1 / 1 Tagungsbericht

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Rudolf von Thadden; Brigitte Sauzay; Berlin-Brandenburgische Institut fuer Deutsch-Französische Zusammenarbeit e.V. (BBI)
Datum, Ort:15.05.1998–16.05.1998, Genshagen

Bericht von:
Bodo Mrozek
E-Mail: <bodomrzedat.fu-berlin.de>

Alle Jahre wieder: Fäuste recken sich trotzig in die Höhe, rote Fahnen flatteren im Wind. Die Massen lassen das ZK der SED hochleben. Mit derart enthusiastischen Bildern würdigte das "Neue Deutschland" jährlich den DDR-Gedenktag an die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts am 15. Januar 1919. Die "Vermächtnisse von Karl und Rosa" wurden indes jährlich ausgetauscht. Mal ging es gegen die Nato, mal für die Mauer: Planerfüllung in Sachen Staatsgedenken.
Anlässlich eines deutsch-französischen Symposiums im "Berlin-Brandenburgische Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit e.V." (BBI) beschrieb der Historiker Martin Sabrow(Potsdam) das Verschmelzen von Mythen, Wissenschaft und Politik zu einem "kollektivierten Gedächtnis." Daneben habe sich allerdings eine Suböffentlichkeit entwickeln können, wie die Diktaturforschung herausarbeitete. Das Gedenken an die ermordeten Kommunisten, für die bis heute alljährlich, nun aber freiwillig, Zehntausende demonstrieren, führte ins Zentrum des Tagungsthemas "Orte der Erinnerung."

Die BBI-Direktoren Rudolf von Thadden und Brigitte Sauzay hatten Historiker und Politiker aus Frankreich und Deutschland in die Abgeschiedenheit von Schloss Genshagen in Brandenburg eingeladen. Das Herrenhaus, fern ab von Großstadtbetrieb und S-Bahnhof, beherbergt in seinen malerisch bröckelnden Mauern seit drei Jahren das Institut, finanziert vom Land Brandenburg, dem französischen Außenministerium, der Robert-Bosch-Stiftung und wechselnden Sponsoren.

Gedächtnis, Erinnerung, Gedenken: das sind oft drei Paar Schuhe, zumal im Geschichtsjahr 1998. Noch ist der Nachmärz der Gedenkrituale 150 Jahre nach der 1848er Revolution nicht ausgeklungen, schon hagelt es wieder Jubiläen: 30 Jahre Studentenrevolte, 80 Jahre Novemberrevolution, 350 Jahre Westfälischer Friede. Dazu die Geburtstage von Bert Brecht und Hildegard von Bingen, der Todestag Theodor Fontanes; die Aufzählung liesse sich verlängern.

Auch Frankreich werde derzeit von einer Welle der Jubiläen überrollt, so berichtete der Historiker Maurice Agulhon (Paris): es jähren sich das Toleranz-Edikt von Nantes (1598), das den konfessionellen Frieden herstellte, die Sklavenbefreiung (1848) und Emile Zolas berühmter Apell "J'accuse!" während der Dreyfus-Affäre (1898). Agulhon konstatierte zwar eine Entmystifizierung beim Gedenken etwa an Resistance und Kolonialzeit, doch sei Erinnerung im öffentlichen Leben oft immer noch unzulässig vereinfachend. "Eine seriöse Botschaft beim Gedenken muss aber eine komplexe sein."

Während in Deutschland die Gedenktage meist gefeiert werden, wie sie fallen, hat die Beschäftigung mit dem Erinnern in Frankreich Tradition. Lange bevor hierzulande Wissenschaftler wie Jan und Aleida Assmann das kulturelle und nationale Gedächtnis untersuchten, befassten sich Franzosen mit ähnlichen Fragestellungen. Schon 1925 beschrieb Maurice Halbwachs in Anknüpfung an den Soziologen Emile Durkheim das gesellschaftliche Denken als kollektives Gedächtnis, das sich aus gegenwärtigen Fragen rekonstruiere. In den 80er Jahren begann der französische Historiker Pierre Nora sein monumentales Projekt der lieux de memoires. In einer mehrbändigen Essay-Sammlung beschreiben rund hundert Wissenschaftler "Erinnerungsorte", die "das Gedächtnis der französischen Nation" verkörpern: Denkmäler, Gebäude wie Versailles oder Notre-Dame sowie Feiern und Symbole wie die Trikolore.

