H-Soz-u-Kult

Auf dem Weg zum modernen Staat. Stade und der Elbe-Weser-Raum unter schwedischer Herrschaft

23.02.2010 Bohmbach, Jürgen <juergen.dr.bohmbachstadt-stade.de>
 
Veranstalter:Gudrun Fiedler / Beate-Christine Fiedler / Jürgen Bohmbach, Stade
Datum, Ort:23.10.2009-24.10.2009, Stade

Bericht von:
Jürgen Bohmbach, Stade
E-Mail: <juergen.dr.bohmbachstadt-stade.de>

Zwei Tage lang hörten und diskutierten elf Historikerinnen und Historiker aus Schweden und Deutschland zusammen mit einem fachkundigen interessierten Publikum, wie weit Stade und der Elbe-Weser-Raum unter schwedischer Herrschaft bereits auf dem Weg zum modernen Staat waren. Wesentliche Fragen waren dabei, ob die Modernisierung Schwedens, das nur so seine Großmachtpolitik und die ununterbrochenen Kriege auch finanzieren konnte, auch die Strukturen in unserem Raum verändert hatte, welche Auswirkungen der Primat des Militärischen auf den Alltag der Menschen und wie tief Zentralisierung und Verstaatlichung vordringen konnten.

Zu Beginn der Tagung ehrte Bürgermeister Andreas Rieckhof den ehemaligen Kulturattaché an der Schwedischen Botschaft in Bonn, Henrik Sjögren, für seine Arbeit für die schwedisch-deutschen Kulturbeziehungen und seine Vermittlung schwedischer Kultur nach Stade. Henrik Sjögren war auch der Initiator der schwedisch-deutschen Historikergespräche, die 1984 zum ersten Mal im Stader Rathaus stattfanden, und hielt auch auf der Tagung einen Vortrag über die drei schwedischen Karolinerkönige.

In den Referaten tauchten bestimmte Leitfragen immer wieder auf. Die eine Frage war, warum Schweden den Raum Bremen-Verden und Stade in Besitz nahm. GUNNAR WETTERBERG aus Stockholm gab dazu eine kurze Antwort: um zu verhindern, dass Dänemark das Gebiet an sich reißen konnte. Der Konflikt mit Dänemark sei ein wesentliches Moment gewesen, und das Eingreifen Schwedens in Deutschland war, wie SVERKER OREDSSON aus Lund darlegte, nicht von religiösen Motiven, sondern von Machtpolitik geleitet. Gustav Adolf war ein von Ruhm und Machtinteressen bestimmter Kriegsherr, der vielleicht sogar nach der Kaiserwürde gestrebt hätte.

Ein zweites Motiv war wohl auch, dass man die Wirtschaftskraft des neuen Territoriums überschätzte, auch weil man hoffte, die Stadt Bremen mit unter schwedische Herrschaft zu bringen, was aber scheiterte. Bremen und Verden befanden sich in einer Randlage zum Kernbereich Schwedens und seiner Territorien um die Ostsee. Das behinderte die Stärkung und Förderung der beiden Herzogtümer erheblich.

In mehreren Vorträgen klang die Diskrepanz zwischen hochfliegenden Projekten und den bescheidenen Möglichkeiten ihrer Verwirklichung an. Trotz aller gerade von Axel Oxenstierna durchgeführten Verwaltungsreformen fehlten Schweden die Mittel, um die erforderlichen Investitionen durchzuführen. CHRISTINA DEGGIM schilderte dies anschaulich an dem Projekt der Carlsburg auf dem Gebiet des heutigen Bremerhaven, wo eine bedeutende befestigte Handelsstadt – auch in Konkurrenz zu Bremen – entstehen sollte. 1674 wurde die neue Stadt privilegiert, 1683 aber bereits wieder abgebrochen. Ähnliches gelte auch für das neue Verwaltungs- und Herrschaftszentrum Stade, dessen Wirtschaftskraft nicht gefördert werden konnte. Die Stadt und ihre Bürgerschaft profitierten nur begrenzt von der so genannten Ausweichschifffahrt, als auswärtige Schiffer und Kaufleute das Stader Bürgerrecht erwarben, und den Arbeiten für Militär und Garnison, blieben aber im Übrigen ausgerichtet auf die administrative und militärische Funktion.

