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Audienzen transkulturell. Ritualisierte Kommunikation und inszenierte Begegnung in der Frühen Neuzeit

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:DFG-Projekt "Die diplomatische persona im politischen Ritual"
Datum, Ort:04.03.2011-05.03.2011, Vechta

Bericht von:
Florian Kühnel, Exzellenzcluster "Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne", Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <florian.kuehneluni-muenster.de>

Audienzen kam im Rahmen diplomatischer Beziehungen in der Frühen Neuzeit eine elementare Bedeutung zu. Dies war gerade auch bei interkulturellen Kontakten zwischen Ost und West der Fall, und nahezu jeder Gesandtschaftsbericht lief narrativ auf dieses Ereignis als Höhepunkt der Reise zu. Gleichzeitig weisen Audienzen über die konkrete innerhöfische Kommunikationssituation hinaus, so PETER BURSCHEL (Berlin) in seiner Einführung zum Workshop „Audienzen transkulturell“, der am 4. und 5. März 2011 an der Universität Vechta stattfand. Es seien Orte symbolischer Verdichtung, die von den beteiligten Personen ständig kulturelle Grenzziehungen verlangten – und daher auch immer wieder Grenzverletzungen provozierten. Diese Brüche, die man in vielen Fällen als fehlgeschlagene Übersetzungsleistungen bezeichnen könnte, eigneten sich besonders, Auskunft über interkulturelle Wahrnehmungs- und Deutungsmuster zu liefern. Nicht zuletzt die Situation der Diaspora, in der die europäischen Gesandten lebten, spiele hier eine maßgebliche Rolle.

DOROTHEE LINNEMANN (Münster) widmete sich in ihrem Vortrag bildlichen Darstellungen von Audienzen europäischer Gesandter an verschiedenen östlichen Höfen, vor allem in Form von Gemälden. Allein die Masse des Materials sei Ausweis für das große Interesse, das die herrschaftlichen Auftraggeber in Europa an der medialen Reinszenierung symbolischer Handlungen ihrer Gesandtschaften hatten. Wegen seiner politischen Bedeutung für Europa hat dabei insbesondere das Audienzzeremoniell am osmanischen Hof Beachtung gefunden. Allerdings, so betonte Linnemann, lohne gerade der Vergleich von Darstellungen verschiedener östlich-westlicher Kontakte für die Frage, wie Fremdheit und Identität jeweils konstruiert wurden. Der strategische Einsatz unterschiedlicher (Bild-)Traditionen und Darstellungsmittel käme dabei genauso in den Blick wie die verschiedenen europäischen Rezipientenkreise.

STEFAN HANß (Berlin) untersuchte in seinem Beitrag symbolische Kommunikationsformen im diplomatischen Zeremoniell zwischen dem Osmanischen Reich und Venedig. Am Beispiel osmanischer Gesandtschaften in Venedig zu Beginn des „Zypernkrieges“ (1567, 1570) zeichnete er zunächst die dort sichtbar werdenden mündlichen und schriftlichen Aushandlungsprozesse über Ehrzuweisungen, Machtansprüche und Handlungsspielräume nach. Anschließend wandte er sich Audienzbeschreibungen des venezianischen bailo (Gesandten) Ottaviano Bon am Topkapı Sarayı am Beginn des 17. Jahrhunderts zu. Hanß zeigte anhand der in den Speisungsschilderungen sichtbaren Symbolkonflikte, wie eigene Deutungssysteme und Wahrnehmungsmuster innerhalb des Audienzzeremoniells Orientierung boten. Abschließend betonte er nochmals das Erkenntnispotential west-östlicher Audienzen in Venedig, da sich hier Gesandtschaften ganz verschiedener Höfe (etwa der Safawiden und anderer muslimisch geprägter Regionen) miteinander vergleichen ließen.

Am Beispiel der „Sofa-Affäre“ von 1677, eines diplomatischen Zwischenfalls in den französisch-osmanischen Beziehungen, analysierte CHRISTINE VOGEL (Vechta) Formen und Folgen der Medialisierung diplomatischer Zeremonien insbesondere in der periodischen Presse. Dabei stellte sie die Frage nach der Öffentlichkeit des diplomatischen Zeremoniells im west-östlichen Kulturkontakt und problematisierte vor dem Hintergrund des paradoxen Spannungsverhältnisses von Präsenzkultur und Medialisierung die Performativität der west-östlichen Zeremonien. Anhand eines Vergleichs niederländischer, deutscher und französischer Presseberichterstattung demonstrierte sie die propagandistische Indienstnahme diplomatischer Zeremonialberichte in Kriegszeiten.

