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"exemplaris imago" Ideale und Formen ihrer Vermittlung in Mittelalter und Früher Neuzeit

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Westfälische Wilhelms-Universität Münster Graduiertenkolleg 'Gesellschaftliche Symbolik im Mittelalter'
Datum, Ort:26.01.2007–28.01.2007, Münster

Bericht von:
Katharina Vaerst, Graduiertenkolleg, DFG
E-Mail: <K.Vaerstgmx.de>

Das Münsteraner Graduiertenkolleg 'Gesellschaftliche Symbolik im Mittelalter' veranstaltete vom 26.-28. Januar 2007 eine Tagung zum Thema: “exemplaris imago. Ideale und Formen ihrer Vermittlung in Mittelalter und Früher Neuzeit.“ Ziel war es, sich mit folgenden Schwerpunkten zu befassen: dem Begriff des Ideals und seiner Anwendbarkeit auf die Vormoderne, der Genese von Idealen und Ideale im gesellschaftlichen Kontext.

Nikolaus Staubach (Münster), Sprecher des Graduiertenkollegs, eröffnete die Tagung mit dem Hinweis, dass es sich bei dem Begriff „Ideal“ um einen neuzeitlichen Terminus handelt, der erst begründet auf das Mittelalter übertragen werden muss. Dazu zeigte er exemplarisch auf, wie sich Gedankengänge Immanuel Kants zum „Ideal“ auch schon vergleichbar bei Isidor von Sevilla finden. Anschließend gab er einen Überblick über verschiedene Formen des Ideals, wobei er vor allem näher auf das Herrscherideal einging und erläuterte, wie es im Verlauf von Mittelalter und Früher Neuzeit verstanden wurde.

Stephen Jaeger (Urbana-Champaign) erkundete am Beispiel Bernhards von Clairvaux das Wirken einer charismatischen Stifterfigur als exemplarisches Vorbild. Jaeger betonte, dass der Nachahmungsimpuls weniger über den Verstand als über ein zauberartiges Angezogensein von einem Vorbild ausgelöst wird. Er beleuchtete verschiedene Aspekte der geistlichen Vorbildfigur Bernhards, wie etwa das Problem echter Demut, wenn das wunderbare Wirken der Person auch ihr selbst bewusst ist, oder das Verhältnis zwischen Persönlichkeit und Wundertaten sowie zwischen äußerer und innerer Begnadung. Die Rhetorik und Bildlichkeit, mit deren Hilfe Bernhard in Schriften über ihn beschrieben wird, hat er möglicherweise besonders durch seine Predigten selbst den Brüdern in die Hände gespielt, da sich deutliche Parallelen zeigen. Überdies hat sich Bernhard stark mit seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit beschäftigt und mit dem Wirken von charismatischen Vorbildern. Abschließend untersuchte Jaeger das Weiterwirken der charismatischen Persönlichkeit nach dem Tod in ihren Schriften, Viten und ihrer memoria. Bernhard hat sich gewissermaßen "in Rhetorik aufgelöst", wodurch die exemplaris imago auch nach dem Tode weiterlebte. Jaeger machte deutlich, wie stark Exemplarität an eine Person gebunden war und wie autoritativ und bindend das persönliche Vorbild im Vergleich etwa zur monastischen Regel war.

Steffen Patzold (Hamburg) stellte den Konsens zwischen Herrscher, den hohen Adligen und schließlich auch den Untertanen als Ideal im Karolingerreich vor. Konsens, so zeigte er gegen ältere Forschungen auf, war damals nicht einfach eine Ideologie zur Unterstützung der Königsherrschaft, sondern wurde als Ausdruck von gottgefälliger Eintracht und Einmütigkeit der Christenheit verstanden und stellte somit ein hohes und unverzichtbares Gut dar. Das Ideal des Konsenses wurde dabei in verschiedener Weise vermittelt: Neben der mündlichen Weitergabe und dem gelebten Vorbild waren dies belehrende Bücher oder auch Konzilientexte zu diesem Thema, die kopiert und so weiter tradiert wurden. Außerdem wurde der Konsens in Predigten thematisiert und auf diese Weise auch dem breiten Volk vermittelt.

