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Die Grenzen des Netzwerks 1200-1600

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Kerstin Hitzbleck, Bern; Klara Hübner, Fribourg
Datum, Ort:07.10.2010-08.10.2010, Bern

Bericht von:
Christof Rolker, LS für mittelalterliche Geschichte, Universität Konstanz
E-Mail: <christof.rolkeruni-konstanz.de>

Vormoderne Gesellschaften haben der Geschichtswissenschaft selten den Gefallen getan, den Abermillionen von Nutzern sozialer Netzwerke in der Gegenwart der empirischen Sozialforschung tun, wenn sie ihre direkten und indirekten Beziehungen untereinander in standartisierter Form mehr oder minder öffentlich machen. Dass eine Analyse vormoderner Führungsgruppen mit den Kategorien des „Netzwerks“ sinnvoll und, aller Quellenarmut zum Trotz, auch möglich ist, haben Wolfgang Reinhard und seine Schüler dennoch schon einige Zeit, bevor Netzwerke in aller Munde waren, bewiesen. In den vergangenen 30 Jahren hat das Konzept sich als ausgesprochen fruchtbar erwiesen, und es spricht nicht gegen, sondern nur für diesen Erfolg, wenn die Veranstalterinnen eines internationalen Workshop schärfer als die bisherige Forschung nach seinen Grenzen fragt: Grenzen der sinnvollen Anwendbarkeit, aber auch Grenzen der Leistungsfähigkeit, der Teilhabe, der Dauer: Was leisten Netzwerke nicht, was bedeutet Nicht-Verflechtung, wann und wie enden Netzwerke? Und wie gestaltet sich die Innenperspektive eines solchen Netzes, das in seiner Abstraktion zunächst einmal nur als sehr formale Außenperspektive denkbar ferner Beobachter entworfen wird? Was also versprachen sich Beteiligte von ihren Netzwerken, und was dürfen sich Historiker davon versprechen?

Diese Fragen hatten KERSTIN HITZBLECK (Bern) und KLARA HÜBNER (Fribourg) sich und den Referenten gestellt, und riefen sie in ihrer Einführung noch einmal allen Teilnehmer/innen ins Gedächtnis. Deutlich benannte Kerstin Hitzbleck die Gefahren, die drohen können, wenn überall nur noch Netzwerke zu sehen, aber auch grundsätzliche Schwierigkeiten: Wenn Netzwerke Modelle zur Beschreibung von Interaktion liefern, wie wird dann Nicht-Interaktion erfasst? Geht es hier um Quellenmangel, falsche Erfassung oder bewusste Exklusion? Klara Hübner machte in ihrem Teil der Einführung deutlich, wie gerade in der mittleren Sozialgeschichte das alte Bild einer christlich-altruistischen Gesellschaft mit einem positivistischen Verständnis von „Netzwerken“ eine fatale Kombination eingehen kann. Gleichsam unter der Hand wird so jede Interaktion zur Kooperation, während die Verweigerung derselben, der Ausschluss aus Gruppen oder auch die divergierenden Erwartungen der Beteiligten ausgeblendet werden.

Den Anfang der Vorträge machte GERALD SCHWEDLER (Zürich) mit seiner Analyse der Mönchwerdung als einer Form des Ent-Netzen, der schrittweisen Auflösung der weltlichen Bindungen, die letztlich selbst die Erinnerung an diese Bande lösen soll. Das gemäß der Benediktsregel in der Kleiderkammer verwahrte weltliche Kleid erhält dabei die Funktion einer materiellen Mahnung. Die Erinnerung an die Welt kann und soll allerdings überschrieben werden, wie innerhalb der antiken memoria-Vorstellung die Forderung an den Mönch lautet. Eine ganz andere Formulierung jedoch fand Bernhard von Clairvaux, der eine „Bewältigungsstrategie“ (Schwedler) entwarf, nach der die Erinnerung nicht überschrieben, sondern gleichsam gereinigt wird und in dieser Form für das Leben im Kloster sogar nützlich sein konnte. Auch deshalb konnte Bernhard weltliche „Verflechtungen“, anstatt sie generell zu priorisieren, recht instrumental sehen, wie Schwedler ausführte.

