Zwischen Pragmatik und Performanz – Dimensionen mittelalterlicher Schriftkultur

Zwischen Pragmatik und Performanz – Dimensionen mittelalterlicher Schriftkultur

Organisatoren
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Ort
Münster
Land
Deutschland
Vom - Bis
02.05.2007 - 04.05.2007
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Von
Jenny Oesterle, Mittelalterliche Geschichte, Technische Universität Braunschweig, Historisches Seminar

Vom 2.-4. Mai 2007 fand an der Westfälischen Wilhelms- Universität Münster unter dem Titel „Zwischen Pragmatik und Performanz – Dimensionen mittelalterlicher Schriftkultur“ eine internationale Tagung zu Ehren Hagen Kellers anlässlich seines siebzigsten Geburtstages statt.

Die Problemstellung der Tagung „Zwischen Pragmatik und Performanz – Dimensionen mittelalterlicher Schriftkultur“ hatten die Organisatoren Thomas Scharff (Braunschweig), Christoph Dartmann und Christoph Friedrich Weber (beide Münster) mit Bedacht gewählt. Sie gewährleistete ein thematisches Breitenspektrum und zugleich eine Fokussierung des Erkenntnisinteresses für die Vorträge, in denen auf je eigene Weise mosaikartig die Prägekraft der Forschungswege, Forschungsrichtungen und Denkansätze des Mediävisten Hagen Keller zum Ausdruck kam, der sich mit zeitlich und regional weitgespannten Arbeiten im Feld der Sozial- und Kulturgeschichte der spätantiken bis hochmittelalterlichen Welt, der italienischen Stadtkommunen, der Schriftkultur im Mittelalter und symbolischen Kommunikation ausgezeichnet hat. Sie schlug zudem einen thematischen Bogen zwischen zwei Münsteraner Sonderforschungsbereichen, an denen der Jubilar maßgeblich beteiligt war, dem Sonderforschungsbereich 231 „Träger, Felder, Formen pragmatischer Schriftlichkeit im Mittelalter, dessen Sprecher Hagen Keller 1988-1993 und 1997/1998 war, sowie dem Sonderforschungsbereich 496 „Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution“, in dem Hagen Keller das Teilprojekt „Urkunde und Buch in der symbolischen Kommunikation mittelalterlicher Rechtsgemeinschaften und Herrschaftsverbände“ leitet.

Die Tagungschoreographie hatte den einzelnen Sektionen zwei Vorträge mit unterschiedlichen Akzentuierungen vorangestellt. GERD ALTHOFF (Münster) öffnete unter dem Thema „Memoria, Schriftlichkeit, symbolische Kommunikation: zur Neubewertung des 10. Jahrhunderts“ den Blick für die bahnbrechende Wirkmächtigkeit und umsichtige Spannbreite der Arbeiten Hagen Kellers. Er setzte mit einer wissenschaftsgeschichtlichen Retrospektive ein, die der Behandlung der Ottonenzeit in der deutschen Nachkriegsmediävistik galt. Die zentralen Veränderungen in der wissenschaftlichen Einschätzung des 10. Jahrhunderts vollzogen sich danach nicht direkt nach 1945, sondern erst in den 1970er Jahren: Die systematische Erforschung von Memorialüberlieferungen gab Anstöße für einen Perspektivenwechsel im Blick auf andere Quellen der Ottonenzeit. Nicht mehr die hierarchisierte Machtfülle der Ottonenherrscher gegenüber den Großen des Reiches (die noch Josef Fleckenstein im „Gebhard“ hervorhob), sondern die Konsensualität und Integrationsfunktion von Herrschaft sowie das Verhältnis der Herrscher zu Gott bestimmten die neue Einschätzung des 10. Jahrhunderts, die sich aus der kritischen Neureflexion der Quellen ergab. Die Erforschung von Ritualen und Formen symbolischer Kommunikation z.B. in historiographischen Quellen habe zu der Erkenntnis geführt, dass zwar auch der Macht des Herrschers Ausdruck verliehen wurde, der Darstellungsakzent der Quellen aber auf der Bindung zwischen Gott und den Getreuen liege. Diesen Paradigmenwechsel habe, so hob Gerd Althoff hervor, Hagen Keller nicht nur durch zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen angestoßen, sondern auch durch richtungsweisende Spezialstudien vorangetrieben und in großen Geschichtsdarstellungen umgesetzt.