Auf die experiencia als Lehrmeisterin zu einem neuen Weltverständnis im 13. Jahrhundert ging Helmut G. Walther (Jena) ein: Hintergrund war der „Mongolensturm“, der dem christlichen Abendland vor Augen führte, dass dieses nur eine Minorität in der Weltbevölkerung ausmachte, und es in Bezug auf seinen Missionsauftrag gegenüber dem Islam vor neue Herausforderungen stellte. Angesichts dessen forderten Gelehrte wie Roger Bacon oder der Dominikaner Wilhelm Adam, dass geographisches Wissen, Erfahrung und Augenzeugenschaft als neue Mittel zur Erschließung der Welt herangezogen werden sollten. Basierend auf der aristotelischen Vorstellung, dass der Mensch durch seine ratio die Möglichkeit besitzt, sich die Welt anzueignen, erhielt die christliche Wissenschaft so ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem Islam.

Rainald Becker (München) zeigte die Genese des humanistischen Bischofsideals an Beispielen aus der süddeutschen Reichskirche des 15. und 16. Jahrhunderts. Durch den Vergleich der Konzeption der Bischofsviten von Lorenz Hochwart, Joachim Haberstock und Kaspar Brusch lässt sich der quantitative und qualitative Sprung in der Bistumshistoriographie als Reaktion auf ein gewachsenes Repräsentationsbedürfnis deuten. Während bei Hochwart, der noch am ehesten am Spätmittelalter orientiert bleibt, humanistische Bezüge eine untergeordnete Rolle spielen, erweiterte Haberstock die Vitenkonzeption durch Abfassung des Textes in Reimform und Ausweitung interessanter Personen zu programmatischen Skizzen. Bei Brusch hingegen findet sich das Bischofsideal des Humanismus durch die Hervorhebung persönlicher literarischer Tätigkeit, Bautätigkeit nach italienischem Vorbild, Sprachbeflissenheit, Bibliophilie, Lektüreleidenschaft, Förderung der Bibliothek, Briefwechsel usw. bereits entfaltet. So brachte der Referent das Bischofsideal des Humanismus auf die Formel: „Der gebildete Bischof in seiner Verantwortung für Gott und die Welt“.

Bettina Braun (Mainz) legte in ihrem Vortrag dar, dass das tridentinische Bischofsideal auch für die Bischöfe der Reichskirche ein wirksames Leitbild war. Der Auffassung, dass das tridentinische Bischofsideal nur eine Schimäre oder gar eine Erfindung des 19. Jahrhunderts gewesen sei, trat sie vor allem mit Bezug auf die Statusberichte entgegen, aus denen sich nachweisen lässt, dass die Bischöfe der Reichskirche das Ideal kannten und ihm auch Verbindlichkeit zuwiesen, was anhand von Rechtfertigungsargumentationen bei Nichterfüllung gezeigt werden kann. Zwar besteht kein Zweifel daran, dass die Fürstbischöfe der Germania Sacra den tridentinischen Idealen nicht entsprachen; so wurden die vorgeschriebenen Visitationen in der Regel von Generalvikaren und Archidiakonen durchgeführt, während die Pontifikalhandlungen durch Weihbischöfe ausgeführt wurden. Dennoch darf man – so Braun – die Fürstbischöfe vor dem besonderen Hintergrund der Reichskirche und den im Vergleich zu Frankreich und Italien wesentlich größeren Bistümern nicht pauschal verurteilen.

Bertram Lesser (Münster) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der Rolle der religiösen Biographie als zentralem Medium der Normenvermittlung im monastischen Umfeld. Der Schwerpunkt des Vortrages lag auf der komplexen Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Vita bzw. Viten des Bernhard von Clairvaux. Der Referent konnte belegen, dass die frühen Zisterzienserviten sowohl der Normenvermittlung als auch der Stärkung der kollektiven Identität der mönchischen Gemeinschaft dienten und somit als „kultureller Text“ im Sinne Jan Assmans zu verstehen sind.

