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Neue Forschungen zum Zweiten Weltkrieg

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Militärgeschichtliches Forschungsamt Potsdam
Datum, Ort:10.05.2012–11.05.2012, Potsdam

Bericht von:
Heiner Möllers, Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam
E-Mail: <HeinerMoellersbundeswehr.org>

Wie wenig der 2. Weltkrieg als „ausgeforscht“ betrachtet werden kann, zeigen einmal mehr innovative Ansätze junger Historikerinnen und Historiker bei einem Workshop im Mai 2012 in Potsdam. Sie untermauern, dass es nicht allein facettenreiche Interpretationen zu längst erforschten sowie vielfältigste, bislang kaum zur Kenntnis genommene Themen gibt. Sie lassen die Geschichte des letzten Großen Krieges immer wieder in anderem Licht erscheinen. Der von John Zimmermann im MGFA veranstaltete Workshop vereinte dazu 13 neue Forschungsvorhaben, die teils abgeschlossene oder noch laufende Qualifikationsarbeiten sind. Zielsetzung war es nicht nur neue Themen, sondern vor allem neue Namen zu präsentieren und neue Netzwerke anzuregen.

Zu Beginn der ersten Sektion, „Adaption und Rezeption“ präsentierte OLLI KLEEMOLA (Turku/Finnland) seinen „zwischenstaatlichen Vergleich“ deutscher und finnischer Bildpropaganda. Seine Kernfragen, worin sich die offiziellen und die inoffiziellen Fotographien deutscher und finnischer Soldaten unterscheiden, orientieren sich auch an Darstellungsformen toter gegnerischer Soldaten und vor allem Soldatinnen und der Art, wie der gemeinsame Gegner, der Sowjetsoldat, medial instrumentalisiert wurde. Dabei kann er auf 150.000 offizielle Fotos sowie Tausende Bilder von „Knipsern“ zurückgreifen, von soldatischen Gelegenheitsfotografen. Ob es eine Radikalisierung der Bildsprache gerade bei den inoffiziellen Fotografen gegeben hat, ob die Soldaten die offizielle Propaganda annahmen und in ihrer „Bildauswahl“ deren Ikonographie übernahmen, wird eine der spannenden Antworten des Dissertationsprojektes sein.

DANNY SCHÄFER (Dresden) untersucht den „Zweiten Weltkrieg als Objekt zeitgeschichtlicher Fernsehdokumentationen in den USA, Großbritannien und Deutschland“ und anhand teilweise sehr umfangreicher Serien, die bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren liefen. Der selbst heute nicht abreißende Trend zur Kombination von originalem, ergo staatlichem Filmmaterial, und Off-Sprechern suggeriert dabei dem Zuschauer einen seriösen bisweilen gar offiziellen Charakter. Unvermindert hohe Einschaltquoten und nicht enden wollendes Filmmaterial sorgen für ein nicht abreißendes Angebot, das oftmals jedoch infolge der durchgängigen Kommentare aus dem Off sowie der musikalischen Untermalung auch belehrenden Volkshochschulcharakter hat: Drei der vorgestellten Beispiele aus den 1960er-Jahren, „Victory at Sea“ (USA), „Crusade in Europe“ (UK) sowie „Der SS-Staat“ (BRD), reflektieren das wissenschaftliche Geschichtsverständnis ihrer Zeit, fokussieren sich auf ein Generalthema und präsentieren sich aus der Sicht der jeweils produzierenden Fernsehanstalt (und damit der betreffenden Nation). Schäfer resümierte, dass sich ältere Formate deutlich vom heutigen, oftmals trivialisierenden Stil à la Guido Knopp abhoben, bei dem „Geschichte auf Geschichtchen reduziert“ wird. Waren es in den 1960er-Jahre noch „nüchterne Erklärversuche“, so entscheidet heute allein die Quote über Inhalt und Machart.

