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Nachwuchskolloquium der Fachschaftsräte Geschichte und Archäologische Wissenschaften der Universität Bochum

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Fachschaftsräte Geschichte und Archäologische Wissenschaften, Ruhr-Universität Bochum
Datum, Ort:08.07.2011-09.07.2011, Bochum

Bericht von:
Kathrin Kelzenberg, Ruhr-Universität Bochum
E-Mail: <kathrin.kelzenbergrub.de>

Bereits zum Ende des Wintersemesters 2010/11 veranstaltete der Fachschaftsrat Geschichte ein eintägiges Nachwuchskolloquium an der Ruhr-Universität Bochum. Dort wurden Referate zu Hausarbeiten und Abschlussarbeiten präsentiert. In diesem Semester fand eine Kooperation mit dem Fachschaftsrat der Archäologischen Wissenschaften statt, der bereits in der Vorbereitung sehr ertragreich war. So reichten drei Referenten aus der Archäologie und vier Referenten aus der Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität ihr Papier ein und stellten ihre Arbeiten am 08. und 09. Juli 2011 in Bochum vor.

JAN-HENRIK HARTUNG stellte in seinem Eröffnungsvortrag „Theben an der Mykale“ vor. Zunächst verortete er die Stadt geographisch in Kleinasien – von Milet südlich gelegen und von Priene östlich – auf einem Höhenrücken. Vorgestellt wurden zu Beginn das Vorgehen und die Ergebnisse der Grabungen von 1896, die Theodor Wiegand bei seiner gleichzeitigen Arbeit in Priene durchgeführt hatte. 2001 fand durch Prof. Dr. Hans Lohmann eine erneute Grabung statt, die allerdings Einiges nicht mehr zu Tage treten ließ; u. a. durch die lange Zeitspanne, die seit der ersten Grabung vergangen war, zum anderen durch einen Waldbrand im Jahr 1996 und einer anschließenden Rodung des Geländes. Hartung erläuterte im Weiteren einzelne Aspekte seiner Masterarbeit. Zwei unterschiedlich große Tempel können archäologisch nachgewiesen werden sowie ein Felsaltar, der wahrscheinlich Zeus geweiht war. Die Stadt wird zwischen 400 und 200 v. Chr. datiert; die Datierung des Tempels passt ebenfalls in diesen Zeitraum. Möglicherweise hat vor der Besiedlung des Gebietes an dieser Stelle schon ein Heiligtum bestanden. Daneben können unterschiedliche Wohnbebauungen durch Mauerzüge belegt werden. Auch eine Befestigung durch Wehrmauern und einer Stützmauer auf der Südseite, die aus dem 4. Jh. v. Chr. stammt, sind vorhanden. Nekropolen sind außerhalb der Stadt gefunden worden. Neben der Rekonstruktion der Anlage wurden Funde von Mühlen, Amphoren und Bechern vorgeführt. Zusätzlich konnte Hartung zwei Stelen aus Theben in Berlin ausmachen, auf denen u. a. Opferordnungen beschrieben werden. Desweiteren wurden zwei Inschriften in Felswänden entdeckt, die als Grenzmarkierungen fungierten. Schriftlich lässt sich Theben u.a. bei Theopomp greifen, wo ein Tausch der Stadt zwischen Milet und Samos beschrieben wird.

STEFANIE BECKER referierte über „Wilhelm Fabry von Hilden (1560-1634) und die Franzosenkrankheit“. In einem ersten Schritt stellte sie den Wundarzt vor, seine Tätigkeiten und seine Bedeutung für das 16. bzw. 17. Jahrhundert. So wurde seine Schrift „Opera quae omnia, partim ant hac excusa, partim nunc recens in lucem edita“ bereits nach nur sechs Jahren vom Lateinischen in die Volkssprache übersetzt. Aus diesem wurden drei erarbeitete Fallbeispiele vorgestellt: zum einen Christina in Mannemans Hof, die die Franzosenkrankheit von ihrem Mann erhalten hatte, zum anderen eine adlige Jungfrau, deren Familie durch den Arzt erst nach langer Zeit erfuhr, wie stark ihre innere Organe befallen waren. Letztere habe Fastnacht in Düsseldorf verbracht und dort mit einem jungen Mann die Kleider getauscht, jedoch keinen Geschlechtsverkehr mit ihm gehabt. Christina wurde mit Quecksilber therapiert und war nach einiger Zeit wieder geheilt. In einem dritten Beispiel erkrankte eine ganze Familie an der Franzosenkrankheit, weil sie sich laut Fabry das gleiche Bett geteilt hatten. Ein erstes Fazit, das es aber noch weiter zu überprüfen gilt, ist, dass Fabry annimmt, die Krankheit verbreite sich meist über Kleidung. Geschlechtsverkehr habe keine Rolle gespielt. Becker wird in ihrer Bachelorarbeit der Frage nach den Wahrnehmungs- und Deutungsmustern der sogenannten Franzosenkrankheit weiter nachgehen sowie nach den von Fabry gezeichneten Übertragungswegen.

