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Wie nationalsozialistisch waren die Deutschen?

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Evangelische Akademie Tutzing (EAT); Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
Datum, Ort:09.12.2011–11.12.2011, Tutzing

Bericht von:
Lothar Schon, München
E-Mail: <lothar.schont-online.de>

Mit dieser zugleich schlichten wie höchst anspruchsvollen Fragestellung befasste sich eine Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing. Nicht allein die Komplexität und emotionale Brisanz des Themas, sondern auch der Versuch eines interdisziplinären Austauschs zwischen Geschichtswissenschaft, Sozialpsychologie und Psychoanalyse zeugten vom Mut des Vorbereitungsteams. Die inhaltlich dicht befrachtete und hochkarätig besetzte Tagung hatte eine große, heterogene Teilnehmerschaft, bei der das hohe Durchschnittsalter auffiel: Viele Zeitzeug/inn/en des Nationalsozialismus hatten sich eingefunden.

Bereits im Tagungsteam wurde der Anspruch der Interdisziplinarität verwirklicht: Idee und Konzept der Tagung stammten von der Sozialpsychologin, Psychoanalytikerin und NS-Forscherin Gudrun Brockhaus, der Soziologin Marina Mayer und den beiden Psychoanalytikern J.-Utz Palußek-Spanl und Falk Stakelbeck. Dazu kam als Historikerin Ulrike Haerendel von der EAT. MALTE THIESSEN (Oldenburg) sieht das Gelingen von Interdisziplinarität bestimmt durch die Bereitschaft, sich auf einen mühsamen und unbequemen Verständigungsprozess einzulassen. Im Falle des Tagungsteams ist dieser Prozess offenbar gelungen.

Zum Auftakt zeigte CHRISTIAN SCHNEIDER (Frankfurt am Main) seinen (und Eduard Ernes) Dokumentarfilm „Herrenkinder“, der auf Interviews mit ehemaligen Schülern der nationalsozialistischen Eliteinternate (Napola) und ihren Kindern und Enkeln basiert. Die an Originalplätzen gedrehten Interviews – z.T. mit prominenten Absolventen wie Hellmuth Karasek oder Theo Sommer – vermittelten ein eindrückliches Bild von Demütigung und Geschliffenwerden der Schüler, in denen zugleich ein Herrenmenschen-Bewusstsein erzeugt wurde. Der Film zeigte ihre teilweise bis heute andauernde Identifikation mit den Napola-Werten. Als Zuschauer wurde man verstört durch das hautnahe Erlebnis der persönlichen Deformation der Ex-Napolaner und deren partielle Weitergabe an ihre Kinder. Dieser genuin psychoanalytische Tagungsbeitrag wurde in einer lebhaften Diskussion aufgenommen, die unter anderem das spezifisch Nationalsozialistische dieser Eliteerziehung in Frage stellte. Selbstkritische Erinnerungen einzelner an ihre eigene leidenschaftliche Begeisterung für den Nationalsozialismus zeigten das offene, angstfreie Klima, das die Tagung charakterisierte.

Die theoretischen Beiträge waren in drei Themenbereiche gegliedert: I. Ideologischer Konsens? II. Selbstmobilisierung für die Volksgemeinschaft? III. Zur Psychologie des Nationalsozialismus. Die Fragezeichen verdeutlichen die Offenheit des Diskurses, in dem es mehr darum ging, neue und differenziertere Fragen aufzuwerfen als eindeutige Antworten geben zu wollen.

In ihrer theoretischen Einführung thematisierte GUDRUN BROCKHAUS (München) die fundamentale Uneinigkeit der NS-Forschung und das Fehlen von Zwischentönen und Toleranz in den wissenschaftlichen Debatten. Sie kritisierte die falsche Eindeutigkeit der Tagungsfrage: Was bedeutet es, „nationalsozialistisch“ zu sein? Und kann man überhaupt von „den Deutschen“ sprechen? Veränderten sich Beweggründe für Zustimmung und Ablehnung nicht sehr stark? Sie hält es dennoch für sinnvoll, nach den Motiven der Konsensbereitschaft bei der Bevölkerungsmehrheit zu suchen. Eine Ahnung von der Widersprüchlichkeit und dem Nebeneinanderbestehen von eigentlich Unvereinbarem im Nationalsozialismus vermittelte das Foto des Tagungs-Flyers: Ein weihnachtlich geschmückter Tannenbaum, auf dem Gabentisch darunter neben Kaffeemühle und anderen nützlichen Gaben auch Hitlers „Mein Kampf“…