Eine Einführung in das Tagungsthema von CHRISTOPH DARTMANN (Münster) führte an ausgewählten Beispielen aus der mittelalterlichen Rechtskultur die Interdependenzen von pragmatischer Schriftlichkeit und Performanz vor Augen. Er gab damit zugleich Einblick in aktuelle Arbeiten des von Hagen Kellers geleiteten Teilprojekts. Nicht aufrecht zu erhalten ist demnach eine grundsätzliche Dichotomie von Schriftlichkeit und symbolischer Kommunikation. Festzustellen ist dagegen die Einbettung schriftlicher Akte in interaktive und kommunikative Bezüge sowie die Koexistenz schriftlicher und mündlicher Regelungen, die sich nicht ausschließen, sondern ergänzen. Dartmann betonte die Notwendigkeit, beide Aspekte in der Forschung in ihrem je zeitspezifischen Verhältnis zusammenzuführen. Die teleologische Modernisierungsthese, welche zunehmende Schriftlichkeit pauschal mit Verrechtlichung und Rationalisierung gleichsetzt, sei daher im Blick auf die mittelalterlichen Verhältnisse zu revidieren.

Die erste Tagungssektion widmete sich der „Politische(n) Kommunikation im spätmittelalterlichen Frankreich“. MARTIN KINTZINGER (Münster) eröffnete sie mit dem Vortrag „Beatus vir. Herrschaftsrepräsentation durch Handschriftenpolitik bei Karl V. von Frankreich“. Er umriss in seinem Vortrag zunächst in Großstrukturen die politischen Konstellationen des 14. Jahrhunderts in Frankreich. Im Hauptteil seines Vortrags ging er auf die Handschriftenpolitik Karls V. ein. Er charakterisierte den Herrscher als gelehrten Büchersammler, der mit einer wohlgeplanten Übersetzungspolitik klare Herrschaftsrepräsentationsabsichten verfolgte. Die auf königliches Geheiß ins Französische übersetzten Texte, die Kintzinger exemplarisch vorstellte, stammten vor allem aus den 1370er-Jahren. So ließ der Herrscher neben Werken von Aristoteles und Augustinus etwa den Policraticus des Bischofs Johannes von Salisbury übertragen, mit Ergänzungen und Kommentaren versehen und sich selbst innerhalb des Werkes als lesender König ins Bild setzen. Ferner regte er eine Abschrift der Chroniques de France an, in der die französischen Ansprüche gegenüber den englischen ausdrücklich verteidigt wurden. Die systematische Neufassung der Krönungsordines brachte konzentriert die neue Königsidee Karls V. zum Ausdruck; gekonnt wurden Text und Bild aufeinander bezogen, wie im Livre du Sacre, in dessen Text-Bild Komposition sich Pragmatik und Inszenierung der Ordnung eindrücklich ergänzten.

PETRA SCHULTE (Köln) erweiterte mit ihrem Vortrag über die „Ethik politischer Kommunikation im französischen Spätmittelalter“ die pragmatische und performative Dimension von Schrift um den Aspekt der Ethik. Im Zentrum ihrer Ausführungen stand ein Wandteppich aus der Tapisserie „Los Honores“, der 1520 in Auftrag gegeben wurde; sein inhaltliches Programm kann als eine Art Fürstenspiegel verstanden werden. Am Beispiel des Livre de la prod’ommie de l’omme der Schriftstellerin Christine de Pizan entwickelte Petra Schulte als erste These, dass französische und burgundische Traktate zur politischen Theorie für die Ausarbeitung der Tapisserien herangezogen wurden. Sie fokussierte im Folgenden die Tugenden Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Vertrauen, die personifiziert auf dem Teppich abgebildet waren, um ihre zweite These zu exemplifizieren, der zufolge diesen Tugenden in der politischen Theorie eine soziale, auf die Gemeinschaft ausgerichtete Rolle zugewiesen wurde. Wahrhaftigkeit und Vertrauen, so konnte Petra Schulte an mehreren Beispielen zeigen, standen in der politischen Kommunikation des französischen Spätmittelalters im Blick auf Herrscher und Untertanen in einem Wechselverhältnis; ihre Einhaltung einerseits und das Walten der Gerechtigkeit andererseits sei von den Zeitgenossen als Mittel zur Stärkung des Gemeinwesens interpretiert worden.

