1 / 1 Tagungsbericht

HT 2012: Verrat! Geschichte einer diskursiven Ressource von der Renaissance bis zur Gegenwart

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum, Ort:25.09.2012-28.09.2012, Mainz

Bericht von:
Sina Fabian, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
E-Mail: <Fabianzzf-pdm.de>

Der Begriff „Verrat“ erfreut sich gerade in letzter Zeit großer Beliebtheit. Die sogenannten „Vatileaks“- und „Wikileaks“-Affären nehmen breiten Raum in der aktuellen Medienberichterstattung ein. In diesem Sinne konnte die Sektion „Verrat! Geschichte einer diskursiven Ressource von der Renaissance bis zur Gegenwart“ tatsächlich eine Brücke vom Mittelalter bis heute schlagen. André Krischer wies in seiner Einleitung darauf hin, dass Verrat zwar zum Vokabular der Moderne gehöre, aber in der Wissenschaft bisher wenig beachtet worden sei, obwohl, wie diese Sektion zeigen wolle, dieser Terminus als kulturelles Deutungsmuster seit der Antike immer wieder eine wichtige Rolle gespielt habe. Die Sektion habe zum Ziel, so Krischer, Verrat in einen breiten Kontext zu setzen und sich damit von der Definition Margret Boveris, die Verrat als Produkt der Modernisierung und Säkularisierung im 20. Jahrhundert verstand [1], etwas abzusetzen. Alle Vorträge gingen der diskursiven Ressource Verrat anhand von Diskursanalysen nach, so dass sie nicht nur thematisch, sondern auch methodisch sehr ähnlich gelagert waren.

ULRICH HOFFMANN (Münster) beschäftigte sich in seinem Vortrag „Verrat als narrative Ressource der höfischen Literatur“ mit Verräterdiskursen im Mittelalter. Verrat, definiert als Treuebruch, galt im Mittelalter als eines der schwerwiegendsten Vergehen. In Dantes Göttlicher Komödie ist für Verräter der tiefste Höllenkreis vorgesehen. Hoffmann zeigte an zwei literarischen Texten unterschiedliche Verräterdiskurse auf. Als erstes widmete er sich dem Verräter Genelun im Rolandslied. Dieser habe in der Erzählung Karl den Großen aus Rache an die Heiden verraten, wodurch dessen Nachhut, angeführt von Roland, von den Heiden in einen Hinterhalt gelockt und besiegt worden sei. Genelun jedoch sei für seinen Verrat durch die Rechtsprechung Karls und einen verlorenen Zweikampf mit dem Tode bestraft worden. Nach Hoffmans Interpretation habe Geneluns Verrat zum einen ein Erklärungsmodell für die verlorene Schlacht von Roncesvalles geboten, zum anderen aber habe gerade die gerechte Strafe Geneluns das Ordnungsmodell des höfisch-christlichen Lebens, in der Treue eine herausragende Bedeutung zukam, gefestigt.

Verrat spiele auch im Prosa-Lancelot, der die Geschichte König Artus erzählt, eine zentrale Rolle. Im Verrat Mordrets an seinem Vater König Artus liefen, so Hoffmann, verschiedene Verratsnarrative zusammen. Mordret habe, den Tod Artus‘ vorgebend, Briefe gefälscht, in denen dieser Mordret als seinen Nachfolger einsetzte, der zudem auch noch seine Frau Ginover ehelichen sollte. Es sei zu einer finalen Schlacht zwischen den Heeren Mordrets und Artus‘ gekommen, in der Artus, tödlich durch Mordret verwundet, seinen Sohn besiegt habe. Während der Verrat im Rolandslied klaren Kausalitäten folge, werde der Verrat im Prosalancelot, so Hoffmann, als unabwendbares Schicksal dargestellt. Dies werde in Artus‘ Traum vom Rad der Fortuna deutlich. Auf diese Weise erscheine der Verrat als eine Laune des Schicksals, die nicht verhindert werde könne.

Zusammenfassend, beschrieb Hoffmann, diene die Figur des Verräters kontrastierend zur Darstellung unbedingter Treue, „indem sie andere Figuren in ihrer Größe nur umso deutlicher herausstellen lässt.“ Verratsnarrative böten zweitens auch immer eine Erklärung für das Unerklärliche, anhand dessen Grundfragen der höfischen Kultur wie Treue und Repräsentation aber auch Untreue und Untergang verhandelt würden.

