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Lesen, Schreiben, Erzählen – digital und vernetzt

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:LOEWE-Schwerpunkt „Kulturtechniken und ihre Medialisierung“, Justus-Liebig-Universität Gießen; Herder Institut Marburg e.V.
Datum, Ort:28.06.2012–30.06.2012, Gießen

Bericht von:
Michael Bartel / Michael Conrad, Zentrum für Medien und Interaktivität, Justus-Liebig-Universität Gießen
E-Mail: <Michael.Bartelgcsc.uni-giessen.de>; <mconradzedat.fu-berlin.de>

Aufgrund ihrer Ubiquität verfügen digitale Medien und Techniken über einen erheblichen Einfluss auf kulturelles Wissen und kulturelle Praktiken. Die dreitägige Abschlusstagung des LOEWE-Schwerpunkts „Kulturtechniken und ihre Medialisierung“ untersuchte, wie sich vor diesem Hintergrund gerade die elementaren Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Erzählens verändern und welche Auswirkungen mediale Transformationen auf deren Kompetenzerwerb und -vermittlung haben. In den drei Sektionen „Lesen und Schreiben“, „Erzählen – faktual und fiktional“ und „Lehren und Lernen“ wurde dieser Wandel besonders in Hinblick auf die zunehmende Multimodalität, Diskontinuität, Interaktivität und Kooperativität digitaler Kommunikation analysiert. Im Zentrum des Interesses standen dabei vor allem Verschiebungen im Bereich der Wissensordnungen und der Kommunikationsmodi.

Durch digitale Netzwerke generierte Wissensordnungen waren denn auch das Thema des Eröffnungsvortrages von OLAF BREIDBACH (Jena). Seinen Ausgangspunkt nahm dieser bei der These, dass die Wissensorganisation im Internet kein im strengen Sinne neues Phänomen sei. Logiken, die auf binären und einfachen Ja-/Nein-Entscheidungsstrukturen beruhen, seien bereits in der Antike entwickelt und in Expertensystemen des Barock praktisch umgesetzt worden. Diesbezüglich mögen moderne Computer – und mit ihnen das Internet – zwar unendlich schnell sein, ihrer Logik nach sind sie jedoch konventionell. Vor dem Hintergrund binärer und distinkter Entscheidungsstrukturen sei alles Neue schlussendlich bloßes Ergebnis kombinatorischer Kalküle. Neu generiertes Wissen stelle das Bestehende nicht infrage, sondern stabilisiere es. Daher neige das Internet in seiner derzeitigen Form zu einem Mainstreaming von Wissen. Solange sich also – um im doppeldeutigen Bild des „Netzes“ zu bleiben – etwas im Netz bewege, bedeute das noch lange nicht, dass sich das Netz dadurch strukturell verändern würde. Das, was prinzipiell durch neue Medien möglich werden könnte, wird zurzeit von der Dominanz alter Wissensbestände verdeckt. Demgegenüber wäre nach alternativen, kritischen Formen des Umgangs mit bestehenden Medienstrukturen zu suchen. Das Potenzial zur Herausbildung echter Innovationen sieht Breidbach dabei einzig im Bereich der Kunst.

Ebenso wie neue Wissensordnungen immer in der Vergangenheit begründet sind, schreiben Literaturverwaltungsprogramme, die bereits Gedachtes ordnen, an neuen Gedanken mit. Das war die Hauptthese des Vortrages von ANNINA KLAPPERT (Erfurt), mit dem die erste Sektion begann. Klappert untersuchte die Funktion von Zettelkästen bei der Vorstrukturierung von Schreibmaterial. Unter diesem Blickwinkel diskutierte sie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der häufig verwendeten Literaturverwaltungsprogramme Citavi, Endnote, Bibliographix und Synapsen. Im Fokus standen die verschiedenen Ordnungsgrade des Materials, die durch diese Programme erzielt werden, wobei der berühmte Zettelkasten Niklas Luhmanns als nichtdigitales Referenzmodell fungierte. Als Maßstab diente die innere Vernetzung des Materials sowie die Offenheit des Systems. In ihrem Fazit stellte Klappert heraus, dass einige der Programme zwar überraschende und fruchtbare Formen innerer Vernetzung generieren, jedoch keines ein selbstständiges Wachsen der Materialordnung zulasse.

