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Industriekultur 2020. Positionen und Visionen für Nordrhein-Westfalen

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Land Nordrhein-Westfalen; Landschaftsverband Rheinland; Landschaftsverband Westfalen-Lippe; Regionalverband Ruhr; Stadt Dortmund; Stadt Essen
Datum, Ort:11.11.2011-12.11.2011, Dortmund

Bericht von:
Susanne Abeck, Essen
E-Mail: <susanne.abeckgmx.de>

Im Fokus dieser vom LWL-Industriemuseum Zeche Zollern ausgerichteten Tagung stand das Zukunftspotential der historisch bedingten Industriekultur in Nordrhein-Westfalen (NRW), dem Land, das laut des zuständigen Ministeriums wie „keine andere Region in Deutschland [...] so viele und so bedeutende Zeugnisse der Industriegeschichte vorweisen“ kann. Ansatz der vom Land NRW, den Landschaftsverbänden Rheinland und Westfalen-Lippe (LVR und LWL), dem Regionalverband Ruhr (RVR) sowie der Städte Dortmund und Essen veranstalteten Konferenz war, diese Thematik einmal nicht ruhrgebiets-, sondern landesweit zu beleuchten und Vertreter/innen zahlreicher Institutionen – Planungsbüros, Museen, Denkmalämter, Vereine und andere – zu Wort kommen zu lassen.

Zu Beginn der Tagung stellte die vom Land einberufene „Arbeitsgruppe Industriekultur NRW“, ein Zusammenschluss von Vertreter/innen 14 industriekultureller Institutionen und Netzwerke, die „Charta der Industriekultur“ vor. Auch diese bezeichnet die Industriekultur als „Alleinstellungsmerkmal für ganz Nordrhein-Westfalen“ und „wichtiger Teil des nationalen Kulturgutes“, die „nicht nur die unmittelbaren Hinterlassenschaften und Sachzeugen der Industrie- und Technikgeschichte umfasst, sondern auch das der Industrie zugehörige Umfeld mit den daraus entstandenen infrastrukturellen, städtebaulichen, sozialen, politischen sowie alltagskulturellen Zeugnissen. Einbezogen sind auch immaterielle Zeugnisse wie persönliche Erinnerungen und gesellschaftliche Überlieferungen.“[1] Um die Position der Industriekultur in Nordrhein-Westfalen „auch zukünftig zu halten und weiter auszubauen“ soll sich – so der im Text zu lesende Wunsch – auch die Industrie, Besitzerin zahlreicher Industriedenkmale, einbringen. Diese war der Tagung jedoch ohne Ausnahme fern geblieben. Zahlreich vertreten waren hingegen diejenigen, die für den Erhalt und für die Vermittlung der Industriedenkmäler verantwortlich sind, sprich Denkmalpfleger/innen und Museumsmitarbeiter/innen.

Der status quo der Industriekultur in NRW wurde von HELMUTH ALBRECHT (Freiberg) von der Technischen Universität Freiberg skizziert. Das Land dürfe sich als Motor und Vorbild für eine europaweite, überaus erfolgreiche Entwicklung verstehen, denn hier sei die Industriekultur ein Schlüsselfaktor für Veränderungen: für den Aufstieg der Industriedenkmalpflege, für eine erweiterte Stadt- und Raumentwicklung, für einen gestiegenen Tourismus und für eine positive Image- und Identitätsbildung einer Region im Strukturwandel. Gefahren für diese Entwicklung sah Albrecht dort, wo eine Kommerzialisierung von Industrie- zur Eventkultur den ursprünglich emanzipatorischen und gesellschaftskritischen Ansatz gefährde und den Stellenwert der Industriedenkmalpflege schwäche.

In eine ähnliche Richtung zielte JÖRG HASPEL (Berlin), Landeskonservator Berlin und Vizepräsident Deutsches Nationalkomitee ICOMOS, indem er den Vorwurf an die Industriekultur, wirtschafts- und unternehmerfeindlich zu sein, als unbegründet bezeichnete. Vielmehr seien die Initiativen der Industriekultur, wie zum Beispiel um die Erlangung der Welterbe-Auszeichnung, als Motor der Stadt- und Regionalentwicklung wahrzunehmen. Den kurz vor der Tagung beim Land eingereichten Vorschlag, mehrere denkmalgeschützte Stätten des Ruhrgebiets zum Welterbe zu benennen, befürwortete Haspel. Das Ruhrgebiet besetze eine herausragende Stellung innerhalb der Industriegeschichte und weise besondere postindustrielle Strategien mit einer einzigartigen Qualität selbst unter internationalen Gesichtspunkten auf. Allerdings sei das Profil noch zu schärfen.

