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Was als wissenschaftlich gelten darf. Praktiken der Grenzziehung in Gelehrtenmilieus der Vormoderne

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Martin Mulsow, Universität Erfurt/Gotha; Frank Rexroth, Universität Göttingen
Datum, Ort:29.02.2012–02.03.2012, Göttingen

Bericht von:
Jan-Hendryk de Boer, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen
E-Mail: <jdeboeruni-goettingen.de>

In nicht weniger als zwanzig Vorträgen fragte eine in Göttingen von Martin Mulsow (Erfurt/Gotha) und Frank Rexroth (Göttingen) veranstaltete und von Matthias Heiduk (Göttingen) mitorganisierte Tagung danach, was in der Vormoderne in verschiedenen Kontexten jeweils als wissenschaftlich gelten durfte. Das Konzept der Tagung resultierte aus einer Sektion des Historikerstages 2010. Gefördert wurde die Tagung von den Universitäten Göttingen und Erfurt, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und dem Göttinger Lichtenberg-Kolleg.

FRANK REXROTH (Göttingen) zeigte in seiner Einführung, dass die Generierung wissenschaftlicher Erkenntnis nicht als selbstreferentieller Prozess innerhalb eines sich selbst regulierenden Systems zu begreifen sei. Vielmehr sei die Differenz von Wissenschaft und ihrer Umwelt ein Produkt der wissenschaftlichen Kommunikation selbst, denn deren Träger entschieden mit Praktiken der Inklusion und Exklusion darüber, was als Wissen rezipiert werde. Am Beispiel des Streits um die Phrenologie zeigte er, welch große Rolle den etablierten Anrainerdisziplinen für die Akzeptanz einer neuen Wissenschaft zukommt: Sie konnten Newcomern nicht nur den Zugang zu ihren Organisationen versperren, sondern als Denkkollektive mit spezifischen Denkstilen ebenso die Übernahme außerwissenschaftlicher Annahmen regulieren. Das Entstehen neuer Wissenschaften vollziehe sich in einer triangulären Relation mit etablierten Disziplinen und dem außerwissenschaftlichen Publikum. Blende man die klar strukturierte und definierte Scholastik aus, könne man in Bezug auf die Vormoderne das Fehlen einer klaren Scheidung zwischen höherem Wissen (Gelehrtheit) und Wissenschaft, von Monofachkarrieren und einer Differenzierung zwischen Wissenschaftssprache und Literatursprache feststellen. Während das Leitbild der modernen Wissenschaft die prinzipielle Unabgeschlossenheit der Welt sei, habe im Mittelalter die Vorstellung von der Abgeschlossenheit des Wissens dominiert.

Die ersten beiden Sektionen waren dem Mittelalter gewidmet. MATTHIAS HEIDUK zeigte, wie sehr die Rezeptionsgeschichte des Franziskaners Roger Bacon und seiner Beschäftigung mit Geheimwissenschaften vom herrschenden Wissenschaftsverständnis abhängig war. Ab dem 15. Jahrhundert sei Bacon unter Bezugnahme auf seine alchemischen Abhandlungen zunehmend mit dem Magischen und Wunderbaren assoziiert worden. Elisabethanische Autoren hätten dem Bacon-Bild nationale Untertöne verliehen. Sukzessive sei Bacon zum (britischen) Prototyp des visionären, die Kirche herausfordernden Wissenschaftlers geworden. Nicht nur die umfangreichen Editionsprojekte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, sondern selbst jüngere Darstellungen folgten einem Fortschrittsmodell, das in die Deutung von Bacons Œuvre ahistorische Wertungsmaßstäbe einbringe.

