| Veranstalter: | Institut für Bayerische Geschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München |
| Datum, Ort: | 25.09.2006, München |
Bericht von:
Alexander Schlaak, Universität Konstanz
E-Mail: <Alexander.Schlaak
Am 25.09.2006 bot das Institut für Bayerische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München den Rahmen für den Fifth Workshop on Early Modern German History, an dem sich einschließlich der Vortragenden ca. 30 Wissenschaftler aus dem In- und Ausland beteiligten. Nach mittlerweile vier erfolgreichen Workshops in London wurde mit der bayerischen Hauptstadt zum ersten Mal ein Tagungsort innerhalb des zur Diskussion gestellten Untersuchungsraumes gewählt.
Der Workshop on Early Modern German History wurde 2002 von Peter Wilson (University of Sunderland) und dem Deutschen Historischen Institut in London ins Leben gerufen. Er dient als wissenschaftliches Forum für die vormoderne Geschichte der deutschsprachigen Gebiete Zentraleuropas und soll gerade jungen Nachwuchswissenschaftlern die Möglichkeit bieten, ihre eigenen Projekte und Qualifikationsarbeiten vorzustellen und zu diskutieren.
Die diesjährige Tagung in München geht in diesem Zusammenhang auf die gemeinschaftliche Initiative von Prof. Dr. Ferdinand Kramer (Ludwig-Maximilians-Universität München), PD Dr. Beat Kümin (University of Warwick), Dr. Michael Schaich (DHI London) und Dr. Claudia Stein (University of Warwick) zurück. Auf der Grundlage der nach Vorankündigung des Workshops (siehe das CFP vom 23.05.2006) eingegangenen Vorschläge wählten die Veranstalter diesmal zwölf Referenten aus. Ähnlich der vorangegangenen Jahre konnten so Historiker von wissenschaftlichen Einrichtungen aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz für Vorträge gewonnen werden. Die präsentierten Projekte und Forschungsergebnisse deckten dabei eine große Bandbreite von Forschungsfeldern zur Kultur-, Sozial-, Wirtschafts-, Religions- und Medizingeschichte ab. Der zeitliche Untersuchungsrahmen erstreckte sich vom Ende des 15. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus wurde der ausschließliche Blick auf die Gebiete des Alten Reiches sowie auf deren Beziehungen zu den britischen Inseln an einigen Stellen aufgebrochen, und insbesondere durch Fragen der Kolonialgeschichte ergänzt. Um einen kohärenten Ablauf der Vorträge und Diskussionen zu gewährleisten, wurde der Workshop in vier Sektionen mit jeweils thematischen Schwerpunkten eingeteilt.
Die erste Sektion mit dem Titel „Commodities“ unter der Leitung von Michael Schaich thematisierte die Produktion, den Konsum, sowie die Probleme der Aneignung von Gebrauchsgütern und Handelswaren in vormodernen Gesellschaften. Dabei wurde der Fokus nicht allein auf die alltäglichen Erzeugnisse des agrarischen und handwerklichen Sektors beschränkt, sondern durch den Einbezug von frühneuzeitlichen Luxusartikeln ergänzt.
Den Anfang machte Dr. Julien Demade (Universität Panthéon-Sorbonne Paris) mit seinem Vortrag über „Grain prices in Nuremberg in the late 15th and early 16th Century“. Über die Untersuchung einer der ältesten erhaltenen Listen zur Preisentwicklung von Getreide im vormodernen Europa kam Demade zu der Beobachtung, dass sich die Getreidepreise in der Reichsstadt Nürnberg um 1500 scheinbar nicht in einem simplen, und somit gegenläufigen Verhältnis zur Getreideproduktion entwickelten. Während sich nämlich bezüglich der Getreidepreise relativ eindeutige Zyklen von etwa dreizehn Jahren ausmachen ließen, stelle sich die Entwicklung der jährlichen Produktionskapazitäten bei weitem unregelmäßiger und schnelllebiger dar. Ausgehend von diesem Ergebnis skizzierte Demade Erklärungsansätze für die auf den ersten Blick scheinbar fehlende Beziehung zwischen Preis- und Produktionsentwicklung im vormodernen Nürnberg. Die Preiszyklen könnten nach Ansicht von Demade nicht – im Sinne der klassischen Ökonomie – als ein gewissermaßen natürliches Phänomen verstanden werden. Vielmehr seien sie die Resultanten der zeitspezifischen Einschränkungen von Produktion und Konsum, die insbesondere durch das ökonomische System des Feudalismus im Allgemeinen und dessen oligopolistischen Charakter im Besonderen bestimmt wurden.