NORBERT SIEVERS (Bonn) von der Kulturpolitischen Gesellschaft bewertete die Nutzung großer Industriehallen für kulturelle Nutzungszwecke hingegen eher negativ. Mit diesem Raumangebot würden Überkapazitäten geschaffen und Kulturveranstaltungen förmlich ins Erlebnis- und Eventformat hineingedrängt. Das Thema „Bildung“ drohe hierdurch Schaden zu nehmen und die Einrichtungen mit einem klassischen Bildungsauftrag würden mehr und mehr ins Hintertreffen geraten. Ihm widersprach MEINRAD MARIA GREWENIG (Völklingen), Generaldirektor der Völklinger Hütte, mit seinem Verständnis der Industriekultur als der wichtigsten Kulturplattform des 21. Jahrhunderts, mittels der Museumsbarrieren entfernt und überholte Kategorien im Museumsbereich (Kunst-, Natur-, Technik- und andere Museen) aufgehoben werden können. Die touristische und erlebnisorientierte Ausrichtung der Industriekultur wurde von dem Museumsleiter und Präsidenten der European Route of Industrial Heritage ausdrücklich begrüßt. Demgegenüber plädierte ULRICH BORSDORF (Düsseldorf), Gründungsdirektor des Ruhr Museums auf Zollverein, vehement für „Inhalt vor Tourismus“ und stellte bereits den Begriff „Industriekultur“ in Frage, wenn er sich ausschließlich an dem (baulich) Sichtbaren orientiert und eine Auseinandersetzung mit Geschichte verdränge.

CHRISTIANE BAUM (Aachen), Geschäftsführerin von European Route of Industrial Heritage (ERIH) e.V., einem Netzwerk mit 77 Ankerpunkten in 12 Ländern, befasste sich mit dem Verhältnis von Industriekultur und Tourismus. Beide seien aufgrund des Schmuddel-Images der Industrie keineswegs leicht zusammen zu bringen. Um das Verhältnis zwischen Touristikern und Betreibern der Industriekultur zu verbessern, plädierte sie für narrative, inszenierte Erlebniswelten, eine engere Zusammenarbeit mit sozialen Netzwerken und eine stärkere Vernetzung auf der NRW-Landesebene, um so den Zugriff für Touristiker zu vereinfachen. Industriekultur an sich sei (noch) keine Marke.

In einer Diskussionsrunde am Ende des 1. Tagungstages wies DIETER NELLEN (Essen), Referatsleiter für Kultur und Sport beim RVR, über die Landesgrenzen hinaus und sprach von der Industriekultur als „einer nationalgeschichtlichen Aufgabe“, die stärker etabliert und kommuniziert werden müsse. Mit finanzieller Unterstützung des Bundes soll, unter Beibehaltung der herausragenden Rolle des Ruhrgebiets als diesbezüglicher Kompetenzregion, eine Industriestiftung Ruhr beziehungsweise eine Industriestiftung NRW aufgebaut werden. Mit Wink in Richtung Sievers und Borsdorf sprach er dem Tourismus kein Bedrohungs-, sondern ein Benefitpotential zu. STEPHAN SENSEN (Altena), der für das Netzwerk WasserEisenLand e.V. auf dem Podium saß, führte die zahlreichen ehrenamtlich Engagierten innerhalb der Industriekultur an und forderte deren stärkere Unterstützung, zum Beispiel in Form einer landesweiten Vereinheitlichung der Förderprogramme der beiden Landschaftsverbände und der großen Stiftungen. Die anwesenden Landesrätinnen BARBARA RÜSCHOFF-THALE (Münster) und MILENA KARABAIC (Köln) skizzierten grob die nächsten Schritte der „Arbeitsgruppe Industriekultur NRW“: Man könne zwar nicht an Aus- und Aufbau denken, aber in gegebenen Strukturen neue Wege gehen und besser kooperieren.