In SITA STECKELs (Münster) Vortrag zu Theologenkonflikten im Bettelordensstreit des 13. Jahrhunderts erschienen die weltgeistlichen Theologen gleichermaßen als Wissenschaftler mit einem spezifischen methodologischen Zugang zu Weltproblemen wie als selbstbewusste Statusgruppe, die ihre Privilegien gegenüber den Bettelorden Neuankömmlingen auf dem religiösen und dem gelehrten Feld verteidigte. Einerseits versuchten sie, Grenzen zwischen Kirche und Theologie sowie zwischen Theologie und Religiosität zu ziehen, andererseits übernahmen sie religiöse Sprechhandlungen, wenn sie sich als Propheten inszenierten, und wendeten sich mit volkssprachlichen Flugschriften direkt an eine ungelehrte Öffentlichkeit und verwischten so die Grenzen zwischen Wissenschaft, kirchlicher Argumentation und Religiosität.

MARIKA BACSÓKA (Berlin) fragte in einem ‚close reading‘ danach, wie im „Dialogus Ratii“ Repräsentanten des gelehrten Milieus mit ihren argumentativen und epistemischen Praktiken dargestellt wurden.

MAARTEN HOENEN (Freiburg im Breisgau) stellte dar, wie die Antike Wissen als begründete Erkenntnis entdeckt habe. Anzusiedeln sei diese Entdeckung im Kontext der Etablierung einer abstrakten Wissenschaft als Wissenschaft der Wissenschaften, der Logik. Mittelalterliche Auseinandersetzungen über die Frage, was Wissen sei, erschienen so als Debatten über das Verhältnis der Wissenschaften und der Wissenschaft der Wissenschaften, deren institutionelle Dimension sich etwa in der Gestaltung der Curricula zeigte. Es gehe in solchen Kontroversen darum, welche Art von Logik es erlaube, eine Wissenschaft der Wissenschaften zu begründen. Eine entscheidende Rolle hätten hier die die Logik begleitenden Semantiken gespielt, von denen alle Begründungen abhängig gewesen seien. So habe sich das Pariser Statut von 1340 vorrangig gegen eine bestimmte, die Theologie bedrohende Semantik gerichtet, die annahm, jedes Wort sei nur in einer Wortbedeutung zu betrachten, was metaphorische Deutungen verunmöglicht hätte. Damit habe die Verurteilung garantieren wollen, dass es allein der Logik zukomme, auf der Grundlage der in den Einzeldisziplinen bestimmten Bedeutungen die Gültigkeit von Wissen und Begründungen zu prüfen.

Im Roten Saal der Sternwarte stellte MARTIN GIERL (München) in seinem Abendvortrag Johann Christoph Gatterer als einen Göttinger Historiker vor, der nahezu idealtypisch Leistungen und Grenzen der pragmatischen Geschichtswissenschaft der Aufklärungszeit verkörperte. Kaum einen Gegenstandsbereich sparte Gatterer aus bei seinem Bestreben, Geschichte im vollen Umfang zu betreiben. Dabei zielte er, etwa in seinen Tabellen und Karten zu Klimamodellen oder der Aufeinanderfolge der Weltreiche, nicht auf eine Narration, sondern eine Konstruktion des Vergangenen. Seine Klassifizierung aller weltweit auftretenden Schriften im „Linnaeismus graphicus“ verwies bereits im Titel auf Linné und damit auf die systematische Klassifikation der Welt. Natur und Kultur bildeten für Gatterer keinen Gegensatz, weshalb er die neue naturhistorische Methode adaptierte, um historische Entwicklungen abzubilden – seine Methode kam jedoch dort an ihre Grenze, wo es galt, die historische Genealogie kultureller Errungenschaften in seine Klassifikationen zu integrieren.

Die dritte Sektion wandte sich der Medizin zu. SABINE KALFF (Berlin) skizzierte die unterschiedliche Rolle der Astrologie im Denken von Thomas Bodier und Giovanni Antonio Magini. Die von ihnen praktizierte, zeitweise wirkmächtige Astromedizin habe sich gerade wegen ihres interdisziplinären Charakters letztlich in der Disziplingeschichte nicht behaupten können.

