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Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Ralf Proeve, Humboldt Universität zu Berlin; Karen Hagemann, TU Berlin; Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit e.V.; Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der Technischen Universitaet Berlin; VW-Stiftung; HU Berlin; TU Berlin; Universität Potsdam
Datum, Ort:07.11.1997–08.11.1997, Berlin

Bericht von:
Karen Hagemann
E-Mail: <hagemannkgw-tu-berlin.de>

Clio und Mars

Am 7. und 8. November 1997 trafen erstmals im deutschsprachigen Raum WissenschaftlerInnen zweier Fachgebiete, die auf den ersten Blick wenig gemein haben - der Frauen- und Geschlechtergeschichte und der Militaergeschichte - auf einer Tagung zusammen. Das Colloquium zum Thema "Militaer, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel (17. - 19. Jahrhundert)" wurde veranstaltet vom "Arbeitskreis Militaer und Gesellschaft in der Fruehen Neuzeit e.V." und dem "Zentrum fuer Interdisziplinaere Frauen- und Geschlechterforschung" der Technischen Universitaet Berlin. Wissenschaftliche Leitung und Organisation der Tagung oblagen Ralf Proeve von der Humboldt Universitaet zu Berlin und Karen Hagemann von der TU Berlin. Finanziell gefoerdert wurde das Vorhaben grosszuegig von der VW-Stiftung und daneben mit kleineren Betraegen auch von den beteiligten drei Universitaeten aus Berlin und Potsdam.

Ziel des Colloquiums war es, die an diesem Themengebiet interessierten Historikerinnen und Historiker aus den bisher weitgehend isoliert voneinander arbeitenden Gebieten der Geschlechtergeschichte und der Militaergeschichte zu einem Workshop zusammenzubringen, in dem der aktuelle Stand der Forschung zum deutschsprachigen Raum fuer diese Zeit des grundlegenden Wandels im Militaer- und Kriegswesen diskutiert, moegliche Fragestellungen fuer die zukuenftige Forschung entwickelt und deren Methoden und Theorieansaetze reflektiert werden. Damit sollte dieses bisher von der Geschlechtergeschichte wie von der Militaergeschichte nicht nur in Deutschland vernachlaessigte Forschungsfeld befoerdert und zugleich die Relevanz geschlechtergeschichtlicher Fragestellungen fuer die Erforschung gesellschaftlich und politisch so bedeutender historischer Phaenomene wie Militaer und Krieg sichtbar gemacht und ueberprueft werden. Zugleich sollte das Colloquium den Historikerinnen und Historikern, die an laufenden Forschungsvorhaben zum Tagungsthema arbeiten, ein Forum zum intensiven Meinungs- und Erfahrungsaustausch bieten und fuer die weitere Forschungsarbeit ein Netz der intensiven Kommunikation knuepfen. Diese Vernetzung schien um so notwendiger, als der Forschungsgegenstand zwei bisher in der Regel getrennt arbeitende Forschungsfelder verknuepft.

Dieses Ziel hat das Colloquium nach einhelliger Meinung aller TeilnehmerInnen vollauf erreicht. Vierzig WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Grossbritanien, Oesterreich, der Schweiz und den Vereinigten Staaten beschaeftigten sich eineinhalb Tage lang intensiv mit einem national wie international bisher wenig bearbeiteten Thema, dessen Aktualitaet und wissenschaftliche Relevanz die Tagung zeigte, die mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen und ueberholten Vorannahmen gruendlich aufraeumte. Schon auf den ersten Blick mit dem Vorurteil, dass die Militaergeschichte in einem doppelten Sinne eine 'Maennersache' sei, die ausschliesslich von Maennern betrieben werde, die ihr Feld vornehmlich als 'Maennerdomaene' begreifen wuerden, und als Folge davon ausschliesslich maennliche Akteure in den Mittelpunkt ihrer Studien zu Militaer und Krieg stellten, ohne deren Geschlecht, deren kulturell und sozial konstruierte Maennlichkeit, deren Beziehungen als Maenner zu anderen Maennern wie zu Frauen zu thematisieren. Nicht nur die TagungsteilnehmerInnen waren zu gleichen Teilen Maenner und Frauen, sondern auch die ReferentInnen, die alle aus laufenden oder gerade abgeschlossenen Forschungsvorhaben berichteten. Zu Ihnen gehoerten Karen Hagemann, die den Einfuehrungsvortrag zu einer "Militaergeschichte als Geschlechtergeschichte" hielt, Christine Anderson (University of Pennsylvania), die ueber "Geschlechterbilder im Kriegsbild der fruehen Neuzeit" sprach, Regina Schulte (Ruhr-Universitaet Bochum), die ueber "Geschlechterbeziehungen im Dreissigjaehrigen Krieg" referierte, Jutta Nowosadtko (Universitaet Essen), deren Vortrag sich mit "Stehendem Heer und weiblicher Bevoelkerung im 18. Jahrhundert" befasste, Martin Lengwiler (Universitaet Zuerich), der "Soldatische Erziehung und Maennlichkeit im 18. und fruehen 19. Jahrhundert" betrachtete, Dirk Reder (Universitaet Koeln), der sich mit den "Patriotische Frauenvereinen waehrend der Freiheitskriege 1813-15" beschaeftigte und Ralf Proeve, der das Thema "Civile Ordnungsformationen. Staatsbuergerschaft und Maennlichkeit im Vormaerz" behandelte. Wilhelm Deist, dem ehemaligen Leiter des Militaergeschichtliche Forschungsamtes, und Martin Dinges (Institut fuer Geschichte der Medizin, Stuttgart) blieb das schwierige Geschaeft vorbehalten, einen Schlusskommentar zu versuchen.

