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Migration und Integration in europäischen Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts. Internationale und interdisziplinäre Sommerakademie

 

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Veranstalter:Herder-Institut Marburg
Datum, Ort:20.08.2012–25.08.2012, Marburg

Bericht von:
Julian Tangermann, Leiden
E-Mail: <julian.tangermanngmx.net>

Migration als Gegenstand historischer Forschung hat in den letzten 20 Jahren auch und gerade im Hinblick auf die aktuellen Veränderungen europäischer Gesellschaften durch Immigration und Integration an Bedeutung gewonnen. Sie ist längst kein Randphänomen mehr, im Gegenteil: Migrationsgeschichte scheint sich als eigenständige historische Disziplin zu etablieren. Das Herder-Institut nahm dies zum Anlass, seine diesjährige Sommerakademie, welche vom 20.08.2012-25.08.2012 unter der Leitung von Heidi Hein-Kircher (Marburg) und Christian Kleinschmidt (Marburg) stattfand, auf Migration und Integration in europäischen Gesellschaften auszurichten und so Nachwuchswissenschaftlern/innen und etablierten Forschern verschiedener Disziplinen ein Forum zur Präsentation und Diskussion neuester migrationshistorischer Erkenntnisse zu bieten.

Eröffnet wurde die Tagung durch einen Impulsvortrag von JOCHEN OLTMER (Osnabrück), der über Bedingungen, Formen und Folgen historischer Migrationsbewegungen sprach. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er den erhöhten Migrationsraten im 19. Jahrhundert und ihren Ursachen. Zwar seien diese zu einem großen Teil auf die Hochphase europäischer Auswanderung in den Dekaden vor dem Ersten Weltkrieg zurückzuführen, man dürfe darüber aber nicht andere gleichzeitig ablaufende außereuropäische Migrationsprozesse – vor allem im asiatischen Raum – von der Betrachtung ausschließen. Zudem betonte Oltmer die Wichtigkeit verwandtschaftlich-bekanntschaftlicher Netzwerke im Migrationsgeschehen, sowohl was die Informationen für Auswanderungswillige vor der Ausreise, als auch was die Ankunfts- und Etablierungsphase im Zielland anginge. Netzwerken sollte in der weiteren migrationshistorischen Forschung verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet werden, die rahmengebenden Funktionen von Staaten und anderen involvierten Akteuren dabei allerdings auch nicht außer acht gelassen werden.

Genau diesen anderen Akteuren widmete JAKUB GRUDNIEWSKI (Katowice, Polen) bei seiner Betrachtung der oberschlesischen Grenzstadt Myslowitz eine eingehende Betrachtung: Durch ihre Lage im Dreiländereck zwischen Preußen, Österreich und Russland sei die Stadt zu einem Zentrum der Aktivitäten von Emigrationsagenturen avanciert, welche auswanderungswillige Personen aus einem breiten Einzugsgebiet angeworben und deren Ausreise über verschiedene Nordseehäfen organisiert hätten. Diese Agenturen hätten trotz gelegentlicher Fälle von Betrug und schlechten Unterkunftsbedingungen so intensiven Zuspruch gefunden, dass Myslowitz innerhalb weniger Jahre zu einem Emigrationszentrum Mittelosteuropas gewachsen sei.

Einen ganz anderen Ort der Vernetzung untersuchte JAKOB STÜRMANN (Berlin) in seinem Vertrag zum Vorwärts-Haus in Berlin. Die SPD-Parteizentrale in der Weimarer Republik habe als Raum des Austauschs für deutsche Sozialdemokraten und nach Deutschland emigrierte Menschewiki und Mitglieder der Sozialrevolutionären Partei Russlands gedient. Stürmann wies dabei verschiedene Formen der Vernetzung (z.B. Anstellung russischer Menschewiki in der SPD-Zentrale) und der intellektuellen Beeinflussung (z.B. russische Beiträge in SPD-Parteiorganen) auf und band diese in eine auf Simmel basierende erweiterte Raum-Theorie ein.

