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9. Laupheimer Gespräche: "Antisemitischer Film"

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart
Datum, Ort:28.05.2008–30.05.2008, Laupheim

Bericht von:
Ernst Seidl, Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart
E-Mail: <seidlhdgbw.de>

Unter der Federführung des Stuttgarter Hauses der Geschichte Baden-Württemberg fanden vom 28. bis 30. Mai 2008 im Kulturhaus Schloss Großlaupheim die 9. Laupheimer Gespräche statt. Das Tagungsthema "Antisemitischer Film" wurde vor dem Hintergrund der noch bis zum 7. September im Stuttgarter Haus – übrigens zu freiem Eintritt – verlängerten und überregional beachteten Ausstellung zum NS-Propagandafilm "Jud Süß" gewählt. Damit sollte ganz bewusst der engere thematische Zusammenhang des nationalsozialistischen Propagandafilms in einen weiteren historischen Kontext gestellt werden. Ziel war es, über die volksverhetzenden Mechanismen des NS-Propagandafilms aufzuklären, antisemitische Kontinuitäten im Film lange vor 1933 aufzudecken sowie die "Erfolgsgeschichte" dieser Machwerke, die in bestimmten Kreisen bis heute fortgeschrieben wird – wie die jüngsten Skandale in Ungarn zeigen –, zu beleuchten. Darüber hinaus sollten auch Grenzbereiche des antisemitischen Films oder heutige Definitionsprobleme der Medienwissenschaftler und Historiker diskutiert werden. Damit waren die drei Sektions-Schwerpunkte der wissenschaftlichen Beiträge vorgegeben. Erstens "'Mediale Mobilmachung' – Antisemitische Filme im Nationalsozialismus", zweitens, davon ausgehend, "Antisemitismus im Film vor 1933" sowie drittens, als aktualisierender Blick nach vorn: "Antisemitismus im Film von 1945 bis heute".

Entgegen landläufiger Gewohnheiten wissenschaftlicher Symposien wurde die Tagung an ihrem Vorabend mit einem KONZERT zur Erinnerung an Alfred Jerg, dem verstorbenen Leiter des Kulturhauses Schloss Großlaupheim, eröffnet. Das Streichquartett, bestehend aus Mitgliedern des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau, spielte Kompositionen verfolgter jüdischer Musiker, wie Gideon Klein, Ernst Krenek, Viktor Ullmann, Theodor W. Adorno und Erwin Schulhoff. Nach der Begrüßung durch THOMAS SCHNABEL (Leiter des Hauses der Geschichte, Stuttgart) im vollbesetzten Konzertsaal ergänzte der Moderator PAVOL TKAC die Musikstücke jeweils mit Informationen zu den Schicksalen der Komponisten.
Am folgenden Tag legte ERNST SEIDL (Stuttgart) nach der Eröffnung der Laupheimer Gespräche und den Begrüßungen durch MONIKA SITTER (Bürgermeisterin, Laupheim), THOMAS SCHNABEL (Leiter des Hauses der Geschichte, Stuttgart) und HARALD JEGGLE (Biberach) das Thema "Antisemitischer Film" dar. Dabei verdeutlichte der Organisator des Symposions die immense propagandistische Wirkungsmacht des NS-Kinos, die im Auftrag Hitlers von Joseph Goebbels perfekt organisiert und gezielt aufgebaut wurde: "Der Film hat heute eine staatspolitische Funktion zu versehen. Er ist ein Erziehungsmittel des Volkes. Dieses Erziehungsmittel gehört – ob offen oder getarnt, ist dabei ganz nebensächlich – in die Hände der Staatsführung; denn die Staatsführung ist vor allem allein verantwortlich für die Führung des Volkes, die Durchsetzung seines nationalen Schicksals- und Interessenkampfes", so der Propagandaminister auf der Kriegstagung der Reichsfilmkammer am 15. Februar 1941. Für diesen von Goebbels skizzierten Anspruch wurden große Anstrengungen wie die Verstaatlichung der Filmindustrie und ihre totale Kontrolle unternommen. Die Zahlen bestärkten diese Strategie: Ganz allgemein stiegen die Kinobesuche in den deutschen Filmtheatern – vor allem aufgrund der "Wochenschauen" – in den Jahren 1937/38 bis 1942 von 396 Millionen auf nahezu 1,2 Milliarden Besucher pro Jahr an. Zum Vergleich: im Jahr 2007 wurden in Deutschland 125 Millionen Kinobesuche gezählt bei etwas größerer Einwohnerzahl – es waren also 1942 zehn Mal so viele Menschen im Kino wie heute. Der propagandistische Wirkungsgrad des Films kann deshalb kaum überschätzt werden, wie Seidl ausführte, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass heute eine wesentlich stärkere visuelle Konkurrenz im öffentlichen, privaten und virtuellen Raum herrscht.

