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Das Mittelmeer im Blick: Konflikt-, Begegnungs-, Wissensraum

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Freundeskreises der Prof. Dr. Frithjof Voss Stiftung – Stiftung für Geographie e.V.; in Kooperation mit der Kartenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz; und der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin
Datum, Ort:04.10.2011–05.10.2011, Berlin

Bericht von:
Dieter Dowe, St. Augustin
E-Mail: <dieter.dowet-online.de>

Der Freundeskreis der Frithjof Voss Stiftung verfolgt das Ziel, die an der Geografie interessierte Öffentlichkeit mit hochkarätigen Fachvertreter/innen ins Gespräch zu bringen. Zu diesem Zweck beschäftigte sich die diesjährige Jahrestagung mit dem Mittelmeerraum, um im Sinne der 2008 in Paris gegründeten Union für das Mittelmeer interdisziplinär nach Grundlagen für eine Verständigung der Anrainerstaaten zu suchen und konkrete Forschungsprojekte vorzustellen, deren Realisierungen zur Verbesserung der Lebensgrundlagen im Mittelmeerraum beitragen können.

Nach einer Begrüßung durch Hartmut Asche, Präsident der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, Heike Christina Mätzing, Vorsitzende des Freundeskreises und stellvertretende Vorsitzende der Voss-Stiftung sowie Organisatorin der Tagung, und Wolfgang Crom, Leiter der Kartenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, bot CHRISTOF ELLGER (Berlin) von der Gesellschaft für Erdkunde eine Einführung in das hoch komplexe, wissenschaftliche und politische Fragen verbindende Tagungsthema, das in vielfachem Zugriff historisch, aktuell und auf künftige Problemlagen ausgerichtet diskutiert wurde. Ellger stellte bedauernd fest, dass in den letzten Jahren die Forschungen zum Mittelmeerraum allzu sehr aus dem Fokus der Wissenschaft heraus gefallen sind. Als Begründung dafür wurde von anderen Teilnehmer/innen auf die Auswirkungen des Kalten Krieges bzw. seiner Überwindung hingewiesen.

Fragen kartografischer Erfassung mit historischer Fundierung widmeten sich zwei Vorträge, deren Ergebnisse bei einer eindrucksvollen Führung durch die Kartensammlung der Staatsbibliothek vertieft wurden: Auf der Basis mittelalterlicher Weltbilder analysierte PETER MESENBURG (Duisburg-Essen) Portulane, also handgezeichnete Seekarten, die ab 1300 zum Mittelmeerraum erstellt wurden. Er beleuchtete die Grundlagen und die Systematik einer numerischen Genauigkeitsanalyse und verglich konkret die Karte des Andrea Benincasa von 1508 mit einer modernen Mittelmeerkarte. Ergebnis der komplizierten kartografischen Untersuchung war eine erstaunlich hohe Genauigkeit der Portulane mit der geringen Abweichung von etwa 57 km.

SVEN BALLENTHIN (Gotha) von der Sammlung Perthes in Gotha beschäftigte sich nach einer Darstellung der Geschichte des Verlagshauses Justus Perthes in Gotha mit der dort erschienenen berühmten „Karte des Mittelländischen Meeres“ von August Petermann, die in acht Blättern 1880 veröffentlicht wurde und in zwei Blättern mit einem 14-seitigen Kommentar ab 1864 in Stieler’s Handatlas und mehrfach in Schul- und Volksausgaben verwandt wurde. Diese Karte war ursprünglich als Teil einer Afrikakarte gedacht, die jedoch nie vollendet wurde.