KAY PETER JANKRIFT (Augsburg) stellte die Praxisjournale des Nürnberger Arztes Johann Christoph Götz (1688-1733) vor. Götz nutzte viele dort dokumentierte Fälle in seiner populärwissenschaftlichen, aber nur wenig erfolgreichen Zeitschrift „Der aufrichtige Medicus“. Dem professionellen „Commercium litterarium“ war hingegen Erfolg beschieden. Die sich ausgerechnet in der Fachzeitschrift ausbreitende Diskussion angeblich in Serbien aufgetretener Vampire interpretierte Jankrift als Indiz dafür, dass die Resonanz der Gelehrten bestimmte, was als wissenschaftlich gelten dürfe.

MICHAEL MULTHAMMER (Erfurt) zeigte zu Beginn der vierten Sektion, wie Gelehrte des 18. Jahrhunderts auf das Problem reagierten, zwischen guten und schlechten, bewahrens- und zerstörenswerten Büchern zu unterscheiden und Kriterien für die Aufnahme in die Gelehrtenrepublik zu formulieren. Hierzu hätten sich wertende Bücherverzeichnisse als Instanzen der Grenzziehung herausgebildet. Erschwert worden seien solche Inklusions- bzw. Exklusionspraktiken durch anonym erschienene Schriften, worauf die Gelehrten mit der Erstellung von Katalogen anonymer Bücher reagiert hätten. An den Klassifizierungen rarer Bücher erkannte Multhammer eine sukzessive Ablösung moralischer Wertungen zugunsten eines Sammlungsdenkens, womit die Entscheidung über Würde und Wert eines Buches dem einzelnen Gelehrten überantwortet worden sei.

MAREEN ANDERS (Münster) las Wu Jingzis Roman „Rulin waishi“ (um 1750) vor dem Hintergrund des bekannten chinesischen Prüfungssystems als zeitgenössische Kritik am staatlich festgelegten Wissenskanon und seiner Repräsentanten sowie als Gegenentwurf eines an konfuzianischen Vorstellungen orientierten Bildungskonzepts mit dem gelehrten Eremiten als Idealgestalt.

In der fünften Sektion widmete sich VERENA LEHMBROCK (Jena) dem Versuch eines gezielten Transfers wissenschaftlichen Wissens in der sogenannten Bauernaufklärung. In Zeitschriftenartikeln diente der Negativtypus des gemeinen Bauern, der sich lediglich auf seine eigene Erfahrung stützte, den Aufklären dazu, ihr eigenes Ideal einer an wissenschaftlichen Erkenntnissen geschulten bäuerlichen Praxis zu umreißen. Insofern sei es ihnen nicht nur um die Weitergabe von Wissen gegangen, sondern um den Transfer einer wissenschaftlich imprägnierten Epistemologie und die Herausbildung einer Gruppe landwirtschaftlicher Experten, die sich als Mittler zwischen Wissenschaft und Bauern inszenierten.

URTE STOBBE (Vechta) zeichnete einen Schlüsselkonflikt in der Gartenkunstdebatte Ende des 18. Jahrhunderts nach: Während Christian Cay Lorenz Hirschfeld versuchte, Gartenplanung als wissenschaftliche, auf Prinzipien und Schlussfolgerungen gründende Unternehmung durchzusetzen, reklamierte sein adliger Antagonist Charles Joseph Prince de Ligne Expertise aufgrund persönlicher Kennerschaft und eigener Beobachtungen für sich. Stobbe deutete diesen Konflikt als komplexen Grenzziehungsprozess bei der Herausbildung der Gartenkunst als wissenschaftlicher Disziplin: So orientierte sich Hirschfeld an Vorstellungen einer nationalen Gartenkultur und wollte die Gartentheoretiker als eine Gruppe mit den entscheidenden Kompetenzen in der Gartenplanung (auch gegenüber den adligen Gartenbesitzern) etablieren. De Ligne machte trotz seines anti-gelehrten Habitus mit dem Beobachtungskriterium ein klar wissenschaftliches Kriterium der Gartenplanung zum Konstituens seiner Überlegungen.