Lydia Wegener (Köln) erläuterte in ihrem Vortrag, wie das Konzept der Christusnachfolge in den Texten der Deutschen Mystik aus Angst vor Verfolgung in Abgrenzung zu den Aussagen Meister Eckharts und der Theologie der „Freien Geister“ abgewandelt und mit neuen Inhalten gefüllt wurde. Die Referentin schloss ihren Vortrag mit dem Verweis auf weitere noch näher zu untersuchende Problemfelder, etwa die Bedeutung der visionären Gottesschau und die Rolle der Individualität in der mystischen Bewegung des Spätmittelalters.

Barbara Fleith (Genf/Lausanne) widmete sich der Gestaltung von Vorbildern im ältesten alemannischen Prosalegendar, dem so genannten Solothurner Legendar aus dem 14. Jahrhundert. Der Prolog des Legendars verweist auf die Imitatio im Sinne einer moralischen Auslegung des Gehörten/Gelesenen. Die Tugenden der vorgestellten Vorbilder werden durch unterschiedliche literarische Techniken wie die Aufstellung ganzer Tugendkataloge, ihrer Inszenierung, durch Erzählerkommentar und -wertung in Form von Adverbien und Adjektiven, durch die biblische Verankerung der Tugenden und ihre Erwähnung in Präambel oder Schlussgebet sowie durch die Technik „meditativen Eindenkens“ vermittelt. Danach ging Fleith der Frage nach einem speziellen Identifikationsangebot des Legendars für junge Novizinnen nach. Dafür spricht zunächst der Prolog, der die Lektüre dieses Textes an den Anfang eines geistlichen Lebens stellt. Ferner handeln 47 Prozent der Legenden von Kindern bzw. Jugendlichen. Durch ausdrückliche Altersangaben wird das Identifikationspotenzial dieser Legenden noch erhöht. Weiterhin spricht die inhaltliche Auswahl der Legenden mit ihrer Problematisierung der für die Noviziatszeit typischen Themen (Keuschheitsgelübte, Agneslegende) für Novizinnen als intendierte Rezipienten. Spätere Legendare zeigen gegenüber dem Solothurner Legendar eine Modifikation der Vorbildgestaltung durch die Streichung aller lebendigen, emotionalen Elemente. An den Schluss ihres Vortags stellte Barbara Fleith die Frage, welche anderen deutschsprachigen Texte ebenfalls für diese Zielgruppe der jungen Menschen (Mädchen) gedacht sein könnten.

Almut Breitenbach (Münster) stellte den Zusammenhang von meditatio mortis und idealer Lebensführung in den Vordergrund ihres Vortrags. In volkssprachlichen Schriften des späten Mittelalters erscheint die Beschäftigung mit dem Tod als Aneignung geistlichen Wissens und als geistliche Praxis, die den Menschen innerlich auf eine Grenze versetzen kann. Die Reflexion über den (eigenen oder fremden) Tod soll zu einer vertieften Selbsterkenntnis führen. Ein zentrales "Kraftfeld" der immer neue Identifikationsangebote und Darstellungsweisen aufbietenden Texte liegt dabei im Spiegelmotiv. Die Selbsterkenntnis soll schließlich zu einer Conversio führen, die in ihrer radikalsten Form den Eintritt ins Kloster bedeutet. Bleibt das Umkehrerlebnis aus, kann die Beschäftigung mit dem Tod bei den Empfindungen von Trauer und Furcht stehen bleiben. Mit dem Spannungsverhältnis von theoretischem Anspruch und gelebter Praxis der meditatio mortis spielt Petrarcas Dialog Secretum de conflictu curarum mearum – der Verfasser lässt den Ausgang des Konfliktes offen.

