< zurück | 17 / 124 Tagungsberichtevorwärts >

Russland und der russische Hof aus der Sicht europäischer und osmanischer Diplomaten (1697-1762). Workshop zur Vorbereitung einer elektronischen Quellenedition

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Deutsches Historisches Institut Moskau
Datum, Ort:06.12.2010–08.12.2010, Moskau

Bericht von:
Lorenz Erren, Deutsches Historisches Institut Moskau
E-Mail: <lorenz.errendhi-moskau.org>

Zur russischen Geschichte des ausgehenden 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts existieren nur wenige erzählende Quellen. Nur in seltenen Ausnahmen führten russische Herrscher oder Würdenträger Tagebuch oder verfassten Erinnerungen. Entsprechend groß war seit je her das Interesse russischer Historiker an ausländischen Quellen wie Gesandtenberichten, die schon im 19. Jahrhundert in großem Umfang publiziert wurden. Auf dem vom 6.-8. Dezember 2010 vom Deutschen Historischen Institut Moskau veranstalteten Workshop wurde diskutiert, wie an diese Editionen in zeitgemäßer Form angeknüpft werden könnte.

Im ersten Teil des Workshops umrissen die Teilnehmer zunächst den Quellenwert von Gesandtenberichten zum russischen Hof. Es herrschte Konsens, dass die Gesandtenberichte eine zentrale Quellengruppe für die russische Geschichte dieser Epoche darstellen und ihre vollständige Publikation aus der Sicht der Forschung wünschenswert wäre. Die Historiographie zur Politik am russischen Hof, zu Palastrevolutionen und Ereignissen wie dem 1730 vom Hochadel unternommenen Versuch, die Selbstherrschaft zu begrenzen, ist in besonderem Maße auf diese zeitnah entstandenen, glaubwürdigen und aussagekräftigen Berichte angewiesen. Das Fehlen bzw. die Unvollständigkeit der vorhandenen Editionen wird von Historikern als schweres Handicap empfunden (JAN KUSBER, PAUL BUSHKOVITCH, IGOR KURUKIN).

Europäische Gesandte verfolgten den Kampf verschiedener höfischer Gruppierungen und Parteien um Macht und Einfluss aber nicht nur als neutrale Beobachter, sondern nahmen auch selbst daran Anteil (FRANCINE-DOMINIQUE LIECHTENHAN, CHRISTIAN STEPPAN). Im Versuch, die nahe Zukunft mit plausiblen Szenarien zu prognostizieren, sammelten sie Informationen zu allen Faktoren, welche in ihrer Wahrnehmung die politische Situation konstituierten, insbesondere zum Verhältnis der wichtigsten Personen und Gruppen zueinander (LORENZ ERREN).

Allerdings beschränkte sich ihr Interesse letztlich weitgehend auf die Frage, ob und auf wessen Seite Russland in europäische Konflikte militärisch eingreifen werde oder nicht (Kurukin). Skeptischer beurteilt wird hingegen die Aussagekraft der Gesandtenberichte, was innerrussische Militär- und Verwaltungsreformen wie auch ganz allgemein die Verhältnisse in der Provinz und an den Peripherien betrifft. Nicht immer verfügten ihre Verfasser über ausreichende landeskundliche Kompetenz (NIKOLAJ PETRUCHINCEV). Nichtsdestoweniger enthalten etwa die französischen, englischen und niederländischen Berichte oft sehr umfangreiche Zahlenangaben und Statistiken zur Truppenstärke, zu den Staatsfinanzen und zum Aussenhandel (HANS VAN KONINGSBRUGGE).

Aber auch aus der Perspektive der gesamteuropäischen Frühneuzeitgeschichte sind die Quellen von Interesse (CHRISTINE ROLL, JAN HENNINGS, JAN KUSBER). Wenn die Formel von der „Europäisierung Russlands“ heute stark hinterfragt wird (Hennings), so steht doch ausser Frage, dass sich der russische Hof im genannten Zeitraum in die „zwischen den europäischen Höfen bestehende Öffentlichkeit“[1] weitaus stärker integrierte als zuvor.

Gleichsam als Außenposten der europäischen Fürstengesellschaft ist er ein äußerst dankbares Untersuchungsfeld für eine neue Politikgeschichte, welche Diplomatie nicht länger auf die Vertretung abstrakter „Interessen“ reduziert, sondern mit Lucien Bély als eine komplexe soziale und kulturelle Praxis begreift, die zwischen Politik und Privatleben keine Grenzen kennt (Liechtenhan).[2] Auch am Petersburger Hof nahmen sich die Diplomaten gegenseitig nicht nur als Vertreter eines bestimmten Monarchen wahr, sondern auch als Mitglieder der europäischen Adelsgesellschaft, deren Distinktion durch den persönlichen Rang und Titel sichergestellt wurde (Steppan).