Fragen von Interaktionen zwischen Zuwanderern und eingesessener Bevölkerung spielten auch im Vortrag von MARTA KUC (Warszawa, Polen) zu deutschsprachiger Immigration nach Warschau im 18. Jahrhundert eine entscheidende Rolle. Ihre Untersuchung der Berufsstruktur der Einwanderer ergab, dass die große Mehrheit der Einwanderer Handwerker gewesen seien, darunter viele Meister. Diese hohe Spezialisierung, die der Nachfrage auf dem polnischen Arbeitsmarkt entgegengekommen sei, hätte die soziale Integration der Zuwanderer erleichtert. So seien deutschsprachige Meister in ihren jeweiligen Zünften schnell in leitende Funktionen aufgestiegen. Religiöse Kriterien hätten allerdings auch eine Rolle gespielt, wie Kuc an der langsameren Integration der lutherischen Immigranten nachweisen konnte.

MICHAELA COUZINET-WEBER (Leutenbach) lenkte in ihrer Darstellung der württembergischen Ausländerpolitik 1871-1921 den Blick auf die Entwicklung und Etablierung von normativen Rahmenbedingungen von Migration auf staatlicher Ebene. Dabei legte sie ihrer Analyse das Politikzyklusmodell zugrunde. Dieses Vorgehen eröffne die Möglichkeit, so Couzinet-Weber, die Rolle des öffentlichen Diskurses bei der Formulierung staatlicher Antworten auf Migration zu untersuchen – eine Möglichkeit, die der Terminus Migrationsregime nicht zulasse, da er zu ungenau definiert sei.

LENA PRÖTZEL (Marburg) hingegen hob in ihrem Vortrag zur sowjetisch-jüdischen Alija genau auf diesen Begriff ab. Der Kalte Krieg habe traditionelle europäische Migrationsregime abgeschafft aber auch neue begründet. Einer dieser neuen Migrationsregime sei die sowjetisch-jüdische Auswanderung nach Israel gewesen. Verwandtschaftlich-bekanntschaftliche Netzwerke spielten dabei zwar eine Rolle, ausschlaggebend sei aber vor allem ein gut funktionierendes transnationales Informationsnetzwerk gewesen: in den 1970er und 1980er Jahren seien westliche jüdische Touristen hinter den Eisernen Vorhang gereist und hätten dort inoffiziell auswanderungswillige sowjetische Juden getroffen, die sie mit Informationen zum potentiellen Zielland Israel versorgten. Mit Beispielen aus Reiseberichten dieser westlichen Touristen zeigte Prötzel, welche Informationen dabei für die sowjetischen Juden von besonderem Interesse gewesen und, folglich, welche push- und pull-Faktoren relevant gewesen seien. Bemerkenswert war ihre Feststellung, dass religiöse Aspekte dabei eine untergeordnete Rolle gespielt hätten.

ULRIKE PRÄGER (Allston, USA) machte am Beispiel der Sudetendeutschen im Westdeutschland der Nachkriegszeit deutlich, wie Musik die Eingliederung in eine neue Gesellschaft erleichtern kann. Obwohl es in der Literatur diskutiert worden sei, ob man vor dem Zweiten Weltkrieg überhaupt von einer eigenständigen sudetendeutschen Musik sprechen könne, habe die Musik der sudetendeutschen Zuwanderer in der neuen Lebenssituation in Westdeutschland als integrierendes Element fungiert. Prägers Vortrag zeigte eindrücklich, wie auch Herangehensweisen und Methoden anderer Disziplinen (in diesem Fall der Musikwissenschaft und Ethnologie) für die Migrationsgeschichte fruchtbar gemacht werden können.

