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6. Doktorandentagung der Volkskunde/Europäischen Ethnologie/Kulturanthropologie/Empirischen Kulturwissenschaft

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Universität Göttingen
Datum, Ort:18.03.2011-20.03.2011, Göttingen

Bericht von:
Susan Gamper, Lehrstuhl für Europäische Ethnologie, Otto-Friedrich-Universität Bamberg
E-Mail: <susan.gamperuni-bamberg.de>

Für die diesjährige Doktorandentagung der Volkskunde/Europäischen Ethnologie/Kulturanthropologie und Empirischen Kulturwissenschaft im März 2011 warben die Veranstalter/innen im CfP mit der „Möglichkeit zum gemeinsamen Erfahrungsaustausch“ und „der kommunikativen Vernetzung“ – und versprachen damit nicht zu viel. Wie schon in den vergangenen Jahren in Jena, Münster usw. trafen sich auch in Göttingen wieder gut gelaunte und hochmotivierte Dokorand/innen, um über eigene und gemeinsame Projekte zu diskutieren.

Nach einer Begrüßung der Teilnehmer/innen durch CAROLA LIPP (Göttingen) am Freitagnachmittag folgten bis Sonntagmittag sieben thematische Sektionen, in denen Teilnehmer/innen ihre Dissertationsprojekte vorstellten und zur Diskussion freigaben. Auch die für den Samstag angesetzten Workshops („Zeit- und Ressourcenmanagement“, „Schreibwerkstatt“ und „Methodenworkshop“), die Raum für Austausch zu grundlegenden Fragen boten, stießen wieder auf reges Interesse.

Innerhalb der thematischen Sektionen stellten dann jeweils zwei oder drei Vortragende ihre eigenen Projekte vor, die vom Plenum gern und konstruktiv kommentiert und diskutiert wurden. NATHALIE LOCHMANN (Mainz) und ISABELL DEAN (Wien) beispielsweise befassen sich beide mit dem Thema Ethnizität: „Wie wird nationale Identität konstruiert, wie konstruiert sich nationale Identität?“ oder „Welche Alltagspraxen ethnischer Grenzziehungen sind bei Vorschulkindern zu beobachten?“ Beide fragen dabei auch nach den vermittelnden Instanzen dieser ethnischen Abgrenzungen und beide stoßen bei ihren Forschungen auf die begriffliche Unschärfe des Themenbereichs. Am Samstagnachmittag wurden innerhalb der Themensektion „Alterität – Identität“ Fragen von Innovation und Transformation (LUKASZ NIERADZIK (Wien) über das Wiener Fleischhauerhandwerk im Kontext von Industrialisierung und Urbanisierung), von Interkulturalität und Organisationskultur (ANNE SCHREITER (St. Gallen) über deutsch-chinesische „Managerwelten“) und von Migration und Fremdheit (FELICIA SPARACIO (Tübingen) über transnationale Lebenswelten älterer türkischer Migrant/innen) diskutiert. Die Themen des Sonntagmorgens boten dann eine perfekte Demonstration der Vielfalt und Breite des Fachs: MARTIN DESCHAUER (Frankfurt a.M.), der sich mit Wissenschaftsforschung in den Neurowissenschaften beschäftigt, FRANZISKA SPERLING (Frankfurt a.M.), die zur Transformation des ländlichen Raums arbeitet, und REBECCA BÜRKLE (Tübingen), die an einem Projekt über Sprachvariationen in der Arbeitswelt forscht, konnten ihre Zuhörer/innen inspirieren aber auch selbst Anregungen aus dem Plenum mitnehmen.

Den Höhepunkt der Tagung allerdings bildete die Diskussionsrunde „Unter Umständen promovieren“ am Freitagabend, in der Promotion und Karriere ganz allgemein in den Blick genommen wurden. Speziell von ihrem eigenen Werdegang berichteten zum Einstieg NINA GORGUS (Frankfurt a.M.), VICTORIA HEGNER (Göttingen), ALEXANDRA KAISER (Leipzig) und MARKUS TAUSCHEK (Kiel). Die Themenvielfalt der anschließenden Diskussion war groß: Von Schreibblockaden und Finanzierungslücken bis hin zu Karriereüberlegungen (Wie relevant ist die Themenwahl der Doktorarbeit? Wie stark ist der Karrieredruck als Postdoc an der Universität?). Anregung und Grundlage für den Austausch bildete eine Email-Umfrage des vergangenen Jahres, die die Promotionsbedingungen der Fächer Volkskunde/Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Empirische Kulturwissenschaft zum Thema hatte. Die Auswertung ergab laut ANNA-CAROLINA VOGEL (Göttingen) unter anderem, dass etwa 30 Prozent der Befragten unter zehn Stunden pro Woche Zeit haben, um an der Dissertation zu arbeiten – die Betreuungsqualität erhielt in den meisten Fällen eine doch sehr durchschnittliche Schulnote 3. Als zentral traten die Problemfelder Promotionsbedingungen und Karriereaussichten hervor. Positiv bewertet wurde aber insgesamt der Austausch unter den Doktorand/innen.