REGULA SCHMID KEELING (Fribourg) widmete sich den Bündnissen spätmittelalterlicher Städte und legte besonderen Wert darauf, dass diese nicht nur bewusst eingegangen, sondern ebenso bewusst inhaltlich beschränkt wurden: In den Vorbehalten und in der Definition der Hilfskreise setzten die Akteure eine doppelte Begrenzung der Bündnisse, um diese in bestehende Verpflichtungen einzupassen oder auch mögliche künftige Bündnisse zu berücksichtigen. Diese Einschränkungen muss man im Blick haben, um die zahllosen Bündnisse weder als feste Interessengemeinschaften überzuinterpretieren noch einzelnen Städten eine „Territorialpolitik“ zu unterstellen, wie dies in der älteren Literatur gerne geschah. Vielmehr handelte es sich um pragmatische Verträge im deutlichen Bewusstsein um die Wechselhaftigkeit der Einbindungen aller Beteiligten. Gerade deshalb, so Schmid Keeling, lassen sich die Beziehungen der Bündnispartner treffender als Netzwerk denn als „Städtlandschaft“ fassen, solange man aus dieser formal symmetrischen Beschreibung keine allzu große Gleichheit der Bündnispartner ableitet.

Anschließend erzählte CHRISTOPH DARTMANN (Münster) die Verfassungsgeschichte der italienischen Kommunen als die eines doppelten Antagonismus zwischen Verflechtung und Formalismus einerseits und Einbindung vs. Bekämpfung von Netzwerken andererseits. Mechanismen wie die Wahl auswärtiger podestà einschließlich der vielfältigen Maßnahmen, diese aus der städtischen Soziabilität herauszuhalten, aber auch verschiedene Losverfahren sprechen für eine Bekämpfung der „Logik der Netzwerke“, die das Funktionieren bestimmter Netzwerke durchaus nachhaltig stören konnte. Für die zweite Entwicklung steht die Einbindung etwa von Zünften in einen mehrstufigen und quotierten Wahlvorgang als Gegengewicht zu anderen Netzwerken. Die komplizierte Geschichte dieser immer wieder neu geänderten, manipulierten und oft gescheiterten Anläufe, kommunale Entscheidungsprozesse und die soziale Realität der konkurrierenden societates auszubalancieren, so Dartmann, belegen damit die zeitgenössische Wahrnehmung der Dysfunktionalität der vorherrschenden Formen der Netzwerkbildung.

HEINRICH SPEICH (Bern) sprang kurzfristig für die erkrankte BRIGITTE HOTZ (Aachen) ein. Sein Vortrag galt dem Freunde-Machen in den Zeiten des Krieges, genauer nach der (Un-)Fähigkeit der Eidgenossen, in dem von ihnen im Alten Zürichkrieg gemeinsam eroberten Gebiet auch genügend Kooperationspartner zu gewinnen. Denn während die Chroniken gern das Geschehen auf dem Schlachtfeld schildern (und bebildern), war es Speichs überzeugenden Analysen zufolge weit wichtiger, ob die Organisation des Nachschubs und die Versorgung vor Ort gelangen. Dafür aber kam es entscheidend darauf an, ob und wie die richtige Mischung aus „Umwerben, Bedrohen, Gewaltanwenden“ im Umgang mit der Bevölkerung gefunden wurde, die ihrerseits mit Gegenstrategien des Hinhaltens, Taktierens und Viehversteckens reagierte. Die ebenso rasch wie das Kriegsglück und die Bündnisse wechselnden Möglichkeiten und Zwänge zur Kooperation erlauben es kaum, hier von Netzwerken zu sprechen; diese waren allein innerhalb der einzelnen Kriegsparteien zu suchen und dabei nicht zuletzt für die Rekrutierung wichtig.

Mit ganz anderen Netzwerken beschäftigte sich ANDREAS BIHRER (Freiburg i. Br.), wenn er das aus der Frühneuzeit-Forschung bewährte Konzept der „Hofparteien“ auf die Parteiungen im Umkreis des Konstanzer Bischofs im späten Mittelalter überträgt. Trotz der für prosopographische Studien nicht eben günstigen Quellenlage gelingt diese Übertragung; mit der „Klingenberg-Partei“ und der „Grafenpartei“ identifizierte Bihrer zwei sozial recht heterogene, aber erstaunlich dauerhafte Parteiungen, die einander durch Verwandtschaft, wechselseitige Kooperation auf dem Pfründenmarkt und vor allem gleichgerichtete Interesse bei den Bischofswahlen verbunden waren. Die im Vergleich zu vielen frühneuzeitlichen Höfen hohe überzeitliche Stabilität der Gruppierungen wird verständlicher, wenn man die vergleichsweise geringe Fluktuation im hohen Klerus berücksichtigt; eine langfristige Festlegung der Beteiligten auf bestimmte gemeinsame Interessen war möglich und wurde offenbar auch erwartet.