Etwas außerhalb der Sektion regte JÖRG HILLMANN (Brüssel) eine übergreifende Darstellung des langen Prozesses der deutschen Kapitulation preis, der sich von Stalingrad im Januar 1943 bis zum August 1945 hinzog, als auf Spitzbergen die letzte Wetterstation der Kriegsmarine aufgab. Einem Überangebot an Detailstudien steht ein Mangel an zusammenfassenden oder vergleichenden Untersuchungen gegenüber, wie sich das Kriegsende in verschiedenen Regionen, für unterschiedliche Personenkreise und Gruppen oder für Opfer und Täter der NS-Herrschaft vollzog.

KERSTIN THEIS (Köln), eröffnete die zweite Sektion, „Justiz und Gefangenwesen“ mit einer Vorstellungen ihres Promotionsprojektes „Wehrmachtjustiz im Ersatzheer an der Heimatfront“, das erstmals die Arbeit eines Wehrmachtsgerichtes im Rahmen einer Mixed-Methods-Studie untersucht. Dabei sollen sowohl qualitative als auch quantitative Instrumente zur Tätigkeit eines Gerichts genutzt werden, um die besondere Stellung des Ersatzheeres als bislang noch große Unbekannte in der Forschung zu identifizieren und die Quellen der Justizakten für Fragestellungen jenseits der Rechtspraxis des „Dritten Reiches“ zu nutzen. Rund 14.000 Strafsachen ermöglichen es, die Rolle des Gerichtes im NS-Unrechtsstates zu identifizieren und seine Bedeutung für die „Disziplin in der Truppe“ zu allen Zeiten des Krieges zu beleuchten. Dem Gericht kam dabei die Bedeutung zu, das „Ansehen der Wehrmacht“ trotz enger Bezüge zur Bevölkerung, wenn die Truppe nicht an der Front stand, zu sichern. Es wird spannend zu erfahren sein, inwieweit die Wehrmachtsgerichte – oder wenigstens dieses – ‚unabhängig‘ waren oder entlang der ideologisch unterhöhlten NS-Unrechtssprechung agierte(n).

Dass die Wehrmacht – oftmals auch in enger Kooperation mit der SS – mit entflohenen Kriegsfangenen jenseits international üblicher Rechtsnormen agierte, stellte CHRISTIAN KRETSCHMAR (Freiburg) dar. Die Überstellung wiederergriffener Kriegsgefangener – ca. 250.000 gelang im Krieg die Flucht aus der Gefangenschaft im Reich – nach der versuchten Flucht an die Gestapo erfolgte dabei erst in der zweiten Kriegshälfte, nachdem einige umfangreichere Fluchtversuche erfolgt waren. Damit einher ging eine drastische Strafverschärfung, die vor allem mit der scheinbar grundsätzlichen Überstellung der POW’s in ein KZ und nicht selten mit Erschießungen gerade im KZ Mauthausen verknüpft war. Für Kretzschmar ist gerade der von ihm untersuchte „Kugelbefehl“ von Interesse, weil er die Kooperation der Wehrmacht mit der SS einer völkerrechtswidrigen Rechtsnormierung unterwarf. Dass dieses erst 1944 erfolgte, erstaunt, gleichwohl wurde damit die bisherige Praxis auf eine (Un-)Rechtsbasis im nationalsozialistischen Unrechtsstaat gestellt. Kretzschmar will mit seiner Studie die Verstrickung der Wehrmachtführung in diese Verbrechen sowie ihre Kooperation mit der SS und die damit verbundenen Verstöße gegen das Kriegsvölkerrecht untersuchen.