Dennoch blieb am Ende des ersten Tages offen, wie eine engere Zusammenarbeit der Akteure der Industriekultur auf Landesebene konkret aussehen kann, und zwar so, dass die Belange aller Beteiligten wahrgenommen und berücksichtigt werden. Dass dies durchaus gelingen kann, fußt darauf, dass die Arbeitsgruppe Industriekultur NRW von einem durchsetzungsfähigen Partner initiiert wurde und zukünftig moderiert wird: dem Land, konkret der Abteilung Stadtentwicklung und Denkmalpflege im Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes NRW. Dabei sollte der von Helmuth Albrecht als das Hauptcharakteristikum der Industriekultur bezeichnete stete Wandel stärker betont werden. Transformation ist sicher ein brauchbarer Begriff, um der Industriekultur den Ruf einer entwicklungshemmenden Käseglocke auszutreiben.

Am 2. Veranstaltungstag wurden in drei Sektionen Fragen rund um die museale Präsentation der Industriekultur, die Funktion der regionalen Industriekultur-Netzwerke und die Bedeutung des Industriedenkmals als Ressource und Potential bearbeitet, womit der Tag stärker an Alltagsfragen und -problemen der Industriekultur, ihrer Einrichtungen und Akteure ausgerichtet war.

Die 1. Sektion drehte sich mit zahlreichen und interdisziplinär besetzten Podien und Arbeitsgruppen um die Aufgabenstellung der Industriemuseen in einer postindustriellen Gesellschaft; Leitthema war „Innovation durch Partizipation“. Die Sektion begann mit Anforderungen an die Museen aus der Erwachsenenbildung (BERND FAULENBACH, Bochum), der kulturellen Kinder- und Jugendbildung (VIOLA KELB, Remscheid), der Museumspädagogik (ANJA HOFFMANN, Dortmund) und der kulturellen Arbeit mit Einwanderern (BIRGER GESTHUISEN, Köln). Hier nahm vor allem ANJA HOFFMANN Bezug auf die „Charta“ und plädierte für eine kritische Auseinandersetzung mit den dort formulierten Forderungen nach vielfältigen Vermittlungsformen, zielgruppengerechter Ansprache aller Gesellschaftsgruppen und enger Zusammenarbeit mit anderen Bildungseinrichtungen. Angesichts der Erfahrungen mit den bereits vorliegenden Angeboten zu „lebenslangem Lernen“ und „Inklusion“ stellte sie die berechtigte Frage, ob angesichts knapper Ressourcen eine Konzentration auf eine starke und gut evaluierte Zielgruppe nicht besser sei, als jedem Nichtbesucher hinterher zu jagen. In sechs Modellprojekten wurden anschließend unterschiedliche Partizipationsmöglichkeiten im Museum vorgestellt, die deutlich machten, wie die Forderung nach Inklusion und Partizipation praktisch umgesetzt werden kann: durch Interventionen in Dauerausstellungen (REGINA WONISCH, Klagenfurt), Besucherbeteiligungen (ANJA DAUSCHEK, Stuttgart, und SUSANNE GESSER, Frankfurt am Main), experimentelle cross-over und neuartige Erinnerungsprojekte (GORDON KAMPE, Essen, und MARTIN HANDSCHIN, Baden/Ch.), aber auch klassische Lernformen (CAROLA MARX, Dresden).