Der zweite Tag der Konferenz begann mit der zweiten Sektion „Schreiben – Erinnern – Bezeichnen: Techniken der Macht“, die mit einem Vortrag von JANET NELSON (London) über „Writing power in the ninth century“ einsetzte. Einleitend widmete sich Nelson der Frage nach dem Verhältnis von Schrift(lichkeit) und Macht. Sie stellte die These auf, dass Schreiben und Macht zwar analytisch zu unterscheiden, in der gelebten Welt des frühen Mittelalters aber untrennbar miteinander verbunden waren. Schreiben und Schriftlichkeit konstituierten im 9. Jahrhundert Herrschaft in einer neuen Weise. Zur Stützung ihrer These führte Nelson verschiedenste Beispiele einerseits aus dem karolingischen, andererseits aus dem angelsächsischen Kontext an. Sie differenzierte zwischen schriftlicher politischer Kommunikation ‚von oben nach unten’, etwa den missi- Listen Karls des Großen und ‚von unten nach oben’, etwa an Herrscher gerichteter Schreiben. Im Fokus des ersten Teils ihrer Ausführungen stand ein Brief, den der Bischof Hinkmar von Reims von der Synode in Quierzy (858) im Namen aller versammelten Bischöfe sowohl an Karl den Kahlen als auch an Ludwig den Deutschen gerichtet hatte. In diesem Brief, der in einer komplizierten politischen Konstellation entstand, habe der Bischof die Macht des geschriebenen Wortes genutzt, um den einen Herrscher zu warnen und den anderen zu mahnen, letztlich aber die alleinige Macht Gottes zu beschwören. Im zweiten Teil ihres Vortrags ging Janet Nelson auf die Fälschungsproblematik von Schriftstücken zum Machtge- bzw. -mißbrauch im 9. Jahrhundert ein und führte Beispiele aus dem Bereich gefälschter Rechtstexte im Karolingerreich an. Im letzten Teil ihrer Ausführungen widmete sie sich der angelsächsischen Chronik, deren Entstehung sie am Hof König Alfreds ansiedelte. Sie deutete die Chronik als in dieser Zeit einzigartiges Beispiel für ein auf herrscherliche Initiative zurückgehendes Schriftprojekt.

Das Vortragsmanuskript des erkrankten WALTER POHL (Wien) mit dem Titel „Anstrengungen des Erinnerns. Montecassino nach der ‚zweiten Zerstörung’ 883“ wurde verlesen. In Frage stand der Umgang der Klostergemeinschaft Montecassinos mit einer elementaren Krisensituation: Im Jahr 883 mussten die Mönche das Kloster aufgrund eines Sarazeneneinfalls verlassen; kurz darauf ereignete sich ein Feuersbrand, der große Teile des Klosterschatzes und Archivs zerstörte. Die Mönchsgemeinschaft stand vor der Aufgabe, die Memoria des Klosters zu rekonstruieren und sich durch Urkunden über die Schenkungen an das Kloster, Privilegien und Güter des Klosters abzusichern. Doch erst in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts sind Bestrebungen zu erkennen, die Urkundenüberlieferung Montecassinos im historischen Kontext zu systematisieren. Pohl widmete sich ausführlich drei Handschriften, dem Vaticanus lat. 5001, dem Codex Casiensis 175 und der Leges-Handschrift von Cava, in denen ähnliche Kompilationen von Texten über die Klostergeschichte zu finden sind. Festzustellen ist, dass nach 883 keineswegs eine kulturelle Krise der Mönchsgemeinschaft eintrat, sondern dass Schriftlichkeit durchaus verbreitet blieb und gepflegt wurde. Walter Pohl wies jedoch darauf hin, dass sich in den Handschriften eher der pragmatische Aspekt der Texte abzeichnete als deren demonstrative oder performative Inszenierung.

