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50 Jahre spanische Einwanderung in der BRD

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Institut für Europäische Studien, Technische Universität Chemnitz
Datum, Ort:26.10.2010–27.10.2010, Chemnitz

Bericht von:
Teresa Pinheiro, Juniorprofessur Kultureller und Sozialer Wandel, Technische Universität Chemnitz
E-Mail: <teresa.pinheirophil.tu-chemnitz.de>

Vom 26. bis 27. Oktober 2010 fand die Veranstaltung „50 Jahre Spanische Einwanderung in der BRD“ an der Technischen Universität Chemnitz statt. 1960 unterzeichneten die BRD und Spanien eine Vereinbarung zur Anwerbung von Gastarbeiter/innen. Für Deutschland war es das zweite Abkommen mit einem südeuropäischen Land, nachdem 1955 bereits mit Italien die erste bilaterale Anwerbungsvereinbarung geschlossen worden war. Diese Verträge waren nicht Teil einer Einwanderungspolitik, sondern vielmehr ein Instrument, dringend benötigte Arbeitskräfte zu rekrutieren, die für den Wiederaufbau und die Entwicklung des Landes in der Nachkriegszeit gebraucht wurden.

Auch die spanische Regierung betrachtete das Abkommen nicht als eine bloße auswanderungspolitische Maßnahme. Dem Direktor des Spanischen Auswanderungsinstituts, Álvaro Rengifo Calderón, zufolge war die Auswanderung ein Sicherheitsventil und ein Anstoß zur wirtschaftlichen Entwicklung[1]. Nicht zuletzt sollten Geldtransfers von spanischen Arbeitskräften in der deutschen Industrie dringend gebrauchtes Kapital ins Land bringen. Das Angebot stieß auf eine große Nachfrage vor allem seitens der ländlichen Bevölkerung, sodass zwischen der Unterzeichnung des Abkommens und dem Anwerbestopp von 1973 etwa 600.000 spanische Arbeitnehmer/innen in die BRD kamen.

In den 50 Jahren seit dem Anwerbeabkommen hat sich Vieles geändert. Etwa 70 Prozent der spanischen Einwanderer sind von Deutschland nach Spanien zurückgekehrt; die spanische Bevölkerung in Deutschland umfasst heute etwa 130.000 Personen. Sowohl diejenigen, die in Deutschland geblieben sind, als auch die Rückkehrer erinnern sich an die zurückliegenden Ereignisse: die Integrationsschwierigkeiten, die harten Lebens- und Arbeitsbedingungen, die sie in den 1960er-Jahren in Deutschland vorfanden. Sie erinnern sich aber auch an die insgesamt erfolgreiche Integration der spanischen Gemeinschaft in die Gesellschaft der BRD, bei der gemeinsame Basisinitiativen wie etwa die Elternvereine eine wichtige Rolle spielten. Auch Spanien hat sich verändert. Nach dem raschen Transformationsprozess der letzten 40 Jahren vollzog das Land einen Wandel vom Aus- zum Einwanderungsland. Die Erinnerung an die spanische Auswanderung der 1960er-Jahre wach zu halten ist für eine sensible Wahrnehmung der heutigen Immigration in Spanien von großer Bedeutung.

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und Spanien zog die Veranstaltung „50 Jahre spanische Einwanderung in der Bundesrepublik“ eine Bilanz des halben Jahrhunderts spanischer Einwanderung in Deutschland und trug dazu bei, die Erinnerung an diese Schlüsselepoche der bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Spanien zu pflegen. Die Veranstaltung wurde durch einen Zuschuss des spanischen Kultusmininsterium durch das Programm ProSpanien finanziell unterstützt.

Die Vortragsreihe am 26. Oktober wurde von einem Vortrag von WALTHER BERNECKER (Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg) eröffnet, der dem Publikum einen gehaltvollen wie spannenden Einblick in das komplexe Geflecht der spanisch-deutschen Beziehungen im 20. Jahrhundert gewährte und die Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Spanien und der BRD 1960 in ihrem Kontext nachvollziehbar machte.