Die Beschäftigung mit Gesandtenberichten wirft quellenkundliche Fragen auf.
Mehrere Referenten hoben hervor, dass Historiker zwischen den internen Gesandtenberichten und der zeitgleich entstandenen Publizistik schärfer als in der Vergangenheit unterscheiden müssen; dies gilt gerade auch dann, wenn Texte beider Genres von ein und derselben Person verfasst wurden (Roll, Bushkovitch). In ihren aus Russland nach Hause geschickten Berichten neigten die Gesandten zur neutralen Wiedergabe ihrer Erlebnisse, nach ihrer Rückkehr erlaubten sie sich eher verallgemeinernde Wertungen. Gerade Diplomaten, deren Mission erfolglos geblieben war, neigten dazu, wieder auf bekannte Stereotypen der „russischen Barbarei“ zurückzugreifen (Roll, Hennings), insbesondere in Texten, die sich an ein größeres Lesepublikum richteten.

Auch wenn die Berichte meist nur von einem Gesandten unterzeichnet wurden, so waren an ihrem Zustandekommen doch oft mehrere Personen beteiligt. Typisch war das Zusammenwirken zwischen einem prominenten Adligen als Botschafter und einem Sekretär, der vergleichsweise bescheidener Herkunft war, dafür aber gut russisch konnte und viele Jahre am fremden Hof verbrachte. Bisweilen berichteten beide auch unabhängig voneinander, ja verfolgten sogar gegenläufige Interessen. Manchmal lässt sich auch das Netzwerk der Informanten rekonstruieren, die naheliegenderweise oft derselben Hofpartei angehörten, zu denen die Gesandten gute Beziehungen unterhielten (Roll, ALEKSANDR LAVROV).

Im zweiten Teil der Konferenz wurde die geeignete Editionsstrategie diskutiert.

Die im 19. Jahrhundert unter den Bedingungen zarischer Zensur erschienenen Quelleneditionen (insbesondere die Zeitschrift „Sbornik Russkogo Imperatorskogo Obščestva“) stellen zwar nach wie vor eine wichtige Grundlage für die Forschung dar, doch können die Standards dieser Publikationen heutigen Anforderungen in keiner Weise genügen.
Konsequenterweise waren sich die Teilnehmer darüber einig, dass die Edition gar nicht mehr als Printausgabe, sondern ausschließlich als elektronische Datenbank konzipiert werden sollte. Entscheidend ist dabei die Trennung zwischen einer Arbeitsumgebung und einer Publikationsumgebung. Bei einem Unternehmen, das eine übergreifende Arbeitsplanung erfordert und dezentral organisiert werden muss, ist es entscheidend, dass die an unterschiedlichen Orten und Ländern angesiedelten Bearbeiter eine gemeinsame Plattform benutzen, um den Fortgang ihrer Arbeit abzugleichen, editorische Standards zu entwickeln und zu überprüfen, aber auch editorische Probleme gemeinschaftlich zu lösen (inhaltliche Fragen der Texterschließung und Kommentierung, Register, Glossare). Eine Datenbanklösung erscheint ohnehin als die einzig zeitgemäße Lösung für eine parallele Erschließung von Quellengruppen aus verschiedenen Provenienzen. Diese als open access angebotene Edition kann aufgrund der optimalen Verfügbarkeit am besten von der Forschung genutzt werden – auch im Sinne einer weitergehenden Erschließung und Kommentierung (Web2.0-Funktionen) (MICHAEL KAISER, INGRID SCHIERLE).

Der ursprünglich avisierte Publikationszeitraum von 1697-1762 (von Peters I. „Großer Gesandtschaft“ nach Europa bis zur Thronbesteigung Katharinas II.) wurde von mehreren Teilnehmern nachdrücklich kritisiert, da er auf die Reproduktion alter Stereotypen hinauslaufen würde (Roll, Bushkovitch, Kusber, Lavrov). Sie plädierten dafür, die Publikation bereits erheblich früher beginnen und auch früher enden zu lassen. Genannt wurden die Daten 1654 (Roll) bis 1741 (Liechtenhan).

Unabhängig von der Breite des Berichtszeitraums bildete sich im Laufe der Diskussion ein Konsens heraus, dass innerhalb dieser Periode zunächst ein möglichst kurzer Zeitraum ausgewählt, die jeweiligen Dokumente dafür aber möglichst aus allen Ländern einschließlich des osmanischen Reiches vollständig publiziert werden sollten. Selbst wenn Missionen osmanischer Gesandter vorwiegend zeremonielle Zwecke erfüllt zu haben scheinen, so enthalten ihre Berichte doch Beobachtungen von kulturgeschichtlichem Interesse (AYSEL YILIZ).