Ist die schriftliche Kommunikation zwischen Zeitungsredaktionen und Lesern im Übergang vom Leserbrief zum Online-Kommentar dialogischer geworden? Dieser Frage ging MAJA BÄRENFÄNGER (Gießen) nach. Zwar existiere auch in der gedruckten Leserbriefkommunikation ein Dialog zwischen Lesern und Redakteuren, ein Dialog zwischen den Lesern untereinander finde – trotz der prinzipiellen Möglichkeit – auf Online-Foren jedoch nur sehr eingeschränkt statt. Die Teilauswertung des Textkorpus ergab daher, dass die gefundenen Kommunikations-situationen insgesamt eher monologischer als dialogischer Natur sind. Die bisherigen Formate scheinen folglich eine Vernetzung der Leser untereinander nur unzureichend zu unterstützen.

Mit digitalen Empfehlungsnetzwerken, wie man sie beispielsweise vom Online-Buchhändler Amazon her kennt, setzte sich ANDREW PATTEN (Berlin) auseinander. Er erörterte, inwiefern Empfehlungen eine Form der Prä-Lektüre von Büchern darstellen und für die Literaturwissenschaft fruchtbar gemacht werden können. Als exklusiver Vorgang setze jede Lektüre Selektionsprozesse voraus. „Extratextuelle“ Aspekte, die diese Auswahlprozesse unterstützen, können dabei durchaus auch von Empfehlungssystemen übernommen werden, und zwar nicht zuletzt deswegen, weil die Wahrscheinlichkeit einer Kongruenz zwischen Empfehlungen und eigenen Vorlieben statistisch gesehen sehr hoch ist. Gerade in einer Zeit, in der Publikationsmenge kaum noch überblickt werden kann, können Empfehlungssysteme wichtige und zuverlässige Dienste leisten. Zunehmend beginne jede Lektüre daher heute mit extratextuellen Faktoren.

Schreiben ist systematische Arbeit an Gedanken. Kognitive und linguistische Aspekte, die beim Wandel etablierter Denkmuster und -stile eine wichtige Rolle spielen, untersuchte JANA KLAWITTER (Gießen) in ihrem Vortrag. Dazu diskutierte sie das analytische Potenzial, das theoretische Konzepte zu kognitiven Metaphern und Denkkollektiven für diese Fragestellung beinhalten. Als „Denkkollektive“ bezeichnete Ludwik Fleck seinerzeit geschlossene soziale Gebilde, die durch einen gemeinsamen, die Wahrnehmung leitenden Denkstil geprägt sind. Wichtigster Faktor bei der Veränderung von Denkstilen ist das Auflösen der Wirkmächtigkeit kollektiver Denkmuster, zu denen beispielsweise konzeptuelle Metaphern zählen. Um präzise Aussagen über deren Intensität treffen zu können, analysiert Klawitter anhand konkreter Fallstudien, inwiefern kollektive alltagsweltliche Metaphern innerhalb von wissenschaftlichen Denkkollektiven bewusst reflektiert oder thematisiert werden können. Darauf aufbauend untersucht sie, ob und wie sich auf Basis von Kategorisierungen in der Webkommunikation Rückschlüsse auf die Wirkmächtigkeit kollektiver Denkmuster ziehen lassen.

Digitale Technologien haben auch das „Denkkollektiv“ der Philologen affiziert. Kritisch dazu äußerte sich MIRCO LIMPINSEL (Berlin): Die digitale Volltextsuche ermögliche eine nur noch kursorische Lektüre, bei der man Werke nicht mehr als Ganze lesen müsse, um relevante Stellen zu finden. Das jedoch stehe einer traditionellen Auffassung von Philologie und philologischem Arbeiten diametral entgegen, deren Grundlage das Streben nach einer enzyklopädischen und ganzheitlichen Bildung bildet. Der traditionelle Philologe sei demzufolge durch einen Habitus im Bourdieuschen Sinne gekennzeichnet, den er sich nur durch Nachahmung von Vorbildern erarbeiten könne. Die hyperselektive Lektüre im Internet unterminiere den Anspruch des Philologen. Zudem neigen automatisierte Suchdienste im Internet, wie etwa den Google-Ngram-Viewer, zu einer Verzerrung der professionellen Auseinandersetzung mit Texten, da diese keine Priorisierung nach wissenschaftlichen Kriterien vornehmen können.