Beinah eine „Idylle“ des Krieges präsentierte JUDITH KESTLER (Würzburg), die sich mit der „Internierung von Seeleuten der deutschen Handelsmarine in Kanada“ befasst. In den Häfen der Kriegsgegner wurden rund 4.000 deutsche Seeleute in Gewahrsam genommen. Vermutlich weil sie keinerlei existentielle Sorgen, wie andere deutsche Kriegsgefangene in anderen Staaten, besaßen und natürlich nicht mit KZ-Häftlingen zu vergleichen waren, sind sie als Forschungsgegenstand der europäischen Ethnologie kaum erfasst. Offensichtlich waren sie – „ohne Arbeit, ohne Schiff, in einem fremden Land“ – bislang eine zu spezielle Randgruppe und sie unterlagen im bibliographischen Wettstreit den Publikationen der Ost-Gefangenen. Mit dezidiert volkskundlich/kulturanthropologischer Perspektive jenseits der Schifffahrtsgeschichte steht eine Untersuchung der spezifischen Erfahrungen der Seeleute in der Ferne im Mittelpunkt. Was bedeutete Internierung für sie, wie haben sie sich im fremden Land unter Bewachung verhalten, wie wirkten Netzwerke über internationale Hilfsorganisationen und caritative Vereine (z.B. YMCA) – Gärtnern in Kanada schien dabei ein Stück Heimat in der Ferne zu gewährleisten, zu dem das Saatgut aus der Heimat kam.

In der Sektion „Wirtschaft“ zeichnete OLIVER WERNER (Jena) das Bild einer dezentralen Rüstungswirtschaft, die mit dem oberflächlichen Bild des mächtigen Reichsrüstungsministers Albert Speer wenig gemein hat und doch „Garant der Mobilisierung“ war. Insgesamt war das polykratische Chaos 1943 längst bis in eine weit verzweigte Rüstungsindustrie durchgeschlagen und hatte zu Effizienzverlusten geführt. Konkurrierende militärische, Partei- und Verwaltungsstellen sorgten sich um ihre Hoheiten, wohingegen Speer die regionalen Stellen – Unternehmen und Parteiorganisationen – über Rüstungskommissionen nach und nach in seinen Einflussbereich einbeziehen und seinen Führungsanspruch durchsetzen konnte. Dabei bleib auch Platz für Initiativen einzelner Akteure, und sei es nur zur Unterbringung der Arbeitskräfte nach dem Großangriff auf Hamburg im Juli 1943. Die regionalen Rüstungskommissionen konnten in dieser „fragmentierten Kriegswirtschaft“ nach und nach als Koordinatoren im Sinne Speers auch gegen Parteistellen im totalen Krieg auftreten. Sie entsprachen vielmehr den Erfordernissen der Kriegswirtschaft und funktionierten auch dann noch, als die totale Niederlage schon nicht mehr zu übersehen war. Ob sie hingegen auch für den Nachkrieg und dem Umstieg auf die zivile Produktion „plante“ und dazu Ressourcen rettete, die Hitler zerstört wissen wollte, will Werner im Zuge seiner Dissertation untersuchen.

MARTIN BEMMANN (Freiburg) widmete sich dem Naturprodukt Holz, das in der Wirtschaftspolitik des „Dritten Reiches“ eine fraglos exponierte Position innehatte. Hermann Göring posaunte als Reichsfortmeister 1934 hinaus, man müsse „so viel wie möglich aus dem deutschen Wald heraus[zu]holen“ und (vielleicht) motiviert durch dieses Ausspruch veröffentlichte der in die USA emigrierte jüdische Belgier Egon Glesinger 1942 den vermeintlichen Masterplan der Deutschen, den Weltwald als Rohstoff der Zukunft unter Kontrolle zu bringen – das wäre auch heute unvorstellbar. Fraglos haben deutsche Stellen in allen besetzten Gebieten den Rohstoff Holz ausgebeutet und bereits vor dem Zweiten Weltkrieg durch wirtschaftliche Verflechtungen versucht, Einfluss auf den internationalen Holzhandel zu gewinnen. Die Marktmechanismen des Handels mit deutschem Holz wurden teilweise durch das Reichsforstamt behindert, was zu künstlicher Verknappung, Preiskampf und letztlich internationalen Abstimmungen und 1942 zu einer – durch neutrale Staaten – erweiterte deutsche Kommission führte, die freilich keinen Einfluss mehr über das besetzte Gebiet hinaus ausüben konnte. Ob mit den „außenwirtschaftlichen Bestrebungen der Nationalsozialisten im Holzbereich“ wirklich ein erster Schritt zu einem kontrollierten Großraumwirtschaftsraum gewesen sein sollen, bleibt offen. Bemmann präsentierte Fragen, denen er im Rahmen seiner Dissertation nachgehen will.