Ein weiteres Element kultureller Überlieferung nutzte EDYTA GORZĄD (Wrocław, Polen) in ihrer Analyse des deutsch-polnischen Sagenschatzes als konstituierendes Element schlesischer Identität. Sagen seien eine Fundgrube des regionalen kulturellen Gedächtnisses, und ließen daher Auskunft über Gliederungs- und Integrationsprozesse im schlesischen Raum zu.

KATARZYNA WONIAK (Stadtbergen) hingegen betonte in ihrem Vortrag zur ehemaligen Grenzstadt Flatow nach dem Zweiten Weltkrieg eher eine erfahrungsgeschichtliche Perspektive. Die Stadt habe im Laufe ihrer neueren Geschichte mehrfach eine Neuzuordnung zur jeweils deutschen oder polnischen Administration erfahren. Dies habe für die ansässige Bevölkerung immer auch einen Statuswechsel und eine Identitätsmodulation bedeutet. Besonders zutreffend sei dies für die ehemalige polnische Minderheit, die so genannten Autochthonen, die sich mit der Eingliederung der Stadt in das Territorium Polens 1945 zwischen Migration und Integration entscheiden mussten.

Einem völlig anderen Kapitel europäischer Migrationsgeschichte widmete sich SEBASTIAN SENG (Dortmund) in seiner Betrachtung der Arbeitsmigration nach Deutschland nach 1950 und der Diskurse auf Seiten der deutschen Gesellschaft hierüber. Sein Fokus lag auf dem Wertewandel innerhalb der Westdeutschen Gesellschaft nach 1950, der sich im gesamtgesellschaftlichen Diskurs über Migration widerspiegele. Seng betonte vor allem die Rolle der Gewerkschaften als Werte setzender Akteur im Rahmen dieses öffentlichen Diskurses um Arbeitsmigration.

Auch CHRISTOPHER MOLNAR (Greenwood, USA) ging auf die Arbeitsmigration nach Deutschland ein. Er fragte allerdings nach der Wirkung transnationaler Netzwerke auf die Integration von Einwandererkollektiven und konnte zeigen, dass Transnationalität im jugoslawischen Fall kein Integrationshemmnis sondern, im Gegenteil, ein integrationsförderndes Element gewesen sei. Einen weiteren Faktor für die höhere Integration der jugoslawischen Einwanderer im Vergleich zu anderen Einwanderergruppen sei das höhere Bildungskapital gewesen, mit dem jugoslawische Migranten nach Deutschland gekommen seien. Die Messbarkeit von Integration wurde allerdings im Plenum problematisiert und intensiv diskutiert.

ULF BRUNNBAUER (Regensburg) beschäftigte sich ebenfalls mit der jugoslawischen Auswanderung und ihrem transnationalen Charakter. Er richtete seinen Blick allerdings auf die Bemühungen der verschiedenen jugoslawischen Staaten, (Identitäts-)Politik für die Emigranten außerhalb der Landesgrenzen zu betreiben und somit Kontrolle über eine imaginierte nationale Diaspora zu gewinnen bzw. zu erhalten. Transnationalismus sei nicht als Gegenentwurf zu Nationalismus, sondern ein Teil des selbigen zu verstehen. Der Staat sei, bei aller Betonung verwandschaftlich-bekanntschaftlicher Netzwerke, ein wichtiger Akteur bei solchen transnationalen Verflechtungen.

Die Auswirkungen von Migrationserfahrungen auf die Identität eines einzelnen Kollektivs mikrohistorisch nachzuvollziehen war Ziel des Vortrages von SUSANNE CLAUß (Freiburg). Die Gemeinschaft der Dobrudscha-Deutschen, die im Zuge des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit zuerst nach Deutschland und dann nach Nordamerika umsiedelten diente ihr dazu als Untersuchungsobjekt. Die von ihnen durchlaufene mehrstufige Migration sei, so Clauß, besonders geeignet die Veränderung von Begriffen wie Heimat, Herkunft und Identität sichtbar zu machen.