Dies wurde am Nachmittag in drei Workshops (Generationswechsel und Zielgruppenvielfalt, kulturelle Vielfalt und Kompetenzvielfalt) vertieft. Einig war man sich in dem Selbstverständnis der Industriemuseen als eines niedrigschwelligen Kulturangebotes für möglichst viele, von Kindergartenkids bis zu Demenzkranken, sowie hinsichtlich der Notwendigkeit und Grenze von ausdifferenzierten, den jeweiligen Besuchergruppen angepassten Vermittlungsformen. Uneinigkeit herrschte bei der Frage, ob es für jede bzw. viele Migrantengruppen eigene Museen geben sollte oder ob die Bedürfnisse nach Identifikation und Selbstvergewisserung nicht gerade von den Industriemuseen mit ihren Schwerpunkten Arbeit-, Technik und Sozialgeschichte bedient werden können. Die anwesenden Migranten/innen sprachen sich eher für eigene Häuser aus, während die meisten Nicht-Migranten für ein integratives Museumskonzept plädierten. Zudem wurden verschiedene Vermittlungsmethoden wie der „History Slam“ vorgestellt sowie Strategien, um die Museen als außerschulischen Lernort interessant zu halten. Einig war man sich darin, dass die Industriemuseen als begehbare und ‚begreifbare‘ Erinnerungsorte auch weiterhin ein besonderes Potenzial für die Bildungsförderung und Geschichtsvermittlung haben werden, das sie allerdings zielgerichteter nutzen sollten.

Die Teilnehmer/innen der 2. Sektion an diesem Tag fuhren vom Ruhrgebiet aus ins Bergische Land und besichtigten zwei Industriemuseen: die ehemalige Gesenkschmiede in Solingen, die vom LVR betrieben wird, und die frühere „Textilstadt“ Wülfing, die in Teilen von einem Verein getragen wird. RAINER KLENNER (Düsseldorf) aus dem Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen gab einen Überblick über die vielfältigen Netzwerke der Industriekultur in den Regionen NRWs – institutionelle Netzwerke wie die Landschaftsverbandsmuseen, aber auch regionale Zusammenschlüsse im Ruhrgebiet, Bergischen Land, in der Aachener Region und in Ostwestfalen. HANS JOACHIM DE BRUYN-OUBOTER (Wuppertal), Vereinsvorsitzender des „Bergischen Rings“, stellte dieses regionale Netzwerk der Bergischen Industriekultur und Verkehrsgeschichte vor. JOCHEM PUTSCH (Solingen), Leiter des LVR-Industriemuseums Solingen, tat dies für das vom Industriemuseum im Verbund mit ehrenamtlichen Initiativen betriebene Netzwerk „Industriekultur Bergisches Land“ und STEPHAN SENSEN, Leiter der Museen des Märkischen Kreises, für das junge Netzwerk „WasserEisenLand“ in Südwestfalen. Auf dem anschließenden Podium wurde für eine bessere Zusammenarbeit von Touristikern und Industriekultur-Akteuren, für eine kohärentere Aufstellung der Netzwerke innerhalb NRWs und für eine bessere Bündelung aller Ressourcen, auch die der kleineren Standorte, mit unterschiedlichen Gewichtungen plädiert. Der industriekulturelle Reichtum auch außerhalb des Ruhrgebiets in NRW müsse – und hier schloss sich der Bogen zur Forderung der „Charta“ nach einer Dachmarke der Industriekultur NRW mit differenzierten Regionalmarken – mehr zur Geltung gebracht werden.

