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Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert (8. Fachtagung)

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Datum, Ort:08.02.2008-10.02.2008, Vallendar

Bericht von:
Gisela Fleckenstein, Personenstandsarchiv Brühl, Landesarchiv NRW
E-Mail: <gisela.fleckensteinlav.nrw.de>

Bei dieser ordenshistorischen Tagung, mit über 30 Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus Deutschland, Österreich und Italien wurden Arbeiten aus einem breiten Spektrum vorgestellt. Bei der Versammlung erfolgte auch die Eröffnung des Instituts für Theologie und Geschichte religiöser Gemeinschaften an der Theologischen Fakultät der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (IRG). Das Institut will forschen und Forschung national und international vernetzen.

Witze über Orden. Mit diesem Vortrag eröffnete GISELA FLECKENSTEIN (Brühl) die Tagung. Sie ging auf den Witz als besondere Textsorte ein, der eine Hochform der Kommunikation darstellt. Bei Erzählern und Zuhörern müssen die Besonderheiten von verschiedenen Ordensgemeinschaften bekannt sein, damit der Witz richtig erzählt und verstanden wird. Viele Witze thematisieren den Vergleich zwischen den klassischen Ordensgemeinschaften Benediktiner, Franziskaner, Kapuziner, Dominikaner und Jesuiten. Über Jesuiten gibt es eine erstaunlich große Anzahl an Witzen. Gering war die Ausbeute bei Witzen über Frauenkongregationen. Witze über Ordensfrauen beschränken sich meist auf das neutrale Personal der Nonne, die keiner spezifischen Gemeinschaft zugeordnet werden kann. Ordenswitze sind vielfach Insiderwitze.

ANDREAS HENKELMANN (Bochum) beschäftigte sich am Beispiel von Pater Johannes Chrysostomos Schulte (1880-1943) mit der Modernismus-Krise bei den Kapuzinern in der Rheinisch-Westfälischen Provinz. Das Promotionsstudium an einer staatlichen Universität konfrontierte seinen bis dahin eher kindlichen Glauben mit theologischen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Problemen und mit gegenüber der modernen Kultur aufgeschlossenen Katholiken. Dies führte zu einem Bruch in seiner Lebensgeschichte. Schulte gehörte zu den Verteidigern der 1907 erschienenen Enzyklika „Pascendi“, was ihn aber nicht hinderte seine Doktorarbeit über den Kapuziner Martin von Cochem (1643-1717) nach der historisch-kritischen Methode zu bearbeiten. Nach dem Studium engagierte er sich besonders in der Akademikerseelsorge. Sein Ziel war es, entkirchlichte katholische Akademiker wieder mit der Kirche zu versöhnen, war doch die Versöhnung von Christentum und moderner Kultur sein Anliegen. Eine enge Begriffsdefinition von Modernismus bzw. Modernist, lässt sich auf Schulte nicht anwenden, er bewegte sich, wie der Titel seiner Autobiographie zeigt, „Zwischen zwei geistigen Welten“. Bei seinen Mitbrüdern in der Ordensprovinz stieß Schulte mit seinen Ansichten vielfach auf Unverständnis. Eine geradlinige Modernismusgeschichte in der Kapuzinerprovinz gibt es nicht, doch viele Einzelaspekte sind noch zu erforschen.

BERNHARD HAAS (Lahnstein), Mitglied der missionarischen Ordensgemeinschaft der Oblaten der makellosen Jungfrau Maria, referierte über die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die deutsche Provinz seines Ordens. 1895 kam es zur Gründung der ersten deutschen Niederlassung des Ordens in Hünfeld, da die Gemeinschaft die Seelsorgetätigkeit an Deutschen in der Kolonie Deutsch-Süd-West-Afrika übernommen hatte. Bei Kriegsausbruch 1914 zählte die Provinz 355 Mitglieder, von denen sich viele freiwillig für den Sanitätsdienst und die Militärseelsorge meldeten. Ein großer Teil der Ordensleute in Ausbildung wurde eingezogen, so dass sich schon 1915 mehr als die Hälfte der Ordensleute im Kriegsdienst befanden. Haas wertete insbesondere die Berichte in der monatlich erscheinenden ordenseigenen Zeitschrift „Maria Immaculata“ aus. Daraus geht eine religiöse Deutung des Krieges hervor und während der langen Kriegsdauer deutet sich eine Friedenssehnsucht an. In der Zeitschrift werden einzelne Kriegserfahrungen geschildert. Der Schwerpunkt der Tätigkeit lag in der Krankenpflege in den Kriegs- und Heimatlazaretten sowie im Kampfgeschehen. Die Provinz musste 32 Gefallene und viele Verwundete beklagen. Die Oblaten empfanden sich selbst zuerst als Deutsche und dann als Katholiken und Ordensleute. Nach dem Krieg versuchte die Provinz das Alltagsleben wieder aufzunehmen.