Fragen von Identität und Zugehörigkeit von Zuwanderern stand auch im Zentrum der Betrachtungen von MELANIE DEJNEGA (Wien, Österreich), die sich mit den Displaces Persons und Flüchtlingen in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte. Unter den Nachkriegsimmigranten habe es verschiedene Formen und Grade der Integration in die österreichische Gesellschaft gegeben. Dejnega fragte in ihrem Vortrag nach der Rolle der Erfahrung von Zwangsmigration für diese Divergenz. Sie konnte feststellen, dass hierbei dem mit der Migration verbundenen sozialen Auf- oder Abstieg eine wesentliche Bedeutung beizumessen sei.

Die Integration von Einwanderern der zweiten und dritten Generation in die österreichische Gesellschaft untersuchte VIKTORIJA RATKOVIĆ (Klagenfurt, Österreich) anhand mehrerer Printmedien von und für Migranten. Die Forschung zu migrantischen Medien sei allerdings noch nicht weit entwickelt. Hier böten Formen der Diskursanalyse wichtige Korrektive für den mehrheitsgesellschaftlichen (und somit auch der migrationshistorischen Forschung inhärenten) Blick auf Immigration.

MERAL AVCI (Aachen) lenkte den Blick auf ein Land, das im zeithistorischen Kontext eher als Auswanderungs- denn als Einwanderungsland empfunden wird: Anhand der Einwanderung deutscher Professoren in die Türkei in den 1930er Jahren machte sie auf den Aspekt des Wissenstransfers durch Migration aufmerksam. Deutsche Professoren hätten durch ihr Wirken an der Istanbuler Universität die von der Türkischen Republik initialisierte Bildungsreform entscheidend mitgeprägt. Acvi widersprach der Vermutung, dass schon vorhandene Netzwerke für die Entscheidung, in die Türkei einzuwandern, von Bedeutung gewesen seien und plädierte dafür, in diesem Fall zeithistorische Faktoren (türkische Bildungsreform, Vertreibung deutsch-jüdischer Wissenschaftler) zu betonen.

MATTHIAS KRÄMER (Bremen) beschäftigte sich ebenfalls mit deutschen Professoren, die im Zuge des Nationalsozialismus zur Auswanderung gedrängt wurden, speziell mit nach Nordamerika gezogenen Historikern, die nach 1945 für kurze Zeit als Gastprofessoren nach Deutschland remigrierten. Er kritisierte, dass die gängige Terminus der Emigration für diese Gruppe nicht anwendbar sei, da er zu sehr auf die Freiwilligkeit der Migration abhebe und schlug daher die Bezeichnung „bedrängte akademische Karrieremigration“ zur Charakterisierung dieser speziellen Form der Migration vor.

Um Zwangsmigration ging es auch in einer weiteren Sektion der Tagung, die mit einem Vortrag von FELIX ACKERMANN (Vilnius, Litauen) zur Migration und Integration in Polen nach 1945 eröffnet wurde. Ackermann sah in der Westverschiebung nach dem Ende des Krieges und der damit verbundenen Migrationsprozesse einen Schlüssel zur erfolgreichen Integration der polnischen Bevölkerung. Erst die Westverschiebung habe den in der zweiten Republik begonnenen Nationsbildungsprozess zu einem Abschluss gebracht. Die Zwangsmigrationen in der Nachkriegszeit seien daher auch als Pazifikationsstrategie zu sehen.

Polen als Beispiel nehmend beleuchtete MARKUS ROTH (Gießen) die Migrationspolitik des nationalsozialistischen Regimes in ihren ideologischen Ursachen, ihrer Praxis und ihren Folgen. Trotz Hitlers Anspruch eine „völkische Neuordnung Europas“ durchzusetzen, habe es zu keinem Zeitpunkt eine einheitliche Agenda in der NS-Migrationspolitik gegeben. Vielmehr seien ad-hoc Entscheidungen einer Vielzahl von nicht-vernetzten Akteuren die Regel gewesen. Roth empfahl daher eher von „(Zwangs-)Migration als Mittel der NS-Politik in den verschiedenen Politikfeldern“ zu sprechen.