Zwei Beiträge befassten sich mit dem Mittelmeerraum im Altertum. HEINZ WARNECKE (Rösrath) nahm Odyssee und Ilias sowie ihren Schöpfer Homer unter historisch-geografischen und sprachgeschichtlichen Aspekten in den Blick. Für ihn kam der Dichter nicht, wie oft angenommen, aus Kleinasien. Das durchaus als historisch greifbare Größe anzusehende Land der Phäaken liege vielmehr an der nordwestlichen Festlandsküste Griechenlands, südöstlich von Kerkyra/Korfu bei der Stadt Paga (im Mittelalter Toryne) und dem Fluss Acheron, der westlichen Grenze des griechischen Kulturraums.

Einen breiten wirtschaftsgeschichtlichen Zugriff auf den gesamten Mittelmeerraum im Altertum unternahm RAIMUND SCHULZ (Bielefeld). Er führte aus, dass das Mittelmeer – anders als etwa China – eine von Küstenstädten geprägte Kultur gewesen ist: Für diese Städte war die Kontrolle der Seehandelswege, vor allem zur Sicherung der Getreideversorgung, von ganz zentraler Bedeutung, so dass es deswegen immer wieder zu Kriegen kam. Versorgungs-, Finanz- und Sicherheitsinteressen waren nicht voneinander zu trennen. Der antike „Staat“ griff jedoch nur beim Getreideimport in die Wirtschaft ein, im Allgemeinen regelte er lediglich die, wie man heute sagen würde, „Rahmenbedingungen“ der Wirtschaft. Mit dem Verlust von Ressourcenräumen sowie dem Verlust der Kontrolle über die Nachschubwege setzte schließlich der Niedergang antiker Staaten, insbesondere des Römischen Reiches, ein.

Der Vortrag von HORST-GÜNTER WAGNER (Würzburg) spürte der Frage nach, ob der Mittelmeerraum eine Einheit oder von regionalen Disparitäten bestimmt sei. Wagner plädierte stark für eine Berücksichtigung der kleinräumlichen Perspektive. Denn die Risiken der aktuellen Entwicklungen fallen räumlich differenziert sehr unterschiedlich aus. Wagner hob ab auf nur grundsätzlich ähnliche, territorial aber sehr unterschiedlich ausgeprägte Phänomene, deren Lösung sich die Union für das Mittelmeer verstärkt und nachhaltig widmen muss: etwa die Bevölkerungswanderungen von den Gebirgen im Innern an die Küsten oder aber die höchst unterschiedlichen naturräumlichen Potenziale. Auch mit Bezug auf Alltag und Kultur hob Wagner erhebliche regionale Unterschiede hervor, und zwar in Einkommen, Bevölkerungsentwicklung, generativem Verhalten, Arbeitslosigkeit (besonders bei Jugendlichen), Ein-, Aus- und Rückwanderung, Überalterung und Wohnverhältnissen. Schließlich nahm er eine Zunahme zivilgesellschaftlicher Aktivitäten auch im südlichen und östlichen Mittelmeerraum wahr. Zwei wichtige Momente blieben in dieser Analyse jedoch unterbelichtet: die Bedeutung der Religion einerseits und der Stellenwert von Emigration und Arbeitsmigration nach außen andererseits.

BODO FREUND (Berlin) sah die gegenwärtigen politischen Probleme im Mittelmeer im Wesentlichen als Erbe des Kolonialismus. In diesem Sinne nahm er sich die Machtpolitik der europäischen Mächte (besonders Frankreichs und Großbritanniens) seit der französischen Eroberung Algiers 1830 aufs Korn. Er geißelte ihren unmoralischen Machiavellismus, der sich verband mit dem des Osmanischen Reiches und dem der lokalen Potentaten, die mit ideologischen Verbrämungen (unter anderem „Freiheit der Meere und Meerengen“, „Aufrechterhaltung der Ordnung“, „Schutz bestimmter Volksteile“) eigene Interessen durchsetzten. Bedauerlicherweise brach der Vortrag mit dem Zweiten Weltkrieg ab, so dass aktuelle Problemlagen nicht konkret zur Sprache kamen.