Der Hamburger, jetzt Berliner, Politologe PETER REICHEL knüpfte mit seinem Vortrag "Die Volksgemeinschaft. Nationaler Sozialismus als bildliches Versprechen" an diesen Punkt an: Anhand verschiedener Beispiele erläuterte Reichel seine zentrale These von der Doppelgesichtigkeit des Dritten Reiches: Dem schönen, perfekt inszenierten Schein zur Herausbildung einer exklusiven Volksidentität einerseits entspricht andererseits der ebenso skrupellose, menschenverachtende und "perfekt" organisierte Terror. Dabei entwickelte Reichel ein signifikantes Vergleichsschema demokratischer und diktatorischer Systeme bezüglich der politischen Entscheidungsbildung und Ordnungsstiftung: Während er bezüglich des Kriteriums der Entscheidungsbildung der Diktatur einen geringen und der Demokratie einen hohen Grad an Öffentlichkeit und Visibilität zuwies, gilt für ihn bezüglich der Ordnungsstiftung genau das Gegenteil. Hier drängte sich allerdings beim Zuhörer die Frage auf, ob nicht die Demokratie – Stichwort "Bild und Glotze" – ebenso auf eine hohe Medienpräsenz bezüglich ihrer angestrebten Ordnung angewiesen ist und sie auch umzusetzen versucht? Der Medienwissenschaftler HARRO SEGEBERG (Hamburg) analysierte dann in seinem Beitrag "'Irgend etwas muss doch dran sein' – ,Jud Süß' als Propagandafilm und Melodram" exemplarisch den wichtigsten NS-Propagandafilm, "Jud Süß", D 1940. Sein Ergebnis, wonach Veit Harlans völlig verzerrende Verfilmung der Geschichte des württembergischen Hoffaktors vor allem ein Melodram sei, stieß in der Diskussion auf zum Teil heftige Kritik, insbesondere von Seiten Alfons Arns' und Matthias Lorenz'. Dies scheint nicht unberechtigt, liegt doch die "Qualität" des Films darin, dass er den Zuschauer auf allen Ebenen packt, verschiedene Genres anspielt und deshalb auch die immense Wirkung im Publikum erzielte: Der Film prätendiert historische Wahrheit und baut vermeintliche historische Authentizität auf, er bietet Identifikationsmöglichkeiten mit Helden, er schafft spannungsvolle Dramatik, bedient den längst propagandistisch vorbereiteten und ausgebildeten Hass gegen Juden, bietet die regionale Identifikationsmöglichkeit der Schwaben – und wirkt eben nicht nur primär oder gar exklusiv als lyrisches Drama. KLAUS KREIMEIER (Berlin) und ALFONS MARIA ARNS (Frankfurt am Main) stellten in ihren folgenden Referaten zu Gustav Ucickys "Heimkehr", D 1941, und zu Josef von Bákys "Münchhausen", D 1943, dann weitere Analysen von NS-Propagandafilmen zur Diskussion. Kreimeiers Beitrag "Antisemitismus: ,Staatspolitisch besonders wertvoll'" verdeutlichte die nicht auf den allerersten Blick wahrzunehmende antisemitische Färbung der österreichischen Produktion "Heimkehr" mit Paula Wesselys berühmt-berüchtigten Monolog, in dem sie alle propagandistischen Erwartungen an sie übererfüllte. Der Film zeigt die Darsteller polnischer und nicht selten jüdischer Bürger so gut wie nie als Individuen, wie Kreimeier analysierte, sondern stets nur als indifferente Masse. Exakt diese visuelle Strategie war bereits auf der Titelseite von Heinrich Himmlers unerträglichen illustrierten Propagandapublikation "Der Untermensch" aus dem Jahr 1935 zu beobachten.