Die chronologisch geordneten Beitraege, deren historische Spannweite vom 16. bis zum 19. Jahrhundert reichte, zeigten ebenso wie deren angeregte Diskussion nicht nur, dass es mittlerweile eine ganze Reihe von vorrangig juengeren Wissenschaftlern wie Wissenschaftlerinnen gibt, die sich ausgehend von verschiedenen neuren Forschungsansaetzen ausserordentlich kompetent mit dem Thema befassen, sondern demonstrierten vor allem, welche Erkenntnisgewinne die systematische Integration geschlechtergeschichtlicher Fragestellungen fuer die Erforschung von Militaer und Krieg bieten koennte.

Vorausgesetzt, es wird Abschied genommen von ueberholten Vorstellungen, wie der, dass 'Geschlecht' etwas natuerliches, primaer biologisch begruendetes sei, und alten Vorurteilen wie dem, dass Frauen aufgrund "ihrer Natur" per se friedlicher und friedliebender seien als Maenner und deshalb vor allem

Opfer von Militaer und Krieg gewesen seien. Die Tagung zeigte einmal mehr, dass die Integration der Analysekategorie "Geschlecht" nur dann unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse erweitert, wenn Geschlecht als sozio-kulturelle Kategorie begriffen, d.h. als soziale und kulturell

konstruiert und damit zugleich immer politisch heftig umkaempft und umstritten verstanden wird. Nur dann kann gesehen werden, dass der gesellschaftliche Zwang "stark", "mutig" und "wehrhaft" zu sein, der durch langlebige normative Leitbilder auf Maenner ausgeuebt wird, fuer diese auch eine erhebliche Last sein konnte; was so wohl viele "Buergerwehrmaenner" im Vormaerz waehrend ihres Wachdienstes empfanden. Nur dann kann wahrgenommen werden, dass es umgekehrt immer wieder Frauen gab, deren Handeln der Norm von der "Friedfertigkeit" und "Sanftheit" so gar nicht entsprach; wie beispielsweise das Verhalten vieler "Trosserinnen" in den fruehneuzeitlichen Soeldnerheeren, die gemeinsam mit ihrem Partner ein Erwerbs- und Beutepaar bildeten und wenn es not tat ebenso pluenderten wie ihre Maenner, oder das der "Heldenjungfrauen", die in Maennerkleidern auf Seiten aller Parteien in den napoleonischen Kriegen mitkaempften. Deutliche wurde nicht zuletzt aufgrund des die ueblichen Epochengrenzen ueberschreitenden Tagungszeitraumes auch, dass viele historische Phaenomene, die die Menschen der Moderne als "neu" zu betrachten gewoehnt sind, sehr viel aelter sind: Zu ihnen gehoert die selbstverstaendliche Integration von Frauen in das Militaer, die die Geschichte nicht erst seit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kennt, sondern in sehr viel umfangreicherer Form bereits in den Soeldnerheeren des 16. und 17. Jahrhunderts, wo Frauen und Kinder bis zu einem Drittel des Trosses dieser Heere stellten. Erst an der Wende zum 19. Jahrhundert, im Zuge der Einfuehrung der allgemeinen Wehrpflicht gelang es Obrigkeit und Heerfuehrern, im Interesse der Effizienz und Schlagkraft der neuen grossen "Volksheere", den Tross drastisch zu verkleinern und das Militaer fuer ein Jahrhundert zu einem weitgehend 'frauenfreien' Raum zu machen. Auf die Frage, welche Auswirkungen diese Entwicklung fuer das Geschlechterverhaeltnis hatte, konnte indes aufgrund des Forschungsstandes nur eine ebenso vorlaeufige Antwort gegeben werden, wie auf viele andere Fragen der Diskussion. Am Ende waren sich deshalb alle TeilnehmerInnen in ihrer Hoffnung einig, dass die Tagung nur ein Anfang gewesen sein kann. Um breitere Kreise der Oeffentlichkeit zu informieren und weitere Forschungen anzuregen ist deshalb die Publikation eines Tagungsbandes geplant.

Konferenzübersicht:

Colloquium "Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel"

7. November 1997
Karen Hagemann: Militärgeschichte als Geschlechtergeschichte: Eine Einführung
Christine Andersson: Geschlechterbilder im Kriegsbild der frühen Neuzeit
Regina Schulte: Geschlechterbeziehungen im Dreißigjährigen Krieg

8. November 1997:
Jutta Nowosadtko: Stehendes Heer und weibliche Bevölkerung im 18. Jahrhundert
Martin Lengwiler: Soldatische Erziehung und Männlichkeit im 18. und frühen 19. Jahrhundert
Dirk Reder: Patriotische Frauenvereine während der Freiheitskriege
Ralf Pröve: "Civile Ordnungsformationen", Staatsbürgerschaft und Männlichkeit im Vormärz
Wilhelm Deists; Martin Dinges: Militärgeschichte und Geschlechtergeschichte: Schlußresümèes

Kontakt:

Dr. Karen Hagemann,
Zentrum fuer Interdisziplinaere Frauen- und Geschlechterforschung der Technischen Universitaet Berlin
Ernst-Reuter-Platz 7, Sekr. TEL 20-1
D-10587 Berlin
Phone: +49-30-31426974/75
Fax: +49-31426988
E-mail: <hagemannkgw.tu-berlin.de>

URL:http://www.kgw.tu-berlin.de/ZIFG
ZitierweiseTagungsbericht Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel. 07.11.1997–08.11.1997, Berlin, in: H-Soz-Kult, 20.12.1997, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1935>.

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