Im zweiten Vortrag der Sektion befasste sich ANDRÉ KRISCHER (Münster) mit „Britischen Verratsdiskursen im Zeitalter der Glorious Revolution“. Als Erklärung für das verdichtete Aufkommen von Verratsdiskursen in dieser Zeit sieht Krischer die normative Tradition von Verratsgesetzen. Anders als auf dem Kontinent habe schon der bloße Gedanke oder die Planung des Königsmords als Verrat gegolten. Der Verratsbegriff sei im frühen 17. Jahrhundert zudem sehr häufig mit dem Begriff „Papismus“ kombiniert worden. Als Papisten seien nicht nur Katholiken bezeichnet worden, sondern beispielsweise auch Puritaner und Presbyterianer, da sich auch diese teilweise gegen die etablierte Ordnung aufgelehnt hätten. Verratsdiskurse seien zumeist mit Verschwörungsdiskursen einhergegangen, da die Bedrohungsszenarien teilweise so ausufernd gewesen seien, dass man sich nicht nur einen Einzeltäter hätte vorstellen können. Krischer machte an mehreren Beispielen deutlich, dass Verräter immer diskursiv ermittelt worden seien und es in hohem Maße darauf angekommen sei, welche Gruppe (Whigs oder Tories) gerade die Meinungshoheit besessen habe. So seien etwa verurteilte Verräter nach der Glorious Revolution und dem Machtwechsel teilweise wieder freigesprochen worden. Nach der Glorious Revolution sei zudem eine neue Gruppe ins Zentrum der Verratsdiskurse gerückt, die Anhänger des abgedankten/geflohenen König Jakob II., die sogenannten Jakobiten. Allerdings habe es zunächst zumindest einiger empirischer Hinweise bedurft, um Jakobiten als Verschwörer und Verräter zu brandmarken. Im Dezember 1690 sei die sogenannte Preston-Bande aufgegriffen worden, in deren Besitz sich Hinweise auf eine Verschwörung gegen den König und die Königin gefunden hätten. Diese hätten ausgereicht, um einen Hochverratsprozess zu inszenieren. Die Ankläger hätten argumentiert, dass die Verschwörung sich nicht nur gegen das Königspaar gerichtet habe, sondern einer Bedrohung ganz Englands gleich gekommen sei, da die Verschwörer ihre Pläne mithilfe Frankreichs in die Tat hätten umsetzen wollen. Die „Nation“, so Krischer, sei dabei als ein neues Paradigma in den Verratsdiskursen aufgekommen und der Verrat habe sich nun nicht mehr nur gegen den König sondern gegen die englische Nation selbst gerichtet.

Krischer betonte die Rolle der gedruckten Flugschriften, ohne die die Verbreitung von Verratsdiskursen und deren Durchsetzung nicht möglich gewesen seien. Allerdings hätten die Pamphlete auch Hinweise auf etwas juristisch Verwertbares beinhalten müssen, damit sich ein Verratsdiskurs etablierte. Reine Spekulationen hätten dafür nicht ausgereicht. Vielmehr hätten die Jakobiten eine Zeit lang erfolgreich spektakuläre Verratsprozesse nutzen können, die auf reinen Spekulationen und fingierten Beweisen beruhten, um einen Gegendiskurs aufzubauen. Doch mit dem Assasination Plot von 1696 habe sich das Verräternarrativ für Jakobiten endgültig durchgesetzt. Dieses Mal sei tatsächlich ein Mordanschlag auf König Wilhelm geplant gewesen, doch seien die Pläne rechtzeitig verraten und den Verschwörern der Prozess gemacht worden. Auch in diesem Fall sei den gedruckten Medien eine hohe Bedeutung zugekommen, die Flugschriften, die diesen Fall beschrieben, seien ins Niederländische und Deutsche übersetzt worden und der Prozess habe sich so quasi zu einem europäischen Medienereignis entwickelt. Zusammenfassend hielt Krischer fest, dass die Verratsdiskurse als Instrument der Revolution gesehen werden müssten, mit denen die neue Regierung ihre Macht zu sichern versucht habe. Doch ohne die Etablierung der Drucktechnik sei eine Durchsetzung der Verratsdiskurse unmöglich gewesen.

In seinem Kommentar zu den beiden ersten Vorträgen machte GERD SCHWERHOFF (Dresden) die Verratsdiskurse charakterisierenden Merkmale aus, die sich über mehrere Epochen erstreckten. So sei eine „dominant moralische Konnotation“ sowie deren „starke religiöse Färbung“ ein transepochales Charakteristikum. Ein Verrat habe zumeist eine triadische Struktur, die aus Verräter, Verratenem und einer Person, an die verraten wird, bestehe. Zudem verfolge ein Verratsdiskurs immer auch eine Funktion, die entweder erklärend sei oder der politischen oder sozialen Inklusion sowie Exklusion diene. Des Weiteren sei ein Verratsvorwurf immer wechselseitig konstruierbar.