Über „Einzelne und Gruppen an den Höfen Friedrichs III. und Maximilians I.“ sprach anschließend JÖRG SCHWARZ (München). Gerade im inner circle der Höfe lassen sich „echte“ Netzwerke nachweisen, deren Verbindungen mehr sind als der bei entsprechender Quellenlage oft triviale Befund der „Interaktion“. Auch und gerade für diese Gruppen konnte Schwarz nachweisen, dass die einzelnen Akteure eben nicht nur mit- sondern auch gegeneinander oder auch einfach für sich handelten. So gewinnbringend das Netzwerk-Konzept hier eingesetzt werden kann, plädierte Schwarz zugleich auch dafür, darüber nicht jene Personen am Hof zu vergessen, die gerade außerhalb der bekannten Seilschaften agierten. Als Beispiel stellte er den spektakulären Fall des Johann Waldner vor, dessen Aufstieg eben nicht mit den sonst allenthalben nachzuweisenden Netzwerken in Verbindung gebracht werden kann und der auch später zu bestimmten Gruppen keinen Zugang fand.

BASTIAN WALTER (Münster) widmete sich den Grundlagen von Netzwerken, nämlich der (schriftlichen) Kommunikation, ihrer Form und ihren Voraussetzungen. Die von ihm untersuchten „informellen Kontaktnetze“ zur Zeit der Burgunderkriege konstituierten sich einmal mehr unter schwierigen Vorzeichen. Wie konnte vertrauliche Kommunikation etwa zwischen Stadtschreibern möglich sein, wenn sich alle Akteure bewusst sein mussten, dass die politischen Loyalitäten der Städte teils unklar, teils konträr zu den eigenen waren, vor allem aber immer wieder aus internen wie externen Gründen sehr rasch wechseln konnten? Walter skizzierte, wie die brieflichen Kontakte zwischen Stadtschreibern und anderen Akteuren eine (modern gesprochen) „Netzneutralität“ voraussetzten; um unter den erwähnten Bedingungen Kommunikation zu gewährleisten, die über fortgesetzte Höflichkeitsbezeugungen hinausging, mussten die Beteiligten die widersprüchlichen Loyalitäten durch die Entwicklung einer Rollenvielfalt bewältigen.

Ein klassisches Gebiet der historischen Netzwerkanalyse, nämlich „Kardinalizische Beziehungen im 13. Jahrhundert“, nahm ANDREAS FISCHER (Freiburg i. Br.) in den Blick und erweitere die klassische Fragestellung nach den Kategorien der Vernetzung gleich in doppelter Hinsicht, indem er sowohl die Innenperspektive als auch die Rahmenbedingungen dieser kurialen Netzwerke in den Blick nahm. Wie Fischer anhand von Briefen zeigen konnten, waren sich die Petenten der informellen Binnenhierarchie unter den Kardinälen wohl bewusst und passten die Höhe ihrer Geschenke an die (vermutete) Papstnähe des Empfängers an. Zusätzliche Dynamik erzeugte ein anderer Prozess: Aus der Protektion einzelner Kardinäle für bestimmte regelmäßig auftauchender Petenten insbesondere der einzelnen Orden entwickelte sich eine zunehmend formalisierte Zuständigkeit für deren Anliegen an der Kurie. Im Wechselspiel mit der Institutionalisierung der Kurie insgesamt bildeten sich Ämter heraus, deren Existenz und Anerkennung die Bedingungen, unter denen die weiterhin existierenden Netzwerke funktionierten, deutlich veränderten. Diese Prozesse, so argumentierte Fischer überzeugend, werden von klassischer Netzwerkanalyse kaum erfasst, sind aber für das Verständnis ihres Funktionierens entscheidend.

