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HT 2012: Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspolitische Ressourcenfragen in den 1960er und 1970er Jahren

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum, Ort:25.09.2012–28.09.2012, Mainz

Bericht von:
Anna-Katharina Wöbse, Bremen
E-Mail: <annawoebsegmx.de>

1973 spielte Charlton Heston die Hauptrolle in dem Science fiction „Soylent Green“. In dem Film ist die Welt von 2022 ein überbevölkerter und restlos ausgeplünderter Planet, dessen Bewohnerinnen und Bewohner angeblich mit Plankton-Chips ernährt werden. Im Laufe des Films wird allerdings klar, dass auch die Ozeane längst erschöpft sind: Die Welt ist an ihr Ende gekommen und die einzige Masse, die überhaupt noch zur Nahrungsmittelproduktion eingespeist werden kann, ist Menschenmaterie. Der Spielfilm spiegelte drastisch herrschende Umweltängste, die sich aus den Debatten über globalen 'Bevölkerungsdruck', Ressourcenmangel und die Grenzen des Wachstums speisten.

Die von Franziska Torma und Christian Kehrt organisierte Sektion „Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspolitische Ressourcenfragen in den 1960er und 1970er Jahren“ wandte sich eben dieser Phase zu und blätterte das Potential der ozeanischen Sphäre als historischem Untersuchungsobjekt auf. Der an diesem Vormittag mehrfach zitierte Film war die massentaugliche Adaption dieser zwischen Utopie und Katastrophe changierenden Erzählung. In besagter Zeitspanne lässt sich eine enorme Beschleunigung der Aushandlungsprozesse über die Reichtümer des Meeres und die Neuverhandlungen maritimer Räume in geostrategischer, ökologischer, globalwirtschaftlicher aber auch kultureller Hinsicht beobachten. Die Sektion war gleichzeitig ein deutlicher Hinweis darauf, dass die terrestrische Fokussierung der Zunft langsam aufbricht: In den letzten Jahren gewinnt das Meer als globaler Raum, der gerade eine Renaissance als umkämpftes Terrain der Rohstoffausbeutung erlebt[1], an historischer Aufmerksamkeit.

Die Sektion begann recht außergewöhnlich mit einer Art Medley der einzelnen Referate, in denen die Referentinnen und Referenten kurz, knapp und treffend bebildert die naturalen Mitspieler und Gegebenheiten wie Plankton, Meeresboden, Makrelen, Krill und Felsen vorstellten und das Publikum auf das inhaltliche Zusammenspiel der Beiträge einstimmten. In dieser Eingangssequenz zeichnete sich schon das stringente Konzept hinsichtlich der Nutzbarmachung und Erschließung der Weltmeere ab – die Referentinnen und Referenten hatten mit einem gemeinsamen Fragenkatalog gearbeitet.

ARIANNE TANNERs (Zürich) Referat beleuchtete die Entdeckung des Planktons als epistemisches Objekt und wirtschaftliche Größe. Das Plankton als Gesamtmenge winzig kleiner Organismen wurde in den biologischen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts zum Untersuchungsgegenstand, der über den Ursprung des Lebens, natürliche Selektion und den „Stoffwechsel der Meere“ Auskunft geben sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als angesichts einer rasch wachsenden Weltbevölkerung Fragen nach globaler Nahrungssicherheit auf die politische Agenda kamen, erschien das Plankton als „photosynthetische Wundermaschine“. Besonders amerikanische Forscher entdeckten in der ozeanischen Bioproduktion ein neues Forschungsfeld: Es wurde davon ausgegangen, dass eine bestimmte Art des Phytoplanktons, die Alge Chlorella, aufgrund ihres hohen Eiweißgehaltes eine adäquate Antwort auf den weltweit diagnostizierten Proteinmangel geben könnte. Unter der technokratischen Maßgabe, die „thermodynamische Maschine Mensch“ mit passgenauer Energie aus dem Labor versorgen zu können, wurden große Versuchsanordnungen für die Züchtung dieser Alge vorangetrieben. Allerdings hielt die technikoptimistische Utopie der Nahrungsmittelingenieure der Realität nicht stand. Ende der 1960er-Jahre war klar, dass die Züchtung unverhältnismäßig energieaufwändig war. Sojabohne und leistungsstarke Hybridgetreidesorte lieferten eine wesentlich kostengünstigere Alternative – und schienen zudem wesentlich besser zu den Geschmacksgewohnheiten der menschlichen Spezies zu passen als Algenmehl. In den 1970er-Jahren wurden gezüchtete Algen vor allem als Tierfutter, als Basisprodukt für die Pharmazie und vor dem Hintergrund der Ölkrise vor allem als potentieller Treibstoff projektiert – eine Diskussion, die auch in die aktuelle Diskussion über das konfliktträchtige Verhältnis von Nahrungs- zu Treibstoffproduktion eingeschrieben ist.

