HT 2012: Sound History

HT 2012: Sound History

Organisatoren
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Ort
Mainz
Land
Deutschland
Vom - Bis
25.09.2012 - 28.09.2012
Url der Konferenzwebsite
Von
Christoph Hilgert, Historisches Institut, Fachjournalistik Geschichte, Justus-Liebig-Universität Gießen

Geräusche, Töne und Klänge machen, ob bewusst oder unbewusst wahrgenommen, einen erheblichen Teil der menschlichen Weltaneignung aus und sind dabei, ebenso wie die Praxis des Hörens selbst, historisch überaus spezifisch. Diese nur vordergründig triviale Feststellung wird seitens der Geschichtswissenschaft bislang nicht sonderlich oft zur Kenntnis genommen. Meist fehlt in der traditionell auf schriftliche Quellen fixierten Disziplin das Bewusstsein für die Relevanz der Akustik und des Hörsinns. Aber auch methodische Fragen und praktische Schwierigkeiten bei der Identifizierung, Nutzung und Analyse geeigneter Klangartefakte spielen hier eine gewichtige Rolle.

Gleich zu Beginn seiner Einführung in die Sektion „Sound History“ auf dem 49. Deutschen Historikertag in Mainz betonte GERHARD PAUL (Flensburg) daher, wie lohnend das historisierende „Nachhören“ vergangener Klangwelten ist. Historische Schallereignisse erlaubten – ebenso wie die Formen ihrer Wahrnehmung und Verarbeitung – allerlei Rückschlüsse auf die „natürlichen“, sozialen, kulturellen, politischen, religiösen, ökonomischen, technischen oder generationellen Bedingungen menschlicher Existenz in der Vergangenheit. Sie könnten dabei aber nicht nur als Quellen für die Erforschung bestimmter historischer Phänomene dienen, sondern müssten auch an sich als eigenständige, Geschichte beeinflussende und gestaltende Faktoren ernstgenommen werden. Generell verspricht sich Paul, der bereits einer „Visual History“ zu breiter Beachtung verhalf 1, von der Erforschung historischer Klangerfahrungen nicht zuletzt auch neue Erkenntnisse über den Umgang mit (audio)visuellen Materialien.

Die Bedeutung des Akustischen für das Verständnis geschichtlicher Lebens- und Erfahrungswelten wird deutlich, wenn man etwa die Auswirkungen sich wandelnder städtischer Klanglandschaften, die „Sprache der Glocken“ in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Anwesenheitsgesellschaften 2, das Heulen von Industrie- oder Luftschutzsirenen sowie die akustische Inbesitznahme öffentlicher Räume durch lautsprechergestützte Parteikundgebungen oder durch Jugendliche samt dudelndem Transistorradio und knatterndem Moped bedenkt. Schallereignisse, seien sie natürlichen oder künstlichen Ursprungs, beeinflussen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont, Emotionen und Denken ihrer Hörer, so Paul. Als Mittel zwischenmenschlicher Kommunikation, manchmal als Waffen der Auseinandersetzung, könne mit ihnen daher auch Politik gemacht werden. Einzelne Klänge, Stimmen und musikalische Tonfolgen trügen zur Identitätsstiftung, gar zur Nationsbildung bei. So seien verschiedene, gegebenenfalls medial aufgezeichnete, gespeicherte und übertragene akustische Eindrücke tief im individuellen und oft auch kollektiven Gedächtnis verankert. Joseph Goebbels „Wollt ihr den totalen Krieg“?“, Herbert Zimmermanns „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“ oder Uwe Barschels „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“ sind, so ist Paul zuzustimmen, in ihrer Indexikalität längst zu deutschen Klang-„Ikonen“ des 20. Jahrhunderts geworden. Entsprechend könne die Untersuchung von historischen Höreindrücken beispielsweise auch der Erinnerungskulturforschung neuen Schwung verleihen, wie Paul andeutete. Anspruch der sehr gut besuchten Sektion war es, auf die Bedeutung des Akustischen in der Geschichte hinzuweisen und unterschiedliche damit verknüpfte Forschungsfelder vorzustellen.