In der Sektion „Wehrmacht“ näherte sich MARCUS SIGG (Zürich) dem „Moltke im Taschenformat“ – ein Ausschnitt aus seiner Dissertation – an und sezierte die Umsetzung der weltweit gerühmten Auftragstaktik, die lange als das Erfolgsrezept deutscher Militärs galt. Obwohl es keinerlei Dienstvorschriften gab, in der sie definiert worden war, beriefen sich zahlreiche Soldaten bis hin zu Erich von Manstein nach dem Krieg auf diese Führungsphilosophie, nicht ohne sie zu verklären. Sigg weist anhand dreier exemplarischer Beispiele, Divisionskommandeure der Wehrmacht an der Ostfront nach, dass es die Auftragstaktik als normativ gesetztes Führungsleitbild nicht gab. Vielmehr extrahiert er anhand einschlägiger Wehrmachtvorschriften unter Auftragstaktik sieben Hauptelemente deutschen Führungsdenkens: „Entschlossenheit, Offensivdenken, Selbständigkeit, Gehorsam, Einheitlichkeit, Urteilsvermögen und der Führungsvorgang“. Selbst unter Hinzuziehung von Clausewitz kam dabei der Entschlossenheit – variiert mit Kühnheit, Wagemut, Initiative – herausragende Bedeutung zu. Dennoch könne die Auftragstaktik nicht an einem Element festgemacht werden und ebenso wenig mit Selbständigkeit übersetzt werden. Die von Sigg untersuchten Fälle belegen, dass allein die Selbständigkeit des Handelns auf unteren Ebenen durch die „Fürsorge der weiterblickenden Vorgesetzten“ gehemmt wurde. Auftragstaktik erscheint damit vielmehr als ein Kontrollsystem, das durch den jeweiligen Vorgesetzten solange angewandt werden konnte, wie man noch kampffähig war. Von einem „Kult der Selbständigkeit“ könne mitnichten die Rede sein.

RANDALL HANSEN (Toronto) untersucht den militärischen Widerstand der Wehrmacht an der Westfront nach dem 20. Juli 1944. Dabei fiel auf, dass das damit verbundene Handeln nach dem teils panikartigen Rückzug der Wehrmacht aus Frankreich und der dabei in Kauf genommenen militärischen Orientierungslosigkeit den alliierten Vormarsch förderte. Allein der Rückzug der Heeresgruppe G aus Südfrankreich – unter Zurücklassung zweier Divisionen zur Zerstörung dortiger Hafenanlagen – konnte nicht verhindern, dass 60 Prozent des alliierten Nachschubes ab September 1944 eben über diese Häfen angelandet wurden. Ob dort oder in Paris das Verhalten der militärischen Befehlshaber als Widerstand gewertet werden kann, ist fraglich. Hansens Theorie unterteilt den Widerstand in drei Formen: die Aufgabe isolierter Positionen, den Rückzug als Umsetzung ‚verbrannter Erde‘ und den Rückzug als Vorbereitung der Verteidigung des Reiches. Die Folgen dieser Aktionen liegen für Hansen auf der Hand: es kam zu einem schnelleren Kriegsende, die deutsche und ausländische Infrastruktur wurde für die Nachkriegszeit geschont, eine deutsch-französische Annäherung nach dem Krieg wurde damit gefördert und es soll einen Link zum 20. Juli geben.

Als „neuen Quellenbestand“ sieht PETER STEINKAMP (Ulm) rund 218.000 (!) „Obduktionsberichte der Wehrmacht“, die im Bundesarchiv-Militärarchiv unbearbeitet lagern. Neben prozeduralen Hinweisen zur Anlage von pathologischen Berichten, die gerade bei Suizidenten aus Gründen der Ursachenerforschung angelegt wurden, blieb besonders der Bericht eines standrechtlich Erschossenen in Erinnerung. Von zehn Kugel getroffen, zertrümmerten allein fünf das Herz, die Todesursache war naheliegend – wieso so viel medizinischer Aufwand? Die pathologischen Berichte könnten, meint Steinkamp, allein bei Selbstmördern der Wehrmacht soziale Motive und psychiatrische Einblicke in das Leben der Soldaten offenlegen, die so nirgendwo zu finden sind. Dieses böte einen bislang unbekannten Einblick in die Wirklichkeit des Krieges.