In ihrem Vortrag „The Effiecy of Signs and the Matter of Authenticity in Canon Law“ zeigte MIRIAM BEDOS-REZAK (New York) am Beispiel des Decretum Gratiani, dass Siegel in der ersten Hälfte des 12. Jahrhundert noch nicht Einzug in den normativen Rechtsdiskurs gehalten hatten. Obgleich Siegelfälschungen sowohl in Chroniken als auch päpstlichen Bullen bereits thematisiert wurden, sei erst unter Papst Alexander III. (1159-1183) ein systematischer Kriterienkatalog zur Prüfung unechter Siegel entwickelt worden. Auf Alexander, der als erster den Begriff des sigillum authenticum prägte, folgten weitere kanonische Anstrengungen der Zusammenstellung von Fälschungskriterien, die 1234 in den Decretales Papst Gregors IX. gipfelten. Nach Miriam Bedos-Rezak kennzeichnete den kanonischen Diskurs über die Echtheit bzw. Fälschungen von Siegeln ein ambivalentes Verhältnis zwischen Autorität und Authentizität. Bei ihrem Versuch, die Autorität, Bedeutung und Wirksamkeit von Siegeln festzulegen, vernetzten die Kanonisten den Zeichenwert der Siegel mit der Siegelpraxis und theoretischen Reflexionen.

Die dritte Sektion „Schrift und Kommunikation in der italienischen Kommune“ begann mit dem Vortrag von CHRISTOPH FRIEDRICH WEBER (Münster) zum Thema „Podestá verweigert die Annahme. Gescheiterte Präsentationen von Schriftstücken im kommunalen Italien“. Ausgewählte Beispiele aus der hochschriftgeprägten Kultur Italiens in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gaben die Interdependenzen der Verwendung von Schrift und performativen Akten zu erkennen. Im Fokus standen Situationen, in denen Gesandte sich vergeblich darum bemühten, dem Podestá einer italienischen Kommune ein Schriftstück zu überbringen bzw. es öffentlich zu verlesen. Durch List, Gewaltanwendung oder Entsendung seines Stellvertreters versuchte sich jener jeweils diesem Akt zu entziehen. Prägnant konnte die Analyse der gescheiterten Kommunikationssituationen die Spannweite unterschiedlicher Ehrdiskurse in politisch-rechtlichen Verfahren der italienischen Kommunen vor Augen führen. Aus den Belegen geht einerseits die Handlungsflexibilität des Podestá in einer solchen Krisensituation hervor sowie andererseits ex negativo die rechtserhebliche Relevanz und konstitutive Bedeutung der öffentlichen Verlesung eines Schriftstückes und damit die Mehrdimensionalität der mittelalterlichen Schriftkultur.

GIULIANO MILANI (Rom) sprach über das Thema „Liste visuali: pitture pubbliche nell’Italia comunale“. Er richtete die Aufmerksamkeit auf Fragmente mittelalterlicher Wandmalereien am Rathaus von Brescia. Auf dem von ihm analysierten Fresko waren durch Ketten aneinander gebundene Ritter auf Pferden zu sehen, die durch ihre Familienschilde und darüber geschriebene Namen als bestimmte Mitglieder der städtischen militia zu identifizieren sind. Alle Ritter trugen, wie Milani im Gegensatz zu älteren Deutungen zeigen konnte, eine Geldbörse um den Hals, die er als Symbol der Habgier deutete. Die Bildanalyse führte ihn zu der These, dass das Fresko dem Zweck der öffentlichen Zurschaustellung einer Straftätergruppe diente, die sich am Eigentum der Kommune vergriffen hätte. Dass dieses Motiv in Brescia kein Einzelfall war, konnte Milani am Beispiel von Verona und Mailand belegen, wo etwa zeitgleich ähnliche Fresken an den Rathäusern entstanden.