Einen konzisen Überblick über den bisherigen Stand der Klang(geschichts)forschung gab DANIEL MORAT (Berlin). Da die Geschichtswissenschaft bei der Erforschung auditiver Kulturen in theoretischer und methodischer Hinsicht bislang nur wenig eigene Erfahrungen und Ergebnisse vorweisen kann, ist nach seiner Ansicht ein Austausch mit einschlägig interessierten Nachbardisziplinen geboten – wie so oft. Generell handelt es sich bei der Erforschung des Akustischen um ein dezidiert interdisziplinäres Forschungsfeld, wie auch der international gebräuchliche, letztlich aber wenig konkrete Sammelbegriff der „sound studies“ anzeigt. Auf das klar umrissene Instrumentarium einer allgemeinen Klangwissenschaft könne derzeit jedenfalls nicht zurückgegriffen werden. Stattdessen kämen Anleihen aus Kulturanthropologie und Medienwissenschaft, dort vor allem aus musik- und filmbezogenen Studien, aber auch aus gegenwarts- und anwendungsorientierte Disziplinen wie Tontechnik, Raumakustik oder „sound/acoustic design“ sowie aus künstlerischen Annäherungen an Klang in Betracht. Dieser Transfer gestalte sich jedoch oft schwierig, wie selbst an der zumeist eher mäßigen Rezeption musikgeschichtlicher Arbeiten zu beobachten ist. Historische Forschungen zu früheren Klangwelten und Praktiken und Kontexten des Hörens seien nach wie vor selten. Sogar Arbeiten zur Geschichte des Radios, die prädestiniert für klang- und hörgeschichtliche Sondierungen erscheinen, kreisen aus Morats Sicht vielfach noch zu sehr um Institutionen, Programme und politische Rahmenbedingungen, anstatt den medienspezifischen „sound“ und den Akt des Hörens systematisch in die Überlegungen einzubeziehen. Letztlich müsse sich die Geschichtswissenschaft durch die Artikulation eigener Thesen und Erkenntnisse stärker an der Profilierung der „sound studies“ beteiligen, forderte Morat in Anlehnung an den amerikanischen Historiker und Pionier einer umfassenden Sinnesgeschichte Mark M. Smith.3

Dass die Erforschung historischer Klanglandschaften auch für vormoderne Epochen Sinn macht, die nicht mit Tonaufzeichnungen im engeren Sinn aufwarten können, verdeutlichte JAN-FRIEDRICH MISSFELDER (Zürich) in seinem Vortrag über neue Klänge und altes Hören in der Schweiz um 1800 eindrucksvoll. Ausgehend von einer synästhetisch geschilderten Bootspartie auf dem Zürichsee in Gottfried Kellers Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals veröffentlichten Roman „Der grüne Heinrich“ skizzierte er das heuristische Potenzial einer klanggeschichtlichen Perspektive. Die sich im Bereich der Akustik niederschlagenden Elemente eines widersprüchlichen und von Ungleichzeitigkeiten geprägten Modernisierungsprozesses im 18. und 19. Jahrhundert sind aber auch jenseits solcher literarischen Schilderungen bestechend. Vor allem die von Missfelder beschriebenen Versuche zur Durchsetzung von „Ruhe und Ordnung“ als politischem Klangideal der Zürcher Ratsobrigkeit sind hier aufschlussreich. Einem allzu ausschweifenden Freizeitverhalten von ledigen Handwerksgesellen sollte durch eine ausgefeilte akustische Regulierung des Nachtlebens sowie der Sonn- und Feiertage mittels Versammlungsverboten, Glocken- und Trompetensignalen ein Riegel vorgeschoben werden. Wie wiederkehrende Anordnungen bezeugen, waren diese Versuche letztlich aber allenfalls partiell erfolgreich. Auch der Arbeitslärm von Handwerkbetrieben und Manufakturen erwies sich im Sinne der Sonntagsheiligung zunehmend als Problem für den städtischen Klangraum. Gleichfalls eindrücklich waren die Aufzeichnungen Leonard Köchlis, der als Augen- und Ohrenzeugen des Revolutionszeitalters und der französischen Fremdherrschaft in Zürich detailreich die unterschiedlichen akustischen Regime von Schweizern und Franzosen schilderte. Das alltägliche Ringen um die politische Oberhoheit wird darin gerade auch im Ringen um Vorherrschaft auf akustischer Ebene deutlich.