Eine 3. Sektion konzentrierte sich auf Industriedenkmäler und fand vormittags im Dortmunder U und nachmittags auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen statt. AXEL FÖHL (Köln/ Berlin), rund 40 Jahre Industriedenkmalpfleger im LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, befürwortete anhand des Beispiels Meidericher Hütte in Duisburg kleine und unaufwändige Nutzungen, da diese für die Denkmäler besser seien als aufwändige, letztlich stark substanzverändernde Umnutzungen. URSULA MEHRFELD (Dortmund), Geschäftsführerin der deutschlandweit einmaligen Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, erläuterte die Aufgabe der Stiftung, die stiftungseigenen Industriebauten nach höchsten Standards der Denkmalpflege nutzungsneutral zu sanieren, zu konservieren und zu erforschen. HEINZ HUEPPE (Dortmund), Leiter der PHOENIX See Entwicklungsgesellschaft, stellte das umfangreiche Stadterneuerungsprojekt auf dem ehemaligen Hochofen- und Stahlwerksgelände PHOENIX in Dortmund-Hörde vor. Während auf der westlichen Hälfte ein Gewerbegebiet mit Schwerpunkt Nanotechologie vorgesehen ist, wurde der östliche Teil bereits völlig neu gestaltet, indem dort, wo früher ein Stahlwerk stand, ein See als Mittelpunkt einer neuen Wohn- und Gewerbebebauung geflutet wurde.
In der Nachmittagssitzung auf der Zeche Zollverein wurde im Anschluss an die Ausführungen von ACHIM PFEIFFER (Essen) über den Umbau und die Sanierung der dortigen Übertageanlagen intensiv über die Rolle der technischen Ausstattung innerhalb des Welterbes diskutiert. Der Umbau und die teilweise Entkernung der Kohlenwäsche wurde von einigen im Plenum als „krasse Übernutzung“ und als Fehler bezeichnet. Negativ wurde zudem angemerkt, dass die Sanierung als solche dem Besucher nicht erklärt werde. MATHIAS BÜRGIN (Basel) berichtete über die Anfänge und die Professionalisierung von Zwischennutzungen in der Schweiz. In staatlichem Auftrag hat er eine Plattform zur Förderung und Steuerung von Zwischennutzungen entwickelt, die inzwischen als ein wirtschaftlich, sozial und städtebaulich wichtiges Instrument der aktiven Stadt- und Standortentwicklung genutzt würde. STEFAN BRÜGGERHOFF (Bochum) stellte dazu passend das in Vorbereitung befindliche Projekt einer Expertenplattform für den planerischen, organisatorischen, konservatorischen und dokumentarischen Umgang mit großen Industriedenkmälern vor. Auf der Grundlage von Expertenworkshops wird dafür ein Leitfaden entwickelt, der Verantwortlichen und Planern das systematische Vorgehen erleichtern und Prozesse transparent machen soll. Zum Schluss skizzierte JÖRG STÜDEMANN (Dortmund), Kulturdezernent der Stadt Dortmund, die Idee eines „Kompetenzzentrums Industriekultur“ („Center of Excellence“), an dem die ruhrgebietsweiten Erfahrungen im Umgang mit diesem Typ Denkmal gesammelt, aufbereitet und den Interessenten aus aller Welt vermittelt werden sollen. Das Ruhrgebiet solle sich, unter Berücksichtigung relevanter sozialer und ökonomischer Aspekte, mit einem solchen Zentrum als Kompetenzregion für Strukturwandel und Umnutzung von Industriedenkmälern weltweit vermarkten.

Eine Fehlstelle dieser Tagung war sicherlich das weitgehende Ausbleiben der – allerdings nur schwer an konkreten Personen auszumachenden – Kritik an der Industriekultur. Einzig Norbert Sievers übte prinzipiell Kritik an dem Konzept, über die Nutzung baulicher Relikte der Schwerindustrie strukturschwachen Regionen neue Impulse einzuhauchen. Wobei man hier jedoch gegen fragen könnte, ob den finanziell angeschlagenen Theatern und Museen auf Landesebene wirklich geholfen wäre, wenn es zum Beispiel die RuhrTriennale mit einem Jahresetat von 13 Millionen Euro nicht gäbe? Aber vielleicht sind ohnehin weniger die kritischen Stimmen problematisch als vielmehr das diesbezüglich verbreitete Desinteresse. So ist zum Beispiel die Diskussion um die Ergänzung zum bestehenden Welterbe im Ruhrgebiet über ein leichtes Lodern nicht hinaus geraten. Doch wie lässt sich das mit der Charta postulierte Ziel, die "international führende Position der Industriekultur in Nordrhein-Westfalen [... ] weiter auszubauen“, erreichen, wenn selbst eine solche Idee nicht ambitioniert diskutiert wird? Wichtig hierfür ist es, dass die Akteure der Industriekultur stärker als bisher das in baukultureller, stadtplanerischer, imageprägender wie identitätsstiftender Hinsicht Erreichte kommunizieren, über den Rahmen einer Tagung hinaus. Genau dafür ist die landesweit initiierte Vernetzung eine gute Voraussetzung. Man darf gespannt auf deren weitere Arbeitsergebnisse sein.

Konferenzübersicht:

LWL-Direktor Wolfgang Kirsch, LVR-Direktorin Ulrike Lubek, Ullrich Sierau, Oberbürgermeister der Stadt Dortmund, Carola Geiß-Netthöfel, Direktorin des RVR: Positionen und Visionen.

