Rituale in theologischen Orakeln

Helmut Seng (Frankfurt am Main): Theologische Orakel zwischen Metaphysik und Ritual

Aude Busine (Bruxelles): Les Sept Sages comme prophètes du christianisme

Mariangela Monaca (Messina): Gli Oracula Sibyllina: la profezia sibillina e l’unicità di Dio

Claudio Moreschini (Pisa): Le citazioni ‘oracolari’ nel De Trinitate dello Pseudo Didimo di Alessandria

Jochen Walter (Mainz): Zum polemischen Potential theologischer Orakel im interreligiösen Konflikt

Wolfgang Wischmeyer (Wien): Augustinus und oracula. Ein Blick auf de divinatione daemonum

Giulia Sfameni Gasparro (Messina): Gli ‘oracoli teologici‘ fra pagani e cristiani: temi e problemi a confronto

Helmut Seng (Frankfurt am Main): Schlussworte

Anmerkungen:
[1] Der Begriff wurde geprägt von A. D. Nock, Les oracles théologiques, in: Revue des études anciennes 30 (1928) S. 280-290.
[2] Die Referentin griff hier zum Teil der Publikation ihrer Habilitationsschrift voraus: Theurgy in Late Antiquity. The Invention of a Ritual Tradition. Göttingen – Bristol, CT 2012.
[3] Gegen H. Lewy, Chaldaean Oracles and Theurgy. Mysticism Magic and Platonism in the Later Roman Empire. Troisième édition par M. Tardieu avec un supplément ,,Les Oracles chaldaïques 1891-2011”, Paris 2011 (1. Aufl. Kairo 1956, 2. Aufl. Paris 1978). Lewys Vorschlag, die genannten Orakel den OC zuzuweisen, ist auch aus methodischen Erwägungen auf Ablehnung gestoßen, cf. E. R. Dodds, New Light on the ‚Chaldaean Oracles‘, in: Harvard Theological Review 54 (1961) S. 263-273 (= Lewy S. 693-701).
[4] Laboratoire d’Excellence Européen d’Histoire et Anthropologie des Savoirs, des Techniques et des Croyances, LabEX-HASTEC, Centre Jean Pépin, UPR 76, CNRS, Paris.
[5] Zuerst in P. Hadot, Fragments d’un commentaire de Porphyre sur le Parménide, in: Revue des études grecques 74 (1961) S. 410-438.
[6] So im Anschluss an J. O’ Meara, Porphyry’s Philosophy from Oracles in Augustine, Paris 1959. Cf. P. F. Beatrice, Quosdam Platonicorum Libros. The Neoplatonic Readings of Augustine in Milan, in: VChr 43 (1989) S. 248-281 und mehrere weitere Publikationen.
[7] A. Steuco, De perenni philosophia, Lyon 1540; A. Ghislanzoni, Aida (Libretto); T. Landolfi, Racconto d’Autunno, Firenze 1947.
[8] Gegen A. Delatte, Le déclin de la Légende des VII Sages et les Prophéties théosophiques, in: Le Musée Belge 27 (1923) S. 97-111.
[9] Cf. M. B. Simmons, Arnobius of Sicca. Religious Conflict and Competition in the Age of Diocletian, Oxford 1995.

ZitierweiseTagungsbericht Theologische Orakel in der Spätantike. 19.07.2012-21.07.2012, Frankfurt am Main, in: H-Soz-u-Kult, 03.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4502>.

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