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Die Transformation ostdeutscher Unternehmen: Zwischen Kontinuität und Systemkonkurrenz. 3. Sitzung des Arbeitskreises "Ostdeutsche Unternehmen im Transformationsprozess"

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Gesellschaft für Unternehmensgeschichte e.V.
Datum, Ort:02.03.2012, Rabenau (Sachsen)

Bericht von:
Ulrike Schulz, Arbeitsbereich Geschichte Moderner Gesellschaften, Universität Bielefeld
E-Mail: <ulrike.schulzuni-bielefeld.de>

Am 2. März 2012 fand die 3. Sitzung des Arbeitskreises „Ostdeutsche Unternehmen im Transformationsprozess“ der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte e.V. statt. Als übergreifendes Thema stand dieses Jahr „Die Transformation ostdeutscher Unternehmen: Zwischen Kontinuität und Systemkonkurrenz“ auf dem Programm. Gastgeber war die Polstermöbel Oelsa GmbH in Rabenau/Sachsen, womit inhaltlich ein zusätzlicher Schwerpunkt auf der Geschichte der sächsischen Möbelindustrie von ihren Anfängen bis heute lag.

In der Gegend um die Orte Oelsa und Rabenau im sächsischen Freital/Erzgebirge unweit von Dresden bildete sich in der Mitte des 19. Jahrhundert eine für die mitteldeutsche Wirtschafts- und Industriegeschichte so typische Clusterstruktur kleiner und mittlerer Unternehmen heraus, die mit der Herstellung von Möbeln befasst war. Im Mittelpunkt dieser aus dem Verlagswesen überführten Clusterstruktur stand der Stuhlbau, der sich bereits im 16. Jahrhundert als Hauptzweig der ansässigen Handwerksproduktion entwickelt hatte. Dieser Erwerbszeig und seine Organisationsstruktur blieben bis 1945 im Grundsatz bestehen. Und auch in der DDR bestand diese Struktur trotz des strukturellen Umbaus der Unternehmen in Volkseigene Betriebe bzw. Kombinate in der Zentralplanwirtschaft im Kern fort. Heute ist die Polstermöbel Oelsa GmbH das einzig verbliebene produzierende Unternehmen, das noch in der jahrhundertelangen Tradition des Sitzmöbelbaus steht und die Transformation in die Markwirtschaft nach 1989 überlebt hat.

Der kurze historische Abriss repräsentiert nahezu in Reinform, was sich als ein genereller Befund für die Geschichte ostdeutscher Unternehmen ableiten lässt, seit der Arbeitskreis 2010 ins Leben gerufen wurde: Betrachtet man die Geschichte der ostdeutschen Unternehmen als Transformationsgeschichte und über die politische Zäsuren 1945 und 1989 hinaus, ergeben sich übergreifende Einsichten in die ostdeutsche Industriestruktur mit ihrer regionalen Verankerung von Produktionsstandorten, über das Funktionieren der Betriebe in der sozialistischen Planwirtschaft sowie über die einzelnen Schocks der Transformation nach 1989.

Die Sitzungen des Arbeitskreises spiegeln das Potenzial des Themas wieder, jedoch steht die schwierige wissenschaftliche Auseinandersetzung damit immer noch am Anfang. Dies liegt zum einen an der rudimentären empirischen Forschung zur DDR-Unternehmensgeschichte; hier gibt es noch immer zu wenig Anknüpfungs- und Vergleichsfälle. Zum anderen ist der teilweise diffizile Dialog zwischen Unternehmer/innen und Wissenschaftler/innen anzuführen, in dem beständig der Zielkonflikt zwischen Zeitzeugenschaft und Expertentum auf Seiten der Unternehmer/innen sowie wissenschaftliche Beurteilung und spezifische Forschungsinteressen auf Seiten der Wissenschaftler/innen auszubalancieren sind. Insofern ist das Problem der „Zeitzeugenschaft“ für die Arbeitskreisarbeit von zusätzlich anderer Qualität, da es nicht nur um das Problem des persönlichen Erlebens geht, sondern auch um die notwendig unterschiedliche Expertise von Unternehmer/innen und Unternehmenshistoriker/innen. Insofern war das gemeinsame Ringen um Einsichten bezüglich des übergreifenden Themas zur „Transformation ostdeutscher Unternehmen: Zwischen Kontinuität und Systemkonkurrenz“ deutlich erlebbar, die Ergebnisse der Sitzung insgesamt aber dennoch aussagekräftig und vielversprechend.

