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HT 2012: Copy & Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Geschichte als ein Erinnerungsproblem

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum, Ort:25.09.2012-28.09.2012, Mainz

Bericht von:
Sabine Reichert, Arbeitsbereich Mittlere und Neuere Geschichte und Vergleichende Landesgeschichte, Historisches Seminar, Universität Mainz
E-Mail: <s.reichertuni-mainz.de>

Das Thema des diesjährigen Historikertages nutzten Gerald Schwedler (Universität Zürich) und Kai-Michael Sprenger (DHI Rom), um einer besondere Form von Ressourcen-Konflikten auf den Grund zu gehen. Unter der Überschrift „Copy & Waste“ stellten sie die „Selektive Rezeption mittelalterlicher Geschichte als ein Erinnerungsproblem“ dar. Die Frage nach der Kontextualisierung des Mittelalters, seine Deutung und Umdeutung sowie seine politische Inanspruchnahme haben mittlerweile eine komplexe Forschungslandschaft hervorgebracht. Die Frage wie und was erinnert wird und die Standortgebundenheit der jeweiligen Rezipienten gilt es dabei immer wieder erneut zu kontextualisieren und nach den Hintergründen selektiver Erinnerungsprozesse zu fragen. Hervorgegangen war die mit circa 130 Zuhörern außerordentlich gut besuchte Sektion aus den Arbeiten des an der Universität Zürich angesiedelten Arbeitskreises „damnatio memoriae“ (http://www. damnatio-memoriae.net.) sowie einem laufenden Forschungsprojekt am DHI Rom zur Stauferrezeption.

Den Auftakt machte MISCHA MEIER (Tübingen) mit dem Vortrag „Kaiser Phokas (602–610) als Erinnerungsproblem“. Die Phokas-Säule auf dem Forum Romanum zeugt bis heute von der Herrschaft dieses Kaisers, sein Name allerdings ist mit dem Bild des blutrünstigen Tyrannen fest verbunden. Dass dieses Bild in seinen Ursprüngen bis auf Phokas Nachfolger auf dem kaiserlichen Thron, Herakleios, zurückgeht, hat die geschichtswissenschaftliche Forschung nicht davon abgehalten, die Herrschaft des Phokas bis heute kritisch klischeehaft zu bewerten. Erst in jüngerer Zeit zeigt sich der Versuch, den Kaiser und seine Amtszeit differenzierter zu betrachten. Im Mittelpunkt des Vortrages stand aber nicht die Herrschaft Phokas selbst, sondern sein unter Herakleios massiv ins Negative inszenierte Bild. Der Nachfolger des Phokas verfolgte weniger eine Tilgung, sondern eine komplette Umformung der Erinnerung an den Kaiser. Doch warum wurde die Figur des Phokas so stark verändert und wie sah die Strategie des Herakleios dabei aus? Was machte Phokas überhaupt zu einem „Erinnerungsproblem“? Dies waren die Fragen, die Meier in den Mittelpunkt seines Vortrages rückte. Als zentralen Punkt stellte er dabei die vielen Parallelen zwischen Phokas und Herakleios heraus: beide waren Usurpatoren und hatten – begleitet von Blutbädern – die Macht übernommen. Ihr persönlicher Aufstieg bedeutete territoriale Verluste für das Imperium und erforderte besondere Formen der Herrschaftslegitimierung und -inszenierung. Allerdings war bereits die Usurpation des Phokas von den zeitgenössischen Historiographen als Umstoß der heilsgeschichtlichen Ordnung gedeutet worden, dadurch erhielt die Usurpation des Herakleios und die strukturellen Gemeinsamkeiten der beiden eine besondere Brisanz: Herakleios musste Phokas die Schuld zuweisen und gleichzeitig vermitteln, trotz eigener Usurpation nicht in einer Traditionslinie mit dem Zerstörer zu stehen. Um die Zeitgenossen zu überzeugen, musste Herakleios also dem direkten Vergleich ausweichen und das Bild von seinem Vorgänger nachhaltig ändern. Dieses Bemühen kategorisierte Meier in vier Strategien: Meier führte aus, dass hierbei als erster Schritt neben einer bewussten Ausklammerung Phokas aus der Historiographie der Name Phokas größtmöglich vermieden wurde. Stattdessen wurde er mit anonymisierenden Bezeichnungen versehen (Tier, Tyrann, Krebsgeschwür). Der Begriff des Tyrannen wurde dabei extensiv, fast inflationär verwendet, wie Meier als zweiten Punkt herausstellte. Es zeigt sich eine klare Trennung des rechten Herrschers vom tyrannischen Usurpator. Phokas wurde drittens durch diese Art der Darstellung regelrecht „entmenschlicht“ und zum personifizierten Bösen stilisiert. Dies ermöglichte viertens die Charakterisierung Phokas als Zerstörer, auf den die Restitution der Ordnung folgte. Durch diesen Gegensatz konnte sich Herakleios als schuldlos am Unglück der Römer darstellen lassen. Das geschilderte Vorgehen Herakleios war außerordentlich erfolgreich, wie das Problem der Bewertung der beiden Persönlichkeiten in der Forschung zeigt. Das Bild Phokas wurde im Nachhinhein derart stark umgestaltet, dass es bis heute schwer ist, ein rationales Bild dieses Kaisers zu entwerfen.