Als geeignet erschienen den Teilnehmern zwei kurze Zeiträume zu Beginn und nach Ende der Regierungszeit Peters des Großen (circa 1690-1694 und 1725-1730). Daraus ergäbe sich die Chance, die Berichte der verschiedenen Gesandtschaften direkt zu vergleichen, die in ihnen enthaltenen Informationen wie in einem Puzzle zusammenzufügen oder Tatsachen zu rekonstruieren, die aus den einzelnen (isoliert betrachteten) Berichten nicht ohne weiteres hervorgängen. Vor allem aber hätte man auf diese Weise innerhalb des Großprojekts exemplarische Editionen für kurze Zeiträume vorgelegt, die die konzeptionelle Machbarkeit der Edition erweisen könnten. Nach Ablauf dieser ersten Projektphase könnten die hier gemachten Erfahrungen ausgewertet und der Fortführung der Edition zugute kommen.

Konferenzübersicht:

Jan Kusber (Mainz): Diplomatenberichte und ihre Bedeutung für das Zarenreich in den internationalen Beziehungen der Frühen Neuzeit

Paul Bushkovitch (Yale): The Dispatches of European Diplomats from the Court of Peter the Great

Igor Kurukin (Moskau): Sobytija mežducarstvija v 1730 g. v Rossii v donesenijach inostrannych diplomatov

Nikolaj Petruchincev (Lipeck): Inostrannaja diplomatičeskaja perepiska 1730-ch gg. v osveščenii problem vnutrennej politiki i vnutripolitičeskoj bor’by v carstvovanie Anny Ioannovnya

Aleksandr Lavrov (Paris): Die dänische diplomatische Korrespondenz als Quelle zur politischen Geschichte Russlands (1682-1698)

Christine Roll (Aachen): Der lange Weg vom vorpetrinischen zum petrinischen Russland im Spiegel kaiserlicher Gesandtenberichte. Aufgaben, Beobachtungen, Probleme und Ergebnisse kaiserlicher Gesandter in Moskau 1654-1710

Francine-Dominique Liechtenhan (Paris): Die École des Annales und die Diplomatiegeschichte; Forschungsgebiete, Publikationspolitik und neue Perspektiven

Jan Hennings (Oxford): Zwischen den Gesten lesen: Russland in der Europäischen Fürstengesellschaft

Christian Steppan (Innsbruck): „Ein Leben voller Geschenke und Geldsorgen“. Gesandtschaftsberichte als Spiegelbilder symbolischer Kommunikationsstrategien sowie des Sozial- und Alltagslebens kaiserlicher Diplomaten am russischen Hof (1721-1742)

Lorenz Erren (Moskau): Die politische Situation und die höfische Anekdote. Die Schilderung persönlicher Begegnungen, wörtlicher Dialoge und körperlicher Gewalt in diplomatischen Berichten.

Aysel Yıldız (Istanbul): Turkish diplomats in Russia 1697-1762. Archival sources and historiography

Ernst Petritsch (Wien): Berichte habsburgischer Diplomaten aus Russland im Wiener Haus- Hof, und Staatsarchiv

Hans van Koningsbrugge (Groningen): Ten years of research on diplomatic material in Russia. Problems and challenges

Michael Kaiser (Bonn): Vom Mehrwert einer Edition: Datenbanken für Quellen.

Ingrid Schierle (Moskau): Dezentrale Datenbanken für Fachhistoriker. Das Wiki der Arbeitsgruppe „Adliges Leben und Adelskultur in der russischen Provinz im 18. Jahrhundert“.

Anmerkungen:
[1] Zur „zwischenhöfischen“ Öffentlichkeit vgl. Andreas Gestrich, Absolutismus und Öffentlichkeit. Politische Kommunikation in Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Göttingen 1992, S. 78-91.
[2] Vgl. Lucien Bély, Espions et ambassadeurs au temps de Louis XIV, Paris 1990 und andere Werke desselben Autors.

ZitierweiseTagungsbericht Russland und der russische Hof aus der Sicht europäischer und osmanischer Diplomaten (1697-1762). Workshop zur Vorbereitung einer elektronischen Quellenedition. 06.12.2010–08.12.2010, Moskau, in: H-Soz-u-Kult, 21.02.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3552>.

Copyright (c) 2011 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
< zurück | 17 / 124 Tagungsberichtevorwärts >