Im ersten thematischen Block fragte PETER LONGERICH (London) nach dem Konsens der Bevölkerung mit Antisemitismus und Genozid. Zwar sei vor 1933 der Antisemitismus „der kleinste gemeinsame Nenner“ der nationalistischen Rechten gewesen, aber trotz immer neuer Propagandawellen sei die radikale Judenfeindlichkeit der Nazis nicht zu einem aktiv mitgetragenen Anliegen der Bevölkerung geworden. Wegen des Fehlens einer meinungsbildenden Öffentlichkeit habe sich der Widerspruch zum Antisemitismus auf den privaten bzw. halböffentlichen Bereich beschränkt und die vertrauten Deutungsmuster benutzt – der Genozid an den Juden konnte deshalb nicht gedacht und formuliert werden. Das Regime versuchte, die Bevölkerung als Mitwisser und Mittäter zu instrumentalisieren und machte die Vernichtung der Juden ab 1943 in Wort und Bild öffentlich, so dass kein Deutscher ernstlich behaupten konnte, er habe „nichts gewusst“. Vielmehr habe sich die Bevölkerung hinter „ostentativer Ahnungslosigkeit“ verschanzt: Man wollte den Massenmord nicht emotional an sich heranlassen. Longerich spricht von einer „Flucht in die Unwissenheit“. Er kam insgesamt zu einer skeptischen Einschätzung, wie weit es dem Regime gelang, die Bevölkerung zu einem ideologischen Konsens, insbesondere mit der Vernichtung der Juden, zu bringen.

Das Interview Longerichs durch MARINA MAYER und FALK STAKELBECK (beide München) verdeutlichte die Bedeutsamkeit eines kritischen Umgangs mit den Quellen. Nach Longerich stellten etwa die Stimmungsberichte des SD keine authentische Bevölkerungsmeinung dar, wenn sie über die begeisterte Zustimmung der Deutschen berichten, denn diese Sichtweise sei politisch erwünscht gewesen. Die positiven Berichte als realistische Darstellung zu deuten, resultiere in einer Überschätzung der Zustimmungsbereitschaft.

HABBO KNOCH (Göttingen), der zweite Vortragende zum „ideologischen Konsens“, beschrieb die Bedeutsamkeit des sinnlichen Erlebens im Nationalsozialismus, den Versuch der Vereinnahmung aller Sinne. Er beschäftigte sich mit Fotografien als sozialem Medium. Propagandistisch perfekt ausgestaltete Fotos (z.B. Hitler und Hindenburg), grafisch monumentale Plakate („Auch Du gehörst dem Führer!“), Postkarten und schließlich auch die Privat-Fotografien - z.B. von Soldaten - demonstrierten eindrücklich, wie sehr der Nationalsozialismus den Alltag optisch beherrschte. Für Knoch beförderte diese Bilderflut mit Mechanismen der Personalisierung, Symbolisierung und Ritualisierung die von Hannah Arendt beschriebene Unfähigkeit, zwischen Tatsache und Meinung zu unterscheiden. Die mediale Flut – eine „Optik der Macht“ – habe durch Okkupation der Wahrnehmung zum Verlust der Koordinaten von Wahrheit und Moral beigetragen.