SVEN MESINOVIC (Florenz) beschäftigte sich mit der Territorialisierung des Meeresbodens und der damit einhergehenden rohstoffbezogenen Meeresforschung der BRD. 1964 proklamierte die Bundesrepublik Ansprüche auf die bis dato „staatenlosen“ Kontinentalschelfe vor ihrer Küste. Diese nationalen Aneignungsinitiativen gingen einher mit einem global rasch ansteigenden Interesse an einer zukünftigen Nutzung der bisher ungenutzten Meeresrohstoffe, die sich auch in den UN-Verhandlungen zur Reformierung der Seerechtskonvention widerspiegelte. Mesinovic illustrierte, wie eng maritime Wissenschaftsförderung mit nationalen Wirtschaftsinteressen in der Bundesrepublik, die sich als sogenannter Kurzküstenstaat vielen Entwicklungsländern gegenüber diskriminiert sah, Hand in Hand gingen. Am Beispiel der Einrichtung von Forschungseinrichtungen und dem sprunghaften Anstieg von Fördermitteln (wurden 1969 noch 45 Millionen DM für rohstoffbezogene Meeresforschung ausgegeben, waren es 1971 bereits 75 Millionen DM) wurde deutlich, wie sich nationale Interessen – nicht zuletzt durch den omnipräsenten Diskurs über das globale Bevölkerungswachstum – in der Meereskunde Bahn brachen. Mesinovic beleuchtete damit die Vorgeschichte der zur Zeit heiß geführten Debatte über das Abstecken von Claims zum Beispiel zur Ausbeutung von Erzen und Manganknollen auf dem internationalen Meeresboden.

Mit den Vieldeutigkeiten des Meeres als Projektionsfläche für politische Interessen und konkreter Ausbeutung setzte sich auch FRANZISKA TORMAs (München/Boston) Beitrag über das Engagement deutscher Fischereiexperten am von ihnen als besonders fischreich ausgemachten Golf von Thailand, auseinander. Hier ging es keineswegs nur um die Unterstützung beim Ausbau der Fischfangindustrie, um die die thailändische Regierung in Deutschland angefragt hatte, sondern auch um den Transfer von westlicher Wachstumsideologie in einer Zeit, in der die Grenzen eben solchen Wachstums längst ihre Schatten voraus warfen. Darüber hinaus war diese Entwicklungspolitik ein zentraler Bestandteil der westlichen Diplomatie in Zeiten des Kalten Krieges: Hunger zu stillen schien ein wichtiges Bollwerk gegen etwaige kommunistische Annäherungsversuche. Die Auswirkungen der deutschen, auf die Ausbeutung natürlicher Ressourcen fixierten Entwicklungspolitik zeigten sich in kurzer Zeit. Thailändische Werften bauten Trawler nach deutscher Anleitung, die traditionellen Fangtechniken für die lokalen Märkte wurden rasch auf Schleppnetzfischerei und die Binnen- auf Weltproduktion umgestellt. Das mit dieser Modernisierung einhergehende Versprechen einer endlos wachsenden Wirtschaft wurde bald konterkariert. In Thailand konnten die deutschen Fischereiexperten das Erreichen der ökologischen Grenzen „in Echtzeit erleben“ oder wie es in einer bundesdeutschen Quelle hieß: „Auch mit den besten Plänen und Netzen können wir hier keine Fische mehr fangen, es sind einfach keine mehr da.“ Während die westdeutschen Experten in der von ihnen (mit-)verursachten Überfischung schließlich den Beweis sahen, dass die „Grenzen des Wachstums“ bereits weit überschritten seien, hielt man auf thailändischer Seite an den mitgelieferten Fortschrittsideologien fest. An dem konkreten Beispiel zeigt sich, wie Fisch gleichermaßen als lebende Ressource als auch als symbolisches Kapital genutzt wurde. Beides erwies sich als endlich.

