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Europäischer Adel zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Institut für vergleichende Städtegeschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster; Christoph Dartmann, Universität Rostock; Martina Winkler, Universität Münster
Datum, Ort:29.08.2011-02.09.2011, Münster

Bericht von:
Sabine Linnenboden, Universität Münster
E-Mail: <s_linn05uni-muenster.de>

Vom 29.08. bis 02.09.2011 fand die vierte Sommerakademie zur historischen Forschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster statt, organisiert durch das Historische Seminar. Gastgeber war wie in den vergangenen Jahren das Institut für vergleichende Städtegeschichte. Unter dem Titel „Europäischer Adel zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit“ wurde in einer europäisch vergleichenden und kulturhistorisch ausgerichteten Perspektive nach der Konstitution von „Adel“, den damit verbundenen Lebensstilen, Macht- und Rangansprüchen gefragt. Ausgehend davon, dass Adel zum einen eine qua Geburt erworbene Komponente, zum anderen aber ein durch soziale Zuschreibungen gewonnener und gesicherter Rang ist, sollte betrachtet werden, wie sich adlige Statuslegitimationen gestalteten, welchem Wandel sie mitunter unterlagen sowie welche Probleme und Konflikte sich daraus entwickelten.

CHRISTOPH DARTMANN (Rostock) führte anhand dreier lexikalischer Definitionen des Adelsbegriffs in das Thema ein. Spielte die Genese des Adelsstandes insgesamt eine große Rolle, bei der teilweise auf das Römische Reich rekurriert wurde, so lieferte insbesondere der Artikel aus Zedlers Universallexikon aus dem 18. Jahrhundert Anregungen für die sich anschließende Diskussion. Demnach sei Adel ein „Ehrenstand, welcher um vorhergehender Tugenden und Verdienste willen von der höchsten Obrigkeit verliehen wird, und auf die Nachkommen erbet“. Aus dieser Begriffsdefinition leiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann im Folgenden die Aspekte ab, die alle weiteren Debatten und Quellenarbeiten im Rahmen der Sommerakademie prägen sollten. Der Adelsstand, in den man infolge herausragender Leistungen insbesondere im Kriegsdienst erhoben wurde, so betonten die Studierenden, habe sich im Laufe der Zeit zu einer erblichen Komponente entwickelt, die von den Vorfahren auf biologischem Wege übertragen wurde. Der aufgrund von Tugenden und Verdiensten erworbene Adel sei jedoch als Aspekt des Ranges neben Geburt und Abstammung erhalten geblieben. Altehrwürdigkeit habe in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung bekommen, als zu Beginn der Frühen Neuzeit die soziale Abgrenzung gegenüber neu Geadelten und dem entstehenden Bürgertum immer wichtiger wurde. Dartmann wies darauf hin, dass Traditionsfiktionen hierbei nicht zuletzt der Selbstbestätigung und -vergewisserung dienten. Mit dem rhetorischen Verweis auf Kontinuität und Stabilität in den Strukturen und Lebensweisen sei der sozialen Dynamik begegnet worden, die geeignet war, den eigenen Status aufgrund fragwürdig gewordener Legitimationen in Zweifel zu ziehen. Mit dem Wegfall der herausragenden militärischen Position des Adelsstandes, so das Fazit der Diskussion, rückten tradierte Werte, Tugenden und Lebensformen in den Mittelpunkt der Statuslegitimation.