HEIDRUN OCHS (Mainz) nahm den Umfang und vor allem die Qualität der Beziehungen zwischen städtischem Patriziat, landsässigem Adel und dem Erzbischof in Mainz zum Anlass, um die in der älteren Literatur gerne als Antagonismus bezeichneten Beziehungen zwischen „Stadt und Adel“ neu zu untersuchen. Die vielfachen Berührungspunkte, Gemeinsamkeiten und Kooperationsformen, die sie am Beispiel der Familie Zum Jungen ausbreitete, lassen von einem scharfen Gegensatz wenig erkennen. Andererseits setzt der von ihr geschilderte „soziale Aufstieg“ einschließlich seiner ostentativen Zurschaustellung bei Heinrich Zum Jungen (der sich getrennt von seinen Brüdern, aber in unmittelbarer Nähe zu seinen adeligen Schwiegerverwandten bestatten ließ) immer noch eine Differenz voraus, die von den patrizischen Netzwerken überbrückt werden musste und konnte.

CHRISTIAN HESSE (Bern) kommentierte in seiner Zusammenfassung die unterschiedlichen Beiträge. Völlig zu Recht warnte er vor dem Kurzschluss, vom gemeinsamen Handeln auf die gemeinsame Absicht oder gar die Absicht zum langfristigen gemeinsamen Handeln zu schließen. Umso wertvoller daher die Vorträge und Arbeiten, die sich mit Netzwerken beschäftigen, deren Akteure keine gemeinsamen, unter Umständen sogar nachweislich gegensätzliche Interessen aufweisen.

Auch wenn Netzwerkanalysen ihre Stärke gerade aus der stark formalen Beschreibung gewinnen, waren sich die Teilnehmer in der Abschlussdiskussion doch einig, dass eine Unterscheidung nach Intentionalität sinnvoll und geboten sei, so groß die Schwierigkeiten der Rekonstruktion bzw. Zuschreibung derselben auch sein mögen.

Vorträge und Diskussion zeigten, dass die unterschiedlichen Anwendungen und Erweiterungen des Netzwerk-Konzeptes eng mit Vorstellungen von Individuen, sozialen Gruppen und Gesellschaftsordnungen verbunden sind. Die „Grenzen der Netzwerke“ in den Blick zu nehmen, hilft bei der Überwindung allzu harmonischer Gesellschaftsmodelle. Nicht nur werden so individuelle Handlungsspielräume besser erfasst, auch die Dynamik der mittelalterlichen Gesellschaften kann so besser erfasst werden.

Konferenzübersicht:

1. Sektion: (Zer)störung
Moderation: Simona Slanicka

Kerstin Hitzbleck (Bern), Klara Hübner (Fribourg)
Einführung – Das Netzwerk als Paradigma in der Geschichtswissenschaft

Gerald Schwedler (Zürich)
Netzwerke des Erinnerns und Kartelle des Schweigens. Zum Umgang mit Gedenken im 13. Jahrhundert

Regula Schmid Keeling (Fribourg)
"Vorbehalt" und "Hilfskreis" – Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen in Bündnisbeziehungen des Spätmittelalters

Christoph Dartmann (Münster/Westfalen)
Über die Schwierigkeiten, Netzwerke zu zerreißen. Zur politischen Kultur der italienischen Stadtrepubliken

2. Sektion: Bildung
Moderation: Karl- Heinz Spieß

Heinrich Speich (Bern)
Netzwerke im Stresstest. Vom Versuch der Eidgenossen, sich im Sarganserland Freunde zu machen (1446)

Andreas Fischer (Berlin)
Kardinalizische Beziehungen im 13. Jahrhundert: Strukturen, Wahrnehmungen, Grenzen

Andreas Bihrer (Freiburg i. Br.)
Hofparteien – ein Konzept für die Mediävistik?

3. Sektion: Nutzung
Moderation: André Holenstein

Bastian Walter (Münster)
„… und nennt meinen Namen mit keinem Wort!“: Informelle Kontaktnetze in der Eidgenossenschaft und am Oberrhein im Vorfeld und während der Burgunderkriege (1468-1477).

Jörg Schwarz
Am mächtigsten allein? Einzelne und Gruppen an den Höfen Kaiser Friedrichs III. und Maximilians I.

Heidrun Ochs (Mainz)
Von Dienern, Lehnsmännern und Verwandten. Zu den Beziehungen Mainzer Patrizier zum Adel

Christian Hesse (Bern)
Zusammenfassung und Schlussdiskussion

ZitierweiseTagungsbericht Die Grenzen des Netzwerks 1200-1600. 07.10.2010-08.10.2010, Bern, in: H-Soz-u-Kult, 13.12.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3500>.

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