CHARLOTTE WAHL (Hannover) fragte nach Offenheit und Abgrenzung im Mathematikerkreis um Leibniz: An der Reaktion auf Alternativen zu den in diesem Kreis akzeptierten Lösungen für verschiedene mathematische Probleme konnte sie zeigen, dass insbesondere Leibniz zunächst geduldig versuchte, den Urheber einer devianten Theorie von der Richtigkeit seiner eigenen Ansichten zu überzeugen. Wenn dieser beharrlich blieb, konnten er und seine Mitstreiter je nach ihrem persönlichen Verhältnis zu ihrem Kontrahenten zu weichen oder harten Grenzziehungsstrategien greifen, die von Versuchen, Veröffentlichungen zu verhindern, bis hin zu persönlichen Attacken reichten.

ANNA ECHTERHÖLTER (Berlin) präsentierte Elogen auf Ehrenmitglieder der Berliner Akademie nicht als Ausdruck individueller Meinungen, sondern gruppengebundener Überzeugungen und damit als Textgattung, die epistemische Wertungen erzeugen und katalysieren konnte: Indem Ehrenmitglieder ihre Aufnahme in die Akademie nicht ihrer wissenschaftlichen Leistung verdankten, eigneten gerade sie sich als Referenzobjekt, um nicht allein herrschende wissenschaftliche Maßstäbe, sondern auch einen bestimmten Habitus und das Verhältnis gesellschaftlicher Felder zueinander zu explizieren. Distinktionen wurden dabei nicht so sehr über Wissen und die Kategorien wahr/falsch, sondern über moralische Kriterien vorgenommen.

MARITA HÜBNER (Pasadena) untersuchte eine 1799 erschienene Schrift Samuel Simon Wittes, die zahlreiche antike Monumente als Folgen von Vulkanausbrüchen deutete. Eigentliches Ziel des Textes sei die Kritik an der sich formierenden Orientalistik und der Methode des Analogieschlusses, wie ihn Herschel oder Herder praktizierten.

BERND ROLING (Berlin) stellte den in Jena und Helmstedt lehrenden protestantischen Theologen Johannes Andreas Schmidt vor, der sich nicht nur durch ein zahllose Disziplinen durchmessendes Schrifttum, sondern auch durch seine Begeisterung für Automaten und technisches Wissen auszeichnete. Während Schmidt einerseits versuchte, die Schöpfungen antiker ‚Ingenieure‘ sowie in der Bibel erwähnte technische Geräte zu rekonstruieren, setzte andererseits sein theologisches Wissen seiner Akzeptanz natürlicher Erklärungen Grenzen. Zwar waren Phänomene wie das Erdbeben beim Tod Jesu oder der durch die Posaunen der Israeliten bewirkte Einsturz der Mauern Jerichos für Schmidt prinzipiell naturwissenschaftlich-technisch zu erklären. Doch wollte er diese wunderbaren Ereignisse als göttliches Eingreifen verstanden wissen.

CASPAR HIRSCHI (Zürich) deutete die Reformdebatten der Académie des Sciences im 18. Jahrhundert als institutionelle Rekonstruktion dessen, was als wissenschaftlich bzw. unwissenschaftlich zu gelten habe. Ihren besonderen Impetus erhielten sie dadurch, dass die wissenschaftspolitischen Argumente unweigerlich politisch-gesellschaftliche Implikationen besaßen, denn die Beantwortung der Frage nach dem Ausmaß der Hierarchie innerhalb der Akademie korrelierte mit den jeweiligen gesellschaftlichen Idealen der Akteure. Die einem ständischen Prinzip entsprechende Stufung der Mitglieder wurde in den Reformvorschlägen mit einem Ideal wissenschaftlicher Gleichheit kontrastiert, das zugleich mit moralischen Argumenten unterfüttert wurde. Fand man für seine Vorschläge innerhalb der Akademie keine hinreichende Unterstützung, wendete man sich an ein Publikum außerhalb dieser Institution.