ANDREAS OBERHOFER (Innsbruck) befasste sich in seinem Vortrag „Verräter und Helden während der Befreiungskriege“ mit dem „Judas von Tirol“, Franz Raffl, der den Freiheitskämpfer Andreas Hofer, der sich gegen die napoleonische und bayerische Besetzung Tirols auflehnte, 1809 an die Besatzungsmacht verraten haben soll. Oberhofer zeichnete die Rezeptionsgeschichte des Verrats überzeugend nach und argumentierte, dass in der zeitgenössischen Rezeption der Verräter Raffl nahezu keine Rolle gespielt habe. Hofer habe als Held im Vordergrund gestanden. Der Verratsdiskurs habe sich vielmehr um den Verrat am „Vaterland“ gedreht, zu denen all jene gehört hätten, die Hofers Kampf nicht explizit oder implizit unterstützt hätten. Hofer habe die Tiroler zudem als das auserwählte Volk gesehen, das durch die Besatzung von Gott auf die Probe gestellt werde. Bei den Verrätern habe es sich zu dieser Zeit jedoch noch um ein „verschwommenes Kollektiv“ gehandelt. Zeitgenössisch sei Hofer teilweise sogar negativ als Kriegshetzer gesehen worden. Die Impulse, ihn als Helden zu stilisieren, seien von außen gekommen, insbesondere von englischen und deutschen Romantikern.

Um 1900 habe sich der Mythos des christusähnlichen Leidens Andreas Hofers herausgebildet, das stellvertretend auch als das Leiden des ganzen Tiroler Volkes gesehen werden könne. Wenn allerdings Hofers Leiden mit dem Leiden Christi gleichgesetzt werden sollte, so habe es auch einer Judas-Figur bedurft. Dazu habe sich der bis dahin kaum beachtete Franz Raffl geeignet, der als Verräter und damit als Antipode zu Hofer erst konstruiert werden musste. Die Figur des Raffls sei in den folgenden Jahren mit charakterlichen und physischen Merkmalen und Schwächen belegt worden. Er sei ein Feigling und Deserteur gewesen und habe zudem einen roten Bart (so wie Judas!) gehabt. Raffl sei im 20. Jahrhundert zum prototypischen Verräter geworden, zu einem Bruch mit diesen Diskursen sei es erst in den 1980er-Jahren gekommen. Seitdem finde eine Entwicklung hin zur Rehabilitation statt, die Raffl als Opfer der Gesellschaft darstelle, die ihn als Außenseiter nicht akzeptiert habe.

Den letzten Vortrag hielt PETER HOERES (Gießen/Mainz). Er befasste sich in seinen Ausführungen zum „Verrat der Neuen Ostpolitik – Die Mobilisierung einer diskursiven Ressource“ mit einem Verratsdiskurs im 20. Jahrhundert. Hoeres machte eine periodische Wiederholung der Forderung nach Abschaffung der Arkanpolitik aus, die bereits von Kant erhoben worden war. Mit dem Amtsantritt Willy Brandts sollte „eine neue Ära der öffentlichen Partizipation beginnen“, nicht zuletzt mit Hilfe von Conny Ahlers, dem ehemaligen Spiegel-Chefredakteur, der im Zuge der Spiegel-Affäre verhaftet worden war und nun zum Regierungssprecher berufen wurde (in der Großen Koalition war er schon stellvertretender Regierungssprecher gewesen). Doch stattdessen sei es zu einem neuen Verratsdiskurs gekommen, der von linksliberaler Seite gegen die konservative Opposition, insbesondere „deren“ Medien vorgebracht worden sei. Nach der Regierungsübernahme der linksliberalen Koalition habe sich die deutsche Medienlandschaft in zuvor unvorstellbarer Weise polarisiert. Als Oppositionsmedien seien der Springer-und Bauer-Verlag sowie Gerhard Löwenthals ZDF-Magazin aufgetreten. Diesen Medien sei es wiederholt gelungen, die Brandt-Regierung durch gezielte Veröffentlichungen interner außenpolitischer Dokumente in Bedrängnis zu bringen. Nachdem Geheimdokumente über deutsch-sowjetische Verhandlungen über einen Gewaltverzichtsvertrag an die oppositionellen Medien geleakt worden waren, habe Der Spiegel 1972 gegen die konservative Opposition und die konservativen Medien unter dem Titel „Verrat in Bonn“ [2] den Verratsvorwurf mobilisiert. Das Magazin habe versucht, den „Verrat“ zu skandalieren und sei auch vor haltlosen Anschuldigungen nicht zurückgeschreckt.