In der Plenumsdiskussion deutete sich eine Kontroverse an, die die Tagung bis zum Schluss begleitete: Auf der einen Seite stand die Frage nach strukturellen Voraussetzungen für das Funktionieren des Nationalsozialismus, auf der anderen Überlegungen zu emotionalen, massenpsychologischen Hintergründen (Bindung, Zustimmung, gar „Verinnerlichung“ nationalsozialistischer Ideologie durch die Deutschen?). Mit der ersten Fragerichtung ging eine kritische Einschätzung der Selbstdarstellung des Regimes und seiner einstellungsverändernden Macht einher (Mommsen, Longerich). So bezweifelte Longerich die massive Erhöhung der Zustimmungsraten zu den Nazis nach 1933. Die andere Perspektive betonte die Wirksamkeit ideologischer Weltdeutungen (Fritzsche), alltagsnaher Erlebnisangebote (Brockhaus), der Schaffung „emotionsmächtiger Scheinwelten“ (Knoch) oder der Vermittlung eines Opfer-Mythos (Fritzsche, s.u.). Dass diese Kontroverse unterschiedliche Auslegungen der zeitgenössischen Quellen beinhaltet und auch moralische und wegen der jeweiligen persönlichen Involviertheit stark affektiv besetzte Stellungnahmen zur NS-Herrschaft, wurde von MARTIN WEIMER (Fiefbergen) in seiner psychoanalytischen Tagungsbeobachtung – einer Besonderheit des Tagungskonzepts – immer wieder hervorgehoben. Er führte den hilfreichen Begriff des „Unthought Known“ - des „Ungedacht Bekannten“ (Bollas) - ein: Vieles wurde gewusst im Nationalsozialismus, aber es wurde nicht gedacht. Damit thematisierte Weimer einen sowohl individuell wie gesellschaftlich beobachtbaren Abwehrvorgang, eine Störung des Denkens, die Longerich an der ostentativen Ahnungslosigkeit der Deutschen verdeutlicht hatte.

Der zweite thematische Block brachte mit PETER FRITZSCHE (Urbana/Illinois) und HANS MOMMSEN (Feldafing) nicht nur zwei Generationen von Historikern zusammen, sondern auch zwei sehr unterschiedliche Ansätze der NS-Forschung. Fritzsche untersuchte in seinem Vortrag, „wie aus Deutschen Nazis wurden“ und stellte dabei die motivierende Kraft des Konzepts der „Volksgemeinschaft“ heraus. Seine Ausführungen gipfelten in der provokanten rhetorischen Frage: „Kann man die Nazis hassen, aber das Dritte Reich lieben?“ Viele hätten die NSDAP und Hitler abgelehnt, aber die meisten hätten dieses neue Reich, das „Anbrechen einer neuen Zeit“, herbeigesehnt. Dies sei durch eine „false recovered memory“ ermöglicht worden: das von den Nazis „erzeugte“ Trauma der drohenden Vernichtung Deutschlands habe zu einer breiten Akzeptanz der NS-Gewalt geführt. Für Fritzsche hatte „jeder Deutsche sein eigenes Drittes Reich“. Für die Identitätsstiftung als Volksgemeinschaft habe es lediglich des alle gesellschaftlichen Unterschiede scheinbar aufhebenden Rassenbegriffs bedurft sowie der konstruierten Bedrohung von außen.

J.-UTZ PALUSSEK-SPANL (München) betonte, dass es keine spezifische „Nazi-Psychologie“ gebe. In seinem Kommentar zu Fritzsche griff er das psychoanalytische Konzept der Identifikation auf, die Frage nach dem „inneren Gleichwerden“ vieler Deutscher mit dem NS. Ähnlich wie Fritzsche hielt er die aktiven Identifikationsmomente des Nazi-Projekts als Motiv der Zustimmung für bedeutsamer als etwa die Person Hitlers oder die Angst vor dem NS-Terror.

Mommsen hingegen setzte sich radikal ab von der Position, die psychologische Selbstmobilisierung der Deutschen als wesentliche Ursache des Funktionierens der NS-Herrschaft zu betrachten und sprach vom „doppelten Mythos der Volksgemeinschaft“. Nachdem er selbest einst der Verharmlosung der NS-Verbrechen geziehen wurde, sieht er diese Gefahr nun bei jenen, die diesen „leeren Begriff“ als analytisches Konzept in die historische Forschung einführen. Es handle sich um einen bloßen Propaganda-Begriff, schon zur NS-Zeit selbst ein Mythos. Dessen wissenschaftliche Anwendung habe eine exkulpierende Wirkung, denn „…weil nun alle schuld sind,… tritt das Versagen gesellschaftlicher und politischer Gruppierungen in den Hintergrund.“ Für den anfänglichen Konsens mit dem NS-Regime seien die außenpolitischen Erfolge der Nazis entscheidend gewesen sowie die Illusion, Hitler würde einen erneuten Krieg verhindern. Mommsen hielt auch den Begriff der „Selbstmobilisierung“ für problematisch. Die öffentliche Meinung sei vom Regime ausgeschaltet worden. Wo es keinen Diskurs gab, habe es auch keine einheitliche Volksmeinung geben können. Angesichts von Korruption und Bonzentum sei die Nazi-Diktatur das Gegenteil einer Volksgemeinschaft gewesen. Mommsen betonte die systematische Gleichschaltung, die Rolle der faschistischen Organisationen sowie des Terrors im NS-Regime. Dessen gewaltsame und verbrecherische Dimension dürfe nicht verdeckt werden.

