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Kulturkonflikte – Kulturbegegnungen. Neue Impulse für die interkulturelle Geschichtsdidaktik

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Herbert Quandt-Stiftung, Verband der Geschichtslehrer Deutschlands, Bundeszentrale für politische Bildung
Datum, Ort:20.05.2011–21.05.2011, Berlin

Bericht von:
Alexander Clauß, Herbert Quandt-Stiftung
E-Mail: <alexander.claussherbert-quandt-stiftung.de>

Gibt es „Heilige Kriege“? Wie tolerant ist der Islam? Wie sehen der Geschichtsunterricht und die Schulbücher der Zukunft aus? Über diese und andere Fragen haben Experten aus Wissenschaft, Politik, Schulen und Schulbuchverlagen der Tagung „Kulturkonflikte – Kulturbegegnungen“ am 20. und 21. Mai 2011 im Deutschen Historischen Museum in Berlin diskutiert. Ziel war es, neue Impulse für die interkulturelle Geschichtsdidaktik zu setzen. Grundlage der Konferenz war das Buch „Kulturkonflikte – Kulturbegegnungen. Juden, Christen und Muslime in Geschichte und Gegenwart“, das die Herbert Quandt-Stiftung gemeinsam mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e.V. und der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) vorgelegt hat.

Heilige Kriege in der Geschichte

Islam und Judentum kennen keine „Heiligen Kriege“. Dies war der Tenor der Vorträge des Historikers und Herausgebers des Buches, GISBERT GEMEIN, pensionierter Schuldirektor aus Neuss, und von JESSICA SCHMIDT-WEIL, Lehrerin an der Peter-Ustinov-Schule in Berlin. Das heutige Verständnis des „Dschihad“ sei eine späte Erfindung des 20. Jahrhunderts und divergiere, so Gemein, von der klassischen islamischen Theologie. Schmidt-Weil ergänzte, auch im Judentum gebe es keine Rechtfertigung eines heiligen und gerechten Krieges. Dennoch sprächen viele Menschen von Heiligen Kriegen, obwohl keine theologische Rechtfertigung existiere, diagnostizierten beide. Dogmatisierungen und die Vermischung von staatlicher und religiöser Sphäre könnten ebenso wie die Entwicklung des Monotheismus als solche zur Postulierung „Heiliger Kriege“ beigetragen haben, so Gemein in der Aufnahme der Thesen des Heidelberger Kulturtheoretikers Jan Assmann. Hamideh Mohagheghi, Vorstand der Muslimischen Akademie in Deutschland, sprach sich dafür aus, den Begriff des Heiligen Krieges nicht als Übersetzung des arabischen „Dshihad“ zu benutzen, weil Dshihad „Anstrengung, Kampf, Einsatz für den Glauben“ bedeute. Sie störte sich daran, dass die öffentliche Debatte hier zu ungenau und einseitig verlaufe, was Vorbehalte gegen den Islam schüre. Richtig sei ihrer Meinung nach allerdings, dass einige Verse im Koran durchaus genutzt wurden und werden, um Kriege zu begründen. Um einen solchen Missbrauch der Heiligen Schriften zu verhindern, forderte sie deshalb eine historisch-kritische Methode für eine moderne, reflektierte, islamische Theologie.

Wie tolerant ist der Islam?

Das Verhältnis des Islam zu religiösen Minderheiten und zur Konversion beleuchtete JÖRN THIELMANN von der Universität Erlangen. Seiner Forschung nach beziehe sich die Religionsfreiheit und Toleranz im Koran auf die Schutzbefohlenen (dimmis), d.h. auf jüdische und christliche Minderheiten – und damit gerade auf andere Religionen. Problematisch sei nicht das Verhältnis zwischen Christen, Juden und Muslimen, sondern zwischen Muslimen und andersdenkenden Muslimen, muslimischen Atheisten, Agnostikern und Konvertiten aus dem Islam. Mehr Toleranz gegenüber Muslimen in Deutschland forderte Lamya Kaddor vom Liberal-Islamischen Bund e.V. in Köln. Das „Islamproblem“ sei häufig ein Identitätsproblem der Mehrheitsgesellschaft, die ihre Ängste auf die muslimischen Zuwanderer projiziere. Doch auch in muslimischen Kreisen gebe es Identitätsprobleme, eine Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat, die oftmals nicht aufnahmefreundlich sei. Dass auch muslimische Kinder oft wenig über ihre Religion wüssten, bestätigte Anita Mächler, ehemalige Oberstudiendirektorin in Berlin. Sehr viele Kinder, unabhängig von deren Herkunft, kennen ihre Religion kaum – gerade in Großstädten wie Berlin. Auch werde die Frage, was der Islam sei, von Kindern aus der Türkei, dem Libanon und den arabischen Ländern sehr unterschiedlich beantwortet. Dr. Peter Lautzas, Vorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands e.V., schloss sich an und gab zu Bedenken, dass man grundsätzlich nicht von „dem“ Islam und „dem“ Christentum sprechen dürfe, da es viele unterschiedliche Ausprägungen der jeweiligen Religionen gebe.

