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“(De-)Standardisation” of Work Biographies in the 20th Century. Historical and Sociological Perspectives on Regulatory Norms and Social Practices

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Josef Ehmer, Wien; Nicole Mayer-Ahuja, Göttingen; Lutz Raphael,Trier
Datum, Ort:07.03.2012–09.03.2012, Berlin

Bericht von:
Jürgen Schmidt, Humboldt-Universität, IGK Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <juergen.schmidtasa.hu-berlin.de>

Spätestens seit Richard Sennetts Buch Der flexible Mensch ist die Flexibilisierung der Arbeitswelt in aller Munde. Wenn es eine Flexibilisierung und De-Standardisierung von Berufs- und Lebensverläufen gab, muss es aber auch eine Phase der Stabilität, Normalität und fester Standards gegeben haben. In deutscher und europäischer Perspektive wurden die knapp dreißig Jahre bis zur Ölkrise 1973 und dem folgenden Strukturbruch als normbildend ausgemacht. Kontinuierliche Lohnzuwächse, ein geregelter Übergang von der Arbeit zur Rente, Kündigungsschutz und vor allem eine dauerhafte Beschäftigung in einem einmal erlernten Beruf breiteten sich in dieser Zeit aus. Doch halten diese Thesen der wissenschaftlichen Empirie stand? Wie werden Normen und Standards des Arbeitslebens gesetzt? Was passiert, wenn man den europäischen Blick weitet und globale Entwicklungen einbezieht? Diesen Fragen ging die Tagung „‘(De-)Standardisation‘ of Work Biographies in the 20th Century. Historical and Sociological Perspectives on Regulatory Norms and Social Practices“ am Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kolleg „Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive“ der Humboldt-Universität nach.

Auf der einen Seite blieb von einem „Normalarbeitsverhältnis“ der Wirtschaftswunderjahre, auf das Bezug genommen werden könnte, nicht viel übrig. THOMAS PIERSON (Frankfurt/Main) zeigte, dass dieser Begriff überhaupt erst Mitte der 1980er-Jahre in der deutschen sozialwissenschaftlichen Forschungsliteratur aufkam und allmählich Einzug in die Rechtssprache hielt. In Frankreich verzeichneten Zeitarbeitsfirmen in den 1960er-Jahren ein schnelles Wachstum. Der Handlungsbedarf wuchs und 1969 kam es zwischen dem Personaldienstleister „Manpower“ und der kommunistischen Gewerkschaft CGT zu einem Abkommen, das die Beschäftigung von Zeitarbeitskräften regelte. In ähnlicher Form wurde dieses Abkommen 1972 in Gesetzesform gegossen. Angesichts der hohen Flexibilität meinte CHARLES DE FROMENT (Paris), dass von einem Normalarbeitsverhältnis höchstes für Beamte sowie Arbeiter und Angestellte in den Staatsbetrieben gesprochen werden könne. KARL ULRICH MAYER (Yale/Berlin) und ANETTE FASANG (Berlin) demontierten am Beispiel von sieben Geburtsjahrgängen zwischen 1929 und 1971 das Bild besonders stabiler Berufsverläufe in den Wirtschaftswunderjahren. Rund vierzig Prozent aller Männer und Frauen dieser Jahrgänge wechselten in den ersten zehn Jahren ihre Beschäftigung. Außerdem sei im Verlauf der Zeit keine Trendzunahme in der Berufsmobilität festzustellen.

Kategorien von Norm, Normalität und Standard wandeln sich erheblich, blickt man auf Indien. Das „Informelle“ wird zum Normalzustand. Jahrzehntelang war der Begriff des „unorganisierten Sektors“ in der offiziellen Sprache Indiens eine Kategorie für alle Beschäftigten in Betrieben unter zehn Mitarbeitern. Erst 2007 definierte eine Regierungskommission, dass „unorganisierte Beschäftigung“ dann vorliege, wenn jegliche soziale Absicherung fehle. Auf dieser Grundlage stellte der Regierungsbericht fest, dass 93 Prozent aller Arbeiter in „unorganisierten“ Verhältnissen arbeiten, so PRABHU MOHAPATRA (New Delhi) in seinem Vortrag. JAN BREMAN (Amsterdam) konstatierte mit Blick auf die ländliche Armut Indiens, dass staatliche Gesetze zwar Normen schufen, diese aber kaum den Betroffenen helfen würden. Erhalte jemand staatliche Unterstützung, werde dies im Dorf eher wie ein Lottogewinn wahrgenommen, aber nicht wie ein soziales Recht. Zugespitzt meinte Breman, der westeuropäische Sozialstaat sei zu den Bürgern gekommen, in Indien müssten die Betroffenen dagegen sich an den Staat wenden. Doch wie sei dies angesichts fehlender Bildung und Partizipationsmöglichkeiten zu realisieren?