MARIAN FÜSSEL (Göttingen) beschrieb, wie die Frage, was als wissenschaftlich bzw. gelehrt gelten könne, im 18. Jahrhundert zur Schlüsselfrage für Inklusion und Exklusion im sich in der Wahrnehmung der Zeitgenossen entgrenzenden gelehrten Feld wurde. Ein wichtiges Mittel hierfür habe die moralische Ökonomie im Sinne eines Netzes affektgesättigter Werte dargestellt; den gelehrten Habitus könne man als fleischgewordenes Substrat dieser moralischen Ökonomien begreifen. In seiner satirischen Schrift „Mittel, in der Gelehrtenwelt berühmt zu werden“ habe Hagedorn den moralischen Geboten des gelehrten Feldes zuwiderlaufende Praktiken aufgespießt, wozu das eigennützige Rezensieren und die öffentliche Kollegenschelte ebenso gehörten wie Patronage und Streitereien um Anstellungen und Verdienst. Gerade weil klare Sanktionsmechanismen im gelehrten Feld gefehlt hätten, seien an ihre Stelle moralische Grenzziehungsmaßnahmen getreten, die eine zusätzliche Dynamik durch die zeitgleiche Erosion von Standesgrenzen erhalten hätten.

ANDREAS PIETSCH (Münster) dekuvrierte die theologische Disputation des jungen Prinzen de Conti 1646 als Mittel des Jesuitenordens, in die Sorbonne einzudringen: Die theologische Fakultät konnte es schlecht verhindern, dass der adlige Jesuitenzögling in ihren Räumlichkeiten unter Anwesenheit politischer und gelehrter Prominenz disputierte – obwohl die von ihm vorgetragenen Thesen zu Gnadenlehre und Eucharistie ganz von jesuitischem Gedankengut durchdrungen waren, das die Universitätstheologen zuvor kritisiert hatten.

Die abschließende Sektion eröffnete ANDREA BADEAs (Münster) Untersuchung der zeitgenössischen Rezeption der Werke Antoine Varillas. Ihm sei seine historiografische und literarische Techniken verbindende Arbeitsweise zum Verhängnis geworden, wenn ihm andere Historiker seinen sorglosen Umgang mit Quellen vorwarfen, eine Grenzziehung, die Badea als Teil des Prozesses der Ausdifferenzierung von Roman und Geschichtsschreibung interpretierte. Varillas Werk habe als Negativfolie gedient, um eigene Wissenschaftlichkeit zu demonstrieren.

Abschließend präsentierte LAURENS SCHLICHT (Jena) den Versuch von Marin Cureau de la Chambre, eine neue Wissenschaft zu begründen, konzipiert als geschlossenes Wissenssystem, in das künftige Erkenntnisse lediglich einzufügen waren. In Analogie zur Monarchie entwarf Cureau ein System, das die Mittelstellung der Sonne und das von ihr ausgehende Licht als Referenzraum nutzte, um die Funktion der Seele zu beschreiben.

Die Tagung endete mit einem kurzen Resümee Martin Mulsows und einer Schlussdiskussion, in der unter anderem diskutiert wurde, wie es angesichts der faktischen Dominanz empirischer Fallstudien in der Wissenschaftsgeschichte möglich sei, größere Verlaufserzählungen zu formulieren. Mulsow bekräftigte die Abhängigkeit dessen, was als wissenschaftlich gelten durfte, von Institutionen, Strukturen und Disziplinen. Grenzziehungen würden autorisiert durch gelehrte und nichtgelehrte Publika, Politik und Organisationen, die sich verschiedener Medien zur Autorisierung bedienten. Grenzziehungsstrategien könnten explizit oder implizit, in harter oder weicher Form ablaufen. Für künftige Studien gab Mulsow den Teilnehmern vier Fragestellungen auf den Weg: Wie könne man interne Veränderungen innerhalb der Wissenschaft deuten? Gebe es nicht gezielte wissenschaftliche Blasphemien, die die Rolle der Religion herausforderten? Welchen Einfluss habe Bürokratie auf Wissenschaft? Was seien die Konsequenzen von Ausgrenzung, die etwa zur Entstehung eines Wissensprekariats führen könne?