Eine Möglichkeit die definitorischen und methodologischen Probleme des Begriffs Zwangsmigration zu erörtern bot der Vortrag von NICOLE IMMIG (Gießen) über Emigrationen von Muslimen aus Griechenland nach 1881. Sie erläuterte, dass die Kategorien der freien und unfreien Migration sich im Laufe ihrer Forschungen als nicht applizierbar erwiesen hätten. Die Historiographien sowohl der Türkei als auch Griechenlands hätten diese Bevölkerungsbewegung als Remigrationen betrachtet und sie als legitim angesehen. Der Blick auf die Lebenswelten und Wahrnehmungen der Migranten und ihrer Umgebungen selbst hätten allerdings eine andere, weniger eindeutige Perspektive ergeben. Immig betonte, dass für ihre Forschungen das weniger politisch aufgeladene aber dennoch analytisch scharfe Begriffspaar Inklusion/Exklusion sich als besonders funktional erwiesen hätte und regte an, dessen Gebrauch auch in anderen Kontexten zu prüfen.

KRYSZTOF WIRKUS (Bytów, Polen) bot mit seiner Betrachtung der kaschubischen Auswanderung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beispielhaft einen solchen Kontext, in dem nicht klar von einer Freiwilligkeit aber auch nicht klar von Zwang gesprochen werden kann. Die Lage der kaschubischen Siedlungsgebiete in der Grenzregion zwischen Polen und Deutschland habe hybride Identitäten entstehen lassen, welche als ein Faktor bei der Auswanderung aus Polen gesehen werden können.

Einen Versuch das terminologische Repertoire der Migrationsgeschichte zu erweitern machten RAGNA BODEN (Düsseldorf/Marburg) und HEIDI HEIN-KIRCHER (Marburg) mit ihren Überlegungen zum Begriff „Parallelgesellschaft“. Da der Begriff sowohl im öffentlichen Diskurs als auch in Teilen der Sozialwissenschaft angekommen sei und genutzt werde, fragten sie nach der Anwendbarkeit des Begriffes für die historische Forschung. Anhand eng definierter Kriterien untersuchten sie zwei Beispiele aus der osteuropäischen Geschichte. Während Boden bei der Betrachtung russischer Militärsiedlungen des 19. Jahrhunderts zu dem Schluss kam, dass der Begriff voll anwendbar sei, hegte Hein-Kircher eher Zweifel and der Applizierbarkeit für ihr Beispiel der jüdischen Minderheit in Galizien des 19. Jahrhunderts. Zweifel an der Nutzbarkeit des Begriffes für die historische Forschung wurden auch in der anschließenden Diskussion artikuliert – dennoch wurde deutlich, dass das Feld der Migrationsgeschichte noch weiterer terminologischer und methodologischer Diskussion bedarf und dass Boden und Hein-Kircher mit ihrem Vorstoß einen Nerv trafen.

In einer abschließenden Sektion der Tagung richtete sich der Blick auf Phänomene der Remigration. SARA BERNARD (Trento, Italien) konnte anhand der nach Jugoslawien zurückgekehrten Gastarbajteri zeigen, dass der Versuch durch E- und Remigration in der Heimat sozial aufzusteigen für viele dieser Migranten nicht erfolgreich verlaufen sei. Zudem hätte die Rückkehr einer großen Anzahl von Emigranten zur wirtschaftlichen und politischen Destabilisierung des Landes vor 1991 beigetragen.

