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Das friderizianische Preußen 1712-2012: Mythen, Kontroversen und neue Perspektiven

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Historisches Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Datum, Ort:06.07.2012-07.07.2012, Freiburg im Breisgau

Bericht von:
Michel Summer / Konrad Hauber / Andreas Eder, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
E-Mail: <michelsummerymail.com>; <konrad.haubergeschichte.uni-freiburg.de>; <andreas.ederpluto.uni-freiburg.de>

Anlässlich des 300. Geburtstags des Preußenkönigs Friedrich II. (1712-1786) am 24. Januar 2012 konnte bereits im Herbst des letztens Jahres eine regelrechte Überflutung des Buch- und Zeitschriftenmarktes mit mehr als zwei Dutzend Neuerscheinungen und zahlreichen Sonderausgaben zum Thema festgestellt werden. Zwei Ausstellungen im Neuen Palais in Potsdam und im Deutschen Historischen Museum in Berlin begleiten das Jubiläumsjahr. Es ist unbestreitbar, dass die Themen Preußen und Friedrich II. immer noch leidenschaftlich rezipiert werden, nicht nur in Deutschland. Allzu oft aber stehen dabei auch 2012 noch die Legenden um die Person Friedrichs II. und seinen Staat zu sehr im Vordergrund, während neue Forschungsergebnisse auf Grundlage einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Mythos inmitten der zahlreichen Publikationen untergehen. Ziel der Freiburger Tagung war es daher, einen Überblick über neue Erkenntnisse der Forschung inmitten der vielen Instrumentalisierungen Preußens unter Friedrich II. zu schaffen. Indem sie den Blick auf die Vielfältigkeit der Friedrich-Bilder, auf ihre Entstehung und die Wahrnehmung seiner Person und seines Staates im Ausland und in der Nachwelt lenkten, beabsichtigten die referierenden Historiker/innen dem Mythos zu begegnen.

RONALD G. ASCH (Freiburg) begann mit einem Vortrag über Preußen und den europäischen Staat des 18. Jahrhunderts. Im Gegensatz zum großen Rivalen Habsburg sei Preußen um 1700 nur eines von vier mittelgroßen deutschen Territorien gewesen und deswegen nicht prädestiniert, sich zu einer europäischen Großmacht aufzuschwingen. Der schnelle Aufstieg erkläre sich vor allem durch eine Politik, die immer wieder alles auf eine Karte setzte. Beispielhaft könne hier die militärische Strategie Friedrichs II. im Siebenjährigen Krieg angeführt werden. Der Kriegszustand sei für Preußen aber die Ausnahme gewesen, obwohl das Militär im Alltag nahezu überall präsent war. In den entscheidenden Momenten sei es Preußen immer wieder gelungen, sein durchschnittliches Potential durch Eroberungen zu steigern. Dieser Zwang zur militärischen Offensive sei aber eine konstante Gefährdung für den aufstrebenden Staat gewesen. Die dichotome Teilung in moderne Tendenzen und das Festhalten an Traditionen seien prägend für Preußen gewesen. Die anschließende Diskussion ließ vor allem die Notwendigkeit eines komparativen Ansatzes sowohl auf europäischer Ebene als auch innerhalb des Reiches erkennen.