Den zweiten Block des Nachwuchskolloquiums eröffnete am Samstag EUGEN RUNG mit seinem Vortrag „Die gávazeitliche Besiedlung im Ier-Tal Jud. Satu Mare, Nordwest-Rumänien“. In einem ersten Schritt wurden das Projekt der archäologischen Erschließung des Gebietes vorgestellt sowie zwei unterschiedliche Siedlungen. Ausgegangen wird von einem versumpften Gebiet, in dem es befestigte und unbefestigte Siedlungen gegeben haben soll. Zwei befestigte Inseln stellte Rung vor, bei denen mit Hilfe eines Magnetogramms jeweils Hausstrukturen erkennbar wurden. Grabungen wurden dort allerdings noch nicht durchgeführt. In einem zweiten Schritt stellte der Referent die Gáva-Kultur und ihre Ausbreitung vor, die sich durch Keramik definiere.

BENJAMIN SLOWIG referierte zum Thema „Die augusteisch-tiberianische Germanienpolitik – Herrschaftsausübung, Expansion und Verzicht Roms im Spiegel der historisch-archäologischen Quellen“. Zunächst wurden die Quellen und ihre jeweilige Ausrichtung vorgestellt, um in einem zweiten Schritt durch einen Forschungsüberblick die augusteische sowie tiberianische Germanienpolitik gegenüberzustellen. Unter Augustus wurden Römerlager in Germanien errichtet, die Zentren der zivilen sowie militärischen Verwaltung waren. Bleifunde, die erst vor wenigen Jahren an der Küste Sardiniens gemacht wurden, können dem Abbau in Brilon im Sauerland zugeordnet werden und stützen die These, dass versucht wurde, Germanien auch ökonomisch zu durchdringen. Der Aspekt der Provinzialisierung wird in der Forschung sehr stark gemacht. Für die Herrschaft des Tiberius wurde die Herrschaftskonsolidierung stärker in den Vordergrund gestellt. In seinem Fazit kommt Slowig zu dem Ergebnis, dass – so wie es auch bereits die Forschung darlegt – die schriftlichen Überlieferungen zur Bewertung nicht ausreichen und die archäologischen Funde zu gering sind, um Provinzialisierung und Konsolidierung den beiden Herrschern zuzuordnen.

JENNIFER LEHNIG stellte „Mathilde von England als domina Angliae“ vor. Dabei verfolgte sie Mathildes Leben chronologisch und arbeitete ihre unterschiedliche Nennung bzw. ihre Selbstbezeichnungen in Urkunden auf. So kehrte Mathilde 1126 nach dem Tod ihres Mannes Kaiser Heinrich V. wieder zu ihrer Familie nach England zurück und wurde dort als „Herrin“ bezeichnet. Den Titel „imperatrix“ übernimmt sie aus ihrem Selbstverständnis als deutsche Kaiserin. Nach dem Tod ihres Vaters Heinrich I. urkundete sie als „Mathildis imperatrix Hinrici regis filia et Anglorum domina“. Sie war weiterhin in die Kämpfe um die rechtmäßige Herrschaft in England involviert. So kommt Lehnig zu dem Fazit, dass Mathilde vor allen Dingen als Widerpart zu Stephan von Blois zu sehen ist und dementsprechend als Platzhalterin für legitime Nachfolger bzw. Erben fungierte.