BERND WALTER (Münster) betonte in seiner Arbeit mit den Studierenden zum westfälischen Adel insbesondere die landständische Verfassung des Fürstbistums Münster und die daraus resultierende politische Einflußnahme des Landadels. Besonders hob er hierbei hervor, dass für den westfälischen Adel die Zugehörigkeit zum Domkapitel von großem Interesse gewesen sei, weil dieses den Fürstbischof wählte. Da die Zugehörigkeit vom Nachweis adliger Vorfahren bis in die vierte Generation abhing, habe sich hier ein Feld der sozialen Abgrenzung für den alteingesessenen Adel geboten. Interne Distinktion und politische Partizipation, so Walter, ließen sich für den Adel am westfälischen Beispiel eindrucksvoll belegen. Zeigte sich im 16. Jahrhundert eine relativ offene politische Auseinandersetzung zwischen Fürstbischof und Adel, dessen Position aufgrund religiös-politischer Verbindungen in die protestantischen Niederlande gestärkt war, stand nach dem Westfälischen Frieden die Sicherung der bestehenden Privilegien für den Adel im Mittelpunkt des Interesses. Politischer Einfluß hing nunmehr von der Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche ab. Das politische Kalkül beim Konfessionswechsel, betonte Walter, sei in diesem Kontext nicht zu unterschätzen.

LOTHAR MAIER (Heidelberg) griff den Aspekt der politischen Machtstellung für den polnischen Adel auf. In einer intensiven Quellenarbeit mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Sommerakademie erarbeitete er zunächst das Polenbild Wilhelm Jordans, das dieser in seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche 1848 vertrat, als er sich gegen einen polnischen Nationalstaat aussprach. In diesen klischeehaften Zuschreibungen werden Unfähigkeit und Verschwendungssucht auf Seiten des polnischen Adels deutschem Fleiß und (bürgerlicher) Vaterlandsliebe gegenübergestellt. Verblüffend war jedoch, so äußerten verschiedene Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass sich vergleichbare Bilder der Polen und Deutschen auch in einer anonymen Flugschrift zur Königswahl im Jahre 1587 fanden, auch wenn dort aus diesem Gegensatz gänzlich andere Schlüsse gezogen wurden. Der unbekannte Verfasser der Propagandaschrift betonte, dass polnischer Adel, ergänzt um die deutschen Handwerker, Agronomen und Händler, Großes hervorbringen müsse. Am Beispiel der Memoiren des Adligen Jan Pasek aus dem 17. Jahrhundert hob Maier dann die besondere Position des polnischen Adels in der Adelsrepublik (der sogenannten Rzeczpospolita, 1569-1795) hervor, die sich dadurch auszeichnete, dass die Adligen einander grundsätzlich ebenbürtig waren (Ansprache untereinander als „Brüder“) und jeder einzelne im Parlament über sein liberum veto die Möglichkeit hatte, Entscheidungen zu verhindern, da Beschlüsse einstimmig gefasst werden mussten. De facto wurde die Adelsrepublik Polen-Litauen vom Adel regiert, da der König vom Parlament gewählt und von diesem weitgehend abhängig war.

MICHAEL HECHT (Münster) präsentierte den frühneuzeitlichen Reichsadel in seinen Strukturen (weltlicher und geistlicher, hoher und niederer Adel) und den ihn charakterisierenden Attributen wie Titel, Rechte und Privilegien, etwa das Stimmrecht auf dem Reichstag. An Fragen der Abgrenzung innerhalb der Adelsschicht anknüpfend diskutierte er mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Sommerakademie Probleme der Dynastiebildung und -sicherung. In der zunehmenden Machtkonzentration bei einigen wenigen Familien, die sich an der sinkenden Anzahl an Fürsten in den Reichsmatrikeln ablesen ließ, zeigte sich deren Streben nach einer möglichen Vormachtstellung. Dynastiebildung funktionierte, so argumentierten einige Teilnehmer, häufig über eine geschickte Heiratspolitik, die neben zusätzlichem Landbesitz soziale Netzwerke schuf. Davon ausgehend, dass sich dynastisches Bewußtsein über verschiedene Medien artikuliert und durch die Kommunikation erneuert und bestätigt wird, wurde seitens der Studierenden danach gefragt, inwiefern dieses bei den einzelnen Mitgliedern der Dynastie tatsächlich dazu führte, die Interessen der Dynastie über die Eigeninteressen zu stellen. Hierbei zeigte sich am Beispiel des Fürstentums Anhalt im beginnenden 17. Jahrhundert, dass der Ausgleich zwischen den Ansprüchen der Nachkommen und dem Interesse der Dynastie, die erworbenen Besitztümer in einer Hand zusammenzuhalten, oftmals Besitzteilungen zur Folge hatte, wenngleich die Regalien ungeteilt erhalten blieben. In der Frühen Neuzeit, so Hecht, sei der Adel mit dem Problem konfrontiert worden, dass, sofern mehrere Nachkommen mit gleichen Rechten ausgestattet wurden, der Landbesitz zunehmend zersplitterte und schließlich seine Herren nicht mehr ernähren konnte. Inwiefern die Durchsetzung der Primogenitur sowie Versorgung der jüngeren Kinder durch adäquate Positionen in Klerus und Militär in den folgenden Jahrhunderten eine Lösung für diesen Interessenkonflikt bieten konnte, dürfte Stoff für weitere Forschungsarbeiten liefern.