In der anschließenden Plenumsdiskussion wurden Fragen aufgeworfen wie: „Wann kann man von einem Nazi sprechen?“ Das „Schillernde“ des Nationalsozialismus sei sein Erfolgskonzept gewesen. Fritzsche bekräftigte seine Auffassung, dass trotz vorhandener Kritik am Nationalsozialismus der Opfer-Mythos die Volksgemeinschaft geeint habe. Mommsen dagegen differenzierte, es habe gleichzeitig Zustimmung zum und Ablehnung des Nationalsozialismus gegeben. Während er sich dagegen wandte, NS-Begriffe zu übernehmen, um den NS zu erklären, fand Fritzsche dies geradezu notwendig. Diese Kontroverse offenbarte die affektgeladenen Verständigungsschwierigkeiten der NS-Forscher auch innerhalb der Geschichtswissenschaft, die vielleicht nur durch ein von der Psychoanalyse angeregtes Einbeziehen der jeweiligen Subjektivität behoben werden könnten. Auch die Frage nach dem Graben zwischen historischen Ansätzen und klinisch-psychologischen Termini wurde gestellt. Manchem Teilnehmer fehlte der Aspekt der Person Hitlers als „charismatischem Psychopathen“ oder die „schizophrene Haltung“ der Deutschen bezüglich Gewalt und Vernichtung. Hier zeigte sich die Gefahr einer vereinfachenden Psychopathologisierung gesellschaftlicher Prozesse. Die unterschiedlichen Diskursebenen und konträren Positionen wurden sehr deutlich, und die Vortragenden und Diskutanten mussten aushalten, dass dies so stehenblieb.

Am Abend zeigte CLAUDIA LENSSEN (Berlin) an Ausschnitten aus Spielfilm-Produktionen der NS-Zeit, wie die Verführungskraft des Films und die Idolisierung von Stars NS-Ideologie transportieren konnten. Unter diesem Blickwinkel wurde Zarah Leanders Schnulze „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n!“ zur faschistischen Hymne, die einen schaudern lässt.

Der letzte Tagungs-Vormittag war der Psychologie des Nationalsozialismus gewidmet. Der Psychoanalytiker und Affektforscher RAINER KRAUSE (Saarbrücken) betonte, dass die Psychoanalyse, therapeutisch mit Aggression und Destruktivität befasst, sich insbesondere um das Verstehen der Täterschaft bemühen sollte. Er sprach über die „Freude am Morden“, die in uns allen angelegt sei. Der biologisch verankerte Schutz von Artgenossen könne außer Kraft gesetzt werden durch Affekte von Ekel und Verachtung (Juden werden dann eben gar nicht mehr als Artgenossen wahrgenommen). In eindrucksvollen Fallgeschichten der Behandlung dreier Kinder von Nazi-Kollaborateuren zeigte Krause die „narzisstisch-lustvollen Anteile der Destruktivität“, die auch der Analytiker in seiner Arbeit mit solchen Patienten zunächst automatisch abwehre. Nur ein innerer offener Zugang zu diesen „fulminanten Zerstörungskräften“ erlaube es, diese zu bearbeiten und ermögliche es dem Einzelnen, sie zu kontrollieren.

In der Plenumsdiskussion ging es um die Schwierigkeit sich einzugestehen, „dass man im Prinzip in der Lage gewesen wäre, ähnliche Taten zu vollbringen“. Die Offenheit des Publikums für solche Fragen zeigte, wie gut es im Tagungsverlauf gelungen war, einen subjektiven Zugang zuzulassen, der nicht nur Opfer-, sondern auch Täterperspektiven einschließt.