In vier Vorträgen wurden geografische Forschungsprojekte vorgestellt, die aufzeigen sollten, mit welchen Strategien den Gefahren und Risiken, denen die Mittelmeeranrainer ausgesetzt sind, begegnet werden kann und sollte. Sie demonstrierten in gekonnter Weise, welch hohen Stellenwert die Geografie für Schutz, Erhalt und Regeneration natürlicher Ressourcen besitzen kann und besitzt.

GÜNTER STRUNZ (Oberpfaffenhofen) vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt widmete sich dem Potenzial der Fernerkundung des Mittelmeerraums durch Satellitenradar, das eine Krisenkartierung mit einer Genauigkeit von einem halben Meter dreidimensional ermöglicht. Die räumliche Verteilung wesentlicher Größen aus Umwelt, Klima und Georisiken kann so auch über lange Zeitreihen hin analysiert werden. Großflächige Datenerfassungen und flächendeckende Informationsbereitstellung en detail (beispielsweise zu Land- und Meerestemperatur, Vegetationsdynamik, Luftqualität und Solarenergiepotenzial), Kriseninformation und Georisiken (im Mittelmeerraum z.B. Waldbrände und Überflutungen) können analysiert und Frühwarnsysteme (etwa für Tsunamis), können und müssen transnational errichtet werden.

ANDREAS VÖTT (Mainz) betreibt im hellenischen Graben, der außergewöhnlich tsunamigen ist, in antiken Hafenbecken historische Tsunamiforschung, die an verschiedenen griechischen Beispielen demonstriert wurde. Da es sich hier um Reaktionszeiten von Küste zu Küste von weniger als zehn Minuten handelt und bei den Tsunamis von einem Wiederkehrintervall von 500 bis 1000 Jahren auszugehen ist, sind nach Vött erhöhter Forschungsbedarf und internationale Koordinationsnotwendigkeit anzumelden. Denn trotz höchster Vulnerabilität verfügen die meisten betroffenen Länder über keinerlei Notfallpläne oder Notfallvorsorge.

OLAF BUBENZER (Heidelberg) behandelte mit dem East Uweinat Project und dem New Valley Project Untersuchungen über Ägyptens begrenzte Wasserressourcen in Zeiten globalen Wandels und konstatierte zunehmenden Wasserstress, Wassermangel und Wasserarmut. Globaler Klimawandel und Meeresanstieg bedrohen Millionen Menschen im ägyptischen Küstenstreifen. Die Probleme der zukünftigen Wassernutzung können nach Bubenzer nur in starker lokaler Differenzierung in Angriff genommen werden (wegen Variabilität der Niederschlagsmenge, Versalzungsgefahr, schwierigem water harvesting), wobei die Einbeziehung der Bevölkerung unabdingbar sei. Ziel müsse ein integratives sozio-ökologisches Wassermanagement sein, das alle Einflussgrößen und Akteure berücksichtigt.

FALKO SCHMIDT (Hamburg) von der DESERTEC Foundation berichtete über das DESERTEC Project, das Energiesicherheit für zehn Milliarden Menschen mit Klimaschutz verbinden soll. Das EU-MENA Projekt soll regenerative Energien im Wesentlichen auf der Grundlage von Solarthermie für Europa und den Nahen Osten liefern. Durch internationale Kooperation auf diesem Gebiet soll zudem ein Beitrag zur Friedenswahrung geleistet werden.

Es zeigte sich immer wieder, dass die Bemühungen der Wissenschaft, insbesondere der Geografie, um eine Sensibilisierung der Politik für die herausgearbeiteten Problemlagen noch erheblich intensiviert werden müssen. Ein hoffnungsfrohes Zeichen war immerhin die Teilnahme des griechischen Botschafters, Seine Exzellenz Dimitris Rallis, am Empfang für die Teilnehmer der Tagung in den Räumen der Commerzbank Unter den Linden.