Christoph Dartmann erarbeitete mit den Studierenden die Aufstiegschancen Nichtadliger in die städtischen Führungsschichten im norditalienischen Raum und nutzte dafür die Chronik des Otto von Freising vor dem Hintergrund des Italienzugs von Friedrich Barbarossa. Die von Otto nicht als adlig betrachteten milites gelangten aufgrund ihrer militärischen Funktion in die städtische Oberschicht und stellten somit einen neuen Teil der Elite. Da Wirtschaft und Politik im hochmittelalterlichen Oberitalien durch permanente Kriegführung in Form von Raubzügen geprägt waren, so Dartmann, hätten die konkurrierenden Städte ebenso wie die Familien des unabhängig gebliebenen Landadels einer großen Anzahl an ausgebildeten Kriegern bedurft. Trotz der Aufstiegsmöglichkeiten dieser bis dato nichtadligen Ritter bleibe jedoch festzuhalten, dass der alte Adel sowohl in den Städten als auch auf dem Land dominant blieb, sofern es ihm gelang, den Gewinn aus seinen kriegerischen Aktivitäten einzustreichen. Akzeptierten die „alten Hasen“ einerseits die neue Oberschicht aus wirtschaftlich-politischer Notwendigkeit, so dienten andererseits Aspekte wie Lebensstil, Alter und soziale Netzwerke der Distinktion. Angehörige der „neuen“ Oberschicht gehörten erst dann wirklich zum Adel, wenn sie sich dessen Gepflogenheiten anpassten und durch Heirat mit diesem verbinden konnten.

CHRISTIAN WIELAND (Freiburg im Breisgau) diskutierte mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern anhand des frühneuzeitlichen Handbuchs Baldassare Castigliones über den idealen Höfling an die vorangehende Sitzung anknüpfend Fragen der Distinktion. Der ideale Hofmann, so ergab die Quellenarbeit mit den Studierenden, habe eine „Natürlichkeit“ in Auftreten und Erscheinungsbild, beherrsche alle Regeln bei Hofe wie selbstverständlich und mache dabei vergessen, dass solche Regeln überhaupt existierten. Sein künstliches Verhalten als ganz natürlich erscheinen lassen, so Wieland, sei die Kunst gewesen, die den perfekten Höfling auszeichnete. In der Diskussion wurde besonders herausgestellt, dass Angehörige des alten Adels es hierbei leichter hatten als soziale Aufsteiger, weil ihnen diese Regeln und Verhaltensweisen schon in der Erziehung vermittelt wurden und sie sich diese nicht in einem bewussten Lernprozess aneignen mussten. In der sich anschließenden Debatte, in der die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Position des alten Adels, die andere Hälfte die Position des Geldadels vertrat, zeigte sich, dass sich erstere auf Argumente der Vergangenheit, eben Alter und Tradition, berief, denen letztere einen Gegenwartsbezug mit Macht- und Leistungsgedanken entgegensetzte. Dies verdeutlichte noch einmal, dass Adel ein umstrittener Begriff war und blieb und die Abgrenzung innerhalb dieser Schicht sich als noch komplexer erwies als gegenüber niederen sozialen Schichten.