Auch Gudrun Brockhaus wählte in ihrem Vortrag zur Sozialpsychologie des NS einen persönlichen Zugang, um unsere Wahrnehmungssperren in der Beschäftigung mit dem Thema zu verdeutlichen. In uns allen seien Abwehrmaßnahmen gegen die Anziehungskraft des Nationalsozialismus wirksam. Dessen Attraktivität sieht sie in regressiven Angeboten, für die viele Deutsche, labilisiert durch die umfassenden Krisenerfahrungen nach der Weltkriegsniederlage, empfänglich waren. Die Weimarer Zeit sei als „graue und hässliche Systemzeit“ verachtet worden. Demgegenüber hätten die Nazis eine „Politik mit dem Herzen“ angeboten, eine durchgängige Psychologisierung der Politik, die personalisiert und familiarisiert worden sei. Emotionale Erlebnisangebote durch Heroisierung, Ästhetisierung und Sakralisierung der Alltagswelt bewirkten Identifikation: Siedlungsbau als Einsatz für die Volksgemeinschaft, die Umdeutung der Mutterrolle als „Verhinderung des Volkstods“ usw. Manische Phantasien unbegrenzter Möglichkeiten halfen, die Realität zu verleugnen; gleichzeitig ermöglichten die Sicherheitsversprechen der Nazis, Ängste zu bewältigen. Private Erfahrungen wurden politisiert und überhöht.

In der abschließenden Diskussion wurde der über die Tagung sich verstärkende Eindruck formuliert, wie sehr der NS sich alle Lebensbereiche einverleibte: „Was war denn nicht nationalsozialistisch?“ fragte irritiert ein Teilnehmer. Ein Ziel der Veranstalter, die Frage nach dem Konsens näherzurücken, war damit erreicht. Als ergänzendes Motiv für diesen Konsens benannte SOPHINETTE BECKER (Frankfurt am Main) den Opportunismus vieler Deutscher, die sich das Regime für die Verfolgung ihrer persönlichen Ziele zunutze gemacht hätten. Thiessen verwies noch einmal auf die Schwierigkeiten des interdisziplinären Dialogs. Er problematisierte die Gefangenheit der Wissenschaftler in der jeweils eigenen Disziplin („Historiker vergessen die eigenen Affekte, Psychoanalytiker wollen immer den Einzelfall“). Schneider betonte die Gebundenheit von Wissenssystemen an das, was wir wünschen und glauben, und Fritzsche meinte, wenn wir heute den NS diskutierten, würden wir uns letztlich damit beschäftigen, wie fragil die Gegenwart sei.

Angesichts der bis heute vorherrschenden emotionalen Brisanz des Themas, der interdisziplinären Verständigungsschwierigkeiten sowie der Heterogenität der Teilnehmerschaft war die Tutzinger Tagung ein ausgesprochen gelungener Beitrag zur NS-Debatte in Deutschland.

Konferenzübersicht:

Christian Schneider (Frankfurt am Main): Herrenkinder (Einführung und Diskussion des Films)

Gudrun Brockhaus (München): Einführung in das Tagungsthema: „Wie nationalsozialistisch waren die Deutschen?“

Peter Longerich (London): „Davon haben wir nichts gewusst“ – Reaktionen der Deutschen auf die antisemitische Propaganda

Habbo Knoch (Göttingen): „Volksgemeinschaft“ der Augenzeugen? Bilder als soziales Medium im Nationalsozialismus

Peter Fritzsche (Urbana, Illinois): Wie aus Deutschen Nazis wurden

J.-Utz Palußek-Spanl (München): Ein Kommentar zu Peter Fritzsche

Hans Mommsen (Feldafing): Der doppelte Mythos von der Volksgemeinschaft: propagandistische Wunschformel und politische Fiktion

Claudia Lenssen (Berlin): „Urlaub von der Geschichte“ – Identifikationsangebote der Spielfilmproduktion im Nationalsozialismus

Rainer Krause (Saarbrücken): Warum es schwierig ist, (sich) einzugestehen, dass Morden Freude macht

Gudrun Brockhaus (München): Sozialpsychologie des Nationalsozialismus

ZitierweiseTagungsbericht Wie nationalsozialistisch waren die Deutschen? 09.12.2011–11.12.2011, Tutzing, in: H-Soz-u-Kult, 25.02.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4083>.

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