In der zweiten Sektion, die sich Veränderungen des faktualen und fiktiven Erzählens widmete, stand zunächst die Geschichtsschreibung im Vordergrund. Anhand seiner Erfahrungen aus einem experimentellen Seminar mit Studierenden führte PETER HOERES (Gießen) vor, mit welchen Aspekten und Problemen die Geschichtsforschung sich konfrontiert sieht, wenn diese sich zunehmend ins Internet verlagert. Untersuchungsgegenstand bildeten verschiedene Wikipedia-Artikel zu historischen Themen. Zwar erscheinen die Einstiegshürden für das Verfassen eigener Artikel zunächst niedrig, doch scheitere das Einstellen und Überarbeiten von Artikeln regelmäßig an den Administratoren. Wikipedia beinhalte eine antidemokratische, hierarchische Struktur. Besonders deutlich werde dies bei Themen großen öffentlichen Interesses, während es bei randständigen Themen noch am ehesten gelänge, eigene Artikel zu platzieren oder bestehende zu verändern. Derartige Mainstreaming-Phänomene führen dazu, dass man auf Wikipedia kaum Formen alternativer Geschichtserzählung antreffen könne. Da die gefundenen Faktoren den Grundideen einer offenen, demokratischen „Public History“ widersprechen, kann Wikipedia Formen professioneller Historiografie – zumindest nach dem derzeitigen Stand der Dinge – nicht ersetzen.

Mit einer durchaus alternativen Form von Geschichtsschreibung setzte sich hingegen JOHN DAVID SEIDLER (Rostock) auseinander. Sein Vortrag beschäftigte sich mit der großen Popularität von Verschwörungstheorien im Internet und fragte danach, ob und inwiefern diese Konjunktur von digitalen Medien induziert ist. Im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien um den 11. September 2001 konnte Seidler überzeugend zeigen, welch hohe Bedeutung die Internetkommunikation und hierbei insbesondere das Format des Blogs hat. Als ein Medium der Laien-Artikulation habe das Blogging den kryptologischen Gestus analoger Verschwörungstheorien potenziert. Jede Verschwörungstheorie sei in dieser Hinsicht stets auch eine Suche nach „Medien in Medien“.

Welche Geschichten das Marketing in den Sozialen Medien erzählt, war die Kernfrage des Vortrags von REBECCA HAGELMOSER und JONAS IVO MEYER (Gießen). Diese wollten erforschen, „wie sich Marketingstrategien und -techniken durch das Aufkommen von Social Media verändern“. Ziel des dafür zum Einsatz kommenden „Storytelling“ sei der optimierte Absatz von Produkten. Bei diesem multimodalen Erzählen stehe mehr das Ereignishafte und weniger das Faktische im Vordergrund. Hagelmoser und Meyer illustrierten dies anhand einiger Best-Practise-Beispiele. Kritische Anmerkungen aus dem Auditorium bezogen sich vor allem auf die Notwendigkeit sowohl einer präzisen Konturierung des zentralen Storytelling-Begriffs als auch einer distanzierten Meta-Analyse. Deutlich wurde, dass bei Forschungen im Überschneidungsbereich von Wissenschaft und Wirtschaft die Frage nach der Verwertbarkeit der Ergebnisse immer stärker in den Vordergrund rückt.

Mit TwinKomplex stellte ALEXANDER SCHERR (Gießen) ein neuartiges social game vor, das sich durch hybride, nicht-lineare Erzählformen auszeichnet und gekonnt die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen lässt. Der Spieler schlüpft in die Rolle eines Agenten und muss mit drei anderen Mitspielern einen Kriminalfall lösen. Dabei werden die Spieler zu Ko-Autoren der erspielten Erzählung. Beweisstücke oder Hinweise an Tatorten weisen via Hyperlinks aus der Fiktionalität des Spiels hinaus auf reale Dienste im Internet. Zeitungsartikel, die auf tatsächlicher Berichterstattung basieren, treiben die Handlung des Spiels voran. Solcherart wird das Internet zu einem Erzählmedium umfunktioniert, das Formen ästhetischer Illusionsbildung und Spannungserzeugung erzeugt.

Die zweite Sektion schloss mit dem Plenarvortrag von ROBERTO SIMANOWSKI (Basel) ab, der sich der Anfang 2012 eingeführten Timeline Facebooks widmete und deren Funktion man mit einer Art digitalen, mulitmodalen Tagebuch vergleichen könnte. Diese Neuerung des Sozialen Netzwerks versuchte Simanowski konsequent an ihr Ende zu denken. Ausgangspunkt bildete die These, dass mit der Einführung neuer Medien stets neue Formen literarischen Ausdrucks einhergehen. Durch den Vergleich zwischen konventionellem Tagebuch und Timeline-Funktion konnte Simanowski nachweisen, dass und wie die Möglichkeiten individueller Narration durch vorgefertigte Formate ersetzt werden. Das Individuelle werde so in automatisierte biografische Muster überführt. Dieser Prozess schränke nicht nur die narrative Kreativität ein, sondern verschiebe auch die Sinngebung des Erlebten von der Ebene des Privaten auf diejenige eines mitlesenden Publikums.