Was damnatio memoriae im Falle mittelalterlicher Päpste bedeutete, zeigte GERALD SCHWEDLER (Zürich) anhand verschiedener Beispiele. Seinen Vortrag „‘Anti-Päpste‘. Zum Umgang mit belastender Geschichte“ begann er mit Papst Alexanders VI., dem ja bekanntlich bis ins 19. Jahrhundert hinein ein repräsentatives Grabdenkmal verwehrt geblieben war. Bereits der preußische Gelehrte Kurd von Schlözer, der in den 1860er-Jahren die sterblichen Überreste des Papstes wiederentdeckte, beschrieb in seinen Aufzeichnungen das mit ihnen verbundene Spannungsfeld: Auf der einen Seite war Alexander VI. gewählter Inhaber des päpstlichen Stuhles, gleichzeitig war er bereits zu Lebzeiten als Papst höchst umstritten und schon unter seinem Nachfolger wurde versucht, die Erinnerung an den ungeliebten Borgia-Papst zu tilgen. Ironischerweise wuchs mit vermehrtem Schwinden des offiziellen Bildes das inoffizielle: zahlreiche Legenden, Opern und Bücher beschworen das exzessive Leben Alexanders VI. und fanden in der amerikanischen TV Serie „Die Borgias“ ihren vorläufigen ahistorischen Höhepunkt. Für die Kurie stellte die Erinnerung an Alexander VI. ein Problem dar. Im Gegensatz zu Gegenpäpsten, die nach Beilegung des Schismas als Verräter oder Usurpatoren diffamiert werden konnten, war Alexander rechtmäßiger Amtsinhaber gewesen und konnte daher nicht einfach aus den offiziellen Listen ausgeschlossen werden. Schwedler suchte sich diesem Typus von ungeliebten, aber legitimen Päpsten methodisch über den Begriff des „Anti-Papstes“ zu nähern. Dieser, in der anschließenden Diskussion erwartungsgemäß intensiv diskutierte Begriff, führe laut Schwedler deutlich über den des „Gegenpapstes“ hinaus und biete wie auch der Begriff „Antiheld“ dort Erklärungspotential, wo es um die Interpretation von juristisch nicht fassbaren Erzählschemata geht. Diese These verdeutlichte Schwedler am Beispiel Papst Honorius I., dessen Schriften zum Monotheletismus ihm zum Verhängnis geworden waren. In seinem Falle aber kam es nicht zu einer damnatio memoriae, vielmehr wurde das Wissen über ihn und damit an die Fehlbarkeit eines Papstes erstaunlich lange wachgehalten. Allerdings zeigen die Lücken, die die mittelalterliche Historiographie hinsichtlich seines Namens aufweist, laut Schwedler deutlich die Bedeutung von „Nicht-Wissen“ bzw. „Nicht-Nennen“. In diesem Zusammenhang ging der Vortragende abschließend näher auf den Aspekt der bewussten Namenslöschungen ein und erinnerte hierfür an die Bedeutung frühmittelalterlicher Diptychen. Eine ähnliche Suggestivkraft schrieb Schwedler den zahlreichen, seit der Spätantike erhaltenen Papstlisten zu. Diese wurden trotz ihrer scheinbaren Eindeutigkeit mitunter anders behandelt als von Rom vorgesehen. Die zahlreichen Streichungen bzw. Änderungen stellen ein breites Forschungsfeld dar, welches nach Schwedler längst nicht erschöpft ist. Denn gerade an ihnen zeige sich, wie viele Fragen noch offen seien, wenn es um Tilgungen, veränderte Überlieferung und propagandistisches Nicht-Wissen geht.

