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Emotionen und Geschichtswissenschaft

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Christiane Bürger / Max Gawlich, Universität Heidelberg; Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Historisches Seminar Heidelberg
Datum, Ort:02.08.2012-03.08.2012, Heidelberg

Bericht von:
Anna Frahm, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
E-Mail: <anna.frahmzegk.uni-heidelberg.de>

Der Workshop „Geschichtswissenschaft und Emotionen“, der am 2. und 3. August 2012 in Heidelberg stattfand, beschäftigte sich mit der Bedeutung von Emotionen in der geschichtswissenschaftlichen Forschung. Der Fokus lag, anders als in der Emotionsgeschichte, nicht auf Emotionen als Gegenstand der Forschung. Thema waren vielmehr verschiedene Ebenen, auf denen die Emotionen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Rolle im Forschungsprozess einnehmen und diesen beeinflussen.

In der ersten Einheit gab MAX GAWLICH (Heidelberg) einen Überblick zum gegenwärtigen Stand der Beschäftigung mit Emotionen in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Trotz des emotional turn, der Emotionen zum Forschungsgegenstand werden ließ, konstatierte der Referent einen eklatanten Mangel an methodologischer Reflexion von Emotionen in der wissenschaftlichen Praxis. Der Einfluss von Emotionen auf die Wahl des Forschungsgegenstands und der Quellen sowie die Auswirkungen von Emotionen auf die Darstellung historischer Forschungsergebnisse würden in der Regel tabuisiert. Die Gründe dafür sieht Max Gawlich in einer noch immer dominierenden Zielvorstellung von Objektivität in der Wissenschaft und deren vermeintlicher Unvereinbarkeit mit Emotionalität. Während das Forschungsinteresse oft lebensweltlich begründet sei und diese Lebenswelt Einfluss auf Forschungsprozess und -ergebnisse habe, werde sie spätestens in der Präsentation wissenschaftlicher Inhalte wieder „herausgeschnitten“.

Im zweiten Panel stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops ihre Forschungsprojekte vor und tauschten sich über Motivationen und Zielsetzungen aus. Die Vielfalt an Themen und der unterschiedliche Stand der jeweiligen Arbeiten schuf ein erstes Bewusstsein für die unterschiedlichen Ebenen, auf denen Emotionen eine Rolle im Forschungsprozess einnehmen können. Bei den in der postkolonialen und afrikanischen Geschichte angesiedelten Themen ging es vornehmlich um die eigene Emotion im Kontext emotional aufgeladener Debatten. Bei vielen Projekten, so unter anderem aus der Psychiatriegeschichte und der Spanischen Geschichte, standen die Wechselwirkungen zwischen in Quellen ausgedrückten und eigenen Emotionen im Mittelpunkt des Interesses. Die verschiedenen Eindrücke machten deutlich, dass die Einbindung von Emotionen im (geschichts-)wissenschaftlichen Forschungsprozess zunächst eine Kategorisierung der verschiedenen Ebenen von Emotionen nötig macht.

Die Auswirkungen von Emotionen auf Quellenauswahl und Quelleninterpretation standen im Mittelpunkt des dritten Blocks. Anhand von Quellenbeispielen aus den Forschungsprojekten der verschiedenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurde über die Reflexion von Emotionen als Ergänzung einer der „klassischen“ quellenkritischen Methode diskutiert. Hierbei stellte sich auch die interdisziplinäre Zusammensetzung des Teilnehmerfelds als Vorteil heraus: Während bei der Besprechung von Textquellen Ansätze aus den Gender Studies und der Sprachwissenschaft zum Tragen kamen, erwies sich ein ethnologischer Blickwinkel als fruchtbar für den Umgang mit Emotionen zu Oral History-Quellen. Die kritische Beschäftigung mit Quellen müsse Emotionen auf drei Ebenen mit einbeziehen, so die Ergebnisse der Diskussion: Zum Einen die im Vorhinein bestehenden Emotionen einer Wissenschaftlerin oder eines Wissenschaftlers im Hinblick auf das Thema, den Schöpfer und den Kontext der Quelle; zum Zweiten die Wechselwirkung zwischen in Quellen dargestellten Emotionen und den Reaktionen des Forschenden darauf; und drittens die Darstellung dieser beiden Formen von Emotionen, etwa in einer schriftlichen Quelleninterpretation. Diese Analyseebenen von Emotionen im Forschungsprozess wurden im Laufe des Workshops zwar immer wieder in Frage gestellt und erweitert, bildeten jedoch einen ersten Konsens zu Abschluss des ersten Arbeitsteils und stellten weiterhin eine wertvolle Diskussionsgrundlage dar.