Dr. Rengenier C. Rittersma (European University Florence) widmete sich in seinem Vortrag der Kulturgeschichte der Trüffeln im frühneuzeitlichen Europa. Er hinterfragte einerseits die konkreten „Ursachen und Hintergründe der Trüffelangst in Jacobus Meydenbachs Ortus sanitatis (1491)“, und skizzierte andererseits über den Begriff des „Trüffeläquators“ die unterschiedlichen Konsum- und Aneignungspraktiken im Umgang mit Trüffeln in Nord- und Südeuropa. Rittersma kritisierte in diesem Zusammenhang traditionelle Forschungsmeinungen, nach denen es im mittelalterlichen Europa generell kaum Interesse an Trüffeln gegeben habe, und zeichnete ein weit differenzierteres Bild des vormodernen Trüffelkonsums. Es scheint in diesem Zusammenhang, so Rittersma, eine geographische Bruchlinie innerhalb Europas, und zwar entlang der Alpen, gegeben zu haben. Während die Trüffeln im Süden Europas schon seit dem Mittelalter und der Renaissance als Delikatesse galten, existierte nördlich der Alpen noch längere Zeit ein verstärktes Misstrauen gegenüber der unterirdischen Pilzsorte. Unter anderem mit dem Verweis auf die Tatsache, dass (zumindest heutzutage) in Nordeuropa vorwiegend rote oder rötliche Trüffelsorten vorkommen, erörterte Rittersma daran anschließend die Möglichkeit, dass nicht etwa die Überlieferung der botanisch-medizinischen Traktatliteratur allein, sondern auch eine eigentümliche Wahrnehmung die Grundlage für die zumeist negative Beurteilung der Trüffeln im deutschsprachigen Raum gewesen sein könnte. Erstaunlich sei dann nicht nur die spezifisch „deutsche Wahrnehmung“ der Trüffeln, sondern auch die Langlebigkeit dieses Trüffelbildes im Norden Europas bis ins 18. Jahrhundert hinein, als viele Gebiete Südeuropas schon längst in den Bann des Trüffelfiebers geraten wären.
In seinem Vortrag „Zur Aneignung der neuen Kolonialwaren in Dresdner Praktiken und deutschsprachigen Diskursen vom späten 17. bis zum 19. Jahrhundert” stellte Christian Hochmuth (Technische Universität Dresden) Aspekte seines laufenden Dissertationsprojekt vor. Neben der Wahrnehmung überseeischer Waren auf der diskursiven Ebene standen dabei die spezifischen Probleme im Mittelpunkt, vor die frühneuzeitliche städtische Gemeinschaften durch das Bekanntwerden und die zunehmende Verbreitung überseeischer Waren gestellt wurden. Schon allein mit Blick auf den deutschsprachigen und nicht allein auf die Residenzstadt Dresden beschränkten Diskurs zeige sich, so Hochmuth, der lange Zeit umstrittene Status der überseeischen Waren. Neben vielfältigen Diskussionen über mögliche Nebenwirkungen waren es dabei vor allem Fragen nach der Herkunft der neuartigen Güter, die den Diskurs bestimmten. Im innerstädtischen Bereich offenbarte sich demgegenüber der kontroverse Charakter von Zucker, Tee, Kaffee, Tabak oder Schokolade vor allen Dingen in den vielfältigen Auseinandersetzungen darüber, welche Gruppe von Händlern diese neuen Waren verkaufen durfte. Auf der politischen Ebene erachteten die landesherrliche wie auch die städtische Obrigkeit zudem die weitreichende Ausbreitung des Kaffeekonsums als Problem. Nicht allein der zunehmende Genuss von Kaffee durch die unteren Schichten wurde dabei von Seiten der Obrigkeit beklagt. Damit einher ging auch eine zumeist negative Bewertung der Kaffeehäuser als Hort des verbotenen Spiels, der besonderer policeylicher Aufsicht bedürfe. Hochmuth betonte somit gerade die ordnungssprengenden und konfliktuösen Aspekte des innerstädtischen Kaffeekonsums und der Kaffeehäuser im Gegensatz zu früheren Forschungsmeinungen, die Kaffee einen eher ordnungsstiftenden Charakter zuwiesen, oder den Kaffeehäusern gar die Rolle eines Motors aufgeklärter Soziabilität zukommen lassen.
Die anschließende Diskussion griff Fragen nach oligopolistischen Marktmodellen für die Wirtschaftsgeschichte, nach dem Zeitpunkt des Auftretens und der Wirkungsmacht von Kaffeehäusern sowie nach unterschiedlichen Praktiken bei der Suche nach und dem Konsum von Trüffeln auf.
Die von Ferdinand Kramer moderierte zweite Sektion “Haus und Regiment” befasste sich mit vormodernen Formen der Verwaltung und Friedenssicherung. Das thematische Spektrum reichte dabei von der den eigentlichen Untersuchungsraum des Workshops transzendierenden Kolonialadministration über die Territorialverwaltung eines Landadligen bis zur Bedeutung des Hauses als ordnungsstiftende Institution.