CHRISTOPH DARTMANN (Münster) beschäftigte sich mit der „Legitimation von Amtsgewalt in den oberitalienischen Städten des 12. Jahrhunderts zwischen kaiserlichen Ansprüchen und kommunaler Praxis“ und stieß damit auf das komplexe Abgrenzungsproblem zwischen kaiserlichen und kommunalen Durchsetzungsstrategien von Herrschaft. Insbesondere wurde die Frage verfolgt, inwieweit die von Friedrich Barbarossa auf dem Hoftag von Roncaglia 1158 verabschiedeten Gesetze in der kommunalen Herrschaftspraxis der oberitalienischen Städte durchsetzbar waren. Es ließ sich nachweisen, dass die Aushandlungen zwischen Kaiser und Städten um die jeweilige Einflussnahme bei der Wahl und Investitur der Stadtobersten seismographisch das Verhältnis des Staufers zur jeweiligen Kommune erkennen ließen und vor allem zu präzisen Differenzierungen des Wahl- und Einsetzungsverfahrens in den einzelnen Städten führten. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Gesetze von Roncaglia angesichts der verstärkten Bemühungen der Kommunen in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, ihre rechtlichen Kompetenzen zu stärken, nur bedingte Wirkung zeitigten. Nur im Falle gelungener Verhandlungen zwischen beiden Akteuren, der jeweiligen Kommune und dem Stauferkaiser, konnten die Ansprüche des Herrschers in den Städten effektiv verankert werden.

Die vierte Tagungssektion über „Die Materialität des mittelalterlichen Schriftdenkmals – die Identität des Selbst“ wurde von MICHAEL JUCKER (Münster) eröffnet, der sich in seinem Vortrag mit dem Thema „Vertrauen, Symbolik, Reziprozität: Briefliche Kommunikation und ihre Funktion für Städte und Gesandte im Spätmittelalter“ befasste. Zunächst skizzierte er die Rolle von Vertrauen und Misstrauen in der brieflichen Kommunikation zwischen a) lokalen Herrschaftsträgen und eigenen Gesandten, b) fremden Gesandten und dem Rat der eigenen Stadt und c) unterschiedlichen Städten der Eidgenossenschaft. Er behandelte sodann Beispiele für die Reziprozität von Briefwechseln und ihre Intertextualität, durch die erst ein kommunikativer Austausch zustande komme. Schließlich konzentrierte er sich auf die Möglichkeiten der Vertrauensbildung in zwischenstädtischen Beziehungen am Beispiel der Anredeformeln in Briefen. Belegt werden konnte, dass die Etablierung von gegenseitigem Vertrauen bzw. einer „politischen Freundschaft“ auch als Druckmittel eingesetzt werden konnte. Im Unterschied zu Urkunden bargen Briefe insofern ein besonderes Konfliktpotential als sie nicht konsensual und im öffentlichen Kontext erstellt werden. Fälschungen, Briefraub oder die Entführung von Briefboten beförderten das Misstrauen in die briefliche Kommunikation, so dass in schwierigen politischen Konstellationen sogar zugunsten späterer mündlicher Mitteilungen auf den schriftlichen Austausch verzichtet wurde. Die untrennbare Verbindung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit mittelalterlicher Kommunikationsakte trat in diesem Problemzusammenhang besonders klar hervor, da Mündlichkeit weiterhin neben der brieflichen Korrespondenz eine wichtige Ergänzungsrolle spielte.