Wie stark Zuschreibungen an einzelnen Persönlichkeiten haften bleiben können, zeigte OLAF B. RADER (Berlin) mit seinem Vortrag zu „Friedrich II. und die Frauen“. Rader begann mit einem Zitat aus einem fiktiven Interview des sizilianischen Krimiautors Andrea Camilleri mit Friedrich II., in dem das Gespräch auch auf die zahlreichen amourösen Abenteuer des Kaisers gelenkt wurde. Das dabei vermittelte Bild Friedrichs ist keineswegs neu, verwendete den Stoff doch schon Boccaccio in seinem Dekameron. Doch wieso blieb ein solcher Ruf gerade an Friedrich hängen, war der Staufer doch alles andere als eine Ausnahme in puncto Frauengeschichten. Dieser Frage ging Rader im Folgenden nach und suchte dabei auch nach Erklärungsmustern für den Wandel in der Beurteilung dieses Rufes durch die jeweiligen Zeitgenossen. Betrachtet man die regulären Ehefrauen Friedrichs II. wird ihre Rolle im politischen Geschehen schnell deutlich. Wurde Konstanze von Aragon 1220 zusammen mit ihrem Ehemann zur Kaiserin gekrönt, waren Isabella von Jerusalem und Isabella von England nicht mehr öffentlich in die Politik eingebunden. Zudem sorgten ihre frühen Tode bereits für Gerüchte unter den Zeitgenossen. Die zahlreichen Ehen brachten dem Kaiser die legitimen Nachkommen für die Sicherung der Herrschaft, dazu gehörte auch die späte Anerkennung der Kinder Biancas. Das Bild des Staufers als Frauenheld konnte sich allerdings nur durchsetzen, weil Friedrich bereits zu Lebzeiten dieses Bild erfüllte. Aufgrund der zahlreichen Nachkommen sind mehr als ein Dutzend seiner Mätressen der Forschung bekannt. Eine übliche Nachrede braucht in der Regel einen „Haftgrund“, wie Rader es ausdrückte, und so wird in den zahlreichen Erzählungen und Legenden sicherlich ein Körnchen Wahrheit enthalten sein. In diesem Falle steht die Forschung vor der Aufgabe, weiterhin zu unterscheiden, was eigen und was erinnert ist. Deutlich ist laut Bader aber eine Veränderung in der Bewertung Friedrichs und seines Verhältnisses zu Frauen zu erkennen. Das negative Bild Friedrichs als Frauenheld wurde bereits zu Lebzeiten durch seine politischen Gegner bewusst geschürt – auffallenderweise spielte hier der Araberdiskurs keine Rolle, wie Rader in der Diskussion näher erläuterte. Erst im Laufe der Jahrhunderte weichte es gegenüber einer Art Bewunderung, wie sie besonders im eingangs zitierten „unmöglichen Interview“ Camilleris deutlich wird.