Einen Ausblick in die Neuzeit gab FELIX HALTT zum Thema „Tierschutz und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich“. Er stellte die Situation der Juden im Kaiserreich dar und verwies vor allen Dingen verstärkt auf das Gesetz von 1871, das die Juden zu vollwertigen Bürgern machte. Persönliche Schicksale zeigen jedoch, dass Juden die Laufbahn im Militärwesen verwehrt und jüdische Beamte nur sehr langsam gefördert wurden. 1875 erfolgte trotz der bereits rechtlich vollzogenen Gleichstellung erst die Erlaubnis für „Mischehen“. Der Antijudaismus scheine sich allgemein verringert zu haben, dennoch wurden sie für wirtschaftliche Missstände verantwortlich gemacht. Trotz der Gesetzeslage bestanden weiterhin antisemitische Strömungen wie beispielsweise die „Berliner Bewegung“. 1884 gründete sich der 1. Dachverband des Tierschutzvereins, der vorwiegend gegen Tierversuche in der Medizin einschritt und gegen das Schächten plädierte. Die Antisemiten versuchten sich diese Strömungen zunutze zu machen, in dem sie sich der Debatte um das Schächten anschlossen. 1887 gelangte das Thema in den Reichstag. Die Petition des Tierschutzvereins wurde abgelehnt. In den folgenden Jahren versuchten die Antisemiten immer wieder das Schächten zu verbieten oder einzuschränken. Haltt gab einige Beispiele führender Wortführer. Die Diskussion darum nahm auch im weiteren Verlauf nicht ab. Die in den 1920er Jahren aufkommende Möglichkeit der elektrischen Betäubung, welche die Unversehrtheit des Tieres nach jüdischem Glauben gewähren würde, wurde nicht gesetzlich verankert. Abschließend hält der Referent fest, dass sich die Tierschützer und die Antisemiten zu keinem Zeitpunkt der harten Debatte zusammenschlossen und versuchten ihre Forderungen gemeinsam durchzusetzen.

Den Abschluss des Kolloquiums machte JENNIFER HEIN mit ihrem Vortrag zu „Athen-Zentrismus und seine Auswirkungen auf die Betrachtungsweise der Großpolis und der griechischen ‚Randgebiete‘“. Ihre Überlegungen resultierten aus der Beschäftigung mit dem sog. Kritios-Knaben in ihrer Bachelorarbeit. In einem ersten Schritt wurden unterschiedliche Torsi vorgestellt, unter anderem anhand der Ponderation verglichen und zeitlich verortet. Als Beispiele dienten der oben bereits erwähnte Kritios-Knabe, der Torso eines Jünglings vom Samos und ein milesischer Torso. Darauf folgten der Versuch eines Herleitens des Athen-Zentrismus durch Schiller und vor allen Dingen durch Johann Joachim Winckelmann und sein Werk „Geschichte der Kunst des Altertums“, die Athen zu ihrer eigenen Gesellschaft kontrastieren. Besonders am Ende des 19. Jahrhunderts ist die griechische Welt für die Nationalstaaten von Interesse, wenn das Bild des starken und schönen Griechen damit in Verbindung gebracht wird. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Griechenland sowie Griechenland und seiner Vergangenheit wurde abschließend betrachtet. So kommt es im ersten Falle seitens Deutschlands meist zu einer Glorifizierung der Vergangenheit, im zweiten Fall kam es erst zu einer Besinnung auf die Vergangenheit durch die Unabhängigkeitskriege, die die Griechen an ihre Vorfahren bzw. den Hellenismus anknüpfen ließ.

Alle Vorträge wurden lebhaft diskutiert und einige Thesen auch bestritten. Für eine zukünftige Veranstaltung dieser Art wären auch Referenten der umliegenden Universitäten wünschenswert.

Konferenzübersicht:

Jan-Henrik Hartung: „Theben an der Mykale“

Stefanie Becker: „Wilhelm Fabry von Hilden (1560-1634) und die Franzosenkrankheit“

Eugen Rung: „Die gávazeitliche Besiedlung im Ier-Tal, Jud. Satu Mare, Nordwestrumänien"

Benjamin Slowig: „Die augusteisch-tiberianische Germanienpolitik. Herrschaftsausübung, Expansion und Verzicht Roms im Spiegel der historisch-archäologischen Quellen"

Jennifer Lehnig: „Mathilde von England als domina Angliae“

Felix Haltt: „Tierschutz und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich"

Jennifer Hein: „Athen-Zentrismus und seine Auswirkungen auf die moderne Betrachtungsweise der Großpolis und der griechischen ‚Randgebiete‘"

ZitierweiseTagungsbericht Nachwuchskolloquium der Fachschaftsräte Geschichte und Archäologische Wissenschaften der Universität Bochum. 08.07.2011-09.07.2011, Bochum, in: H-Soz-u-Kult, 18.08.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3798>.

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