Christel Meier-Staubach (Münster) verwies darauf, dass die schon im Schöpfungsbericht der Genesis thematisierte Defizienz des ursprünglich gottähnlichen Menschen im zwölften Jahrhundert unter neoplatonischem Einfluss in neuen, dichterischen Schöpfungsmythen reflektiert wurde. Alanus von Lille beschreibt um 1180 in seinem Anticlaudianus die Erschaffung des idealen Menschen als ein kompositorisches Verfahren, in dem unter Mitwirkung vieler Instanzen vollkommene Bestandteile zu einem vollkommenen Ganzen zusammengesetzt werden. Wie aus dem Prosaprolog abzuleiten ist, soll das Werk eine Schau des Idealen im platonischen Sinne ermöglichen. Maßgeblich von Alan beeinflusst ist die 13000 Hexameter umfassende Versenzyklopädie De hominum deificatione des Abtes Gregor von Montesacro (1230er-Jahre). Er erweist sich in seiner wissenschaftlichen Darstellungsweise als moderner, in seiner streng christologischen Fassung des Erlösungswerkes hingegen als konservativer Autor. Die sieben Bücher behandeln die Schöpfungstage und die korrespondierenden Abschnitte im Erlösungswerk Christi sowie moralische Folgerungen. Auch verschiedene, einem monastischen Kontext entstammende Rezeptionszeugnisse des Anticlaudianus aus dem 13. und 14. Jahrhundert zeigen entweder eine stark christologische oder eine stark moralisierende Abwandlung von Alans Mythos.

Michael Seggewiß (Münster) zeigte, dass Gottfried von Straßburg die Figur des Tristan als die eines nahezu idealen Menschen konzipiert hat, der große Parallelen zu dem homo novus et perfectus im Anticlaudian des Alanus ab Insulis aufweist. Gottfried verfährt dabei ähnlich wie Alan und stattet seine Tristanfigur in einem additiven Verfahren nach und nach mit den für die Vollkommenheit entscheidenden Eigenschaften aus. In einer wesentlichen Erweiterung des Konzepts Alans führt Gottfried die Minne als entscheidenden Bestandteil von Tristans Persönlichkeit ein. Tristan wird als Liebender auf die Dialektik von liebe und leit festgelegt und entspricht damit um so mehr dem Prinzip der Vereinigung gegensätzlicher Prinzipien, das von Gottfried in der Tristanfigur immer wieder pointiert gezeigt wird. Im Unterschied zu Alan, dessen neuplatonische Allegorie den perfekten Menschen als Abstraktion darstellt, zeigt der höfische Roman dessen Bewährung unter konkreten gesellschaftlichen Bedingungen und kann die minne als zwingenden Bestandteil desselben postulieren.

Joachim Poeschke (Münster) untersuchte am Beispiel des Leone Battista Alberti und Leonardo da Vinci, welche Dimensionen das Ideal des uomo universale im Bezug auf die Künstlerpersönlichkeit der Renaissance aufweisen konnte. Alberti etwa stellt sich in seiner Biographie als ein in allen Künsten und im Handwerk theoretisch und praktisch Bewanderter dar, ebenso in den für einen Humanisten ungewöhnlichen höfischen Fertigkeiten wie Waffenführung und Reiten. Äußerliche Schönheit und Eleganz spielen für Alberti keine Rolle, sondern nur das, was man sich selbst, nicht zuletzt durch seine virtus, angeeignet hat. Leonardo da Vinci hingegen erscheint eher als ein Empiriker und Praktiker, der weniger Buchgelehrsamkeit pflegt als vielmehr wissenschaftliche Erkenntnisse anwendet. Außerdem war er ein Virtuose des öffentlichen Auftritts, von bezaubernder Persönlichkeit und Schönheit. Im Gegensatz zu Jacob Burckhardt, der den uomo universale als Idealtypus des Renaissancemenschen überhaupt begreift, zeigte Poeschke, dass es sich vielmehr um ein standesgebundenes und, im Hinblick auf die Künstlerpersönlichkeit, jeweils unterschiedlich realisiertes und akzentuiertes Ideal der Allseitigkeit und Vieltätigkeit handelte.