Wie wichtig auch jenseits des Themas Promotion Kommunikation und Zusammenhalt im Fach sind, wurde am Samstagnachmittag deutlich: Mit dem Satz „Wir sind tot.“ fasste LINA FRANKEN (Bonn) die Lage der Kulturanthropologie/Volkskunde an der Universität Bonn ebenso knapp wie treffsicher und frustrierend zusammen. Die katastrophale Situation des traditionsreichen Lehrstuhls hat mit der jüngst beschlossenen Abschaffung der Professur einen traurigen Höhepunkt erreicht. Dennoch nicht vom letzten Mut verlassen bitten die Bonner um Unterstützung durch die anderen Lehrstühle.

Schließlich war auch an diesem Tagungswochenende wieder offizieller Raum für Informationen aus der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv) gegeben. Fast alle Tagungsteilnehmer/innen fanden sich ein, als MARTIN JONAS (Wien), der Vertreter der Doktoranden im Hauptausschuss des Dachverbandes, unter anderem von den Planungen zum dgv-Kongress 2011 in Tübingen berichtete und über die Auswahl einer Kandidatin oder eines Kandidaten für die dann anstehende Wahl des Hauptausschusses debattiert wurde. So bilden die jährlichen Doktorandentagungen nicht nur für das eigene Vorankommen, sondern auch für die Zukunft des Fachs einen wichtigen Baustein.

Zur nächsten Doktorandentagung der Volkskunde/Europäischen Ethnologie/Kulturanthropologie und Empirischen Kulturwissenschaft laden die Organisator/innen für den Mai 2012 herzlich nach Bamberg ein.

Sektion I: Ethnizität

Natalie Lochmann: Ethnonationalismus in Kasachstan. Zur Konstruktion im postsozialistischen Vielvölkerstaat

Isabell Dean: Ethnizität und junge Kinder – ethnografische Studie über Situationen, Vermittlungsinstanzen und Medien der Ethnisierung im frühkindlichen Alter

Sektion II: Globalisierung – Europäisierung

Pablo von Frankenberg: Zwischen world-space und junkspace. Museumsarchitektur als Ergebnis internationaler Kulturberatung

Katrin Ullmann: Globale (Ver-)Bindungen? Zugehörigkeit(en) als Suchbewegung in den Selbstkonstruktionen junger Erwachsener im globalen Raum

Sektion III: Norm – Diskurs – Repräsentation

Christoph Naumann: „Ich war Arbeiterfotograf, ohne es zu wissen.“ Walter Ballhauses sozialdokumentarische Fotografie 1930-33

Lina Franken: Bildungspolitik und Alltagskultur. Normsetzung in der schulischen Wissensvermittlung

Sektion IV: Performanzen

Christine Hämmerling: Alltagsintegration und soziale Positionierung von Fernsehserien am Beispiel der Reihe „Tatort“

Sebastian Keller: Zeitgenössischer europäischer Schwertkampf in Deutschland. Historische Techniken im Spannungsfeld von Authentizität, Sport und Show

Sektion V: Alterität – Identität

Lukasz Nieradzik: Transformation des Wiener Fleischhauerhandwerks im Kontext von Industrialisierung und Urbanisierung. Der Fall des Schlachthofes zu St. Marx 1851-1914

Anne Schreiter: Managerwelten. Zur Konstruktion deutsch-chinesischer Organisationskultur in Deutschland und China

Felicia Sparacio: Zwei Länder, ein Leben. Qualitative Studie über transnationale Lebenswelten älterer türkischer Migrant/innen.

Sektion VI: Generation – Raum

Kornelia Ehrlich: Creative City Ljubljana? Stadtentwicklung unter dem Primat von Kreativität. Eine kulturanthropologische Untersuchung sozialräumlicher Praktiken von Kultur- und Kreativakteuren Ljubljanas.

Nina Kim Leonhardt: Unter Nachbarn. Bedeutung und generationeller Wandel von subjektiven Dialekträumen in Nord-Baden-Württemberg

Eva-Maria Ameskamp: Priester im Dekanat Cloppenburg vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert. Leben, Wohnen und Arbeiten im Pfarrhaus

Sektion VII: Praktiken – Wissen – Politik

Martin Deschauer: Akteur-Netzwerk und Neuro-Netzwerke. Kulturanthropologische Wissenschaftsforschung in den Neurowissenschaften

Franziska Sperling: Acker und Ökostrom – Die (EU-)politische Transformation des ländlichen Raums

Rebecca Bürkle: Sprachvariation in der Arbeitswelt: Funktionen, Einstellungen und individueller Möglichkeitsraum

ZitierweiseTagungsbericht 6. Doktorandentagung der Volkskunde/Europäischen Ethnologie/Kulturanthropologie/Empirischen Kulturwissenschaft. 18.03.2011-20.03.2011, Göttingen, in: H-Soz-u-Kult, 25.05.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3667>.

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