GERHARD PAUL zeichnete in seinem Vortrag die populärkulturelle Aneignung und Vereinnahmung von Richard Wagners „Ritt der Wallküren“ und die Wanderung dieser tonmalerisch dramatischen Melodie durch unterschiedliche Medienformate und Verwendungskontexte im 20. und 21. Jahrhundert nach. Es handele sich um ein besonders eindrückliches Beispiel einer „Schizophonie“ im Sinne des kanadischen Komponisten und Klangforschers Raymond Murray Schafer, also um die Herauslösung eines Klangobjekts aus seinem originären Kontext.4 Im Zeitalter der elektroakustischen Reproduzierbarkeit könnten musikalische Tonfolgen beziehungsweise Klänge frei um den Erdball flotieren, multimedial adaptiert und multimodal genutzt werden, ohne dass ihr ursprünglicher Aufführungs-, Verwendungs- und Aussagezusammenhang noch eine nennenswerte Rolle spiele. Paul konnte beispielhaft aufzeigen, wie der emotionalisierende „Ritt der Wallküren“ gewissermaßen vom Orchestergraben des 19. Jahrhunderts vor allem über das Medium Film, und hier längst nicht nur in Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“, auf die Schlachtfelder des 20. und 21. Jahrhunderts wanderte, um dort, etwa im Irak und in Afghanistan, als Aufputschmittel für Soldaten oder gar als akustische Waffe eingesetzt zu werden.

HEINER STAHL (Erfurt) unterstrich in seinem Vortrag, dass die Wahrnehmung von „sound“ als akustische Störung beziehungsweise Lärm historisch spezifisch ist und ebenso wie die Etablierung von Lärmschutzmaßnahmen oder Lärmgrenzwerten der kontinuierlichen gesellschaftlichen Aushandlung unterliegt. Am Beispiel des betriebsalltäglichen und staatlichen Umgangs mit den auditiven Belastungen an sogenannten Lärmarbeitsplätzen im Thüringer Kalibergbau zwischen 1950 und 1980 wurde dabei abermals das Potenzial einer systematischen Einbeziehung klanggeschichtlicher Fragen in sozial- und alltagsgeschichtliche Studien deutlich. Die Auswertung sonst eher unergiebiger ingenieurwissenschaftlicher und arbeitsmedizinischer Dokumente im Hinblick auf akustische Aspekte erlaubt es etwa, in der Bereitschaft der Kalikumpel, Lärm auszuhalten, neue Facetten männlicher Körperpolitik zu entdecken. Überdies können praktische Erfordernisse von Mensch-Maschine-Beziehungen im Arbeitsalltag jenseits arbeitsschutzrechtlicher Ideale und Bestimmungen herausgearbeitet werden.

INGE MARSZOLEK (Bremen) zeigte in ihrem Vortrag über die akustischen Dimensionen der Aussagen von Holocaust-Überlebenden auf, dass die menschliche Stimme nicht nur ein Medium faktischer Aussagen, sondern in ihrer Individualität, Subjektivität und Emotionalität immer auch ein Medium des Nacherlebens ist. Dies verschaffe der Aussage Gehör und mache ein Verstehen oft erst möglich. Die Überlebenden verliehen daher partiell auch den Ermordeten eine Stimme, konstatierte Marszolek im Anschluss an Jorge Semprún. Daraus ergeben sich zahlreiche Fragen für den quellenkritischen Umgang mit medialisierten Zeitzeugenaussagen, wie sie etwa in KZ-Gedenkstätten oder in Fernsehdokumentationen Verwendung finden. So müssten Zeitzeugenaussagen etwa immer in Hinblick auf das Mediendispositiv der Interview- und Aufnahmesituation sowie auf die Effekte der weiteren Speicherungs- und Reproduktionstechnik untersucht werden. Dies gelte insbesondere für audiovisuelle Aufnahmen, in denen die Stimmen der Zeitzeugen von der visuellen Ebene überformt werden.