Annette Gerok-Reiter (Mainz) analysierte Tendenzen und Phasen der Idealisierung König Artus'. Während Artus in Geoffreys 'Historia Regum Brittaniae' heroisiert, christianisiert und höfisiert wird, kann seine Idealisierung bei Wace als Höfisierung, Normierung und Ästhetisierung bezeichnet werden. Artus' Idealisierung ist dort am dichtesten, wo er als Repräsentant einer idealen Gesellschaft am Hof dargestellt wird. Als Ideal schlechthin ist er in dieser Phase nicht zu bezeichnen. Bei Chrétien und Hartmann bildet sich ein kunstvoll-idealer Handlungsraum bei Hofe heraus, und König Artus wird enthistorisiert. Er ist nun nicht mehr selbst aktiv, sondern Inspirator heldischer Bewährung und ein statischer Mittelpunkt eines Wertesystems, auf das die Helden auf ihren Wegen jederzeit bezogen bleiben. Die Idealisierung der Figur König Artus' verläuft somit von einer Höfisierung über eine Normierung bis zu einem ethischen Maßstab und einem umfassenden kulturellen Programm von hoher Dichte und Suggestionskraft. Artus verschwindet als Figur geradezu in diesem Prozess. Er ist selbst nie als ideale Person dargestellt, sondern vielmehr in den idealisierten Hof als dessen Repräsentant eingeschleust worden.

Fritz-Peter Knapp (Heidelberg): Sowohl in Petrarcas Secretum wie bei Andreas Capellanus konkurriert das Liebesideal der Troubadourlyrik mit der negativen Sichtweise der Kirchenväter. Im dritten Buch des Secretum diskutieren Franciscus und Augustinus über die Konsequenzen, die sich aus der Verderblichkeit der Laster ergeben. Obwohl Franciscus beansprucht, nur moralisch hochstehende Frauen zu Objekten seines Begehrens gemacht zu haben, erklärt Augustinus dieses für verwerflich. Das Versprechen, sich fortan nur noch dem Streben nach literarischem Ruhm zu widmen, billigt Augustinus nur als geringeres Übel. Der Widerspruch zwischen Liebesideal und christlicher Jenseitsorientierung bleibt ungelöst. Andreas Capellanus spielt in den ersten beiden Büchern von De amore mit der Säkularisierung des christlichen Liebesideals, wertet jedoch im dritten Buch den amor stark ab, dabei handelt es sich um eine Verchristlichung der ovidianischen remedia amoris. Der Widerspruch ist bei Capellanus genauso wie bei Petrarca unaufhebbar, die Form, in der diese Ambivalenz präsentiert wird, unterscheidet sich dagegen stark.

Florian Neumann (München) präsentierte Petrarcas Ideal des humanistischen Dichters durch eine Interpretation des Briefes über die Besteigung des Mont Ventoux (Familiares 4,1), in welche er dessen Kontext innerhalb der Familiares einbezog. Die Briefsammlung Petrarcas ist darauf angelegt, das eigene Leben als Odyssee und Auseinandersetzung mit äußeren Anfechtungen darzustellen, deren Betrachtung den Leser zur Identifikation einladen und ihn zur moralischen Einkehr anhalten. Der Kulminationspunkt der Erzählung ist die Mahnung zur Selbstfindung, die der Autor durch die Lektüre von Augustins Confessiones bekommt. Damit ist ein Grundmotiv der Familiares angesprochen, nämlich die Veräußerlichung der Welt und die Notwendigkeit der Verinnerlichung. Dies ist – so Neumann – programmatisch für Petrarcas Konzeption von Dichtung als Verarbeitung eigener Lebenserfahrung. Zum Vergleich zog Neumann Petrarcas Canzoniere heran. Auch hier erhebt Petrarca vorgebliche eigene Erlebnisse zu Schaubildern moralischer Kategorien, wobei eine kunstvolle und kontrastreiche Sprache die Introspektion des Verliebten anschaulich und für den Leser nachfühlbar macht.

