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100 Jahre Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen – Personen, Geschichtsbilder, Forschungsfelder, Netzwerke 1910-2010

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen e.V.
Datum, Ort:27.05.2010-28.05.2010, Hannover

Bericht von:
Thomas Vogtherr, Historisches Seminar, Universität Osnabrück
E-Mail: <Thomas.Vogtherruni-osnabrueck.de>

Im Jahre 1910 wurde in Hannover eine Historische Kommission gegründet, deren Arbeitsgebiet den heutigen Bundesländern Niedersachsen und Bremen entspricht. Die Kommission besteht heute aus etwa 270 Geschichtsforscher(inne)n, die sich aktiv mit der Geschichte Niedersachsens und Bremens und der Vorgängerterritorien vom Mittelalter bis zur Zeitgeschichte beschäftigen. Die 100. Wiederkehr ihrer Gründung nahm die Kommission zum Anlass einer wissenschaftsgeschichtlichen Tagung, auf der die Arbeit der Kommission dargestellt, in die jeweiligen Zeitumstände eingeordnet und vor dem Hintergrund vergleichbarer Unternehmungen bewertet werden sollte. Auf der Tagung wurden ein neu erschienener Band zum 20. Jahrhunderts aus einer mehrbändigen Geschichte Niedersachsens sowie eine wissenschaftliche Geschichte der Historischen Kommission der Öffentlichkeit präsentiert.[1] Zum zweiten Mal verlieh die Historische Kommission den von der Stiftung Niedersachsen mit 5.000 Euro dotierten „Preis für niedersächsische Landesgeschichte“, er ging an den Nachwuchswissenschaftler Dr. Michael Hecht (Münster) für seine Dissertation zum Thema „Patriziatsbildung als kommunikativer Prozess. Die Salzstädte Lüneburg, Halle und Werl in Spätmittelalter und Früher Neuzeit“.[2]

Während eines Festaktes in Anwesenheit des Niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff stellte THOMAS VOGTHERR (Osnabrück) die Bedeutung des langjährigen Kommissionsvorsitzenden Georg Schnath für die Begründung des Landes Niedersachsen heraus. Die tragenden Ideen dazu wurden im Kontext der Reichsreformdiskussion der ausgehenden Weimarer Republik formuliert. Sie sahen ein Niedersachsen vor, das über die heutigen Grenzen hinaus wesentliche Teile des nördlichen und östlichen Westfalen umfasst hätte. Gemeinsam mit dem Geographen und Raumforscher Kurt Brüning entwickelte Schnath einen Plan, der in Westfalen auf erheblichen Widerstand stieß und den Anstoß zum letztlich neunbändigen Werk „Der Raum Westfalen“ (1931-1996) bot. 1946 wurden diese Planungen kaum modifiziert durch den späteren Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf lanciert, jedoch von den Besatzungsmächten nicht aufgegriffen. Vogtherr betonte in diesem Zusammenhang die besondere Welfenlastigkeit der Niedersachsen-Vorstellungen Schnaths, die die Entwicklung einer niedersächsischen Identität seit 1946 nicht unbedingt erleichterten.

HEINRICH SCHMIDT (Oldenburg) stellte die Vorgänge um die Gründung der Kommission 1910 dar und betonte vor allem die akademische Ausrichtung der Vereinigung, die sie von den im Lande bereits vorhandenen Institutionen, wie etwa Geschichts- und Heimatvereinen, deutlich unterschied. In Zusammenarbeit zwischen der Landesuniversität Göttingen, namentlich dem Historiker Karl Brandi, der damaligen Provinzialbibliothek Hannover sowie dem Braunschweigischen Archiv in Wolfenbüttel wurde ein Gremium geschaffen, das die Akademisierung der Geschichtswissenschaft auch auf dem Gebiet der Landesgeschichte ebenso aufgriff wie für Niedersachsen zu befördern versuchte. Skepsis aus Oldenburg und ein gewisses Desinteresse vor allem im heutigen Westniedersachsen begleiteten die Kommissionsgründung von Anfang an, wurden aber in den 1920er-Jahren zunehmend überwunden.