FELIX KONRAD (Kiel) befasste sich in seinem Vortrag mit Audienzen von Europäern bei den Khediven, den Vizekönigen der osmanischen Provinz Ägypten. Einerseits thematisierte er Privataudienzen von Europäern bei Mehmed Ali Pascha (1820er- bis 1840er-Jahre), andererseits feierliche Audienzen von Generalkonsuln bei Abbas Pascha (um 1850). Konrad zeigte, wie sich Mehmed Ali gezielt als progressiver Erneuerer Ägyptens inszenierte, der europäische Standards und Werte in seinem Reich umsetzte. Doch obwohl die europäischen Besucher ihn und seinen Hof als „etwas Orientalisches“ beschrieben, berichteten sie kaum von kulturellen Missverständnissen. Dies liege daran, so Konrad, dass sie ihre kulturelle Identität weitgehend im Konsens mit Mehmed Ali bestätigen konnten. Im Gegensatz dazu sei es Abbas Pascha weniger gut gelungen, Audienzen für seine Selbstrepräsentation zu nutzen. Seine Inszenierung als ‚moderner‘ Osmane wurde, wenn auch nicht von den Konsuln, so doch von deren Begleitern ironisiert oder kritisiert. Der von Abbas genutzte neue repräsentative Code der osmanischen tanzimat scheine den Besuchern eine höhere Übersetzungsleistung abverlangt zu haben, was zu Missverständnissen und Missdeutungen führte.

Die Situation in Westafrika („Guinea“) während des 17. und 18. Jahrhunderts nahm CHRISTINA BRAUNER (Münster) in den Blick. Hier trafen vorrangig Vertreter verschiedener europäischer Handelskompanien, die als quasi-staatliche Institutionen fungierten, auf eine Vielzahl von stark unterschiedlich ausgeformten Gemeinwesen. Am Beispiel von Kontakten der Compagnie des Indes in Anomabu (Fante, heutiges Ghana) zeigte Brauner, wie Audienzen in Afrika immer auch in die innereuropäische Konkurrenzsituation eingebunden waren und wie dies die Darstellungsweisen beeinflusste. Durch den vergleichsweise geringen Formalisierungs- und Institutionalisierungsgrad der Beziehungen seien grundlegende politische Bedingungen stets Streitpunkte geblieben, so etwa Fragen nach der zentralen Autorität oder der Regierungsweise in Fante. Dennoch seien die untersuchten Audienzen in Anomabu keine Szenen des ‚Kulturkontakts’ im Bitterlischen Sinne gewesen. Vermittler, meist Söhne hochrangiger Personen, die als – so die europäische Sicht – ‚Geiseln’ in Europa gelebt hatten, vermittelten über das bloße sprachliche Übersetzen hinaus zwischen Kompanien und Fante.

Abschließend untersuchte CHRISTINA SCHRÖER (Münster) die Audienzen des Directoire exécutif während der Ersten Französischen Republik. Das fünfköpfige Ratsgremium empfing im Palais du Luxembourg zwar demonstrativ täglich Bittsteller aus dem Volk, allerdings gerieten diese Empfänge mehr und mehr zu einem Forum der republikanischen Herrschaftsrepräsentation und Selbstdarstellung. Im Sommer 1797, am dritten Jahrestag der Hinrichtung Robespierres, empfingen die Regierungschefs dann den Botschafter des osmanischen Reiches Esséid Aly Effendi, der erstmals eine dauerhafte diplomatische Vertretung der Hohen Pforte in Paris aufbauen sollte. Für das protokollarisch minutiös vorbereitete Zusammentreffen dienten ähnliche Empfänge aus den Zeiten der Monarchie sowie das Zeremoniell aus Konstantinopel als Vorbild. Obwohl sich die Republikaner von den Gepflogenheiten des Ancien régime abgrenzten, markierte man über das Zeremoniell deutlich den eigenen Anspruch, z.B. auf dieselbe Stellung, die vorher den französischen Königen zugekommen war. Dies wurde in der Presse, in der die Audienz zu einem Medienereignis geriet, teilweise harsch kritisiert.

Bei aller zeitlicher und geographischer Differenz haben die verschiedenen Beiträge Eines immer wieder sehr deutlich gezeigt: Bei Audienzen handelt es sich um Kommunikationssituationen, die von den beteiligten Akteuren in besonderer Weise mit Bedeutung aufgeladen werden. Sie ermöglichen dem Historiker daher tiefe Einblicke in jene kulturell geformten und in vielen Fällen symbolisch vermittelten Mikrostrukturen diplomatischer Beziehungen, die Politik als Kulturkontakt ausweisen – und damit erst verstehbar werden lassen. Dabei scheint das Erkenntnispotential noch nicht ausgeschöpft und weitere Forschungen notwendig.

Konferenzübersicht:

Peter Burschel: Einführung

Dorothee Linnemann: Bilder von Fremdheit(en)? Der Quellenwert von Bildern für die Untersuchung transkultureller, west-östlich diplomatischer Beziehungen des 16. bis 18. Jahrhunderts

Stefan Hanß: Audienza und dīwān-ı humāyūn. Venezianisch-osmanische Audienzen im 16. und 17. Jahrhundert

Christine Vogel: Der Marquis, das Sofa und der Großwesir. Zur Medialisierung von Audienzen im späten 17. Jahrhundert

Felix Konrad: Audienzen bei den Khediven von Ägypten

Christina Brauner: Die Königstaktik. Darstellungsstrategien, Übersetzungsversuche und Vermittler bei Audienzen und Verhandlungen in Anomabu 1752

Christina Schröer: Republikanische Herrschaftsrepräsentation zwischen Pomp und Propaganda: Die Audienzen des Directoire exécutif (1795-1799)

ZitierweiseTagungsbericht Audienzen transkulturell. Ritualisierte Kommunikation und inszenierte Begegnung in der Frühen Neuzeit. 04.03.2011-05.03.2011, Vechta, in: H-Soz-u-Kult, 05.05.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3635>.

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