Eine ganze Serie von Leakings führten zu einer vom Kanzleramt veranlassten Durchsuchung verschiedener Büros der Illustrierten Quick, die zum Bauer-Verlag gehörte, sowie zur Hausdurchsuchung eines Quick-Korrespondenten. Die Welt und Quick versuchten, laut Hoeres, dieses Vorgehen als „Quick-Affäre“ zu skandalisieren, doch hätten sie damit bei Weitem nicht die Aufmerksamkeit erreicht, die die „Spiegel-Affäre“ seinerzeit bekommen habe. Auch sei die parlamentarische Aufklärung der Durchsuchungen weitgehend im Sande verlaufen.

Hoeres bilanzierte, dass sich die Verratsdiskurse aus der „innermedialen Polarisierung über die Neue Ostpolitik“ ergeben hätten. Während zu Beginn der 1960er-Jahre noch der Spiegel selbst am Verratspranger gestanden habe, sei der Verratsvorwurf innerhalb einer Dekade politisch gewandert. Nun hätten die linksliberalen Medien, allen voran der Spiegel, den Verratsvorwurf gegen die konservativen Journalisten und Politiker gewendet. Diese jedoch hätten sich selbst als Investigatoren gegen die Arkanpolitiker der Regierung gesehen, die mit der Neuen Ostpolitik Kernziele der deutschen Politik verraten würden.

Abschließend stellte Hoeres heraus, dass die Verratsdiskurse nicht nur den Modalitäten des Kalten Krieges geschuldet seien, sondern sich wieder großer Beliebtheit erfreuten und Verrat auch heute noch als diskursive Ressource zur „moralischen und rechtlichen Diskreditierung der Illoyalität“ diene.

Im abschließenden Kommentar betonte FRANK BECKER (Duisburg-Essen) noch einmal, dass Verratsvorwürfe immer perspektivisch seien und Historiker diese deshalb auf einer Metaebene analysieren müssten. Gerade in der Moderne käme dem Verrat eine wichtige moralische Funktion zu, dieser solle die vielfältigen Entscheidungsoptionen eindämmen bzw. aufzeigen, dass nicht alle Entscheidungen als gleich gut zu bewerten seien. Des Weiteren wies Becker daraufhin, dass Verrat nur eine begrenzte Ressource sei, die nicht zu oft genutzt werden könne, weil der Verratsvorwurf sonst wirkungslos oder sogar kontraproduktiv sei.

Der Anspruch eine transepochale Sektion sinnvoll zu gestalten, konnte überzeugend erfüllt werden. Dieses Panel zeigte, wie fruchtbringend es sein kann, einen Diskurs über mehrere Jahrhunderte hinweg zu analysieren und nicht an künstlichen Epochengrenzen Halt zu machen. Diesem gelungenen Ansatz wird auch in Form eines entsprechenden Sammelbandes nachgegangen, der im kommenden Jahr erscheinen wird.[3]

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: André Krischer, Westfälische-Wilhelms-Universität Münster / Peter Hoeres, Justus-Liebig-Universität Gießen/Johannes Gutenberg-Universität Mainz

André Krischer(Münster)/Peter Hoeres(Gießen/Mainz): Einführung

Ulrich Hoffmann (Münster): Verrat als narrative Ressource der höfischen Literatur

André Krischer (Münster): Britische Verratsdiskurse im Zeitalter der Glorious Revolution

Gerd Schwerhoff (Dresden): Kommentar

Andreas Oberhofer (Innsbruck): Verräter und Helden während der Befreiungskriege

Peter Hoeres (Gießen/Mainz): Verrat der Neuen Ostpolitik – Die Mobilisierung einer diskursiven Ressource

Frank Becker (Duisburg-Essen): Kommentar

Anmerkungen:
[1] Margret Boveri, Der Verrat im XX. Jahrhundert, 4 Bde., Hamburg 1956-1960.
[2] Der Spiegel, 24.4.1972.
[3] André Krischer (Hrsg.), Verräter. Archäologie eines Deutungsmusters, Wien, Köln, Weimar (erscheint 2013).

ZitierweiseTagungsbericht HT 2012: Verrat! Geschichte einer diskursiven Ressource von der Renaissance bis zur Gegenwart. 25.09.2012-28.09.2012, Mainz, in: H-Soz-u-Kult, 24.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4439>.

Copyright (c) 2012 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.