Unter dem Titel „Zwischen Reconquista und Convivencia. Muslimisches Mittelalter und nationale Identität auf der iberischen Halbinsel“ präsentierte PATRICIA HERTEL (Freiburg im Breisgau), Ergebnisse ihrer jüngst erschienenen Dissertation. Warum wurde der politische Mythos der Reconquista zentral für die Rezeption des muslimischen Mittelalters? Wann und warum konnte die Vorstellung der Convivencia in das Bild der katholisch geprägten Nation integriert werden? Unter diesen Leitfragen stellte Hertel die Bedeutung der muslimischen Vergangenheit für die Nationenbildung im 19. und 20. Jahrhundert dar. Zunächst gab sie eine grundlegende Einführung in den Mythos der Reconquista, welches sich als prominentes Konzept im 19. Jahrhundert durchsetzte. Kennzeichen waren die Schilderung des Kampfes gegen die islamische Herrschaft als Merkmal einer ganzen Epoche und die damit verbundene Ausblendung mittelalterlicher Heterogenität. Vielmehr wurde die Vorstellung eines einheitlichen Spaniens transportiert – wenn nicht gar bereits eine vermeintliche spanische Identität noch vor dem 8. Jahrhundert, wie Hertel es bis ins 21. Jahrhundert in politischen Reden nachweisen kann. Ihr Überblick über die verschiedenen Regierungssysteme Spaniens im 19. und 20. Jahrhundert zeigte dabei deutlich, dass neue politische Konstellationen nicht zwangsläufig zu einem Diskurswechsel über die Reconquista führten. Während der Diktatur und der 2. Republik scheiterte eine spezifische Interpretation sicherlich auch an der Kurzlebigkeit des Systems. Franco hingegen gelang ein propagandistischer Gebraucht der muslimischen Vergangenheit während er auf die Hilfe marokkanische Söldner baute. In Portugal kam es hingegen in der Frühphase des Estado Novo eher zu einer Ausblendung der muslimischen Vergangenheit, die sich erst seit den 1960er-Jahren in die Vorstellung einer „portugiesischen Ökonomie“ wandeln sollte. Zusammenfassend verdankten laut Hertel die Konzepte der Reconquista und der Convivencia ihren Erfolg wohl ihrer Wandelbarkeit, wenngleich sich ihre Interpretation in Spanien und Portugal qualitativ und quantitativ unterschieden. Und, so betonte Hertel abschließend, führte die Rezeption des muslimischen Mittelalters nicht zwangsläufig zu einer Stilisierung eines Gegensatzes zwischen einem „Europa“ und einem „Islam“.

Abgerundet wurde die Sektion von KAI-MICHAEL SPRENGER (Rom), der über „Die Schlacht von Legnano (1176). Ein Ereignis als kontroverser Erinnerungsort“ sprach. Durch ihre aktuelle politische Indienstnahme durch die Lega Nord bietet die Schlacht von Legnano ein Paradebeispiel für den Umgang der Moderne mit historischen Ereignissen. Sprenger erinnerte zu Beginn seines Vortrags an das Landesjubiläum Italiens im vergangenen Jahr, welches durch die zahlreichen Diskussionen um die Gestaltung der Feier teilweise stärker polarisierend anstatt identifikationsstiftend wirkte. Ähnlich divergierend zeigt sich auch der Umgang der Italiener mit der Schlacht von Legnano, die seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wieder ins Blickfeld geriet und im Sinne des Risorgimento herausgehoben wurde. Dabei traten laut Sprenger zwei Elemente in den Vordergrund: zum einen die Gründung des Lombardenbundes mit dem legendären Schwur von Pontida, zum anderen die Schlacht von Legnano selbst, der als triumphaler Sieg über den „teutonischen Eindringling“ stilisierte wurde. Neben Beispielen aus Kunst, Malerei und Musik verwies Sprenger auf das bekannte Denkmal des Alberto Giussano in Legnano. Bereits 1876 war an seiner Stelle ein erstes Denkmal gesetzt worden, dessen Sockel dazu die wichtigsten, zum Teil ahistorischen Szenen wie dem legendären Schwur von Pontida (1167) der Entstehung der historischen Lega Lombarda und der Schlacht zeigte. Sprenger zeigte allerdings auf, dass bereits die Darstellung der 16 Wappen der angeblich beteiligten Städte für zahlreiche Diskussionen unter den Gelehrten führte. So führte der Versuch der Historiker, zwischen den Teilnehmern bzw. den kämpfenden Gruppen zu differenzieren, schon zu ersten Rissen im Bild über die Lega Lombarda. Dass 1176 Städte wie Pavia oder Como oder gar ein Ahne des aktuellen neuen italienischen Königs Viktor Emanuel II auf kaiserlicher Seite gekämpft hatten, passte so gar nicht zu der aktuell postulierten Einheit Italiens und deren vermeintlichen historischen Vorbildern. Dies war keinesfalls die einzige Fraktur im einheitsstiftenden Bild, wie Sprenger mit den zum Teil sehr kontroversen kirchenpolitischen Interpretationen des Schwurs von Pontida und der Schlacht von Legnano, welche im Kontext der großen Jubiläumsfeiern 1876 ebenfalls gehörig Wasser in den Wein der historischen Vorbilder einer vermeintlichen gemeinsamen und identitätsstiftenden Erinnerungskultur Italiens mit Blick auf Legnano gossen. Eine gänzlich andere Darstellung der Schlacht erzählt das Bronzeportal des Mailänder Domes. Dieser 1933 bzw. 1950/52 geschaffene Erinnerungsort fungiert als hagiographische Erzählung und rückt den Mailänder Erzbischof Galdinus und seine Rolle in der Schlacht in den Vordergrund. Der Vortrag machte deutlich, wie bis heute die Schlacht von Legnano als Folie für die unterschiedlichsten Inszenierungen dient. Ob Spektakel wie der jährlich abgehaltene Palio die Legnano, modern inszenierte Aufführungen der Verdi Oper „Battaglia di Legnano“ oder auch der 2009 angelaufene Kinofilm „Barbarossa“ – die Schlacht von Legnano und ihre Instrumentalisierung scheinen omnipräsent. Die damit verbundene neu aufgeflammte wissenschaftliche Diskussion um das historische Ereignis kann die politische Indienstnahme zwar nicht aufhalten, aber vielleicht etwas entzaubern. So schloss Sprenger mit der Bemerkung, dass zumindest die Figur des Alberto da Giussano als Reaktion auf ihre jüngsten ahistorischen politischen Instrumentalisierungen im öffentlichen Bewusstsein als Fiktion enttarnt worden sei.