Geschichtslehrbücher der Zukunft

Die Kritik, deutsche Lehrbücher würden interkulturelle Themen zu wenig behandeln, wies Dr. Ilas Körner-Wellershausen aus Sicht des Klett-Verlags zurück. Natürlich sei auf diesem Gebiet noch viel zu tun, die Verlage hätten aber bereits umgelernt. Sein Haus biete sowohl eine Lern-Software über die drei monotheistischen Religionen als auch ein Geschichtslehrwerk zu Judentum, Christentum und Islam an. Problematisch sei eher, dass diese Bücher kaum nachgefragt würden. Offenbar könnten Schulen immer nur ein bestimmtes Maß an Innovation aufnehmen, so sein skeptisches Resümee. Studiendirektor und Schulbuchautor Joachim Cornelißen (Lyon/Düsseldorf) stimmte zu und bewertete die derzeitige Generation von Schulgeschichtsbüchern als „die bisher beste, die es je gab“. Ein herausragendes Beispiel sei etwa das „Deutsch-französische Geschichtsbuch“. Dieses würde seinen Erfahrungen nach in Frankreich öfter genutzt als in Deutschland. Zudem gäbe es oft nicht genügend Zeit für den Geschichtsunterricht, um die vielfältigen Anregungen umzusetzen. Als positives Beispiel für eine fortschrittliche interkulturelle Geschichtsdidaktik hob Cornelißen die differenzierte Darstellung des Themas „Türken vor Wien“ hervor, das mittlerweile über die Darstellung unterschiedlicher deutscher und türkischer Geschichtsbilder multiperspektivisch behandelt werde. Für Lautzas gehörten dialogisch angelegten Geschichtsbüchern – wie auch dem offiziell noch nicht genehmigten deutsch-polnischen Lehrbuch – die Zukunft.

Geschichte und Gedächtnis in der Zuwanderungsgesellschaft

Die Erinnerung an den Nationalsozialismus, die Weltkriege und die Hinterlassenschaften gehören zum Grundbestand der politischen Kultur der Bundesrepublik. Wie wird jedoch die Erinnerung der Zukunft aussehen, wenn bereits jetzt mehr als dreißig Prozent aller Neugeborenen einen Migrationshintergrund haben? Werden sie das gleiche Verhältnis zur deutschen Geschichte entwickeln wie Jugendliche mit deutschen Wurzeln? Und wird sich die deutsche Erinnerungskultur im Laufe der nächsten Jahrzehnte nicht grundlegend ändern, fragte Roland Löffler von der Herbert Quandt-Stiftung. Eine Nation sei zugleich Erinnerungs-, Erregungs-, Erlebnis- und Erzählgemeinschaft, definierte RAINER OHLIGER vom Netzwerk Migration in Europa e.V. in Berlin. Durch Einwanderung werde das dominierende nationale Narrativ jedoch herausgefordert, ein neues „Wir“ zu erschaffen. Zuwanderer machten nationale Geschichte zunehmend multiperspektivisch und Minderheiten- bzw. Migrationsgeschichte gewönnen an Bedeutung.

Für die Zukunft sieht Ohliger nicht die Geschichte einer Nation im Vordergrund, sondern die von „Multiminoritäten“. Bereits die christliche Geschichte sei eine Migrationsgeschichte, erklärte der Bochumer Theologieprofessor Jan-Dirk Döhling. Der Urvater der drei monotheistischen Religionen, Abraham, hätte ja den Auszug aus seinem Heimatland erfahren und wäre in ein Land, das Gott ihm verheißen habe, gezogen. Dieser Migrationshintergrund würde jedoch im Judentum viel stärker betont als im europäischen Christentum. Letzteres verhalte sich so, als sei es immer schon da gewesen und habe sich nicht über Migrationsprozesse ausgebreitet.