Auf der anderen Seite gab es Argumente, die für den Prozess der De-Standardisierung sprechen. Allein konzeptionell mache es Sinn, sich auf historische Referenzpunkte zu beziehen und diese auf ihre Tauglichkeit abzuklopfen, statt sie von vornherein zu negieren. Nur so sei überhaupt ein Rahmen für diese Tagung möglich, meinte in einem Kommentar PETER BARTELHEIMER (Göttingen). NICOLE MAYER-AHUJA (Göttingen) plädierte dafür, den Blick auf die Betroffenen und Akteure (Individuen, Haushalte, Staat, Wirtschaft) zu richten. Dann lasse sich auch genauer analysieren, wie es zu de-standardisierten Erwerbsbiographien komme. In den Boomjahren mit ihren Arbeitskräftemangel sei dauerhafte Lohnarbeit erfolgreich als Norm etabliert worden; in den Jahren mit Arbeitskräfteüberangebot bildete sich Flexibilität als neue Norm heraus. Wie aus ursprünglich festen Arbeitsverhältnissen informelle wurden, beleuchtete JONATHAN PERRY (London) am Beispiel eines indischen Stahlunternehmens. Dort stieg die Zahl der in Tagelohn eingestellten Arbeiter in den letzten zwei Jahrzehnten stark. Als Folge grenzt sich eine schrumpfende Stammarbeiterschaft scharf von den prekär Beschäftigten ab.

Den Wandel und die Etablierung neuer Standards machten weitere Beiträge deutlich. CHRISTOPH WEISCHER (Münster) analysierte die Durchsetzung des Doppelverdiener-Modells. Der Mann als Alleinverdiener war 1984 noch in vierzig Prozent aller deutschen Haushalte Realität, 2010 nur noch in 17 Prozent. Wie innerhalb des Haushalts die Aushandlungen zwischen Mann und Frau in den 1960er-Jahren abliefen, illustrierte CHRISTINE VON OERTZEN (Berlin) am Beispiel von Arbeiterinnen, die bei Bahlsen in Hannover beschäftigt waren. Außerdem rekonstruierte sie die Einführung der Lohnsteuerklasse V Anfang der 1960er-Jahre, die den status quo zwischen dem männlichen Alleinverdiener und der Frau, die ‚nur‘ einem Zusatzverdienst nachging, verfestigte. SIGRID WADAUER (Wien), die als einzige in die erste Jahrhunderthälfte blickte, wandte sich der Normsetzung bei der Gründung prekärer, selbständiger Gewerbe zu und zeigte dabei unter anderem, dass Hausierer, die in Österreich ein Gewerbe anmeldeten, eine kontinuierliche Erwerbsbiographie konstruierten. So stilisierten sie sich mit ihrer prekären Beschäftigung zu selbständigen Händlern. GERTRUD BACKES (Vechta), deren Beitrag krankheitshalber nur durch Ingrid Eyers verlesen werden konnte, hob am Beispiel einer Analyse narrativer Interviews hervor, dass der Übergang in den (Vor)-Ruhestand und seine Wahrnehmung immer noch entscheidend von der Zufriedenheit mit dem zuvor ausgeübten Beruf abhänge.