Dem Mythos und Alltag der preußischen Armee unter Friedrich II. widmete sich MICHAEL SIKORA (Münster). Wie jede andere Armee hatte auch die preußische Armee ihre Besonderheiten. Zu diesen zähle der „Kantonistenfaktor“ (institutionalisierte Soldatenanwerbung), der „Drillfaktor“ (Anerziehen des Gewehrhandhabens und Normierung der körperlichen Bewegungen) und Friedrich selbst, dem es durch seine Präsenz auf dem Schlachtfeld möglich war, risikoreiche, aber erfolgsversprechende Entscheidungen zu treffen, was Sikora als „Fritzfaktor“ bezeichnete. Diese Umstände hätten teilweise zu militärisch effektiveren Methoden der preußischen Armee geführt. Die Effizienzsteigerung habe aber hohe ökonomische und menschliche Kosten nach sich gezogen und der preußischen Armee zwar zeitweise Vorteile im jeweiligen Krieg verliehen, sie aber nicht unbesiegbar gemacht. Des Weiteren habe Friedrich die Bedingungen des zeitgenössischen Militärwesens zwar effektiv ausgenutzt, aber kein völlig neues System entwickelt und die Grenzen der Tradition nicht gesprengt. Zusammenfassend schloss Sikora mit dem Appell, dass eine einseitige Sichtweise unbedingt vermieden werden müsse. Man solle Friedrichs Armee weder glorifizieren, herabwürdigen oder normalisieren sondern versuchen, einen Mittelweg in deren Betrachtungsweise zu finden.

Die zweite Sektion der Tagung war dem friderizianischen Staat und der Nachwelt gewidmet. HORST CARL (Gießen) untersuchte dabei die Ursprünge des Mythos von Friedrich dem Großen. Abweichend vom nicht nach Ursprüngen fragenden Mythosverständnis Hans Blumenbergs, dem er sonst folgte, sah sich Carl durchaus in der Lage, Ursprünge des Mythos des Preußenkönigs auszumachen, nämlich Friedrichs Arbeit am Mythos seiner selbst. Damit lehnte sich Carl an Jürgen Luhs These von der Ruhmsucht Friedrichs an, situierte die Inanspruchnahme von Exzeptionalität und Größe seitens des Königs jedoch weit deutlicher im Kontext seiner Zeit als Luh. Einen besonderen Fokus legte Carl dabei auf den deutschen Pietismus und dessen Sendungsbewusstsein, welches von Friedrich quasi aufgegriffen worden sei. Die vom König propagierte Außergewöhnlichkeit habe sich jedoch als aktive Projektionsfläche verselbständigt und habe so auch einem neuen konfessionellen Patriotismus gedient. Friedrichs Sendungsbewusstsein sei jedoch nicht näher inhaltlich bestimmt gewesen, Friedrichs Größe sei eine Metapher ihrer selbst. Den Erfolg dieser Selbstinzenierung beweise das diesjährige Jubiläum.

Anschließend untersuchte MONIKA WIENFORT (Berlin) anhand mehrerer Beispiele das Verhältnis zwischen Preußen und Friedrich II. im 19. Jahrhundert. Zuerst stellte Wienfort das Bild des Königs als persönliche Verkörperung von Herrschaft vor und kontrastierte dieses mit einem sich ebenfalls auf den König berufenden, unpersönlichen Beamtenethos. Sodann wurde die Würdigung des im 19. Jahrhundert vor allem als Verdienst Friedrichs II. angesehenen Allgemeinen Preußischen Landrechts, aber auch dessen Kritik durch konservative Juristen wie Savigny nachgezeichnet, um dann bei den preußischen Friedrichsbildern anzukommen. Wienfort stellte der hohenzollernschen Inanspruchnahme Friedrichs zur Legitimation der eigenen Herrschaft die Beliebtheit des historischen Preußenkönigs im Volk gegenüber. Diese Popularität sei darauf zurückzuführen, dass durch die Verehrung Friedrichs versteckte Kritik an den lebenden Hohenzollern seit Friedrich Wilhelm IV. geäußert werden konnte. Das volkstümliche Lob Friedrichs sei damit eine Form ungefährlicher Zeitkritik gewesen.