MASSIMO VALLERANI (Turin) untersuchte unter dem Thema „Documentazione e politica nell’Italia comunale. La riscrittura dei diritti nei processi consolari del secolo XII“ die Anwendung und Verschriftlichung des römischen Rechts in kommunalen Prozessen des 12. Jahrhunderts. Ausgehend von den Folgen der Einführung abstrakter rechtlicher Formen am Beispiel der actiones galt der Schwerpunkt seiner Analysen deren praktischer Anwendung und Auswirkungen. Anhand verschiedener Fälle, etwa dem Prozess zwischen dem Domkapitel von Verona und den Grafen von Cerea 1147 sowie verschiedenen Urteilen über die Rückgabe kirchlicher Güter aus der Sammlung des Erzbischofs Siro von Verona, arbeitete er heraus, wie die Kirche mit Unterstützung der kommunalen Gerichtshöfe die Rechtssprechung secundum leges et rationes in Streitigkeiten mit dem Adel zu ihren Gunsten zu nutzen wusste. Schließlich führte Massimo Vallerani aus, wie die Verrechtlichung dazu eingesetzt wurde, Herrschaftsverständnisse zu begründen und zu legitimieren.

FRANZ-JOSEF ARLINGHAUS (Kassel) hielt einen Vortrag zum Thema „Das Subjekt vor der Individuation. Positionen des Einzelnen im Selbst- und Fremdbezug im Mittelalter“, wobei er sich vor allem auf Texte von Petrus Abaelard bezog. In der Forschung gilt Abaelard aufgrund der Historia Calamitatum als Beispiel für einen sich anbahnenden Individualismus im Mittelalter. Arlinghaus gab demgegenüber zu bedenken, dass sich vormodernes und modernes Individuum in einem entscheidenden Punkt unterscheiden: Während das vormoderne Individuum sich als Teil der Gesellschaft verstand und seine Gruppenzugehörigkeit betonte, d.h. fremdreferentiell argumentierte, sei das moderne Individuum der Gesellschaft gegenübergestellt und agiere dementsprechend selbstreferentiell. Unter diesen Prämissen analysierte Arlinghaus die ‚Leidensgeschichte’ Abaelards; er hob Unterschiede zur modernen Autobiographie ebenso hervor wie Ähnlichkeiten mit ihr. Anders als dieser sei es Abaelard nicht darum gegangen, die Darstellung dazu zu nutzen, eine persönliche Charakterentwicklung aufzuzeigen. Vielmehr habe der Gelehrte sein Privatleben als Teil des heilsgeschichtlichen Plans Gottes verstanden, d.h. er habe seine Persönlichkeit durch Fremdreferenz gewonnen. Abaelards Exeptionalität sei dennoch unbestreitbar; die grundlegenden Konzeptionen seines Selbstentwurfes aber seien zeittypisch. Im Seitenblick auf Autobiographien des 16. und 17. Jahrhunderts stellte Arlinghaus fest, dass auch diese den Persönlichkeitsentwurf aus dem sozialen Umfeld entwickelten; in diesem Punkt sei das 17. Jahrhundert dem Mittelalter weitaus verwandter als der zeitlich näheren Aufklärung.

ENRICO ARTIFONI (Turin) leitete die fünfte Tagungssektion „Politische Kommunikation in der mittelalterlichen Stadt zwischen öffentlicher Rede und Schriftlichkeit“ ein mit dem Vortrag „Laici rudes et modice literati? Aspetti, problemi e protagonisti dell’eloquenza politica nelle città italiane del secolo XIII“. Er erläuterte zunächst, dass sich die politische Beredsamkeit von Laien in den italienischen Kommunen zu Beginn des 13. Jahrhunderts keineswegs konfliktfrei entwickeln konnte, sondern sich einer scharfen Polemik von Seiten der ‚professionellen’ Rhetoriker ausgesetzt sah. Diese dictatores betonten ausdrücklich die Unüberbrückbarkeit des Gegensatzes von litterati und illiterati. Seit den 1330er Jahren lasse sich zwar eine vorsichtige Öffnung beobachten, doch sei nach wie vor das Engagement der illiterati in der öffentlichen Rhetorik als Problem angesehen worden. Die Frage, inwieweit sich die öffentlichen Reden durch diese neuen Bedingungen veränderten, verfolgte er am Beispiel der Cicerorezeption. Diese belegt, dass keinem teleologischen Niedergang der Beredsamkeit der dictatores das Wort geredet werden kann. Vielmehr finden sich sogar Versuche, die ciceronianische Rhetorik mit den Regeln der ars dictaminis zu verbinden.