Den Beginn machte MARTIN SCHWARZ (Dresden), der mit seinem Beitrag zur „Automatisierung der 1950er- und 60er-Jahre: Zur Konstruktion einer Schimäre im deutsch-deutschen Vergleich“ sein Dissertationsprojekt vorstellte. Da das Forschungsprojekt ideengeschichtlich angelegt ist und vor allem die Semantik des mit der Automatisierung verbundenen Fortschrittsversprechens ausleuchten will, sind bezüglich der konkreten Umsetzungen in beiden deutschen Staaten zumal in historisierender Absicht weitere Forschungen notwendig. Deutlich wurde dabei aber der in beiden deutschen Staaten vorrangig von technischen Eliten geführte, in seiner Substanz nicht ungleiche Diskurs, der auf die zukünftig durch den Arbeitskreis stärker zu fokussierende deutsch-deutsche Perspektive verweist.

Der Vortrag von RALF AHRENS (Potsdam) beschäftigte sich nicht nur mit einer Schlüsselbranche der DDR-Wirtschaft, sondern auch mit einer in Ostdeutschland vor 1945 traditionell stark konzentrierten Branche, dem Maschinenbau. In seinem Beitrag, in dem er den ostdeutschen Maschinenbau in der Ära Honecker in den Blick nahm, zeigte Ahrens noch einmal eindrücklich die strukturellen Defizite der DDR-Zentralplanwirtschaft auf – von der politischen Steuerung genuin betrieblicher Entscheidungen, über die systemimmanenten Innovationshemmnisse, den Verschleiß des Anlagenbestands bis hin zur Verschließung vor den internationalen Märkten. Seine Branchenanalyse brachte interessante Einsichten in die Organisationsstruktur des Maschinenbaus aus Transformationsperspektive. Auch in der DDR blieb der Maschinenbau beispielsweise lange ein persistentes „mittelständisches Projekt“, zu dem es nach 1989 schnell wieder „zurückschrumpfte“. Insofern lässt sich der politische Strukturfehler „Kombinatsreform“ an dieser Branche besonders gut kennzeichnen. In der Diskussion legte Ahrens dar, dass er vor allem mit auf Branchenebene aggregiertem Datenmaterial gearbeitet hatte, so dass seine Analyse weniger aussagekräftig für die Mikroebene unternehmerischen oder betrieblichen Handelns war. Es blieb entsprechend die Frage offen, was die Unternehmen im Maschinenbau zu Stabilisierung der Gesamtwirtschaft der DDR leisteten, wie sie mit den Normativen der DDR-Führung umgingen, welche praktischen Lösungen sie für Probleme auf betrieblicher Ebene fanden.

MATTHIAS JUDT (Potsdam) referierte aus seinem Forschungsprojekt zu „Konsumgenossenschaften als ‚Schicksalsgemeinschaft‘: Das Verschwinden der Konsumgenossenschaften in Ost- und Westdeutschland“. Seine zentrale These lautete, dass das Scheitern der Konsumgenossenschaften in beiden deutschen Staaten zwar um rund 40 Jahre zeitversetzt, aber dennoch aus den gleichen Gründen zu erklären sei. Neben einem aus der Organisationsform selber – hypothetisch – abgeleiteten Managerversagen seien es die viel größeren Spielräume der aufkommenden Handelskonzerne gewesen, welche die Konsumgenossenschaften als Organisationsform in der Marktwirtschaft verdrängt hätten. In der Diskussion wurden jedoch einige Zweifel laut, ob die Organisationsform „Konsumgenossenschaft“ in der BRD mit derjenigen der DDR als zentral geleitete Handelsorganisation vergleichbar waren. Auch die Vergleichbarkeit von Betrug und Managerversagen unter marktwirtschaftlichen Bedingungen der BRD in den 1960er- und 1970er-Jahren und derjenigen nach 1989, als auch politische Akteure bei der Abwicklung mittaten, löste Fragen aus.

Eine inhaltliche Kontroverse entspann sich auch nach dem Vortrag von MARCEL BOLDORF (Bochum), der über den „Wechsel des betrieblichen Führungspersonals in der SBZ“ referierte. Zunächst wurde über die Kernfrage des Themenkomplexes selbst diskutiert: Inwiefern wurde der Elitenwechsel in der Wirtschaft der SBZ/DDR nach 1945 von den neuen Machthabern politisch erzwungen? Boldorf bewegt sich mit seinem Unternehmenssample hier im Einklang mit der zahlreichen bereits geleisteten Forschung, nämlich, dass sowohl die Wirtschafts- als auch die technischen Eliten in den Unternehmen der SBZ zunächst kaum angetastet wurden, da sowohl die sowjetische Besatzungsmacht als auch später die DDR auf deren Expertise und Erfahrung angewiesen waren. Insbesondere anhand des von Boldorf gewählten kollektivbiografischen Zugriffs zeigte sich, welche Schwierigkeiten bisweilen die Entwicklung greifbarer analytischer Kriterien für eine solche Versuchsanordnung bereitet. In diesem Zusammenhang stand auch die Frage im Raum, ab wann diese Entscheidungen überhaupt wieder „freiwillig“ und „individuell“ getroffen wurden vor dem Hintergrund des allseitigen Ausnahmezustands der Nachkriegsordnung, der in allen vier Besatzungszonen gegeben war.