Etienne Francois, Direktor des Centre Marc Bloch (Berlin), plant gemeinsam mit dem Historiker Hagen Schulze von der Freien Universität Berlin eine deutsche Geschichte der Erinnerungsorte zu entwerfen.

Aber kann man das französische Konzept einfach auf Deutschland übertragen? Es bestehe die Gefahr einer politischen Legitimation der Geschichte wider Willen, räumte Francois ein. "Das kennen wir nur allzu gut." Deshalb müsse eine Geschichte deutscher Erinnerungsorte aus europäischer Perspektive geschrieben werden. Schließlich ist auch Versailles, wo 1871 das Kaiserreich ausgerufen und 1919 der Friedensvertrag zum Ende des Ersten Weltkrieges unterzeichnet wurde, ein deutscher Erinnerungsort. Der Ausspruch Marc Blochs, es gebe keine französische, nur eine europäische Geschichte, gelte erst recht für Deutschland, meinte Francois.

Richard von Weizsäcker sprach sich für einen europäischen Gedenktag aus. Doch sieht er dabei Schwierigkeiten: "Es wird nicht leicht sein, das Gedenken in Europa anzugleichen." Davon zeugte auch die Diskussion. Der Europa-Abgeordnete Wolfgang Ullmann (Bündnis 90/Grüne) plädierte für den 8. Mai als "europäischen Tag der Befreiung" und der Historiker Reinhart Rürup (TU Berlin) warf gleich einen bunten Strauss möglicher Feiertage in die Diskussion: den Waffenstillstand von 1918, den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in Prag am 20. August 1968 oder das Ende des 30jährigen Krieges. Der Bielefelder Sozialhistoriker Reinhart Koselleck stellte sich gegen ein Gedenken, das "kostenlos zu haben" ist und sprach sich dafür aus, ein Holocaust-Denkmal für alle Opfergruppen zu errichten.

Zeitweise erweckten die Debatten den Eindruck, man sei zusammengekommen, sich auf einen europäischen Gedenktag zu einigen. Einige Diskussionsbeiträge liessen sich deswegen als korrigierende Anträge zur Geschäftsordnung verstehen: etwa wenn Heinz Kittsteiner (Frankfurt/Oder) einwandt, "sich von der rückwärtsgewandten Gedenkrethorik abzuwenden" und keine künstlichen Erinnerungstage zu produzieren. Oder wenn Etienne Francois mahnte, die Aufgabe des Historikers sei nicht, ein Gedenken zu veranstalten, sondern es zu analysieren. Und Martin Sabrow kritisierte die Konstruktion einer europäischen Geschichte von einem ex-post-Standpunkt aus.

Die Schwierigkeit mit der europäischen Erinnerung liegt auch an einem Forschungsmagel: während allerlei neuere Arbeiten mittlerweile die emotionalen Grundlagen der Nationen herausstellen, wie derzeit auch in der Berliner Ausstellung "Mythen der Nationen" (Deutsches Historisches Museum) zu besichtigen, fehlt es an einer wirklich internationalen Konzeption: eine europäische Geschichte der lieux de memoires steht noch aus.

Ein Tagungsband mit Beiträgen von Maurice Agulhon, Etienne Francois, Jean-Francois Forges, Daniel Dayan, Marc Ferro, Michael Werner, Reinhart Koselleck, Otto Gerhard Oexle, Adam Krzeminski, Martin Sabrow u.a. ist in Vorbereitung und erscheint voraussichtlich im Göttinger Wallstein-Verlag.

[Dieser Artikel erschien leicht gekürzt im Berliner "Tagesspiegel" vom 19.05.1998 (Nr. 16 341, S. 27).]

ZitierweiseTagungsbericht Orte des Erinnerns. 15.05.1998–16.05.1998, Genshagen, in: H-Soz-u-Kult, 26.05.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1947>.

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