ARND REITEMEIER (Göttingen) beschäftigte sich mit der zentralen Figur des Kommissionsgründers Karl Brandi (1868-1946). Innerhalb der vielfältigen Tätigkeitsbereiche Brandis stand die Vorbereitung und Gründung der Kommission 1909/10 im Vordergrund, während er sich in späteren Jahren überwiegend als weithin vernetzter Organisator und Manager des Wissenschaftsbetriebs auch der Historischen Kommission betätigte. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sah Reitemeier deutlich in den Historischen Hilfswissenschaften sowie in der Erforschung der Geschichte des 16. Jahrhunderts. Etwa ein Fünftel von Brandis Oeuvre aber galt auch Themen der Landesgeschichte, wie er auch zahlreiche Dissertationen zur Landesgeschichte betreute und dort schulbildend wirkte. Reitemeier stellte – über Niedersachsen hinausgreifend – auch Brandis Wirken im Deutschen Historikerverband sowie im Comité Internationale des Sciences Historiques dar.

WILFRIED REININGHAUS (Düsseldorf) ordnete die Gründung der niedersächsischen Historischen Kommission in die Zeit der Jahrhundertwende ein und betonte besonders die Rolle Karl Lamprechts für die Landesgeschichte und für die Kooperation zwischen den verschieden organisierten landeshistorischen Kommissionen und Gesellschaften. Seit 1894 betrieb Lamprecht eine „Konferenz der landesgeschichtlichen Publikationsinstitute“, die sich bis 1937 als informeller Zusammenschluss der Kommissionen um eine Koordinierung der Arbeiten bemühte. Sie führte neben Lamprecht auch dessen Gegner aus dem Methodenstreit an einem Tisch zusammen und agierte auf einem wissenschaftlich abgehobenen Niveau, das zum Schaden der Landesgeschichte faktisch zu einer Isolierung gegenüber der allgemeinen Geschichtswissenschaft und zu einer Ausblendung benachbarter Disziplinen führte. Nach 1918 wurde die Landesgeschichte mehr und mehr im Sinne der Volkstumsforschung instrumentalisiert, was die künftige Inanspruchnahme durch den Nationalsozialismus vorbereitete.

DIETMAR VON REEKEN (Oldenburg) gab in einer typologisierenden Absicht einen Überblick über wesentliche Stationen der Kommissionsgeschichte: Von der Gründung der Kommission 1910 über die Zeit des Nationalsozialismus und das Ende des Zweiten Weltkrieges bis zu „1968“ und den Folgen, wies er auf die Rolle der Kommission in den „Modernisierungsprozessen des 20. Jahrhunderts“ hin. Der Beginn der nationalsozialistischen Zeit stellte keinen wirklich deutlichen Einschnitt dar; erst 1938 übernahm mit Georg Schnath ein NSDAP-Mitglied die Leitung der Kommission. Das Führerprinzip wurde zwar formal eingeführt, änderte aber inhaltlich kaum etwas an der Funktionsweise der Kommission. Von einem Ausschluss jüdischer Mitglieder aus der Kommission, nach dem in der Diskussion ausdrücklich gefragt wurde, ist nichts bekannt. Nach 1945 konnte die Kommission ihre Arbeit im Wesentlichen unbeeinträchtigt fortsetzen. Kontinuitäten gingen so weit, dass noch um 1950 Mitglieder zugewählt wurden, die sich aktiv für den Nationalsozialismus eingesetzt hatten. Erst um 1970 gelang ein durchgreifender Modernisierungsschub, der zur Verwissenschaftlichung der Jahrestagungen, zur Professionalisierung der Kommissionsarbeit und zu einer deutlichen Verbreiterung der Zahl der Mitglieder und ihres fachlichen Hintergrundes führte.

CARL-HANS HAUPTMEYER (Hannover) akzentuierte das besondere und spannungsreiche Verhältnis zwischen der Kommission und dem schon vorher gegründeten Niedersächsischen Heimatbund. Es handelte sich bis in die jüngste Vergangenheit um ein Konkurrenzverhältnis, das von beiden Seiten aus als problematisch angesehen wurde. Die Gründung einer Fachgruppe Geschichte im Heimatbund in den 1980er-Jahren einschließlich der Schaffung einer eigenen Publikationsreihe erfolgte im Sinne einer Stärkung der Regionalgeschichte und in deutlicher Abwendung von einer für veraltet gehaltenen Landesgeschichte. Kritisch merkte Hauptmeyer aber an, dass weder Heimatbund noch Historische Kommission seiner Ansicht nach zukunftsgerichtete Aktivitäten auf dem Gebiet des Einsatzes beider Institutionen für gesellschaftliche Planungsvorgänge verfolgten, etwa im Bereich der Natur- und Umweltgeschichte. Insbesondere rief er zu einer verstärkten Nutzung moderner Medien auf.