Am folgenden Tag erläuterte PHILIPP STIASNY (Berlin) in seinem Beitrag "Hass-Liebe – Antisemitische und philosemitische Positionen im deutschen Kino der 1910er- und 1920er-Jahre" wie sehr der cineastische Vorlauf mit seinen Bildern von "Ostjuden" bereits den späteren "Erfolg" der NS-Produktionen grundlegte; die antisemitischen Stereotype waren längst Allgemeingut und Teil des unkulturellen Gedächtnisses. Gleichzeitig versagte der filmische Philosemitismus, den Stiasny im frühen Kino ebenfalls stark ausgeprägt sah, seiner Meinung nach gegen den existierenden "instinktiven" Judenhass bei einem Großteil der Zuschauer. SIMONE FLEISCHER (Dresden) analysierte in ihrem Referat mit dem Titel "Vom Mauscheln der Häuser: Paul Wegeners ,Der Golem, wie er in die Welt kam' und die jüdische Welt" den hochinteressanten Zusammenhang zwischen der expressiven, schiefen und düsteren Filmarchitektur und den jüdischen Stereotypen. So zeigt nach Fleischer die Architektur des Tores zur "Judenwelt" bestimmte Architektur-Stereotype – was immer darunter zu verstehen ist –, die auch auf antisemitische Stereotype verweisen können, wenn der Zuschauer nur Entsprechendes erkennen will. Gleichwohl kam Fleischer zu dem Schluss, dass sich Wegeners "Golem" nicht eindeutig festlegen lässt, da die Bilder aus dem "Fundus der Zeit" stammten und daher nicht zwingendermaßen als primär antisemitisch bezeichnet werden könnten. Jedoch stellt sich dabei die Frage, ob nicht schon dieser visuelle "Fundus der Zeit" aus zahlreichen dezidiert antisemitischen Stereotypen bestand.

Die letzte Gruppe der Beiträge befasste sich mit antisemitischen Tendenzen in Filmen nach 1945 bis heute. INGO LOOSE (Berlin) diskutierte dabei "Die Ambivalenz des Authentischen. Juden, Holocaust und Antisemitismus im bundesdeutschen Film nach 1945" – und wurde durchaus fündig. MATTHIAS LORENZ (Bielefeld) legte mit seinem Beitrag "Im Zwielicht. Filmische Inszenierung des Antisemitismus: Schimanski und ,Das Geheimnis des Golem', ARD 2004" schließlich den Finger in die offene Wunde. Er zeigte an diesem aktuellen Filmbeispiel das offensichtliche Dilemma auf: wie umgehen mit Bildern jüdischer Kultur und Lebensweise? Denn selbst das offensichtlich philosemitische Bemühen der Filmemacher perpetuiert nach Lorenz Stereotype, die antisemitisch wirken (können). Wo beginnt also hier Antisemitismus im Film?