Für eine Pluralisierung des gesellschaftlichen Narratives sprach sich auch das Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses Emine Demirbüken-Wegner (CDU) aus. Sie beschrieb mit Blick auf türkischstämmige Jugendliche Fälle von Diskriminierung im Alltag und fehlender Anerkennung fremder Kulturen. Dem könne beispielsweise ein höherer Anteil an türkischer Geschichte im Schulunterricht entgegenwirken. Auch müssten im Geschichtsunterricht mehr positive Kulturbegegnungen behandelt werden, wie zum Beispiel das Goldene Zeitalter in Spanien, die Bedeutung der Religionen für Bildung und Wissenschaft sowie die Vermittlung griechischer Philosophie durch Muslime nach Europa. Mehr Sensibilität im Umgang mit historischen Figuren wie Richard Löwenherz forderte auch Demirbüken-Wegners Kollege Özcan Mutlu von Bündnis 90/Die Grünen. Löwenherz als Kreuzritter habe aber Vorfahren muslimischer Kinder getötet. Auch der Holocaust sei für Schüler mit Migrationshintergrund nicht leicht zu verstehen. Für viele sei dies „deutsche“ Geschichte und liege auf den ersten Blick jenseits ihres Verantwortungsbereichs, wie Mutlu aus persönlicher Erfahrung berichtete. Er selbst habe auch Jahre gebraucht, ehe er den Völkermord als „universales Verbrechen gegen die Menschheit“ begriffen habe.

Jessica Schmidt-Weil schlug vor, im Schulunterricht verschiedene Zitate aus Koran, Bibel und Thora zu Krieg, Märtyrertum, Pazifismus, Kreuzrittertum u.a. kritisch zu vergleichen und zu diskutieren.

Auch der Holocaust müsse zentrales Unterrichtsthema bleiben, forderte Doron Kiesel, Professor für interkulturelle Pädagogik an der FH Erfurt. Wer sich in Deutschland integriere, der integriere sich auch in die Verantwortung, so Kiesels These. Ohliger plädierte dafür, Migrationsgeschichte in den nationalen Narrativ einzubauen, gleichzeitig aber von Migranten zu fordern, dass sie sich auch in die deutsche, historische „Haftungsgemeinschaft“ eingliederten. Kiesel sieht ermutigende Beispiele, dass sich Migranten aktiver an der Gesellschaft und der historischen Erinnerung beteiligten – und nannte eine Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, an der auch zahlreiche Muslime beteiligt seien.

Konferenzübersicht:

Begrüßung

Peter Lautzas (Verband der Geschichtslehrer Deutschlands)
Thomas Krüger (Bundeszentrale für politische Bildung)
Roland Löffler (Herbert Quandt-Stiftung, Berlin)

Panel I
Kommentar und Moderation: Roland Löffler (Herbert Quandt-Stiftung, Berlin)

Gisbert Gemein (Oberstudiendirektor i.R., Neuss): Kulturkonflikte: Heilige Kriege in der Geschichte

Kommentare
Hamideh Mohagheghi (Muslimische Akademie in Deutschland, Berlin)
Jessica Schmidt-Weil (Peter-Ustinov-Schule, Integrierte Sekundarschule, Berlin)

Panel II
Kommentar und Moderation: Gisbert Gemein (Herausgeber des Buches zur Tagung)

Jörn Thielmann (Universität Erlangen): Kulturbegegnungen: Wie tolerant ist der Islam? Das Problem des Glaubenswechsels

Kommentare
Doron Kiesel (Lehrstuhl Interkulturelle Pädagogik, Fachhochschule Erfurt)
Lamya Kaddor (Liberal-Islamischer Bund e.V., Köln)
Anita Mächler (Oberstudiendirektorin i.R., Berlin)

Panel III: Geschichtsunterricht der Zukunft: Wie sollen differenzierte, interkulturelle Schulbücher aussehen?

Einführung und Moderation
Gerdien Jonker (Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig)

Kommentare:
Sascha Priester (PM History, München)
Ilas Körner-Wellershausen (Klett-Verlag, Leipzig)
Peter Lautzas (Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e.V.)
Joachim Cornelißen (Studiendirektor, Lyon/Düsseldorf)

Panel IV: Geschichte, Gedächtnis und Politik in der Zuwanderungsgesellschaft: An was erinnern wir uns in der Zukunft?
Kommentar und Moderation: Roland Löffler (Herbert Quandt-Stiftung, Berlin)

Einführung
Rainer Ohliger (Netzwerk Migration in Europa e.V., Berlin)

Kommentare
Emire Demirbüken-Wegner (MdA, CDU, Berlin)
Özcan Mutlu (MdA, Bildungspolitischer Sprecher, Bündnis90/Die Grünen, Berlin)
Jan-Dirk Döhling (Ruhr-Universität Bochum)

ZitierweiseTagungsbericht Kulturkonflikte – Kulturbegegnungen. Neue Impulse für die interkulturelle Geschichtsdidaktik. 20.05.2011–21.05.2011, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 07.07.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3709>.

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