Den letzten wissenschaftlichen Beitrag des Workshops steuerte MARKUS BÖICK (Bochum) mit seinem Dissertationsprojekt zu den Manager/innen der Treuhandanstalt bei. Böick zeigte zunächst auf, wie polemisch dieses Thema bis in die Gegenwart behandelt wird. Er konnte deutlich machen, welches Potential zur Versachlichung seinem Forschungsprojekt innewohnt, liegt diesem doch eine systematische Auswertung der treuhandeigenen Darstellungen zugrunde, die mit den Erfahrungen von UnternehmerInnen vor Ort sowie Zeitzeugeninterviews der ehemaligen Treuhandmanager/innen abgeglichen wird. Erste Einsichten in das Projekt lassen darauf schließen, dass ohne eine sorgfältige Kontextualisierung bis heute gängige Vorurteile über die Manager der Treuhand sowohl eine sachliche Grundlage haben als auch verfehlt sein können. Zu gleichen Teilen zeigte Böick dabei, wie divers und kleinteilig die Aufgaben der Manager/innen streckenweise waren, unter welchem Zeit- und Erfolgsdruck sie standen, und wie verstellt der öffentliche Blick auf diese Gruppe durch die großen – nicht zu beschönigenden – Skandale der Treuhand AG bis heute ist.

Das Schlusswort hatte der Gastgeber, der Geschäftsführer der Oelsa Polstermöbel GmbH, der die Geschichte seines Unternehmens über drei Jahrhunderte rekapitulierte und mit einer persönlichen Anfrage an die wissenschaftliche Forschung verband. Er bat die im Arbeitskreis tätigen Mitglieder um Mithilfe, die Geschichte der sächsischen Möbelindustrie zu schreiben, da das Unternehmen bereits selbständig initiativ geworden ist. Ob ein solches Projekt für die wissenschaftliche Forschung – neben den ohnehin schwierigen Fragen der institutionellen Anbindung, Finanzierung und Personal – derzeit von Interesse wäre, wurde in der Runde als ungewiss eingeschätzt. Bedauerlicherweise fehlt derzeit ein genuines Forschungsinteresse der deutschen Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte, sich mit der ostdeutschen Wirtschafts- und Industriegeschichte zu beschäftigen, diese etwa mit einem ähnlich kritischen Frageset zu konfrontieren, wie es seit dem Boom zur Erforschung von Unternehmen im Nationalsozialismus zur Verfügung steht. Der Arbeitskreis „Ostdeutsche Unternehmen im Transformationsprozess“ versteht sich hier als Impulsgeber, der neben dem wissenschaftlichen Austausch auch in Zukunft Fachwelt und interessierte (unternehmerische) Öffentlichkeit zusammenführen will. Auf der Basis des dabei entstehenden Austausches soll im Rahmen der kommenden Sitzungen auch stärker über solche Kooperationen und die Bearbeitung der erheblichen Forschungsdesiderate diskutiert werden.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Andreas Käppler, Geschäftsführer der Polstermöbel Oelsa GmbH
André Steiner/Thomas Welskopp, Leiter des Arbeitskreises

Martin Schwarz (Technische Universität Dresden): Automatisierung der 1950er und 60er Jahre: Zur Konstruktion einer Schimäre im deutsch-deutschen Vergleich

Ralf Ahrens (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam): Der ostdeutsche Maschinenbau in der Ära Honecker. Strukturwandel, Systemschwächen und Ausgangsbedingungen für die Transformation

Matthias Judt (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam): Konsumgenossenschaften als „Schicksalsgemeinschaft“: Das Verschwinden der Konsumgenossenschaften in Ost- und Westdeutschland

Marcel Boldorf (Ruhr-Universität Bochum): Unternehmerfluchten, politische Säuberungen und wirtschaftliche Rekonstruktion. Wechsel der betrieblichen Führungskräfte in der SBZ

Markus Böick (Ruhr-Universität Bochum): „Lokomotivwechsel während der Fahrt…“. Die Manager der Treuhandanstalt und die ostdeutschen Unternehmen

Andreas Käppler (Polstermoebel Oelsa GmbH): Transformationsprozesse der Polstermöbel Oelsa über drei Jahrhunderte

Andreas Käppler/Klaus Rudel/Johann Spensberger: Werkstattbericht zum Projekt „Die Sächsische Möbelindustrie“

ZitierweiseTagungsbericht Die Transformation ostdeutscher Unternehmen: Zwischen Kontinuität und Systemkonkurrenz. 3. Sitzung des Arbeitskreises "Ostdeutsche Unternehmen im Transformationsprozess". 02.03.2012, Rabenau (Sachsen), in: H-Soz-Kult, 30.03.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4190>.

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