WOLFGANG SCHAFFER (Köln), stellte den Abschluss einer fast fünfzehnjährigen Arbeit vor. Er schilderte die Ordensentwicklung seit dem 19. Jahrhundert auf einem Kartenausschnitt des Geschichtlichen Atlas der Rheinlande. Das Kartenblatt umfasst größtenteils das Gebiet der ehemaligen preußischen Rheinprovinz; berücksichtigt aber noch benachbarte Regionen wie das nördliche Saarland, den Südwestteil Westfalens sowie die Beneluxländer. D.h. der Bearbeiter musste eine Vielzahl von Diözesen berücksichtigen. Auf der Karte werden alle Ordensniederlassungen mit mindestens drei Personen bis zum Stichjahr 1995 kumulativ dargestellt. Die Karte differenziert nach den Tätigkeitsmerkmalen Caritas, Schule und Bildung, Seelsorge, Fürsorge, Verwaltungs- und Haushaltsführung. Es handelt sich dabei um 3843 Einträge. Alle Einträge sind mit der genauen Bezeichnung der einzelnen Gründung, der Zugehörigkeit zu einer Ordensgemeinschaft sowie mit Angaben zu ihrer Tätigkeit in einem Beiband aufgeführt. Die Publikation erscheint noch in diesem Jahr.

Der Salesianer Don Boscos NORBERT WOLFF (Benediktbeuern) widmete sich der Wahrnehmungs- und Erinnerungsgeschichte: Oświęcim/Auschwitz als salesianischer Erinnerungsort. Die polnische Stand Oświęcim hat für den Orden eine besondere Bedeutung, denn dort wurde 1898 das Mutterhaus der polnischen Ordensprovinz gegründet. Die zentrale Lage der Grenzstadt an einem Eisenbahnknotenpunkt war für die Salesianer ausschlaggebend für die Errichtung einer Niederlassung und den Bau einer Schule. Oświęcim war ab 1905 auch Sitz der Österreichisch-Ungarischen Ordensprovinz. Für die Salesianer ist Oświęcim eine Geschichte von Wachstum und Erfolg und auch der Kontinuität, denn das Haus besteht bis heute. Die gute Verkehrsanbindung von Auschwitz war für die Nationalsozialisten mit ein Grund zur Errichtung des Vernichtungslagers. Auschwitz ist bis heute ein Symbolort für Vernichtung. Im Lager waren auch mehrere polnische Salesianer. Darunter der 1999 selig gesprochene P. Josef Kowalski (1911-1942), der im KZ umgebracht wurde. Für die Salesianer ist Oświęcim/Auschwitz zugleich Ort der Unmenschlichkeit und Ort der Heiligkeit. Also ein ambivalenter Ort der Erinnerung, über den deutsche und polnische Salesianer heute in einen Dialog getreten sind.

RAINER ASSHAUER (Finnentrop) gab einen Einblick in sein Dissertationsprojekt über das Kloster Maria Laach in der langen Amtszeit des Abtes Ildefons Herwegen (1913-1946) und seine kirchliche, kulturelle und politische Bedeutung. Dabei geht es ihm um die Bedeutung der Abtei in vier verschiedenen politischen Epochen, wobei sein Schwerpunkt auf der Weimarer Republik, die vom monarchisch eingestellten Herwegen innerlich abgelehnt wurde, und dem Nationalsozialismus liegt. Herwegen wurde prägend für die liturgische Bewegung in Deutschland, die aber nicht von allen Laacher Mönchen mitgetragen wurde. Der Abt war stets loyal gegenüber kirchlichen und staatlichen Autoritäten. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde in Maria Laach begrüßt und der Abt hielt 1933 eine Gedenkrede bei einer Schlageter-Gedenkfeier in Köln. Die Maria Laacher Mönche distanzierten sich erst ab Anfang 1934 vom Nationalsozialismus. Asshauer hält es zum gegenwärtigen Stand seiner Forschungen für problematisch, Herwegens politische Haltung nur auf diese wenigen Monate zu reduzieren und zu beurteilen. Dem Abt ging es eher darum, Traditionen zu bewahren. Die Beurteilung der politischen Bedeutung des Abtes bedarf noch einer genauen Auslotung.