Ein weiteres Beispiel für eine problematische Remigrationsbewegung gab DAVID CELETTI (Hertfordshire, Großbritannien) mit seiner mikrohistorischen Untersuchung der Aus- und Rückwanderungsbewegungen des Brentatals. Die Massenauswanderung ab den 1860er Jahren habe zwar durch Rücküberweisungen und Kulturtransfer dem Tal einen erheblichen Aufschwung verschafft, die Rückkehr vieler Auswanderer habe allerdings zu erheblichen sozialen Spannungen geführt, die in einigen Fällen zur erneuten Abwanderung der Migranten geführt hätten.

Eine vergleichende Analyse zu verschiedenen Fällen der Rückkehr ehemaliger Zwangsarbeiter gab TANJA VAITULEVICH (Berlin) in ihrem Vortrag. Niederländische und weißrussische Zwangsarbeiter hätten dabei höchst verschiedene Erfahrungen mit in die Heimat gebracht – aber auch der Diskurs um die Rückkehrenden sei in beiden Ländern in der Nachkriegszeit unterschiedlich geführt worden. Als gemeinsames Element ließe sich allerdings festhalten, dass Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland die Betroffenen in ihren heimatlichen Kontexten lebenslänglich stigmatisiert hätte.

In seinem abschließenden Vortrag fasste CHRISTIAN KLEINSCHMIDT (Marburg) noch einmal die Erkenntnisse der Tagung zusammen und hob dabei die Diversität und Pluralität der Zugänge der einzelnen Teilnehmer/innen zur migrationshistorischen Forschung hervor, vorherrschend seien allerdings kultur- und mentalitätshistorische Herangehensweisen. Als Desiderat migrationshistorischer Forschung identifizierte Kleinschmidt vor allem eine vergleichende Forschung zu unterschiedlichen Migrationskulturen, generationengeschichtliche Perspektiven und eine europäische Synthese historischer Migrationsforschung.

Diese Einschätzung entsprach auch der der meisten Tagungsteilnehmer. Zwar wurde in den Diskussionen und Kursarbeiten deutlich, dass das terminologische Grundrepertoire der Migrationsgeschichte noch weiterer Ausdifferenzierung bedarf. Begriffe wie „Migrationsregime“, „Parallelgesellschaft“ oder „Bio-Deutsche“ wurden intensiv diskutiert ohne, dass ein Konsens über ihre Definition oder ihre Anwendbarkeit in migrationshistorischen Kontexten erreicht wurde. Es wurde allerdings auch evident, wie die erwähnten verschiedenen fachlichen Hintergründe der Referenten und Diskutanten ein tieferes Verständnis historischer Migrationsprozesse ermöglichten. Doch nicht nur die Diversität verschiedener fachlicher Zugänge lieferte erfrischende Perspektiven auf migrationshistorische Problemstellungen – auch die internationalen Hintergründe der Teilnehmer selbst trugen dazu bei, andere Sichtweisen zu entwickeln. In diesem Sinne bot die Sommerakademie nicht nur einen geeigneten Rahmen zur Vorstellung migrationshistorischer Projekte, sondern vielleicht auch einen ersten Ansatzpunkt für die von Kleinschmidt geforderte europäische Synthese migrationshistorischer Forschung.

Konferenzübersicht:

Einführungsvortrag

Jochen Oltmer: Migration als historisches Phänomen: Bedingungen, Formen und Folgen

Sektion I: Treffpunkte und Orte der Emigration

Jakub Grudniewski: Die Emigration aus dem Königreich Polen und Galizien nach Westeuropa und Nordamerika im 19. Und am Anfang des 20. Jahrhunderts. Myslowitz (Oberschlesien) als Emigrationszentrum für Deutschland

Jakob Stürmann: Das Vorwärts-Haus in Berlin als Ort der Vernetzung zwischen russischer und deutscher Sozialdemokratie zur Zeit der Weimarer Republik

Sektion II: Migration aus wirtschaftlichen, sozialen und kulturell-sozialen Gründen