Die Diskussion um Legnano als Erinnerungsort – im Vortragstitel Sprengers bewusst mit einem Fragezeichen versehen – läutete die allgemeine Diskussion der Sektion ein. Dabei standen wieder der Begriff selbst im Mittelpunkt der Diskussion und der Eindruck von verschiedener Seite, er würde derzeit in der Forschung teilweise fast inflationär gebraucht werden. Aber auch der spezifische heuristische Wert des Begriffs damnatio memoriae wurde in diesem Kontext hinterfragt. Besonders das Verhältnis zu den verbreiteten mittelalterlichen Fälschungen kam hier zur Sprache, also die Frage nach den Überschneidungen damnatio memoriae und Fälschung. Wie fließend die Grenzen oftmals sind bzw. wie kontextabhängig der Umgang mit historischen Ereignissen und ihrer Umdeutung im kollektiven Gedächtnis ist, gestaltete sich als Kernthema der gesamten Sektion. In diesem Sinne erwies sich auch der Sektionstitel mit dem Begriff des „Erinnerungsproblems“ als eine fruchtbare Alternative zum Konzept des „Erinnerungsortes“. Geschichtsrezeption ist eben kein copy & paste, sondern ein komplexer Selektionsprozess und somit per se eine stete Auswahl- und Verwerfungsentscheidung (copy & waste), die wie die jeweiligen Vorträge gezeigt haben, noch viel Raum für weitere Forschung bereithält.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Gerald Schwedler (Zürich) und Kai-Michael Sprenger (Rom)

Gerald Schwedler (Zürich), Kai-Michael Sprenger (Rom): Einführung in das Thema; Vorstellung des interdisziplinären Arbeitskreises „Damnatio Memoriae“

Mischa Meier (Tübingen): Kaiser Phokas (602–610) als Erinnerungsproblem

Gerald Schwedler (Zürich): „Anti-Päpste“. Zum Umgang mit belastender Geschichte

Olaf B. Rader (Berlin): Friedrich II. und die Frauen

Patricia Hertel (Freiburg): Zwischen Reconquista und Convivencia. Muslimisches Mittelalter und nationale Identität auf der iberischen Halbinsel

Kai-Michael Sprenger (Rom): Die Schlacht von Legnano (1176). Ein Ereignis als kontroverser Erinnerungsort

ZitierweiseTagungsbericht HT 2012: Copy & Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Geschichte als ein Erinnerungsproblem. 25.09.2012-28.09.2012, Mainz, in: H-Soz-u-Kult, 09.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4483>.

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