Der Salesianer JOHANNES WIELGOSS (Essen) knüpfte mit seinem Referat über Fürsorgeerziehung in der NS-Zeit an ein Thema der Vorjahrestagung an. Am Beispiel des Eduardstifts in Helenberg bei Trier zeigte er die Veränderungen der Erziehung unter der nationalsozialistischen Herrschaft auf. Das Eduardstift war in Trägerschaft des Salesianerordens und wurde als christliche Erziehungsanstalt für Jugendliche geführt (heute ist der Orden nur noch Träger). Die Heimleitung ging trotzdem konform mit den neuen Bestimmungen und es kam in mindestens zwanzig Fällen zu Zwangssterilisationen von Zöglingen. Die Salesianer sollten die Jugendlichen darauf psychologisch vorbereiten und ihnen die Maßnahmen als Dienst am Volke vermitteln. Das Vertrauen zwischen Erziehern und Zöglingen wurde dadurch massiv gestört. Die Heimleitung konnte sich andererseits den nationalsozialistischen Vorschriften und Anordnungen nicht entziehen, da sie mit Denunziationen durch die Zöglinge zu rechnen hatte. In Berichten an staatliche Stellen kam die salesianische Erziehung im Geiste Don Boscos nicht vor, obwohl kirchliche Feste im Haus gefeiert wurden. Im Zuge des Entkonfessionalisierungsprogramms der NSDAP wurde das Heim sukzessive unterbelegt und diente dann bis 1941 als Verwahranstalt für Menschen mit geistiger Behinderung. Bei dieser Personengruppe hatte der Staat keine weltanschaulichen Bedenken bei der Unterbringung. Die deutschen Salesianer hatten die Geschichte des Helenbergs lange Zeit ausgeblendet.

Ein Schwerpunkthema der Tagung waren Orden und Heiligkeit. JOACHIM SCHMIEDL (Vallendar) gab zunächst anhand des Index ac Status Causarum (1999) einen statistischen Überblick über Selig- und Heiligsprechungen unter den Pontifikaten des 20. Jahrhunderts. Von Pius X. bis Ende 1999 fanden insgesamt 366 Feiern statt. Davon waren 261 Selig- und 105 Heiligsprechungen. Von insgesamt 2159 selig- und heiliggesprochenen Personen waren fast die Hälfte (47,9%) Ordensleute. Dabei korrespondiert die Anzahl der weiblichen Ordensleute bei weitem nicht mit der Anzahl der Seligen und Heiligen; wurden doch im 20. Jahrhundert mehr als doppelt so viele Ordensmänner als Ordensfrauen kanonisiert. Berücksichtigt man hingegen die Anzahl der selig- und heiliggesprochenen Ordensgründer und Gründerinnen, so beträgt der Anteil der Gründerinnen an den insgesamt kanonisierten Ordensschwestern 44%. Hier macht sich die große Anzahl der Kongregationsgründungen im 19. Jahrhundert bemerkbar. Nicht zu vergessen ist, dass ein Prozess viel Geld kostet und einen langen Atem braucht.

An diesen Vortrag schlossen sich zwei Beispiele an. JOHANNES MERTENS (Berlin) sprach über die selige Maria Louise Merkert (1817-1872), die zur Gründerinnengruppe der Schwestern von der heiligen Elisabeth gehört. Eine Frauengruppe widmete sich seit 1842 in Neiße der ambulanten Krankenpflege. Nach einer Orientierungsphase bei den Borromäerinnen gründeten sie 1859 einen Krankenpflegeverein, der vom Fürstbischof als kirchliche Gemeinschaft anerkannt wurde. Maria Merkert wurde die erste Generaloberin. Ab 1866 wurden Schwestern ins Ausland entsandt. Die Schwestern engagierten sich auch in der Kriegskrankenpflege. Die päpstliche Anerkennung erfolgte 1871. Beim Tod von Merkert zählte die Gemeinschaft 440 Schwestern in 87 Niederlassungen. Der kanonische Prozess wurde 1985 in Oppeln eröffnet und am 30. September 2007 mit der Seligsprechung in Neiße abgeschlossen.