HANS-ULRICH WAGNER (Hamburg) wies in seinem hörfunkbezogenen Vortrag ebenfalls darauf hin, dass die jeweilige Medialität von Tonaufzeichnungen zwingend in eine klanghistorische Betrachtung einbezogen werden muss. Die Präsenz von Klangkonserven der Vergangenheit in der Gegenwart sei durchaus trügerisch. Zwischen dem Originalklang und seiner (späteren) elektroakustischen Wiedergabe bestehen sehr wohl Unterschiede. Entsprechend bedürfen apparativ-technisch übermittelte Schallereignisse immer einer quellenkritischen, gewissermaßen klangarchäologischen Würdigung der in sie eingeschriebenen akustischen Spuren der Aufzeichnungs-, Speicher-, und Reproduktionsmedien. Zugleich erinnerte Wagner daran, dass auch der Akt des Anhörens solcher medialisierten Klangartefakte historisch sehr spezifisch ist. Ein aktueller Klangwahrnehmungsdiskurs kann daher zwangsläufig nicht historischen Klangwahrnehmungsdiskursen entsprechen, sondern allenfalls eine Annäherung sein.

Generell wurde in der theoretisch und methodisch sehr reflektierten Sektion deutlich, dass eine den von ihr betrachteten Gegenständen angemessene Klanggeschichtsschreibung durchaus anspruchsvoll ist. Ein Grundproblem besteht nicht zuletzt auch darin, dass die mittelbaren und unmittelbaren Höreindrücke wiederum schriftlich niedergelegt werden müssen, also eine weitere Medialisierungsstufe erreicht wird. Zugleich kann eine „Inventarisierung des Verklungenen“, wie sie Paul anregte, immer nur ein Aspekt der Historisierung vergangener Lebens- und Erfahrungswelten sein, weil es sich in aller Regel um hybride sinnliche Erfahrungen handelt.

Zu Recht plädierten alle Referenten dennoch dafür, die „sound history“ als eine zusätzliche Möglichkeit zur Erforschung der (Zeit-)Geschichte und Klangartefakte als wertvolle „Ressource“ der Geschichtswissenschaft zu begreifen. Die in Mainz diskutierten Beispiele belegen, dass die Mühe lohnt. Praktischen Niederschlag werden die bisherigen Überlegungen unter anderem im kommenden Jahr in einer voluminösen Multimediapublikation Gerhard Pauls in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der ARD finden: „Der Sound des Jahrhunderts. Ein akustisches Porträt des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts“. Man darf darauf gespannt sein.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Gerhard Paul

Gerhard Paul (Flensburg): Sound History – Einführung

Daniel Morat (Berlin): Sound Studies und Geschichtswissenschaft: Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Jan-Friedrich Missfelder (Zürich): Multiple akustische Modernisierung. Neue Klänge und altes Hören in der Schweiz um 1800

Gerhard Paul (Flensburg): „Walkürenritt“. Aus dem Orchestergraben auf das Schlachtfeld des (post-)modernen Krieges

Heiner Stahl (Erfurt): Lärmfilter. Klangereignisse und die gesellschaftlichen Aushandlungen auditiver (Stör-)Erfahrungen (1950-1980)

Inge Marszolek (Bremen): Die Stimme des Zeitzeugen – und das Hören der Überlebenden des Holocaust

Hans-Ulrich Wagner (Hamburg): Klangarchäologie der Radio-Stimmen

Gerhard Paul (Flensburg): Vorstellung des Multimedia-Projektes „Der Sound des Jahrhunderts. Ein akustisches Porträt des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts“

Anmerkungen:
1 Siehe etwa Gerhard Paul (Hrsg.), Visual history: ein Studienbuch, Göttingen 2006; ders., Das Jahrhundert der Bilder. 2 Bde., Göttingen 2008-2009.
2 Vgl. die klanggeschichtliche Pionierstudie: Alain Corbin, „Die Sprache der Glocken“. Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Aus dem Französischen von Holger Fliessbach, Frankfurt am Main 1995.
3 Vgl. etwa: Mark M. Smith, Sensing the past. Seeing, hearing, smelling, tasting, and touching in history, Berkeley et al. 2008; ders., Hearing history: a reader, London et al. 2004.
4 Raymond Murray Schafer, Klang und Krach. Eine Kulturgeschichte des Hörens, Frankfurt am Main 1988, S. 119ff.


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