MIGUEL MONTERO (Berlin) referierte anschließend über ein gemeinsames, auf quantitative Daten gestütztes Forschungsprojekt zur Situation spanischer Migranten in Deutschland. LUIS CALVO SALGADO (Universität Zürich) ging in seinem Vortrag auf die spanische Auswanderungspolitik des Franco-Regimes ein, insbesondere auf die Rolle des Spanischen Auswanderungsinstitut (IEE) bei der Kontrolle der Migration von Spanien nach Deutschland der 1960er- und 1970er-Jahre. Die spanischen Elternvereine spielten eine wesentliche Rolle bei der Integration der Einwandererkinder in das deutsche Schulsystem. ADOLFO FERNÁNDEZ, der selbst Vorsitzender des spanischen Elternrates Hamburg und Umgebung war, sprach über seine Erfahrung als Mittler zwischen der spanischen Gemeinschaft in Hamburg und den Hamburger Behörden bei der Implementierung dessen, was im heute als ‚Integrationsmaßnahmen’ bezeichnet wird. Dass die Epoche spanischer Gastarbeiter/innen in Deutschland ein westdeutsches Phänomen war, wurde durch den Vortrag von ANA GIANNINA ALBORNOZ (Chemnitz) unterstrichen. Die Vorsitzende des spanischsprachigen Kulturvereins in Chemnitz zeigte auf, dass die spanischsprachige Gemeinschaft im heutigen Deutschland kaum auf die Geschichte der Gastarbeiter/innen zurückzuführen , sondern vielmehr durch den hohen Anteil lateinamerikanischer Bürger/innen gekennzeichnet sei. Aber nicht nur die sozio-demographische Struktur der spanischen Gemeinschaft in Deutschland hat sich migrationssoziologisch in den letzten 50 Jahren radikal verändert, sondern auch Spanien selbst, wie AXEL KREIENBRINK (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg) in seinem Vortrag zum Wandel Spaniens vom Aus- zum Einwanderungsland zeigte.

Anschließend an die Vortragsreihe wurde eine studentische Ausstellung mit dem Titel „Bilder der Einwanderung“ eröffnet. Die Fotoausstellung, die vom 27. Oktober bis zum 12. November 2010 im Foyer des Neues Hörsaalgebäudes der TU Chemnitz zu sehen war, versammelte Fotos, die eine Gruppe Chemnitzer Studentinnen während einer Exkursion in Madrid zum Thema Einwanderung in der spanischen Hauptstadt gemacht hatten.

Im Rahmen der Veranstaltung „50 Jahre Spanische Einwanderung in der BRD“ wurden nicht nur Fachvorträge gehalten. Auch die Lebenswelt der spanischen Emigrant/innen, die im Zuge des Anwerbeabkommens nach Deutschland kamen, wurde ins Blickfeld gerückt. Sie standen im Mittelpunkt der Dokumentarfilmreihe, die am 27.10. gezeigt wurde. Am Vormittag stand der Dokumentarfilm „Die vergessene Generation“ (2006) der baskischen Regisseurin AINHOA MONTOYA ARTEABARO (Hamburg) auf dem Programm. Mit diesem Film hat die aus Bilbao stammende und jetzt in Hamburg lebende Filmemacherin ihr Studium an der Hochschule für bildende Künste in der Hansestadt abgeschlossen. Der Film erzählt in fünf Einzelgeschichten von der ersten Generation spanischer Gastarbeiter/innen, die 1960 nach Hamburg kam. Rückblickend berichten sie von ihren Erfahrungen, in einem fremden Land zu leben, und davon, wie ihnen ihr Heimatland Spanien inzwischen ebenfalls fremd geworden ist. Am Nachmittag wurde der Dokumentarfilm „Der Zug der Erinnerung“ (2005) der Madrider Journalistinnen MARTA ARRIBAS und ANA PÉREZ gezeigt. In einfühlsamen Bildern wird die Geschichte der 18-jährigen „Gastarbeiterin“ Josefina Cembrero erzählt, die mit ihrem Arbeitsaufenthalt vor allem den Lebensunterhalt ihrer Eltern in Spanien absichern möchte. 30 Jahre später besteigt sie erneut den Zug, um Stationen ihrer damaligen Reise und ihres Lebens zu besuchen und ihre Eindrücke zu beschreiben. In Rückblicken entsteht ein zeit- und stadtgeschichtliches Bild, das exemplarisch die Situation der Immigranten schildert. Dabei stützt sich der Dokumentarfilm auf Interviews und Archivmaterial, das die beiden Regisseurinnen vor allem aus deutschen und spanischen Archiven zusammengetragen haben. Die Filmautorinnen waren selbst angereist und standen nach der Projektion der Filme dem Publikum für Gespräche und Diskussionen zur Verfügung.