Die erforderliche Verwaltungsreform wurde zunächst verhindert durch die Donationen, Schenkungen von umfangreichem staatlichem Güterbesitz vor allem an schwedische Militärs. Erst als diese Güter nach 1680 wieder vom Staat zurückgefordert wurden, kam es auch zu Verwaltungsreformen im ländlichen Bereich, wie MICHAEL EHRHARDT an der Börde Selsingen aufzeigte. Allerdings wurden viele Reformen der schwedischen Verwaltung, wie der Greifswalder Historiker WERNER BUCHHOLZ klar machte, behindert durch die alten Landesrechte, die von den Ständen so weit es ging, aufrecht erhalten wurden. Dennoch begann eine Modernisierung in der Verwaltung des Landes.

In einem zentralen Vortrag stellte BEATE-CHRISTINE FIEDLER die Prozessakten des 1653 als Appellationsgericht installierten Wismarer Tribunals vor, die eine kaum zu überschätzende Quelle zur Gesellschaftsgeschichte des Elbe-Weser-Raums darstellen. Die Verzeichnung von 1.450 Prozessakten stehe kurz vor dem Abschluss. Der Inhalt umfasse vor allem Klagen zu Schuldforderungen, Deichbau, Konkursen, Erbschaftsstreitigkeiten, aber auch zu den finanziellen Forderungen des Staates im Rahmen der Deckung des Haushaltsdefizits.

Ein kultureller Höhepunkt war das abendliche Konzert in der Cosmae-Kirche. Die dort unter anderem gespielte Komposition des Stader Organisten Moritz Schlöpke war 1685 zur Fertigstellung der Orgel in der Stader Staatskirche am Sande geschrieben und aufgeführt worden, eine Entdeckung des Freiburger Musikwissenschaftlers KONRAD KÜSTER.

Die Organisatoren der gemeinsam von der Hansestadt Stade und dem Landesarchiv durchgeführten Tagung, Gudrun Fiedler, Beate-Christine Fiedler und Jürgen Bohmbach waren sich einig, dass diese Tagung, gerade in Hinblick auf neu erschlossene Quellen im Staatsarchiv, auf jeden Fall fortgesetzt werden sollte. Die Vorträge der Tagung werden im „Stader Jahrbuch“ 2010 veröffentlicht werden.

Konferenzübersicht:

Sektion 1: Schweden und Europa im 17. Jahrhundert

Sverker Oredsson (Lund): Gustav II. Adolf - Schutzschild des Protestantismus oder Kriegsherr?

Gunnar Wetterberg (Stockholm): Axel Oxenstierna, the "Teutsche Krieg" and the building of the modern state

Sektion 2: Städte unter schwedischer Herrschaft

Stefan Kroll (Rostock): Alte Hansestädte unter neuer Herrschaft - Abwehr, Wandel, Behauptung

Jürgen Bohmbach (Stade): Bürgertum und Staat - Zivilgesellschaft und Autorität. Stade als Landstadt und Residenz

Sektion 3: Kunst und Kultur

Henrik Sjögren (Solna): Die drei Karolinerkönige - Geschichte und Dichtung

Lars Olof Larsson (Kiel): Erik Dahlberg und die Suecia Antiqua

Konrad Küster (Freiburg): Schnitger, Schlöpke, Schweden: Die Stader Orgelweih-Komposition von 1685 und ihr musikpolitischer Kontext

Konzert in der Kirche St. Cosmae et Damiani: Musik der Schwedenzeit
Johann Rosenmüller Ensemble, Frankfurt/Main
Martin Böcker, Orgel

Sektion 4: Recht und Gericht

Werner Buchholz (Greifswald): Die rechtlichen Grundlagen der Besitzungen Schwedens im Heiligen Römischen Reich

Beate-Christine Fiedler (Stade): Die Prozessakten des Wismarer Tribunals. Eine Quelle zur Gesellschaftsgeschichte des Elbe-Weser-Raumes

Sektion 5: Wirtschaft

Christina Deggim (Stade): Stadtgründung als Mittel der Wirtschaftspolitik - das Beispiel Carlsburg

Michael Ehrhardt (Bremervörde): Die schwedischen Donationen und Reduktionen und ihre Wirkung im ländlichen Raum

ZitierweiseTagungsbericht Auf dem Weg zum modernen Staat. Stade und der Elbe-Weser-Raum unter schwedischer Herrschaft. 23.10.2009-24.10.2009, Stade, in: H-Soz-u-Kult, 23.02.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3027>.

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