Den Abschluss der Tagung bildete ein akzentuierter Vortrag von WERNER FREITAG (Münster), der sich auf einem hohen theoretischen Niveau sehr prononciert dafür verwandte, auch weiterhin Landesgeschichte als einen zentralen Bestandteil der Geschichtswissenschaft insgesamt anzusehen und zu betreiben. Landesgeschichte verfügt nach Freitag über eine erhebliche Integrations- und Synthesefähigkeit, die sich auf eine Vielzahl historischer Teilgebiete bezieht. Das Verhältnis zur Regionalgeschichte sah Freitag nicht als einer der Konkurrenz, sondern als eines der deutlichen Zuordnung: Regionalgeschichte ist eine Methode, Landesgeschichte ist die Disziplin, die sich dieser Methode bedient.

Wissenschaftsgeschichte auf Landesebene zu betreiben, ist angesichts der historischen Vielgestaltigkeit der Flächenländer der Bundesrepublik Deutschland offensichtlich nicht trivial. Auch diese Tagung zeigte, wie sehr und wie lange die historisch unterschiedlich gewachsenen Räume innerhalb eines Bundeslandes auch wissenschaftspraktisch virulent blieben: Die Kommission entstand als Vereinigung südostniedersächsischer Wissenschaftler. Sie verfolgte und verfolgt einen allein wissenschaftlichen Anspruch, der sie zeitweise notwendig in einen Gegensatz zur Heimatbewegung und ihren Organisationsformen bringen musste. Die Landesgeschichtsforschung war auch im niedersächsischen Raum während der Zeit des Dritten Reichs Bestandteil der Entwicklungen in der allgemeinen Geschichtswissenschaft. Später als diese beginnt nun auch die Landesgeschichtsforschung, sich ihrer eigenen Vergangenheit wissenschaftlich zuzuwenden, wozu die Hannoveraner Tagung einen Beitrag leisten sollte.

Konferenzübersicht:

Thomas Vogtherr (Osnabrück), Landesgeschichte und Politik – Georg Schnath und die Begründung des Landes Niedersachsen

Heinrich Schmidt (Oldenburg), Zur Gründung der Historischen Kommission: Motive – Vorgeschichte – Realisierung

Arnd Reitemeier (Göttingen), Karl Brandi (1868-1946) – Universitätsprofessor und erster Vorsitzender der Historischen Kommission

Wilfried Reininghaus (Düsseldorf), Karl Lamprecht und die Historischen Kommissionen im späten Kaiserreich

Dietmar von Reeken (Oldenburg), Erstrebte Kontinuität und erzwungener Wandel? Die Historische Kommission in den Modernisierungsprozessen des 20. Jahrhunderts

Carl-Hans Hauptmeyer (Hannover), Die Historische Kommission und der Niedersächsische Heimatbund

Werner Freitag (Münster), Abschied von der Regionalgeschichte? Einige Überlegungen aus der Sicht eines Landeshistorikers

Die Beiträge werden im Niedersächsischen Jahrbuch für Landesgeschichte 83, 2011, im Druck erscheinen.

Anmerkungen:
[1] Gerd Steinwascher in Zusammenarbeit mit Detlef Schmiechen-Ackermann / Karl-Heinz Schneider (Hrsg.), Von der Weimarer Republik bis zur deutschen Wiedervereinigung (Geschichte Niedersachsend, Bd. 5), Hannover 2010; Dietmar von Reeken: „...gebildet zur Pflege der landesgeschichtlichen Forschung“. 100 Jahre Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen 1910-2010, Hannover 2010.
[2] Die Arbeit ist soeben unter diesem Titel im Böhlau-Verlag Köln/Weimar/Wien in der Reihe „Städteforschung“, Reihe A, Bd. 79, erschienen.

ZitierweiseTagungsbericht 100 Jahre Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen – Personen, Geschichtsbilder, Forschungsfelder, Netzwerke 1910-2010. 27.05.2010-28.05.2010, Hannover, in: H-Soz-u-Kult, 10.06.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3145>.

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