Angesichts der vielfältigen Ergebnisse gab es regen Diskussionsbedarf. Manches wirkte ritualisiert, etwa, wenn selbst hartgesottene Langzeitreihen-Analytiker freimütig einräumten, dass es nicht nur der generalisierenden, sondern auch der individuellen Perspektive bedürfe. Mohapatra fragte kritisch nach, was Mayers Berufsmobilität denn messe, wenn sie nicht auch Auf- oder Abwärtsmobilität berücksichtige. Vielleicht würde der Begriff der Klasse manches Verharren in dem gleichen Beruf erklären. Doch diesen Klassen-Ansatz wollte so recht niemand aufgreifen. Am Konzept der „Informalität“ wurde kritisiert, dass es letztlich angesichts von 93 Prozent informell Beschäftigter keinerlei Aussagewert bzw. analytische Kraft mehr habe. Informalität sei die Norm und nicht die mit dem Ausdruck implizierte Ausnahme. Die Frage des Vergleichs drängte sich auf; einerseits seien diachrone Vergleiche durchaus reiz- und sinnvoll, doch dürfe man nicht in die Falle der Modernisierungstheorie tappen, nach der Indien nur sich weiter modernisieren müsse, um seine Probleme zu überwinden. Interessant und anschlussfähig erschien den Teilnehmern – auch unter vergleichenden Gesichtspunkten – die von Jan Breman vorgeschlagene Analysekategorie der „post-agrarian society“, um Indiens Wandlungsprozesse zu beschreiben, die sich nicht in einem simplen Übergangsmodell von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft beschreiben lassen. Und JOSEF EHMER (Wien) plädierte dafür, den Lebenslauf als Kategorie in die Untersuchungen stärker einzubringen. Manche Ergebnisse, etwa die der Berufsmobilität, würden je nach Lebenslaufphase vermutlich sehr unterschiedlich aussehen.

LUTZ RAPHAEL (Trier), zusammen mit Josef Ehmer und Nicole Mayer-Ahuja einer der Organisatoren der Tagung, verwies abschließend auf das konfliktfreie Diskussionsklima während der Tagung. Eher stillschweigend sei man von einer Kritik und Ablehnung der Flexibilisierung ausgegangen. Die Befürworter, die in flexiblen Arbeitsverhältnissen nicht Gefahren der Prekarisierung sehen, sondern erfolgreiche Beschäftigungsmodelle, hätten gefehlt. Auch aus dieser Perspektive sollte zukünftig die Frage nach der „De-Standardisierung“ von Berufsverläufen nicht nur zwischen Soziologen und Historikern diskutiert werden, sondern auch Ökonomen eingebunden werden.

Für ganz Verwegene bietet sich gar der Blick in die Welt der Romane an. Mit Irrlicht und Feuer schuf Max von der Grün 1963 einen Klassiker der Literatur der Arbeitswelt. Den Protagonisten des Romans erwischt die Bergbaukrise der Nachkriegszeit; er verliert seinen Arbeitsplatz. Als Hilfsarbeiter auf dem Schrottplatz und auf dem Bau schlägt er sich durchs Leben. In der Elektroindustrie ist er zwar „endlich kein dreckiger Kohlen-, Eisen- und Stahlarbeiter mehr“; glücklich wird er dort allerdings auch nicht und sucht weiter nach erfüllender Arbeit: von einem standardisierten Berufsleben vor dem Hintergrund des Wohlstandswachstums und der sich abzeichnenden Konsumgesellschaft keine Spur.

Konferenzübersicht:

Address of Welcome and Introduction
Andreas Eckert, Berlin
Nicole Mayer-Ahuja, Göttingen

Regulatory Norms & Practices
Discussant: Lutz Raphael, Trier/Oxford

Prabhu Mohapatra, Delhi: A Moving Target: The Worker in the Mirror of Law in India

Thomas Pierson, Frankfurt: Legal Implementation and Deregulation of the so-called “Normalarbeitsverhältnis” (Standard Employment) in the FRG

Career Patterns between State and Household Regulation
Discussant: Peter Bartelheimer, Göttingen

Charles de Froment, Paris: Temporary Work in France and Germany

Jonathan Parry, London: Company and Contract Labour in a Central Indian Steel Plant

Christoph Weischer, Münster: Paid and Unpaid Work in the Context of Household Strategies

Work Biographies between Wage-Labour & Self-Employment
Discussant: Nicole Mayer-Ahuja, Göttingen

Sigrid Wadauer, Vienna: Improvising Livelihood: Unemployment, Self-Employment and Wage Labour in Interwar Austria

Christine von Oertzen, Berlin: Negotiating Part-Time Work in West Germany, 1955-1969

Jan Breman, Amsterdam: The Promise of Social Welfare for India’s Labouring Poor in Past and Present

Employment in the Life Course
Discussant: Josef Ehmer, Vienna

Karl-Ulrich Mayer, Yale: The Myth of Flexibilisation in Germany

Gertrud Backes/Ingrid Eyers, Vechta: Changing Transitions to Retirement in Germany?

Résumé
Lutz Raphael, Trier/Oxford

ZitierweiseTagungsbericht “(De-)Standardisation” of Work Biographies in the 20th Century. Historical and Sociological Perspectives on Regulatory Norms and Social Practices. 07.03.2012–09.03.2012, Berlin, in: H-Soz-Kult, 11.04.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4187>.

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