Vor allem im Jubiläumsjahr 2012 erfährt Friedrich eine enorme Popularität. Dies zeigen zum Beispiel eine aktuelle Musicalproduktion oder ein Bier mit dem Profilbild des Königs. FRANK GÖSE (Potsdam) beschäftigte sich mit dem König als Landesherren und seiner Art, Herrschaft auszuüben. Dabei dekonstruierte er einige, sich bis heute hartnäckig haltende Vorurteile über den König, die immer noch weit verbreitet sind. So sei beispielsweise der preußische Beamtenapparat vergleichsweise klein gewesen und habe nur ca. 500 Personen gezählt. Auch habe es keine umfassende Besetzung von Zivilverwaltungsposten gegeben, denn das Leistungsprinzip hätte sich bereits weitgehend durchgesetzt gehabt. Die Behörden seien zudem nicht so regional durchmischt gewesen, wie dies eigentlich als Ideal angesehen worden sei. Oft seien auch Beamte in derselben Provinz tätig gewesen, aus der sie kamen. Ein weiterer Mythos beschreibt Friedrich als den Kartoffelkönig. Dabei habe es die Kartoffel in Preußen bereits zur Regierungszeit des Großen Kurfürsten (1640-1688) gegeben. Zusammenfassend korrigierte Göse das Bild eines allgegenwärtigen, allmächtigen Königs, stellte aber dennoch heraus, dass Friedrich trotz und auch wegen seiner Talente und Schwächen als eine der herausragenden Herrschergestalten Europas anzusehen sei.

UWE WILHELM (Freiburg im Breisgau) widmete sich in seinem Vortrag Friedrich als Denker, Geistesmenschen und Intellektuellen. Zunächst war es Wilhelms Anliegen, eine Erklärung für Friedrichs rege Schreibtätigkeit zu finden. Wilhelm zufolge resultierte sie einerseits aus dem Selbstverständnis des Königs als philosophe und später roi-philosophe. Im Gegensatz zu seinem Vater Friedrich Wilhelm I. verfügte Friedrich über kein festes metaphysisches Weltbild und unterzog sich im Schreiben einer ständigen „intellektuellen Selbstvergewisserung“, wie es Wilhelm formulierte. Wilhelm wandte sich anschließend Friedrichs Ansichten zur Staatstheorie, der Stellung zu Religion und Kirche und dem Stellenwert der Moral zu. Aus der Naturrechtslehre Thomas Hobbes leitete Friedrich den aufgeklärten Absolutismus als ideale Herrschaftsform ab. Im Gegensatz zu einer rezenten populärwissenschaftlichen Darstellung war Friedrich kein Atheist. Im Sinne der Aufklärung setzte Friedrich sich dediziert kritisch mit Religion auseinander. Die Grundlagen seines Glaubens bildeten die Naturlehre und die Annahme universeller menschlicher Intelligenz. Die Moral galt dabei als zentral sowohl für das eigene Glück als auch für das Zusammenleben der Menschen. Darin habe sich ein neues Verständnis von Monarchie gespiegelt, das auf der emotional-affektiven Beteiligung der Bürger gründete.

Die Perspektive französischer Beobachter im 18. Jahrhundert nahm ISABELLE DEFLERS (Freiburg) ein. Vor dem Aufstieg Napoleons herrschte in Frankreich eine regelrechte Frédéricophilie. Die französische Begeisterung für den Preußenkönig kann schon von der Aufnahme der Korrespondenz mit Voltaire bis zum Siebenjährigen Krieg und der Schlacht bei Roßbach nachverfolgt werden. Seine Person war in vielen Veröffentlichungen omnipräsent und mit dem Aufstieg Preußens vermehrte sich auch die Zahl der Anekdoten über Friedrich. Die Glorifizierung Friedrichs sei rückblickend als indirekte Kritik an Ludwig XV. zu verstehen und als Nostalgie der Franzosen nach der alten Größe ihrer Nation. In Mirabeaus Analyse offenbarte sich der Widerspruch zwischen dem militärischen und dem aufgeklärten Preußen. Preußen sei ein beinahe perfektes Militärbeispiel, die Monarchie eine durch Ordnung geprägte „Maschine“. Die Preußen-Bewunderer riefen jedoch nicht zur starren Nachahmung des preußischen Modells auf, sondern ihre Faszination hatte national-politische Grenzen. Nach 1806 sei es zu einem Mythoswechsel in Frankreich gekommen. Am Grab Friedrichs schmückte sich Napoleon mit dessen Aura und stellte sich gleichzeitig bezüglich der historischen Größe über ihn.