Emotionen in Oral History-Interviews – und damit in selbst generierten Quellen – standen im Zentrum des folgenden Vortrags mit anschließendem Gespräch. FRANK REUTER vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg berichtete zunächst von seinen Interviews mit überlebenden Sinti und Roma sowie deren Nachfahren. Er beschrieb seine Arbeit als Gratwanderung zwischen drei Polen im Umgang mit den stark emotionalen Interviews: Erstens müsse wissenschaftliche Quellenkritik geübt werden, d.h. die Informationen aus den Interviews müssten kritisch und rational hinterfragt werden. Zum Anderen aber dürfe die Erinnerungskonstruktion, die wichtiger Bestandteil der Verarbeitungsstrategie eines Traumatisierten ist, niemals beschädigt werden. Drittens müsse das Interviewmaterial der Öffentlichkeit vermittelt und damit konsumierbar gemacht werden. Zwar wurde das permanente Abwägen zwischen wissenschaftlicher Tätigkeit, persönlicher Empathie und politischen Engagement sowie der Präsentation von Geschichte für ein Publikum deutlich, leider aber thematisierte Frank Reuter weniger den Umgang mit seinen eigenen Emotionen und deren Wechselwirkungen auf seine Forschung und beantwortete somit nur zum Teil die zuvor erarbeiteten Fragen.

Der Abendvortrag von MAIKE ROTZOLL (Heidelberg) vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin zum NS-Krankenmord und der Bedeutung von Emotionen für Forschung und Erinnerung hingegen hatte die Wechselwirkung von Emotionen und Forschung zum Gegenstand. In beeindruckender Weise schilderte sie ihre Eindrücke und Erfahrungen im Verlauf eines Projektes, das sich mit der Aufarbeitung der Akten der Aktion T4, also der Geschichte des NS-Krankenmordes beschäftigt. Die Emotionen, die im Laufe der Forschung entstehen würden, hatten die gelernten Psychiater antizipiert und von Beginn an eine Art Supervision eingerichtet. Dass Emotionen ganz konkret Auswirkungen auf Forschungsergebnisse haben können, hatte sich deutlich bei der statistischen Erfassung der Arbeitstätigkeit der Krankenmord-Opfer gezeigt, so Maike Rotzoll.

Neben dem entlastenden Moment der Supervision beschrieb Maike Rotzoll die biographische Annäherung an einzelne Opfer als mögliche Hilfestellung im Umgang mit den eigenen Emotionen. Während das eigentliche Forschungsziel in einer statistischen Erfassung der Tötungskriterien für psychisch Kranke bestand, stellt die persönliche Darstellung Einzelner eine weniger distanzierte Verarbeitungsweise bereit. Maike Rotzolls Vortrag faszinierte und beeindruckte durch die Offenheit der Wissenschaftlerin, so etwa in der Schilderung der eigenen Ambivalenz zwischen der Freude beim Fund gewisser Akten und deren Inhalten.

Zu Beginn des zweiten Tages des Workshops stand die Reflexion der Gespräche und Vorträge vom Vortag. Besonders die kritische Auseinandersetzung mit den Anregungen von Frank Reuter warf erneut die Frage, auf welchen unterschiedlichen Ebenen im Forschungsprozess Emotionen eine Rolle spielen. Im Folgenden wurde im Plenum über den Umgang mit Emotionen in der historischen Forschung und der Darstellung der Vergangenheit diskutiert. CHRISTIANE BÜRGER (Heidelberg) erörterte Forschungsstimmen [1] und moderierte die Diskussion.

Das nächste Panel hatte die richtigen Orte für Emotionen im Forschungs- und Schreibprozess zum Gegenstand. Zu Beginn der Diskussion wäre eine stärkere Fokussierung auf die zuvor erarbeiteten methodischen Einflussebenen von Emotionen im Forschungsprozess wünschenswert gewesen. Die Erörterung von Blogs, Vorworten, Widmungen etc. als Darstellungsort ließ die Wechselwirkung von Emotion und Forschungsergebnis zu sehr aus dem Blickfeld geraten. Das Einbringen von Thesen aus der Forschungsliteratur [2] durch Organisator/innen Christiane Bürger und Max Gawlich jedoch lenkte den Fokus zurück auf die Möglichkeiten, Emotionen in Forschungsergebnisse selbst einzuschreiben und im Rahmen der Reflexion der eigenen Standortgebundenheit zu thematisieren. Es wurde diskutiert, inwieweit Emotion als Aspekt der eigenen Standortbestimmung des Forschenden in die methodische Verortung wissenschaftlicher Arbeiten aufgenommen werden sollte.