Der Pallottiner HERIBERT NIEDERSCHLAG (Vallendar) stellte mit Rosa Margarete Flesch (1826-1906) die Gründerin der Waldbreitbacher Franziskanerinnen von der allerseligsten Jungfrau Maria von den Engeln. Flesch kam aus einfachsten Verhältnissen, war früh für ihre Geschwister verantwortlich und widmete sich dann der Krankenpflege. Ihr Handeln war geprägt vom Vorbild des Heiligen Franziskus von Assisi. Sie fühlte sich zum Ordensleben berufen, konnte diesen Schritt aber erst 1863 verwirklichen. Sie wurde 1869 Generaloberin der von ihr gegründeten Gemeinschaft, aber in diesem Amt nach 1878 nicht mehr bestätigt. Sie wurde Opfer einer Intrige des geistlichen Rektors der Gemeinschaft, Konrad Probst, der die Wahl einer anderen Schwester favorisierte, um seine Macht und seinen Einfluss auf die junge Gemeinschaft zu behalten. Flesch lebte bis zu ihrem Tod – von vielen Schwestern als Gründerin unerkannt – als einfache Schwester in einem Filialhaus ihrer Gemeinschaft. Der Referent betonte vor allem die Kraft der Spiritualität von Rosa Flesch sowie ihre zielstrebige Festlegung auf ein Lebensprojekt. Die anwachsende Gemeinschaft – heute sind die Waldbreitbacher Franziskanerinnen ein Krankenpflegekonzern – ignorierte das Leben ihrer Gründerin bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Publikationen wurde zeitweise unterdrückt. Der Seligsprechungsprozess begann 1957 und er wird am 4. Mai 2008 abgeschlossen.

Die Tagung begann mit einem heiteren Thema und endete mit kulinarischen Ausblicken. MARY-ANNE EDER (Kösching) vermittelte einen Einblick in Klosterküchen und Klosterrezepte. Die Regel des heiligen Benedikt bestimmte die Eigenproduktion und die Eigenversorgung der Mönche mit Nahrungsmitteln und legte fest, wer sich in der Küche betätigt und was jeder Mönch essen darf. So handelt es sich bei Trippa all´olivetana um ein benediktinisches Rezept. Denn nicht alle Rezepte, die den Namen Kloster im Titel führen, stammen wirklich aus einem Kloster. Fleisch stand bei Orden, die es nicht nur für die Kranken vorsahen, lediglich an drei Tagen der Woche auf dem Tisch. Gab es doch bis zur Erfindung der Tiefkühltruhe ein Problem der Konservierung. Interessant waren die Fastenspeisen und deren optische Gestaltung. So wurde auch Fleisch in Fischform serviert. Über Gemüse, Gewürze und Backwerk führte der Weg auch zum Champagner Dom Pérignons. Klosterprodukte sind heute vielfach gefragt und im Internet wird weltweit mit diesem Label gehandelt.

Die nächste Tagung des Arbeitskreises findet vom 6. bis 8. Februar 2009 in Vallendar statt.

Konferenzübersicht:

Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert

Fleckenstein, Gisela: Witze über Orden
Henkelmann, Andreas: Die Modernismus-Krise bei den deutschen Kapuzinern
Haas, Bernhard: Oblaten MI im Ersten Weltkrieg
Schafffer, Wolfgang: Ordensentwicklung seit dem 19. Jahrhundert. Karte und Beiband zum Geschichtlichen Atlas der Rheinlande
Wolff, Norbert: Oświęcim/Auschwitz als salesianischer Erinnerungsort
Asshauerm, Rainer: Das Kloster Maria Laach in der Amtszeit des Abtes Ildefons Herwegen (1913-1946) und seine kirchliche, kulturelle und politische Bedeutung
Wielgoß, Johannes: Fürsorgeerziehung in der NS-Zeit am Beispiel des Fürsorgeheims Helenenberg
Schmiedl, Joachim: Selige und heilige Ordensleute im 20. Jahrhundert – ein statistischer Überblick
Mertens, Johannes: Die selige Maria Merkert, Gründerin der Schwestern von der heiligen Elisabeth
Niederschlag, Heribert: Mutter Rosa Flesch, Gründerin der Waldbreitbacher Franziskanerinnen
Eder, Mary-Anne: Klosterküche und Klosterrezepte

ZitierweiseTagungsbericht Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert (8. Fachtagung). 08.02.2008-10.02.2008, Vallendar, in: H-Soz-u-Kult, 06.03.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1976>.

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