Den Abschluss der Tagung bildete der Vortrag von THOMAS SCHARFF (Braunschweig) über „Pragmatik und Symbolik. Funktionen der Schriftlichkeit im Umfeld des Braunschweiger Rates um 1400“; er griff die Großthematik des Kolloquiums noch einmal beispielhaft auf. Eine einleitende Skizze umriss die Phase der innerstädtischen Unruhen im Kontext der sogenannten Braunschweiger „Großen Schicht“ des Jahres 1374. Auf diese Krisensituation folgte eine Periode der Stabilisierung, die sich insbesondere an der Verabschiedung einer neuen Ratsverfassung im Jahr 1386 ablesen lässt, welche die fünf Braunschweiger Weichbildräte und die Gilden intensiver in die gesamtstädtische Regierung integrierte. Um 1400 beobachtete Scharff einen intensiven Verschriftlichungsschub, den er als „Schriftlichkeitsoffensive“ im administrativen Bereich bezeichnete, die im Auftrag des Rates erfolgte. So wurden 1402 die kommunalen Statuten neu gefasst und in verschiedene Zuständigkeitsbereiche unterteilt sowie die Eidsammlungen seit 1330 in einem Codex kompiliert; ferner wurden auf Grundlage der alten Zins- und Kämmereiakten neue Bücher für die Finanzverwaltung angelegt. Vor allem aber ist auf das Jahr 1401 der historiographische Bericht eines Verfassers zu datieren, der im Umfeld des Rates zu suchen ist, die sogenannte „Heimliche Rechenschaft“. Dieses Werk entstand offenbar aus der Mitte des Rates heraus für den Rat. Es dokumentierte, auf welche Weise es zur krisenhaften Stadtverschuldung gekommen war und wie sich die Stadt daraus befreien könnte. Bemerkenswert ist vor allem, dass dieses Werk laufend auf den neuen Stand gebracht und alle drei Jahre neu verlesen werden sollte. Abschließend stellte Thomas Scharff einige Überlegungen über die Gründe dieses Verschriftlichungsschubs an. Neben rational-verwaltungstechnischen Gründen (der Zentralisierung der Verwaltung, der Steigerung ihrer Reaktionsfähigkeit auf Krisen) und politischen Aspekten (der Stärkung eines gesamtstädtischen Bewusstseins durch die Gründung gesamtstädtischer Institutionen, dem Streben nach Unabhängigkeit von fürstlichem Einfluss und einer quasi reichsfreien Stellung) ging er auf den symbolhaften Charakter der „Schriftlichkeitsoffensive“ ein. Die Verlesung der „Heimlichen Rechenschaft“ oder bestimmter Polizeibestimmungen in regelmäßigen zeitlichen Abständen sei nicht nur ein bloßer Akt der Wissensvermittlung gewesen, sondern vielmehr eine Form symbolischer Kommunikation, die den innerstädtischen Prozess der verstärkten Orientierung auf einen gesamtstädtischen Rahmen und die Etablierung eines gesamtstädtischen Bewusstseins unterstützte.