Genau dieses Dilemma versuchte schon am Abend zuvor eine Gesprächsrunde zu "Jüdischen Stereotypen im zeitgenössischen Film" mit dem Berliner Regisseur Dani Levy ("Meschugge", "Alles auf Zucker!", "Mein Führer") zu klären. Dem Gespräch mit dem Regisseur ging dabei die hervorragende Analyse seines Films "Alles auf Zucker!", D 2004, durch TORBEN FISCHER (Lüneburg) voran. Der Frage des Moderators ERNST SEIDL (Stuttgart), ob es denn in Deutschland überhaupt möglich wäre, jüdische Stereotype für Komik einzusetzen, bejahte Levy, indem er dezidiert darauf verwies, wie sehr er bewusst Widerständiges in Lachen auflöste. Die vorgeführte Szenenauswahl aus dem Film bestätigte hier die Aussage Levys. In einem Punkt muss jedoch kritisch angemerkt werden, dass der Regisseur, der den Abend ausführlich und offen über seine Gedanken, persönlichen Erfahrungen und Auseinandersetzungen bei der filmischen Umsetzung politisch belasteter oder widerständiger Themen sprach, auf die mehrfach formulierte Frage, ob er denn als jüdischer Regisseur auf diesem Feld keinen Vorteil genoss, nicht wirklich ernsthaft antworten wollte; eine Frage, die ihm wohl schon zu oft gestellt worden war, weshalb man sich eine differenzierte Antwort erwartete.
Grundsätzlich erzielte das Symposion das Ergebnis – und das zeigen nicht zuletzt die aktuellen Thematisierungen des Problems in den Medien –, dass mit dem Begriff "Antisemitischer Film" weder ein ausschließlich historisches Phänomen benannt wird, noch die grundsätzlichen Haltungen, wie damit umgegangen und mit welchen darüber verhandelt wird, unumstritten sind. Da geplant ist, die Referate der Tagung in der Schriftenreihe des Stuttgarter Hauses der Geschichte zu veröffentlichen, werden die publizierten Beiträge sicher zu einer weiteren Klärung der Fragen beitragen.

Konferenzübersicht:

KONZERT zur Erinnerung an Alfred Jerg
mit Kompositionen verfolgter jüdischer Musiker,
Mitglieder des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau
MONIKA SITTER (Bürgermeisterin, Laupheim), Begrüßung
THOMAS SCHNABEL (Haus der Geschichte, Stuttgart), Begrüßung
HARALD JEGGLE (Kreissparkasse Biberach), Grußwort

ERNST SEIDL (Stuttgart), Einführung "Antisemitischer Film"

Panel 1: "Mediale Mobilmachung: Antisemitische Filme im Nationalsozialismus":
PETER REICHEL (Hamburg/Berlin), Die Volksgemeinschaft. Nationaler Sozialismus als bildliches Versprechen
HARRO SEGEBERG (Hamburg), "Irgend etwas muss doch dran sein" -- "Jud Süß" als Propagandafilm und Melodram
KLAUS KREIMEIER (Berlin), Antisemitismus: "Staatspolitisch besonders wertvoll" -- die Fallbeispiele "Die Rothschilds" und "Heimkehr"
ALFONS MARIA ARNS (Frankfurt am Main), Lügen für Deutschland -- Antisemitismus und NS-Wirklichkeit in Josef von Bákys "Märchenfilm" "Münchhausen"

Panel 2: "Antisemitismus im Film vor 1933":
PHILIPP STIASNY (Berlin), Hass-Liebe -- Antisemitische und philosemitische Positionen im deutschen Kino der 1910er und 1920er Jahre
SIMONE FLEISCHER (Dresden), Vom Mauscheln der Häuser: Paul Wegeners "Der Golem, wie er in die Welt kam und die jüdische Welt"

Panel 3: "Antisemitismus im Film von 1945 bis heute":
INGO LOOSE (Berlin), Die Ambivalenz des Authentischen. Juden, Holocaust und Antisemitismus im bundesdeutschen Film nach 1945
MATTHIAS LORENZ (Bielefeld), Im Zwielicht. Filmische Inszenierung des Antisemitismus: Schimanski und "Das Geheimnis des Golem", ARD 2004

ABENDGESPRÄCH: "Jüdische Stereotype im zeitgenössischen Film":
ERNST SEIDL (Stuttgart), Moderation
TORBEN FISCHER (Lüneburg), Einführung zu "Alles auf Zucker!"
DANI LEVY (Berlin), Regisseur ("Alles auf Zucker!", "Mein Führer")

Kontakt:

PD Dr. Ernst Seidl
Haus der Geschichte Baden-Württemberg
Urbansplatz 2
70182 Stuttgart

Durchwahl: 0711 / 212 39 96
Sekretariat: 0711 / 212 39 50
Fax: 0711 / 212 39 59
Mail: seidlhdgbw.de

ZitierweiseTagungsbericht 9. Laupheimer Gespräche: "Antisemitischer Film". 28.05.2008–30.05.2008, Laupheim, in: H-Soz-u-Kult, 22.08.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2246>.

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