Die Sektion Perspektiven auf das „Andere“ oder „Fremde“ war die einzige, die eine kleine Schieflage vermittelte. Der höchst unterhaltsame, aber sozialgeschichtlich innovative Vortrag von MARION WITTFELD (Wien) beleuchtete die Rolle von Frauenzeitungen im Dritten Reich anhand der Zeitschrift „Mode und Heim“. Diese bot den Leserinnen etwa ab Kriegsbeginn praktische Hilfe für die durch den Krieg zunehmend männerlose Gesellschaft – Eheanbahnung und Verhaltensregeln für den Heimaturlaub des Liebsten inklusive –; zuvor waren Schnittbögen eine wichtige Beilage. Durch diese Themenverschiebung werde deutlich, so Wittfeld, dass die Zeitschrift das nationalsozialistische Rollenklischee – die Frau als dem Mann untergeordnet – nachkomme und in erster Linie dazu diente, durch den Umweg der gedruckten Beiträge die Stimmung an der Front zu heben. Dazu dienten auch Tipps für das Feldpostpäckchen zu Weihnachten. Die Heimatfront fungierte so als Stütze der Front und selbst wenn es keine Feindpropaganda in diesem Blatt gab, war doch zu offenkundig, dass die einzige Aufgabe dieses Mediums die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls zwischen Front und Heimat zur Erlangung des „Endsieges“ war. Kurioserweise konterkarierte die Zeitschrift gleichzeitig das Bild des „stahlharten“ Weltanschauungskriegers, weil sie diesen als beim Heimaturlaub sensiblen, empfindsamen und ruhebedürftigen Mensch zeichnete, auf den die Frau viel Rücksicht zu nehmen habe. Kontrastreicher konnte der Blick zu den Wochenschauen und deren Bild der Weltanschauungskrieger nicht sein.

STEFAN PELKES (Berlin) gab zu solchen Verbänden der Waffen-SS und der Wehrmacht, die vorwiegend aus muslimischen Soldaten bestanden, einen umfassenden Überblick über die Vielzahl solcher Truppenteile. Es ist erstaunlich, wie weitreichend sowohl die Wehrmacht als auch die Waffen-SS scheinbar ungehemmt diese eher antijüdisch eingestellten Volksgruppen in ihre Reihen zu integrieren versuchte. Leider bot der Vortrag einen vorwiegend organisationsgeschichtlichen Zugang, der die Motive deutscher Stellen, solche Truppen zu formieren, wenig berücksichtigte.

Im Gegensatz dazu bot FRANZISKA ZAUGG (Bern) einen analytisch überzeugenden Zugang zur Rekrutierung albanischer Muslime für die 21. Waffen-SS-Gebirgsdivision Skanderbeg. Dabei betrachtete die SS solche Kämpfer anfangs als ethnisch wertvolles Menschenmaterial, dass für den Kampf besonders geeignet sei und gerade deswegen von ihr besonders intensiv beworben und rekrutiert wurde. Erstaunlicherweise mussten dabei unfundierte Pauschalurteile ebenso wie unwissenschaftliche, literarische Vorlagen – selbst von Karl May – dazu herhalten, die Bedeutung dieser „Rasse“ zu betonen. Die albanischen Angehörigen der SS-Division bewährten sich solange, bis ihre Heimat zum Kampfgebiet wurde. Ihre Bereitwilligkeit, im Sinne der SS zu agieren, schlug in Massendesertionen um. Ein Wandel des Albanerbildes in der SS war die (zwangsläufige) Folge: Aus den anfangs rassisch wertvollen Kämpfern wurden grundsätzlich disziplinlose, minderwertige Menschen.