Konferenzübersicht:

Frank Rexroth (Göttingen): Begrüßung und thematische Einführung

Sektion 1

Matthias Heiduk (Göttingen): Roger Bacon und die Geheimwissenschaften – Ein Grenzfall für zeitgenössische und historiographische Wissenschaftskonzeptionen

Sita Steckel (Münster): Herren der Worte. Wissenschaft, Religion und Entscheidungsfindung im Bettelordensstreit des 13. Jh.

Sektion 2

Marika Bacsóka (Berlin): Disputatorem non esse, sed cavillatorem – Grenzziehungen innerhalb französischer Wissensgemeinschaften des Hochmittelalters

Maarten Hoenen (Freiburg): Institutionen und Diskussionen. Grenzen des Wissens im Mittelalter

Öffentlicher Abendvortrag
Martin Gierl (München): Johann Christoph Gatterer und die Grenzen historiographischer Wissenschaftlichkeit im 18. Jh.

Sektion 3

Sabine Kalff (Berlin): Eine zu elitäre Wissenschaft – Astrologische Verfahren als Ausweis medizinischer Gelehrsamkeit von Thomas Bodier bis Giovanni Antonio Magini

Kay Peter Jankrift (Augsburg) : Johann Christoph Götz (1688-1733). Ein Nürnberger Arzt, seine Patienten, das gelehrte Publikum und die Sprache der Wissenschaft

Sektion 4

Michael Multhammer (Erfurt): Ausgrenzung und Attraktivität – Kataloge seltener und gefährlicher Bücher als doppelter Wertmaßstab

Mareen Anders (Münster): Repräsentationen intellektueller Milieus in China im 18. Jh.

Sektion 5

Verena Lehmbrock (Jena): Was darf als landwirtschaftliches Wissen gelten? Zur Etablierung eines neuen Sachverstands in Zeitschriften der Bauernaufklärung (1750-1815)

Urte Stobbe (Vechta): Hirschfeld versus de Lgine: Zwei Experten in der Arena der sich formierenden Wissenschaft vom Garten

Sektion 6

Charlotte Wahl (Hannover): Offenheit und Abgrenzung im Mathematikerkreis um Leibniz

Anna Echterhölter (Berlin): Dilettantisches Vergehen, Distinktionstechniken in Elogen auf Ehrenmitglieder der Berliner Akademie

Sektion 7

Marita Hübner (Pasadena): Samuel Simon Witte, Reiseberichte und wissenschaftliche Erklärungen von Persepolis und den Pyramiden um 1800

Bernd Roling (Berlin): Mechanik und Mirakel: Johannes Andreas Schmidt (1625-1726) und die technischen Grenzen des Wunders in Helmstedt

Sektion 8

Caspar Hirschi (Zürich): Wie hierarchisch soll Wissenschaft sein? Debatten in der Académie Royale des Sciences von Paris

Marian Füssel (Göttingen): Symbolische Grenzen. Gelehrter Habitus und moralische Ökonomie des Wissens im 18. Jh.

Andreas Pietsch (Münster): „… pour satisfaire à la curiosité des Princesses & des Dames de la Cour“ – Gelehrsamkeit bei Hofe im Frankreich des 17. Jh.

Sektion 9

Andrea Badea (Münster): Antoine Varillas als Gegenmodell wissenschaftlichen Arbeitens in der Historiographie des späten 17. und des 18. Jh.

Laurens Schlicht (Jena): Der wissende Kosmos – Die Kunst der Menschenkenntnis Marin Cureau de la Chambres als Versuch der Begründung einer neuen Wissenschaft

Martin Mulsow (Erfurt/Gotha): Resümee

Schlussdiskussion

ZitierweiseTagungsbericht Was als wissenschaftlich gelten darf. Praktiken der Grenzziehung in Gelehrtenmilieus der Vormoderne. 29.02.2012–02.03.2012, Göttingen, in: H-Soz-u-Kult, 17.04.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4196>.

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