CLAUDIA GARNIER (Vechta) thematisierte mittels des Reiseberichts des Sigismund von Herberstein, Habsburger Gesandter am Moskauer Großfürstenhof im 16. Jahrhundert, die Artikulation und Manifestation von Hierarchie und Status. Die ersten Kontakte zwischen dem Moskauer und dem Hl. Römischen Reich waren von dem Bemühen geprägt, den eigenen Status zu behaupten und den des Gegenübers weder zu über- noch zu unterschätzen. Der für sich selbst beanspruchte Rang musste dabei in jeder Situation eingefordert werden, um ihn dauerhaft zu sichern. So spielte es eine erhebliche Rolle, wer wem zuerst welche Ehrerbietung zuteil werden ließ, da sowohl Herberstein als auch die ihm entgegengesandten russischen Diplomaten als jeweilige Vertreter ihres Herrscher auf der Ebenbürtigkeit, wenn nicht Überlegenheit gegenüber der fremden Macht, insistierten. Rang erwies sich somit als etwas, das kommuniziert und verteidigt werden musste. Wer zuerst vom Pferd abstieg, erniedrigte sich vor dem anderen und erhöhte diesen.

In der Schlußdiskussion griffen MARTINA WINKLER (Münster) und Christoph Dartmann die Frage nach dem auf, was „Adel“ als historisches Phänomen ausmacht, inwiefern Adel als Forschungsbegriff funktionieren kann und dabei innereuropäische oder generelle Vergleiche zwischen historischen Gesellschaften ermöglicht. Dabei wies Dartmann insbesondere auf das Spannungsfeld zwischen einer kulturhistorischen Perspektive, die sich insbesondere für Fragen nach Legitimation sowie Zuschreibungen und Artikulation von Status interessiert, und einem sozial- oder politikgeschichtlichen Ansatz hin, der die materiellen Rechte und Privilegien des Adels als Bedingung seiner Machtposition und Herrschaftsausübung in den Blick nimmt. Beide Betrachtungsweisen schienen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unverzichtbar, um sich dem Phänomen des Adels als einer vormodernen Führungsschicht umfassend zu nähern. Weil sowohl in den historischen Gesellschaften als auch aus heutiger wissenschaftlicher Perspektive strittig blieb, was Adel denn nun tatsächlich ist, da hinsichtlich der Zugehörigkeit zu dieser sozialen Gruppe Selbst- und Fremdzuschreibung differieren können, plädierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sommerakademie abschließend mehrheitlich für ein offenes Forschungskonzept, das einer Minimaldefinition von Adel folgt, die jeweils fallbezogen ausdifferenziert wird.

Konferenzübersicht:

Christoph Dartmann (Rostock), Martina Winkler (Münster): Begrüßung

Bernd Walter (LWL Münster): Adel in Westfalen

Lothar Maier (Heidelberg): „Herren und Brüder“: Adel in Polen

Michael Hecht (Münster): „Hochadlige Dynastien im Heiligen Römischen Reich der Frühen Neuzeit“

Christoph Dartmann (Rostock): Exkursion zur Burg Vischering (Lüdinghausen) und zum Schloß Nordkirchen

Christoph Dartmann (Rostock): „Alte Hasen und Newcomer – Adel im hochmittelalterlichen Italien“

Christian Wieland (Freiburg): Adel in Italien

Claudia Garnier (Vechta): Adel und diplomatisches Zeremoniell im Großfürstentum Moskau im 16. und 17. Jahrhundert

ZitierweiseTagungsbericht Europäischer Adel zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit. 29.08.2011-02.09.2011, Münster, in: H-Soz-u-Kult, 09.09.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3820>.

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