Moderation: Anke Bruns

Harry K. Voigtsberger, Minister für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen: Erfolge, Potentiale und Chancen der Industriekultur in NRW

Helmuth Albrecht (TU Freiberg): NRW-Industriekultur im kritischen nationalen und internationalen Vergleich

Sektion 1: Industriekultur im Spannungsfeld äußerer Ansprüche

Hans-Peter Noll (RAG Montan Immobilien GmbH) : Industriedenkmale als Nukleus für Stadterneuerung und –entwicklung [fehlte]

Dipl.-Betriebswirtin (FH) Christiane Baum (concept & beratung, ERIH): Industriekultur und Tourismus – eine schwierige Beziehung?

Sektion 2: "Flagschiffe" versus Netzwerke der Industriekultur

Jörg Haspel (Landeskonservator Berlin, Vizepräs. Deutsches Nationalkomitee ICOMOS): Industriekulturelles Welterbe zwischen Einzeldenkmal und industriell geprägter Kulturlandschaft

Eusebi Casanelles (ehem. Präsident TICCIH): Einheit in der Vielfalt: regionale Netzwerke in Europa

Sektion 3: Industriekultur zwischen Geschichtsvermittlung und Eventkultur

Norbert Sievers (Kulturpolit. Gesellschaft) / Ulrich Borsdorf (Ruhr Museum) / Meinrad Grewenig (Völklinger Hütte)

Moderation: Anke Bruns

Sektion 4: Wege und Visionen

Moderation: Anke Bruns

Stephan Sensen (WasserEisenLand e.V.): Möglichkeiten und Grenzen der ehrenamtlichen Arbeit in den Netzwerken

Dieter Nellen (RVR): Industriekultur zwischen Innovation und regionaler Gestaltungsautonomie

Jörg Stüdemann (Kulturdezernent Stadt Dortmund) / Andreas Bomheuer (Kulturdezernent Stadt Essen): Bündelung der industriekulturellen Kompetenz für Denkmalpflege, Stadtentwicklung, Raumplanung und Vermarktung

Barbara Rüschoff-Thale (LWL-Kulturdezernentin): Bildung, Erlebnis und Vielfalt. Die Industriemuseen in der postindustriellen Gesellschaft

Milena Karabaic (LVR-Kulturdezernentin): Netzwerke neu denken: Eine Charta „Zukunft Industriekultur in NRW“

Sektion 5: Innovation durch Partizipation. Industriemuseen in der postindustriellen Gesellschaft

Begrüßung und Einführung: Dagmar Kift (LWL)

Impulse: Anforderungen an die Industriemuseen als Bildungsorte

Moderation: Beatrix Commandeur (LVR)

Bernd Faulenbach (Ruhr-Universität Bochum)

Viola Kelb (Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung)

Anja Hoffmann (Bundesverband Museumspädagogik)

Birger Gesthuisen (Westdeutscher Rundfunk, WDR)

Modellprojekte

Martin Handschin (Ausstellungsbüro imRaum, Baden/Ch): Das Langzeitprojekt „Meine Großeltern. Erinnerungsbüro"

Susanne Gesser (historisches museum frankfurt): Das „Stadtlabor“ im partizipativen Museum

Anja Dauschek (Stadtmuseum Stuttgart): Stadtgeschichte und Zuwanderung

Regina Wonisch (Universität Klagenfurt): Interventionen. Das Projekt „Frauenzimmer und Männerwelten“ des Wien Museums

Carola Marx (Deutsches Hygienemuseum Dresden): Lernen im Museum

Gordon Kampe (Folkwang Universität der Künste): „Ruhrgebietsklänge“ cross-over

Workshop: Generationswechsel und Zielgruppenvielfalt

Moderation: Anja Hoffmann (LWL)

Nicole Scheda (LVR): Inklusion im LVR-Industriemuseum

Anette Plümpe (Schulkoordinatorin Heldenwerkstatt): Bildungspartnerschaft Schule und Museum

Katrin Tölle (Kunsthalle Emden): Realismus-Kontor. Ein interaktives Kunstprojekt

Claudia Wasner (Sächsisches Industriemuseum): Die Arbeit mit Ehemaligen

Workshop: Kulturelle Vielfalt

Moderation: Dagmar Kift (LWL)