CHRISTIAN KEHRT (Hamburg) folgte den Spuren des Krill und identifizierte den eiweißhaltigen Kleinkrebs als Schlüsselobjekt, das Akteure aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft interessierte und zunehmend miteinander in Verbindung setzte. Auch der Krill weckte als potentielle Proteinquelle neue Begehrlichkeiten, zumal die Hauptkonsumenten – die Wale der antarktischen Welt – längst massiv dezimiert waren. Anfang der 1970er-Jahre, als sich die Verhandlungen um das Internationale Seerecht und die Debatten um die Überfischung der Meere beschleunigten, sah die bundesdeutsche Fischereiforschung eine gute Gelegenheit, ihre politische Relevanz zu beweisen. Einer der Hauptprotagonisten, der Meeresbiologe Gotthilf Hempel, war zunächst an der Entwicklung einer ressourcenschonenden Krillfischerei interessiert. In dieser heißen Phase der biologischen Kartierung der Welt war die BRD an zahlreichen auch internationalen Forschungsprojekten in der Antarktis beteiligt. Ähnlich wie in Mesinovics Beitrag tritt die enge Verwobenheit zwischen Wissenschaft, Diplomatie und Tagespolitik deutlich hervor, wenn gezielt auf die Bedeutung von ökosystemarer Forschung für die längerfristige Erschließung und Zugriffsmöglichkeiten auf marine Ressourcen in der Antarktis verwiesen und damit die Bereitstellung von Finanzmitteln eingefordert wurde. Denn die Beteiligung am antarktischen Vertragswerk erforderte eine permanente Präsenz am anderen Ende der Welt. Die Ende der 1970er-Jahre mit von Hempel angestoßene Gründung des Alfred Wegener Instituts und der Beitritt zum Antarktisvertrag schlossen diesen Institutionalisierungsschub der bundesdeutschen Polarforschung ab.

In ihrem Kommentar leitete SABINE HÖHLER (Stockholm) aus den Beiträgen die Neuentdeckung des Meeres als „Lebensraum“ im sogenannten „Ökologischen Zeitalter“ der 1970er-Jahre ab. Nicht nur verwoben sich zu diesem Zeitpunkt verstärkt biologische mit politischen Fragen. Das Meer rückte auch näher an den Menschen heran – unter anderem als Endabnehmer von Plankton und Krill. Der Technikoptimismus erschloss das Meer als sich selbst reproduzierende Rohstoffquelle: Eine Vision, die auch als Reaktion auf die als dramatisch erlebte Begrenzung der terrestrischen, der „irdischen“ Welt zu verstehen ist. Höhler sezierte aus den Beiträgen vier kennzeichnende Punkte – Metabolismus, Gemeinschaft, Substitution und Restlosigkeit –, die ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt kennzeichneten. Am Ende setzte Höhler sich noch einmal mit der Vision des eingangs erwähnten Films Soylent Green auseinander, der die apokalyptischen Ängste der 1970er-Jahre mit zeitgenössischen technikorientierten Forschungen verband und visualisierte. Die Hollywoodproduktion hatte allerdings die dräuende Endlichkeit der Meere und die Grenzen dieses maritimen Wachstums vorweg genommen und in eine Horrorvision eingebettet.

Die Sektion bot einen dichten, spannenden und sehr unterhaltsamen Aufriss einer neuen Meeresgeschichte, der die See als einen historischen Raum besonderer Art präsentiert. Dieser wurde hier nicht nur als Abbaugebiet für mobile und immobile Rohstoffe oder als politischer Schauplatz im Kalten Krieg sondern auch als utopischer Ort gelesen, der eine eigene Historizität aufweist. Darüber hinaus führte die Sektion das Publikum ins Hier und Jetzt: Angesichts der prägnanten, teilweise allerdings auch sehr bizarren technischen Visionen, die in allen Texten aufschienen, lag die Parallelität zu heutigen Angstreflexen und technischen Bewältigungsstrategien aktueller „Krisen“ sehr nah. Die Beiträge zollten nicht nur den Meeresbewohnern Tribut, sondern bewiesen auch, wie reichhaltig und zielführend konkrete Fallbeispiele sind, wenn es darum geht, die Abstraktheit globaler Prozesse fassbar zu machen und ihre Bedeutung vor Ort zu verstehen. Man kann sich nur wünschen, dass die Beiträge gemeinsam publiziert werden, um das neue bewegte Bild des Meeres zugänglich zu machen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Christian Kehrt (Hamburg) / Franziska Torma (München)

Moderation: Christof Mauch (München)

Ariane Tanner (Zürich): Nahrung für Milliarden Menschen, aber von Auge nicht zu sehen: Plankton als epistemisches Objekt und ökonomischer Faktor

Sven Mesinovic (Florenz): Meeresbodenschätze: globale Güter und territoriale Ansprüche in der BRD 1960-1970

Franziska Torma (München): Lebende Ressourcen und symbolisches Kapital: Westdeutsche Fischereiexperten am Golf von Thailand (1959-1974)

Christian Kehrt (Hamburg): "Dem Krill auf der Spur". Ressourcenfragen als Leitmotiv für die Institutionalisierung der deutschen Polarforschung in den 1970er Jahren

Sabine Höhler (Stockholm): Kommentar

Anmerkung:
[1] Vgl. beispielsweise Sarah Zierul, Der Kampf um die Tiefsee. Wettlauf um die Rohstoffe der Erde, Hamburg 2010.

ZitierweiseTagungsbericht HT 2012: Lebensraum Meer. Umwelt- und entwicklungspolitische Ressourcenfragen in den 1960er und 1970er Jahren. 25.09.2012–28.09.2012, Mainz, in: H-Soz-Kult, 13.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4492>.

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