Der Workshop bot, wie ROLF-DIETER MÜLLER (Potsdam) unterstrich, einen bunten Strauß von vielschichtigen Forschungen, der deswegen nur mühsam zur Homogenität zusammengebunden werden kann – die Unterschiedlichkeit, die neuen und exotischen Themen und Forschungsansätze und -ergebnisse sprechen gleichwohl vollkommen für sich. Die Weltkrieg-II-Forschung bietet weiterhin zahlreiche Nischen und Lücken, die vielfältige Anknüpfungspunkte zu bisherigen Forschungstrends und zur Erweiterung bisheriger Standardwerke anbieten. Nunmehr müssen sie als ‚Tiefenbohrung‘ mit diesen und anderen Themen und Disziplinen verbunden werden. Insgesamt böte sich ein beeindruckender Blick über den interdisziplinären Tellerrand, der spannende Netzwerke anbietet. Angesichts der thematischen Bandbreite des Workshops ist die Frage nach dem Nutzen der einzelnen Untersuchungen unnötig, sie stehen für sich und zeigen, dass der 2. Weltkrieg noch lange nicht ausgeforscht ist.

Konferenzübersicht:

John Zimmermann/MGFA, Einführung/Organisatorisches

Sektion 1: Adaption und Rezeption
Leitung: Loretana de Libero (MGFA)

Olli Kleemola (Universität Turku): Die Bilder und die Fotografen des Krieges – ein interdisziplinärer Vergleich finnischer und deutscher Kriegspropagandafotos zwischen 1941 und 1944

Danny Schäfer (TU Dresden), Der Zweite Weltkrieg als Thema zeitgeschichtlicher Fernsehdokumentationen in den USA, Großbritannien und Deutschland

Jörg Hillmann (DMV Brüssel), Die Kriegsmarine und ihre Kriegsenden 1945

Sektion 2: Justiz und Gefangenenwesen
Leitung: Markus Pöhlmann (MGFA)

Kerstin Theis (LMU München), Die Wehrmachtjustiz im Ersatzheer an der »Heimatfront«

Christian Kretschmer (Universität Freiburg), »Geflohen und nicht wiederergriffen«. Wehrmacht, Kriegsgefangene und die »Aktion Kugel«

Judith Kestler (Universität Würzburg), Die Internierung von Seeleuten der deutschen Handelsmarine während des Zweiten Weltkrieges

Sektion 3: Wirtschaft
Leitung: Thomas Vogel (MGFA)

Oliver Werner (Universität Jena), Garanten der Mobilisierung. Die Regional- und Brancheninstanzen des Rüstungsministeriums unter Albert Speer 1942 bis 1945

Martin Bemmann (Universität Freiburg), »Hitlers Raw Material«? Die europäische Holzwirtschaft und die nationalsozialistische ›Neue Ordnung‹

Sektion 4: Wehrmacht
Leitung: John Zimmermann (MGFA)

Randall Hansen(University of Toronto), Disobeying Hitler: German Resistance after July 20, 1944

Marco Sigg (MilAk/ETH Zürich), »Der Unterführer als Moltke im Taschenformat«. – Auftragstaktik im deutschen Heer 1935 bis 1945

Peter Steinkamp (Universität Ulm), Ein »neuer« Quellenbestand: Obduktionsberichte über Angehörige der Wehrmacht

Sektion 5: Perspektiven auf das »Andere« oder »Fremde«
Leitung: Nicole Kramer (ZZF Potsdam)

Marion Wittfeld (Universität Wien), »Front und Heimat ein festes Band«. Zur Unterstützung der Soldaten in Frauenzeitschriften im Zweiten Weltkrieg

Stefan Petke (TU Berlin), »Muslime« in Wehrmacht und Waffen-SS. Fantasieprojekt deutscher Instanzen oder erfolgreiche Allianz?

Franziska Zaugg (Universität Bern), Rekrutierung albanischer Muslime in die Waffen-SS: Die 21. Waffen-Gebirgs-Division ›Skanderbeg‹

Rolf-Dieter Müller (MGFA), Zusammenfassung der Ergebnisse

ZitierweiseTagungsbericht Neue Forschungen zum Zweiten Weltkrieg. 10.05.2012–11.05.2012, Potsdam, in: H-Soz-Kult, 26.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4484>.

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