Pablo Schneider (Berlin) befasste sich anhand von zeitgenössischen Darstellungen des Schlosses Versailles und dessen Gartenanlagen mit dem Herrscherideal Ludwigs XIV. Im Gegensatz zu dem im 17. Jahrhundert beliebten Motiv eines unendlichen Raumes sind in den Darstellungen Versailles bewusst Elemente der Begrenztheit gesetzt worden, welche die Selbstbeschränkung als Herrscherideal Ludwigs XIV. symbolisch widerspiegeln. So verweist der zentralperspektivische Fluchtpunkt in der Hauptachse in keiner der Darstellungen des Schlosses unter Ludwig XIV. in den Horizont und damit in die Unendlichkeit, sondern wird jeweils durch Bäume oder Berge begrenzt. Ähnliches gilt für die Darstellung der Gartenanlagen. Das so zum Ausdruck gebrachte Herrscherideal Ludwigs XIV. als König, der seine Grenzen kennt, charakterisierte Schneider als ein Gegenbild zu dem des römisch-deutschen Kaisers Karl V., dessen Herrschaftsmotto „plus ultra“ in Darstellungen der zwei Säulen des Reiches versinnbildlicht wird. Ludwig XIV. entspricht damit dem Ideal Jean Bodin in den six livres de la republique, dessen Unterscheidung zwischen einem guten König und einem Tyrann eben diese Eigenschaften fordert: Das Mysterium der Herrschaft wird gerade in dem Respekt vor ihren Grenzen erkennbar.

Ludwig Siep (Münster) beleuchtete den Stellenwert von Idealen für die Diskussion um Kriterien moralischer Objektivität in der zeitübergreifenden und interkulturellen Betrachtung von Tugenden und moralischen Wertesystemen. Siep nannte drei Kriterien zur Feststellung der Objektivität von Tugenden: Die Tugendhaftigkeit einer Handlung kann nur von der Person selbst erfahren werden (epistomologisches Kriterium), die Tugend selbst muss von den handelnden Personen unabhängig sein (ontologisches Kriterium) und Tugenden sollen unabhängig von sozialen Meinungen gültig sein (normatives Kriterium). Diese drei Kriterien stehen jedoch in offensichtlicher Spannung zueinander. Für die Annahme, dass Tugenden in allen Kulturen gleichermaßen und zeitunabhängig existieren spräche, dass universelle menschliche Bedürfnisse existieren und Tugenden als Elemente religiöser Kultur eine bestimmte Struktur der Entstehung aufweisen, ihre Funktionen weitergeben und kulturelle Transformationen überleben. Gleichzeitig muss jedoch auch die Entwicklung der Tugend selbst beurteilt werden können: Viele Tugenden verlieren mit dem sozialen Wandel ihren Wert. Durch Spannungen und Widersprüche innerhalb von Kulturen können neue Tugenden entstehen. Als Test für eine solche Manifestation von Tugend nannte Siep drei Kriterien: Die Bildhaftigkeit des Ideals mit der Anforderung, sich zu assimilieren, das Ideal als personelle Verkörperung, etwa in der „imitatio christi“ oder dem „exemplum sanctorum“, sowie die Spannung von Ideal und Norm.

Nikolaus Staubach (Münster) brachte die Tagung zu einem Abschluss, indem er die Vorträge überblicksartig noch einmal zusammenfasste und die Ausführungen und Ergebnisse in Bezug zu seinen einführenden Worten setzte. So wurde der Bogen zum gemeinsamen Ausgangspunkt aller Vorträge geschlagen und die inhaltlichen Verknüpfungen der einzelnen Beiträge verdeutlicht. Es zeigte sich noch einmal das breite Spektrum der Ansatzmöglichkeiten, sich mit dem Tagungsthema unter den genannten Schwerpunkten zu beschäftigen.
Eine Publikation der Tagungsbeiträge ist geplant.

ZitierweiseTagungsbericht "exemplaris imago" Ideale und Formen ihrer Vermittlung in Mittelalter und Früher Neuzeit. 26.01.2007–28.01.2007, Münster, in: H-Soz-u-Kult, 25.03.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1519>.

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