In der Abschlussdiskussion formulierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die für sie im Hinblick auf die zu Beginn formulierten Ziele relevanten Ergebnisse des Workshops. Mit der Einarbeitung der verschiedenen Aspekte von Emotionen im Forschungsprozess in die klassische Quellenkritik wurde ein zentrales Anliegen – die Thematisierung der Wechselwirkung zwischen eigenen Emotionen und Quelleninterpretation – eingelöst. Als zentraler Punkt wurde zum Einen die Reflexion der eigenen Emotionen von der Themenfindung bis zur mündlichen oder schriftlichen Präsentation der Ergebnisse und ihre Auswirkungen auf die Forschung festgehalten. Zum Anderen wurde die Triangulation, also der intersubjektive Austausch über die eigenen Lesarten, als Methode für diese Reflexion stark gemacht. Die theoretischen Überlegungen zur Möglichkeit, die Reflexion der eigenen Emotionen in Forschungsergebnisse einzuschreiben, riefen die Forderung nach einer praktischen Erprobung hervor. Die Organisation einer Schreibwerkstatt zur Anwendung der bisher theoretisch gebliebenen Anregungen wurde stark befürwortet.

Der Workshop „Emotionen und Geschichtswissenschaft“ hatte zum Ziel, sich mit der Rolle von Emotionen für die (geschichts-) wissenschaftliche Forschung auseinanderzusetzen und Möglichkeiten zur Reflexion und Einarbeitung der Emotionen aufzuzeigen. Dieses Ziel wurde erreicht, indem im Laufe des Workshops mögliche methodische Anknüpfungspunkte in der historischen Forschung diskutiert wurden. Durch die disziplinäre Vielfalt der Teilnehmer und ihre unterschiedlichen Forschungsprojekte wurde besonders deutlich, dass Interdisziplinarität und Intersubjektivität zwei zentrale Bausteine auf dem Weg zur Reflexion der eigenen Emotionen und ihrer Bedeutung für den Forschungsprozess sind. Der Workshop hat zentrale methodische Fragen im Hinblick auf das Verhältnis von Emotionen und Geschichtswissenschaft aufgeworfen, die für die Zukunft sowohl eine eingehende theoretische Beschäftigung mit dem Thema als auch deren praktische Umsetzung zu Forschungsdesideraten werden lassen.

Konferenzübersicht:

Tag I: Gegenstand 'Emotionen'

Was sind Emotionen in der Geschichtswissenschaft

Emotionen in den eigenen Forschungen

Quellenkritik und Emotionen – kritische Bestandsaufnahme

Frank Reuter Vortrag und Diskussion über die Arbeit mit Verfolgten des NS-Regimes und Problemen der Oral History

Maike Rotzoll: "Zuviel Leid. Krankengeschichten von Opfern des NS Krankenmordes und die Bedeutung von Emotionen für Forschung und Erinnerung

Tag II: Darstellung von Emotionen

Instrumentalisierung von Emotionen im Wissenschaftlichen Alltag: Präsentation, Vermittlung und Vermarktung von Geschichtswissenschaft

Orte und Gelegenheiten der Kommunikation von Emotionen in der bestehenden Geschichtswissenschaft

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Z.B.: Ute Frevert / Anne Schmidt, Geschichte, Emotionen und die Macht der Bilder, in: Geschichte und Gesellschaft 37 (2011), S. 5-25.
[2] Z.B.: Rebekah Widdowfield, The place of emotions in academic research, in: Area 32 (2000), 2, S. 199-208. Oder: Stefanie Michels, Schwarze Kolonialsoldaten. Mehrdeutige Repräsentationsräume und früher Kosmopolitismus in Afrika, Bielefeld 2009.

ZitierweiseTagungsbericht Emotionen und Geschichtswissenschaft. 02.08.2012-03.08.2012, Heidelberg, in: H-Soz-u-Kult, 10.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4460>.

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