Der abschließende Vortrag des Kunsthistorikers JERZY KOS (Breslau) beschäftigte sich mit der Architektur in Schlesien nach 1740. Die vor allem konfessionelle Zäsur, die die preußische Besetzung darstellte, habe große Veränderungen in der schlesischen Architektur ausgelöst. Deutlicher Gewinner sei in der neuen Situation der Protestantismus gewesen, indem unter preußischem Einfluss die Zahl protestantischer Kirchenbauten innerhalb kurzer Zeit rapide gestiegen sei. Der neue preußische Funktionsadel habe jedoch kaum repräsentative Neubauten angelegt, vielmehr habe der alteingesessene katholische Adel noch einmal durch beachtliche Bauvorhaben die Aufmerksamkeit gesucht. Nicht zu unterschätzen sei jedoch die systematische Anlage staatlicher Bauten wie Kasernen insbesondere in Oberschlesien. Zur Titelfrage des Vortrags, wieso das Neue Palais nicht in Breslau stehe, also wieso die dortige Residenz lange Zeit sehr bescheiden gestaltet gewesen sei, verwies Kos auf die unsichere politische Lage im preußischen Schlesien, enthielt sich jedoch einer definitiven Antwort. Abschließend stellte Kos fest, dass ab 1740 die schlesische Architektur in durchaus ambivalenter Weise auch eine preußische gewesen sei, eigene Traditionen aber aufgrund der Bikonfessionalität und der politischen Lage noch lange bewahrt worden seien.

Die verschiedenen Referenten/innen haben den Besuchern eine Orientierung durch die jüngsten Publikationen zum Thema Friedrich II. und Preußen geboten und im Sinne der Zielsetzung der Tagung die Forschungsperspektive stärker auf das europäische Ausland des 18. Jahrhunderts und die Instrumentalisierung durch die Nachwelt gerichtet. Dadurch wird sich hoffentlich eine kritische Auseinandersetzung mit dem Mythos des Preußenkönigs durchsetzen, die seiner durch Anekdoten überformten Persönlichkeit ausweicht und ihn als Herrscher und Mensch besser in die Umstände seiner Zeit einordnet.

Konferenzübersicht:

Ronald G. Asch (Freiburg) und Isabelle Deflers (Freiburg): Einführung

Sektion 1: Der preußische Staat unter Friedrich II.

Ronald G. Asch (Freiburg): Preußen und der europäische Staat des 18. Jahrhunderts.

Michael Sikora (Münster): Die preußische Armee unter Friedrich II. zwischen Mythos und Alltag.

Sektion 2: Der friderizianische Staat und die Nachwelt

Horst Carl (Gießen): Friedrich der Große: Ursprünge des Mythos.

Monika Wienfort (Berlin): Friedrich und Preußen im 19. Jahrhundert.

Frank Göse (Potsdam): Von einem „allgegenwärtigen König“ und „allmächtigen“ Geschichtsbildern. Bemerkungen zur Herrschaftspraxis Friedrichs des Großen.

Sektion 3: Kontroverse Friedrichsbilder

Uwe Wilhelm (Freiburg): Staat – Religion – Moral: Friedrich der Große und die Aufklärung.

Sektion 4: Auswärtige Ausblicke

Isabelle Deflers (Freiburg im Breisgau): Das friderizianische Preußen aus französischer Perspektive.

Jerzy Kos (Breslau): Warum ist das Potsdamer Neue Palais nicht in Breslau entstanden? Preußen und schlesische Architektur in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts.

ZitierweiseTagungsbericht Das friderizianische Preußen 1712-2012: Mythen, Kontroversen und neue Perspektiven. 06.07.2012-07.07.2012, Freiburg im Breisgau, in: H-Soz-u-Kult, 27.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4393>.

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