Dietmar Osses (AK Migration im DMB): Migration und Museum

Annette Kritzler (Borsigplatz Verführungen): Kulturvielfalt vor Ort

Dietmar Paaß (VHS Bergisch Gladbach): Deutsch lernen im Industriemuseum

Katharina Neufeld (Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte): Kultur der Russlanddeutschen im Wandel

Mehmet Soyhun (Beauftragter der Türkisch Islamischen Union (DITIB) e.V. für interreligiöse und interkulturelle Zusammenarbeit des Regionalverbandes Essen im Landesverband NRW): Islam im Dialog

Workshop: Kompetenzvielfalt

Moderation: Beatrix Commandeur (LVR)

Christiane Syré (LVR): „History Slam“

Anke Troschke (Freie Museumspädagogin): “Leonardo for ever”

Barbara Kolb (Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg TIM): Künstlerisch-praktische Experimente mit Kindergartenkindern

Kristina Lange (Studienseminar Recklinghausen): Industriemuseen als Bildungsorte. Perspektiven aus der zweiten Phase der Lehrerausbildung (Vorbereitungsdienst)

Sektion 6: Industriekultur(netzwerke) in den Regionen - am Beispiel des Bergischen Landes

Besichtigung Museum Wülfing, Radevormwald-Dahlerau

Rainer Klenner (Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen): Industriekultur-Netzwerke in NRW

Fahrt nach Solingen

Hans Joachim de Bruyn-Ouboter: Der Bergische Ring

Besichtigung LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs

Vorträge

Jochem Putsch: Das LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs und seine Netzwerke

Stephan Sensen: Das Netzwerk WasserEisenLand

Statements

Moderation: Markus Krause (LVR)

Bodo Middeldorf (Bergische Entwicklungsagentur)

Wilhelm Matthies (Netzwerk Industriekultur Bergisches Land e.V.)

Walter Hauser (LVR-Industriemuseum)

Eberhard Illner (Historisches Zentrum Wuppertal)

Hans-Jochen de Bruyn-Ouboter (Der Bergische Ring)

Sektion 7: Das Industriedenkmal als Ressource und Potential (mit Exkursion zur Kokerei Zollverein)

Begrüßung und Einführung: Norbert Tempel (LWL, TICCIH)

Vorträge

Axel Föhl (ehem. Industriedenkmalpfleger LVR, TICCIH): Vierzig Jahre Industriedenkmale NRW. Neuer Nutzen im industriellen Erbe

Ursula Mehrfeld (Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur): Umnutzung von Industriedenkmalen. Praxisbeispiele aus der Arbeit der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur

Heinz Hueppe (Phoenix-See-Entwicklungsgesellschaft): Strukturwandel und Entwicklung der Gelände Phoenix-West und Phoenix-See in Dortmund

Exkursion zur Kokerei Zollverein, Essen

Vorträge

Achim Pfeiffer (Büro Heinrich Böll BDA DWB Essen): Arbeiten an Zollverein. Werkbericht zu Umbau und Sanierung der Übertageanlagen

Matthias Bürgin (Büro Metis, Basel/Ch): Zwischennutzung von Industrierarealen als Beitrag zur Standort- und Stadtentwicklung

Stefan Brüggerhoff (Deutsches Bergbaumuseum Bochum): Erfahrungen verfügbar machen. Vom Aufbau einer Expertenplattform zur Erhaltung von Industriedenkmälern

Zukunftsworkshop "Transferstelle Industriekultur"

Impulse: Jörg Studemann (Kulturdezernent Stadt Dortmund)

Plenum Zeche Zollern: Kurzberichte, Verabschiedung. Moderation: Dirk Zache (Direktor LWL-Industriemuseum) und Walter Hauser (Direktor LVR-Industriemuseum)

Anmerkung:
[1] Nachzulesen unter <www.lwl.org/wim-download/PDF/Charta%20IK%20NRW%202020_Endfassung_formatiert.pdf> (04.10.2012).

ZitierweiseTagungsbericht Industriekultur 2020. Positionen und Visionen für Nordrhein-Westfalen. 11.11.2011-12.11.2011, Dortmund, in: H-Soz-u-Kult, 09.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4408>.

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