Abschluss und zugleich Höhepunkt der Veranstaltung war die am Abend anschließende Lesung aus Werken von PATRICIO CHAMIZO. Der nach Deutschland eingewanderte Autor (geb. 1936) las aus seinem Theaterstück „En un lugar de Alemania“ (Irgendwo in Deutschland; 1967). Patricio Chamizo war in den 1960er-Jahren als Gastarbeiter zunächst nach Frankreich, dann nach Deutschland ausgewandert. 1967 veröffentlichte er das Stück „En un lugar de Alemania“, in dem er in einer intensiven Sprache die Erfahrung vieler junger spanischer Migrant/innen verarbeitet, die im Zuge des Anwerbevertrages nach Deutschland kamen.
Das Publikum dankte den Aktiven die vielseitige Veranstaltung mit starkem Zuspruch und reger Beteiligung an den Diskussionen. Nicht nur Wissenschaftler/innen und Studierende der TU Chemnitz, sondern auch Besucher aus Stadt und Umland waren anwesend und unterstrichen damit, dass akademische Themen von gesellschaftlicher Relevanz außerhalb der Universität Interesse finden.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Teresa Pinheiro (Technische Universität Chemnitz)
Christoph Fasbender (Dekan der Philosophischen Fakultät, Technische Universität Chemnitz)
Etelka Kobuß (Ausländerbeauftragte der Stadt Chemnitz)

Vortragsreihe

Walther L. Bernecker (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg): „Deutsch-spanische Beziehungen im 20. Jahrhundert“

Antonio Muñoz Sánchez (Florenz); Begoña Petuya; Miguel Montero (Berlin): “Die Situation spanischer MigrantInnen – ein Zwischenbericht

Luís M. Calvo Salgado (Universität Zürich): „Die spanische Auswanderungspolitik und das Spanische Auswanderungsinstitut (IEE) vom Franquismus bis zur Transition

Adolfo Fernández (Spanischer Elternrat Hamburg und Umgebung e.V.): „Die Bedeutung der Elternvereine für die Integration der spanischen Kinder in der BRD

Ana Giannina Albornoz (Amistad e.V., Chemnitz): „Spanischsprechende im Osten? Die Geschichte der Asociación Amistad - Kulturverein für die spanische Sprache in Chemnitz

Axel Kreienbrink (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg): „Spanien: vom Aus- zum Einwanderungsland

Anmerkung:
[1] Álvaro Rengifo Calderón, Emigración y Economía, 1966, S. 11.

URL:http://www.tu-chemnitz.de/phil/europastudien/swandel/50jahre/
ZitierweiseTagungsbericht 50 Jahre spanische Einwanderung in der BRD. 26.10.2010–27.10.2010, Chemnitz, in: H-Soz-Kult, 06.01.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3471>.

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