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Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Datum, Ort:17.03.1998–17.03.1998, Berlin

Bericht von:
Bodo Mrozek
E-Mail: <bodo.mrozekgmx.de>

Schöne, sperrige Revolution
Juergen Kocka und Gyoergy Konrad ueber die Erinnerung in Deutschland und Ungarn

Es war der wohl schwaerzeste Tag in der Geschichte der deutschen Monarchie. Nie zuvor oder spaeter wurde ein deutscher Monarch so tief gedemuetigt. Friedrich Wilhelm, Augenzeugenberichten zufolge "totenbleich", musste sich heute vor 150 Jahren den Aufstaendischen stellen. Vor dem Berliner Schloss hatten die Barrikadenkaempfer ihre Toten der Vortage aufgebahrt: die Maerzgefallenen. Das Militaer erhielt den Befehl "Helm ab", und auch der Koenig musste dem Willen des Volkes folgen, der da lautete: "Hut ab!" "Nun fehlt bloss noch die Guillotine", murmelte weinend die Koenigin. Das Fallbeil blieb dem Monarchen bekanntlich erspart, der schon zwei Tage spaeter mit einer schwarz-rot-goldenen Schaerpe durch die Stadt ritt.

Die 1848er Revolution: Historiker sprechen von ihr als einer ungewollten, halben, einer sperrigen Revolution. Allenfalls noch "sperriges" Erinnerungsritual fuellt sie dieser Tage seitenweise Veranstaltungskalender, Feuilletons, Wochenendbeilagen und Sendezeit. Steht dieses wortreiche Gedenken in Relation zur Erinnerung der Zeitgenossen? Das historische Datum sage den meisten Deutschen nichts mehr , attestierte Dieter Simon, Praesident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Dienstag in Berlin.

Das war nicht immer so. Im Gegenteil: am fuenfzigsten Jahrestag gab es noch scharfe Debatten, wie der Sozialhistoriker Juergen Kocka in seinem Akademievortrag ausfuehrte. Der Sozialdemokrat August Bebel hatte 1898 eine erregte Reichstagsdebatte provoziert, obwohl ein Gedenken offiziell nicht geplant war. Konservative sahen in den Maerzereignissen "eines der traurigsten Blaetter der deutschen Geschichte, von auslaendischem Gesindel angefuehrt", und Antisemiten machten wie immer die Juden fuer das vermeintliche UEbel verantwortlich. Lediglich zwei Linksliberale verteidigten die Revolution als Beginn der konstitutionellen AEra in Preussen.

Stritten die Diskutanten des Kaiserreichs noch um die Alternative zwischen monarchischer Legetimitaet und Volkssouveraenitaet, einem neuralgischen Punkt des Kaiserreichs, so stand die Weimarer Republik immerhin bewusst in der Tradition von 1848. Dennoch erschien das 75jaehrige Gedenken im Zerrspiegel des Ruhrkampfes: nationalbetont und antifranzoesisch. Die Nationalsozialisten reduzierten die Geschichte kurzerhand auf eine "grossdeutsche Erhebung", Hitler interpretierte gar den "Anschluss" OEsterreichs als Vollendung der Revolution.

Im kalten Krieg blieb das Gedenken heiss umkaempft. Beide deutsche Staaten wetteiferten um das "wahre Erbe" von 1848, allerdings mit veraenderten Paradigmen. Mit Leidenschaft und empirischem Aufwand wird '48 nun als Tor zu einer folgenschweren Entwicklung diskutiert: dem deutschen "Sonderweg". Juergen Kocka weist die umstrittene These in ihre Grenzen. Zwar sei sie bisher nicht widerlegt worden, doch trage sie zur Interpretation von 1848 kaum neues bei.

Zurueck in die Gegenwart: der 150jaehrige politische Streit ist beendet. Politisch bietet er keine Reibungspunkte mehr, scheint "verbraucht". Nicht so in der der sozial- und kulturgeschichtlichen Forschung. Deren langjaehriges Produkt ist fuer Kocka das Freilegen von "Tiefenschichten": Armut, Unterbeschaeftigung und Hunger, die Krise des Vormaerz, habe das "Buschfeuer der Revolution" erst zuenden koennen. Handwerker- und Arbeiterbewegung sowie Unterschichten, forderten das "Recht auf Arbeit". Deswegen verwahrt sich Kocka gegen das Etikett "buergerlich", auch wenn das Buergertum einen Modernisierungsschub erhalten habe, in Vereinswesen und Aneignung von OEffentlichkeit beispielsweise. Tatsaechlich habe es sich aber um mehrere Revolutionen gehandelt, die von Buergerbewegung und Volksbewegung, weswegen man eigentlich im Plural von der Revolution sprechen muesse, die angesichts ihres Scheiterns nicht zu glorifizieren sei, so Kockas Resuemee.

Gyoergy Konrad bezeichnete die ungarische Erhebung, ein Beispiel fuer die europaeische Tragweite von 1848, als eine schoene, ja poetische Revolution. Als romantisch, patriotisch und pathetisch, dabei schwankend zwischen dem Ethos von Staendegesellschaft und Demokratie so schilderte der Praesident der Akademie der Kuenste das revolutionaere Geschehen in Budapest. Anders als in Deutschland blieb das Gedenken an den 15. Maerz 1848 auch im Sozialismus politisch brisant. Die Erinnerung besass noch 1989 Sprengkraft, als Tausende den Kossuth-Platz ueberfluteten und die Frau eines verhafteten Regimegegners auf die Statue des voelkstuemlichen '48er Nationaldichters Sandor Petoefi kletterte, um eine Rede zu halten. Im Gegensatz zu bundesdeutschen Gedenkritualen sieht Konrad im Scheitern der Buergerrevolution bis heute eine historische Ursache fuer die hoechst aktuelle Gefahr des Entstehens neuer autoritaerer Nationalismen und "Demokraturen" in Mittel- und Osteuropa.

Die "europaeischste aller Revolutionen zwischen 1789 und 1989" (Kocka) hat somit weit mehr und internationalere lieux de memoires als nur den Frankfurter Roemer oder den Berliner Friedrichshain. Auch dies wird bei der offiziellen Erinnerung an die sperrige, schoene Revolution mitunter vergessen.

ZitierweiseTagungsbericht Wem gehört 1848? 17.03.1998–17.03.1998, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 19.03.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1950>.

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