Die Teilnehmer/innen der Tagung waren sich einig, dass auch weiterhin und in verstärktem Maße Nachbardisziplinen in die Tagungen des Freundeskreises der Prof. Dr. Frithjof Voss Stiftung – Stiftung für Geografie einbezogen werden sollten, nicht zuletzt die Geschichte, da Zeit und Raum sich wechselseitig beeinflussen. Die Forschungen zu Natur- und Kulturlandschaft des Mittelmeerraumes zum Beispiel sind seit jeher interdisziplinär angelegt und vorwiegend historisch-genetisch ausgerichtet. Dies geschah und geschieht in dem Bemühen, die enge Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur in diesem Raum mit seinem besonderen Klima und der damit verbundenen Vegetation und landwirtschaftlichen Nutzung zu veranschaulichen. Das Meer und die Küsten spielen hier eine überragende Rolle: als Verkehrswege, als Lebensraum, als Nahrungsspender, für wirtschaftliche Aktivitäten einschließlich der Energiegewinnung sowie im Hinblick auf den Tourismus. Zugleich bildet der Küstenraum die wesentliche Angriffszone für Georisiken wie Überschwemmungen und Tsunamis. Am Ende der Tagung wurde ganz offensichtlich, dass auf diesem Forschungsfeld noch erhebliche Anstrengungen unternommen werden müssen, um zu befriedigenden Erkenntnissen zu gelangen.

Mit Blick auf die Geografie allgemein wurde wiederholt die Forderung erhoben, das Fach solle sich (wieder) als Integrationswissenschaft begreifen und sich nicht vorschnell auf einen engen Kern reduzieren (lassen). Es solle den Blick weiten, sich einer politischen Geografie öffnen und, wie in den Nachbarländern und den USA auch, den Mut zur Beschäftigung mit geopolitischen Fragen aufbringen.

Konferenzübersicht:

Einführung
Christof Ellger (Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin)

Vorträge zur Kartografie des Mittelmeerraums

Peter Mesenburg (Universität Duisburg-Essen): Mittelalterliche Portulane

Thematische Führung durch die Kartensammlung der Staatsbibliothek zu Berlin

Vorträge zu Geschichte und Geografie des Mittelmeerraums

Heinz Warnecke (Rösrath): Homers wilder Westen: Die historisch-geografische Wiedergeburt der Odyssee

Raimund Schulz (Universität Bielefeld): Die Antike und das Meer: Ein Kampf um Routen und Ressourcen

Horst-Günter Wagner (Universität Würzburg): Der Mittelmeerraum – Einheit oder regionale Disparitäten?

Bodo Freund (Humboldt-Universität zu Berlin): Vom beherrschten Gegenufer zur erhofften Abstandsfläche. Das Mittelmeer in hundert Jahren Geopolitik und Migration

Präsentation mit Podiumsdiskussion

Geografische Forschungsprojekte als Beiträge zur Union für das Mittelmeer
Moderation: Harald Asel (Rundfunk Berlin Brandenburg)

Günter Strunz (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR): Fernerkundung des Mittelmeerraums: Aspekte zu Umwelt, Klima und Georisiken

Andreas Vött (Universität Mainz): Auf den Spuren von Tsunamis im östlichen Mittelmeer

Olaf Bubenzer (Geograf, Universität Heidelberg): Ägyptens begrenzte Wasserressourcen in Zeiten globalen Wandels

Falko Schmidt (DESERTEC Foundation, Hamburg): Das DESERTEC Project

Kontakt:

Freundeskreis der Prof. Dr. Frithjof Voss Stiftung - Stiftung für Geographie e.V.
Dr. Heike Christina Mätzing
Augsburger Str. 22
10789 Berlin

geographievoss-stiftung.de

URL:http://www.voss-stiftung.de
ZitierweiseTagungsbericht Das Mittelmeer im Blick: Konflikt-, Begegnungs-, Wissensraum. 04.10.2011–05.10.2011, Berlin, in: H-Soz-Kult, 05.11.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3877>.

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