Die dritte Sektion „Lehren und Lernen“ eröffnete JAN HODEL (Aarau, Schweiz). Dieser machte darauf aufmerksam, dass der Einsatz digitaler Medien im Geschichtsunterricht mitunter zu unerfüllbaren, paradoxalen Erwartungen an Schüler führen kann. In einem Schulversuch hatte man eine Gruppe von Schülern gebeten, eigenständige Hypertexte zu historischen Themen zu erstellen. Die Ergebnisse offenbarten, dass die Forderung der „Eigenständigkeit“ im schulischen Kontext für viele Schüler eine nahezu unlösbare Aufgabe darstellt: Denn während man sie einerseits dazu auffordere, eine eigenständige Form von Geschichtsschreibung zu betreiben, würden diese andererseits dazu angehalten, im Lehrplan vorgegebene Lehrinhalte zu reproduzieren. Es sei für die Schüler daher nahezu unmöglich, wirklich eigenständige narrative Strategien des „Verknüpfens und Verkürzens“ zu erproben. Dadurch komme der Unterricht kaum über bloßen Wissenstransfer hinaus, weswegen Schüler oft in einer konventionellen „Stoff“-Vorstellung von Geschichte verharren.

Ein gleichermaßen praxisnahes Projekt stellten ANNIKA DIX, LISA SCHÜLER, JAN WEISBERG (alle Gießen) vor. Gemeinsam mit Informatikern entwickelten sie die virtuelle Lernumgebung SKOLA, die Studierende beim Erlernen wissenschaftlichen Schreibens unterstützt. Kontroversität galt den Referenten dabei als Kern wissenschaftlichen Arbeitens. Deswegen regt SKOLA Studierende dazu an, Kontroversenreferate auf Grundlage von Ausgangstexten zu verfassen. Durch präzise Gliederung der Arbeitsschritte entzerrt das System den Schreibprozess und vereinfacht diesen erheblich. Darüber hinaus kann SKOLA auch als analytisches Instrument verwendet werden, um die Schreibflüssigkeit von Probanden zu ermitteln. Mit diesem Begriff ist die Fähigkeit gemeint, einen Text ohne größere Unterbrechungen an einem Stück zu schreiben. Damit können mögliche Schreibprobleme von Studierenden hinreichend präzise festgestellt werden.

Online-Kommunikation findet weltweit hauptsächlich in der Fremdsprache Englisch statt. Doch wie steht es um die Sprachkompetenz der Nutzer? Sind diese in der Lage, ihre Botschaften weitgehend fehlerfrei zu übermitteln? Dieser Fragestellung widmeten sich SUSANNE GÖPFERICH und BRIDGIT NELEZEN (beide Gießen). Gemeinsam untersuchten sie, inwiefern es der wissensvermittelnden Funktion des Schreibens abträglich ist, wenn Seminararbeiten in Englisch als erster Fremdsprache verfasst werden. Dazu wurden deutsche Übersetzungen englischer Ausgangstexte einer Fehleranalyse auf Grundlage standardisierter Kategorien unterzogen. Diese Auswertungsmethode förderte zutage, dass die meisten Übersetzungsfehler neu und damit unabhängig vom Originaltext entstehen. Die Fremdsprachenkompetenz in der Online-Kommunikation dürfte somit erstaunlich höher sein, als bislang vermutet.

Seit vielen Jahren schon gehört digitales Schreiben zum Alltag von Schülern. Von einem Ende des Schreibens im digitalen Zeitalter kann demnach keine Rede sein. Doch inwieweit geht die aktuelle Deutschdidaktik auf die Besonderheiten digitalen Schreibens ein? Um diese Frage zu beantworten, untersuchte FLORIAN RADVAN (Bochum) zahlreiche Deutsch-Lehrwerke für das Gymnasium. Dabei stellte er fest, dass digitales Schreiben in diesen kaum bis gar nicht thematisiert werde. Gerade vor dem Hintergrund, dass Schreiben bei Schülern eine große Rolle im Alltag spielt, sei es daher dringend erforderlich, Schüler für die Besonderheiten und möglichen Fehlerquellen digitalen Schreibens zu sensibilisieren. Auch im Zeitalter der vollautomatisierten Rechtschreibprüfung sei eine kompetente Kenntnis von Orthografie und Grammatik nach wie vor unerlässlich.