Im Rückblick auf drei vortragsdichte und diskussionsintensive Konferenztage ist festzuhalten: Die inhaltlich weitgefächerten Vorträge entwarfen ein facettenreiches Spektrum der Schriftkultur im Mittelalter. Zeitlich spannten sie sich von der Karolingerzeit bis ins Spätmittelalter, räumlich erfassten sie neben dem deutlichen Schwerpunkt Italien, das Reich nördlich der Alpen, Frankreich, England und die Eidgenossenschaft. Der Untersuchung von Gattungen, Formen und Funktionen von Schrift und Schriftlichkeit stellten die Vorträge die Frage nach ihrer symbolischen Inszenierung bzw. nach den Interdependenzen von Schriftgebrauch und Symbolizität zur Seite. Als ein gemeinsames Ergebnis kann festgehalten werden: Nahezu durchgängig wurde die Mehrdimensionalität von Schrift(lichkeit) festgestellt und, was ihre Wirkung betrifft, ihre Untrennbarkeit von performativen Handlungen betont. Ganz gleich ob Briefe, Urkunden, Statutenbücher, Rechtscodices oder auch historiographische Texte in den Blick genommen wurden, in den meisten Fällen erlangten diese Schriftstücke erst durch ihre Einbeziehung in kommunikative, häufig öffentliche Akte ihre Wirkkraft bzw. eine Wirkungsverstärkung. Einher ging damit auch die fällige Aufhebung einer hypostasierten Dichotomie von ‚rationalisierter’ Schriftlichkeit und ‚archaischer’ Mündlichkeit. Seien es die eidgenössischen Briefe oder die Übergabe von Schriftstücken an einen Podesta, immer gehörten schriftliche und mündliche Äußerungen unmittelbar zusammen und bedingten einander.

Aus der Vielfalt der Aspekte dieser Tagung seien abschließend zwei Problemkonstellationen hervorgehoben. Zur Sprache gebracht wurde in mehreren Vorträgen explizit oder implizit die Situierung von Schriftlichkeit im zeitlichen Spannungsgefüge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Gerd Althoff ging in seinem Eröffnungsvortrag bereits auf den Zusammenhang von Memoria, Schriftlichkeit und symbolischer Kommunikation ein und hatte die Erforschung der Memorialquellen als Impuls für eine Neulektüre der bekannten Quellen herausgestellt. Walter Pohl analysierte am Beispiel des verlorenen und verbrannten Schriftmaterials Montecassinos die aus diesem Verlust notwendig gewordene Rekonstruktion von Schriftstücken aus der noch lebendigen Erinnerung für die zukünftige Erinnerung. Bereits hier überschneiden sich die zeitlichen Ebenen Vergangenheit und Zukunft im Blick auf den gezielten Einsatz von Schrift. Christoph Dartmann und Michael Jucker betonten an unterschiedlichen Beispielen die Zukunftsverbindlichkeit, die ein gegenwärtiges Gesetz oder eine briefliche Abmachung mit sich bringen sollten. Thomas Scharff schließlich exemplifizierte am Beispiel der Braunschweiger „Heimlichen Rechenschaft“, die in regelmäßigen Abständen wieder verlesen werden sollte, den Versuch einer Zukunftsvergewisserung. Schriftstücke und ihre schriftlich verbindlich gemachte mündliche Reinszenierung in der Öffentlichkeit schufen hier gezielt den Konnex zwischen Gegenwart und Zukunft, indem sie eine Garantie auf die beständige Überprüfung festgesetzter Regelungen boten.

Schließlich riefen viele Vorträge die Tatsache von Konflikten im Umfeld von Schriftlichkeit und symbolischer Kommunikation ins Bewusstsein. Janet Nelson, Miriam Bedos-Rezak und Michael Jucker hatten das Problem der Fälschungen von Schriftstücken mit ihren Ausführungen in die Diskussion eingebracht. Christoph Weber konnte ex negativo am Beispiel misslungener Verlesungen oder Überbringungen von Schriftstücken an einen Podesta, deren rechtserhebliche Rolle belegen. Während Christoph Dartmann am Beispiel der Roncaglia-Gesetze die konfliktreichen Auswirkungen von schriftlichen Erlassen vor Augen führte, demonstrierte Thomas Scharff am Braunschweiger Beispiel um 1400 die Stabilisierungs- und Konsolidierungsleistungen von Schrift(lichkeit) im Anschluss und als Reaktion auf eine innerstädtische Krisenphase.

Eine Publikation der Beiträge ist geplant.


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