Marta Kuc: Die deutschsprachigen Immigranten in Warschau im 18. Jahrhundert

Michaela Couzinet-Weber: Arbeit, Nationalität und Sicherheit in der Ausländerpolitik Württembergs 1871-1921. Der Erste Weltkrieg als Zäsur

Lena Prötzel: Die sowjetisch-jüdische Alija in den 1970er und 1980er Jahren: Informationen und staatliche Einwanderungspolitik als Faktoren von Migrationsentscheidung und -richtung

Sektion III: Integration von Migranten/innen in Gesellschaften

Ulrike Präger: Musik und Migration: Die Relevanz der Musik für die Eingliederung der Deutschen aus den böhmischen Ländern in Westdeutschland im Kontext der Nachkriegszeit

Edyta Gorząd: Wege und Mittel der regionalen Identitätsbildung. Zur Bedeutung des deutsch-polnischen Sagenschatzes aus Schlesien

Katarzyna Woniak: Zwischen Aussiedlung und Verbleib. Die Lage der Deutschen in einer ehemaligen deutsch-polnischen Grenzstadt nach dem Zweiten Weltkrieg.

Christopher Molnar: Nation, Migration and Cold War: Yugoslavs in Germany, 1945-2000

Sebastian Seng: „Gastarbeiter fleißiger als Deutsche?“. Arbeitswerte im Spiegel von Migrations-diskursen in der Bundesrepublik Deutschland (1950-2000)

Impulsvortrag

Ulf Brunnbauer: Transnationaler Nationalismus: Emigration aus Südosteuropa im 20. Jh. und Nationsbildung

Sektion IV: Identitätsbildung: Migration als Faktor der Identitätsbildung und deren Medien

Susanne Clauß: Identitätswandel und Migration durch Erfahrung Migration, Identität und Integration am Beispiel der Dobrudschadeutschen

Melanie Dejnega: Flüchtlinge, Vertriebene, Befreite. Identifikationen und Zugehörigkeits-gefühle von Nachkriegsimmigranten in Österreich

Viktorija Ratković: Medien und Migration: Medien von Migrant/innen

Sektion V: Migration und Wissenstransfer

Meral Avci: „Heimat“ in der Fremde – die deutsche Emigrationsgeschichte in die Türkei ab 1933

Matthias Krämer: Transatlantische Gastprofessoren – Historikerbiografien zwischen Exil, Emigration und Remigration

Impulsvortrag

Felix Ackermann: Westwärts: Migration und Integration in Polen nach 1945.

Sektion VI: Migration und Zwangsmigration

Impulsvortrag

Markus Roth: Die NS-Migrationspolitik - Ideologie, Praxis und Folgen.

Nicole Immig: Migration und Zwangsmigration

Krzysztof Wirkus: Migration der einheimischen Bevölkerung aus der Kaschubei in die deutschen Staaten im Zeitraum 1949-1989

Sektion VII: Wechselbezüge zur Umgebungsgesellschaft und Parallelgesellschaft

Ragna Boden und Heidi Hein-Kircher: „Parallelgesellschaften" - Eine neue Perspektive auf Gestalt und Wahrnehmung stark heterogener Gesellschaften.

Sektion VIII: Remigration als Lösung sozialer Probleme?

Sara Bernard: The Return of the Gastarbajteri to Yugoslavia. Causes and Consequences of a Failed Reintegration (1969-1991)

David Celetti: Wirtschaftliche und soziale Aspekte der Auswanderung und des Zurückkehrens. Der Fall des Brentatals. (1850-1960)

Tanja Vaitulevich: Postwar Migration. The Return of Former Forced Labourers to the Netherlands and to Belarus

Abschlussvortrag

Christian Kleinschmidt: Migration und Integration in europäischen Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts: Zusammenfassung und Ausblick

ZitierweiseTagungsbericht Migration und Integration in europäischen Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts. Internationale und interdisziplinäre Sommerakademie. 20.08.2012–25.08.2012, Marburg, in: H-Soz-u-Kult, 28.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4462>.

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