Mit diesen Bemerkungen kehrte die Tagung am Ende wieder zum Ausgangspunkt zurück. Angesichts der ausufernden Größe des untersuchten Themenfeldes können die dreizehn Einzelvorträge kaum mehr als Stichproben sein, die sondieren, wie die Kulturtechniken des Schreibens, Erzählens und Lehrens sich vor dem Hintergrund der einschneidenden Digitalisierungsschübe der letzten Jahrzehnte verändert haben. Nur mit äußerster Gewalt ließe sich diese Themenvielfalt zu einer einheitlichen These zusammenspannen. Stattdessen sei nur auf einige wiederkehrende Leitmotive verwiesen:

Fundierte Kompetenzen in den traditionellen Kulturtechniken bilden ein nach wie vor unverzichtbares Handwerkszeug, um sich in der digitalen Welt zu orientieren und an dieser partizipieren zu können. Auch in seiner Gestalt als Web 2.0 erweist das Internet sich als weitaus weniger offen und demokratisch, als Marshall McLuhan das in seinen Thesen vom „globalen Dorf“ erträumt hatte. Der freie Zugang zu Wissen wird aufgrund von Mainstreaming-Phänomenen behindert; alternative Praktiken und Wissensformen sind nach wie vor marginalisiert. Ebenso wenig kann von einem Ende der Schriftkultur die Rede sein. Im Gegenteil zeigten viele Beiträge mehr als deutlich, dass die Pluralisierung von Kommunikationsmedien dazu geführt hat, dass heute möglicherweise nicht weniger, sondern mehr geschrieben wird als je zuvor. So kann man als vielleicht vorläufiges Resümee festhalten, dass die Potenziale und Möglichkeiten des Digitalen in vielen Fällen einerseits noch längst nicht ausgeschöpft worden sind, fundierte Kenntnisse konventioneller Kulturtechniken auch in Zukunft weiterhin zum elementaren Wissensbestand unserer Kultur gehören werden.

Konferenzübersicht:

Plenarvortrag
Olaf Breidbach (Jena): „Wissen im Netz“

Sektion I: Lesen und Schreiben

Annina Klappert (Erfurt): „Schreiben mit Zettel und Link“

Maja Bärenfänger (Gießen): „Leser(brief)kommunikation im digitalen Wandel“

Andrew Patten (Berlin): „The Quality of Quantity: (Pre)Reading Work, Network, and Extratextuality“

Jana Klawitter (Gießen): „Kategorisierungen in webbasierter Wissenschaftskommunikation: Metaphernkonzepte und Denkkollektive“

Mirco Limpinsel (Berlin): „Volltextsuche und der philologische Habitus“

Sektion II: Erzählen – faktual und fiktional

Peter Hoeres (Gießen): „Public History online – Geschichte digital erzählen“

John David Seidler (Rostock):“Digitale Detektive: Verschwörungstheoretische Geschichtsschreibung im Internet“

Rebecca Hagelmoser, Jonas Ivo Meyer (Gießen): „Corporate Identity und Storytelling auf Social Network Sites. Wie sich Marketingstrategien und -techniken durch das Aufkommen von Social Media verändern“

Alexander Scherr (Gießen): „Die ‚living novel‘ im Cyberspace? – Aspekte der ästhetischen Illusionsbildung im Browsergame ‚TwinKomplex‘“

Plenarvortrag
Roberto Simanowski (Basel): „Elektronische Bücher und digitale Helden: Zum produktions- und rezeptionsästhetischen Umbau des Narrativen in neuen Medien“

Sektion III: Lehren und Lernen

Jan Hodel (Aarau): „Copy/paste a shattered history? Das Erstellen von Geschichtsreferaten unter den Bedingungen narrativer Fragmentierung“

Annika Dix, Lisa Schüler, Jan Weisberg (Gießen): „Strategien der computergestüzten Textproduktion: Überlegungen zum Zusammenhang von Ordnungsprozessen und Schreibflüssigkeit beim wissenschaftlichen Schreiben“

Susanne Göpferich, Bridgit Nelezen (Gießen): „Die Sprach(un)abhängigkeit von Textproduktionskompetenz: Translation als Werkzeug der Schreibprozessforschung und Schreibdidaktik“

Florian Radvan (Bochum): „Besser schreiben mit dem Computer? Eine komparative Lehrwerksanalyse zur Vermittlung medial gestützten Schreibens“

ZitierweiseTagungsbericht Lesen, Schreiben, Erzählen – digital und vernetzt. 28.06.2012–30.06.2012, Gießen, in: H-Soz-Kult, 08.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4401>.

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