“Der wirtschaftliche und militärische Misserfolg der Welser als Verwalter Venezuelas (1528-1556)” war das Thema des vornehmlich an der bisherigen Forschung orientierten Vortrags von Josef Bordat (Technische Universität Berlin). Die Welser waren im Gegensatz zu den Fuggern nicht nur als Geldgeber, sondern auch aktiv an der Exploration und Verwaltung der Neuen Welt beteiligt, nachdem ihnen Karl V. 1528 die Verwaltung Venezuelas übertragen hatte; verbunden mit dem Handelsmonopol auf den lukrativen Märkten für Sklaven, Gold, Perlen, Farbstoffe, Edelhölzer und Arzneimittel. Ausgehend von diesen weitreichenden Privilegien der Welser in Venezuela versuchte Bordat zu klären, warum es ihnen trotz der nahezu idealen Ausgangsbedingungen nicht gelang, entsprechende Profite aus ihrem Unternehmen zu ziehen. Während, so Bordat, ältere Forschungen zumeist den militärischen Misserfolg betonen, zeigen neuere Arbeiten, dass auch die Handelsaktivitäten weit weniger lukrativ waren als angenommen. Als maßgeblichen Grund für den Fehlschlag der Welser in Venezuela betonte Bordat die allmähliche Vernachlässigung des Handels zugunsten einer Militarisierung der Welser-Verwaltung seit Mitte der 1530er Jahre, also die Verlagerung von wirtschaftlichen auf stärker an Eroberungen ausgerichteten Interessen. Hintergrund der Aufgabe des Kerngeschäfts Handel zugunsten von Conquistas sei der Traum von „El Dorado“ gewesen, bestärkt durch Berichte über ein sagenhaftes Goldreich nach der Eroberung Perus durch Pizarro (1532). Die Zentrale der Welser in Augsburg habe zudem nur in seltensten Fällen die Möglichkeiten gehabt, einem eigenmächtigen Vorgehen ihrer Vertreter vor Ort vorzubeugen. Ein Vergleich der Verwaltungspraxis der Welser-Faktoren mit der Encomienda-Praxis in Peru, durch die sich die Conquistadores allmählich von der Krone und damit ebenfalls vom politischen Machtzentrum zu lösen begannen, scheine daher für die zukünftige Forschung fruchtbar zu sein. In diesem Zusammenhang könnte allerdings, so Bordat, die eher spärliche Quellenlage zur Welser-Verwaltung in Venezuela ein nicht unwesentliches Problem darstellen.
Am Beispiel der „Tagebücher und Ausgabenregister des Freiherrn von Pemler (1718-1772)“ analysierte Dr. Barbara Kink (Ludwig-Maximilians-Universität München) „adelige Lebenswelten in Altbayern“. Auf der Grundlage von umfangreichem autobiographischem Material lieferte sie weitreichende Einblicke in die Vorstellungswelt und in den Alltag eines Landadligen. So spiegle sich auch in den Selbstzeugnissen des Freiherrn die enorme Bedeutung der Familie und des Geschlechts bzw. des Hauses wider, die den identitätsstiftenden Bezugsrahmen des Adels darstellten. Gleichwohl diese Beobachtung im Großen und Ganzen mit der älteren Forschung übereinstimme, offenbarten sich nach Ansicht von Kink auch Facetten im Alltagsleben des Freiherrn von Pemler, die beispielsweise nicht dem gängigen Klischee des prasssüchtigen und hochverschuldeten Adligen entsprächen. So zeigte sich der bayerische Adlige mit der akribischen Führung seiner Ausgabenlisten und der strikten Budgetierung als verantwortungsvoller Haushaltsvorstand. Trotz des Zwanges zur Repräsentation lebte er somit nicht über seine finanziellen Verhältnisse. Zudem könne die Vorstellung eines selbstgenügsamen und wirtschaftlich autarken „ganzen Hauses“, wie es normativ in der Hausväterliteratur entworfen wurde, für den Pemlerschen Haushalt in den Bereich der Mythen verwiesen werden. Der Haushalt des Freiherrn war aufgrund der notwendigen Erlöse aus dem Verkauf des angebauten Getreides, vor allem aber aufgrund seines Warenbedarfs immer eng mit der Wirtschaft des Alten Reichs verknüpft, und band so den eigenen Alltag in überregionale Zusammenhänge ein.
Mit ihrem Vortrag „Das Haus und sein Frieden: Zur Bedeutung des Hauses als Ordnungs- und Friedensinstitution im 18. Jahrhundert“ diskutierte Dr. Inken Schmidt-Voges (Universität Osnabrück) ein auf den ersten Blick weitgehend bearbeitetes Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft. Noch immer scheinen in diesem Zusammenhang jene traditionellen Forschungspositionen vorherrschende Geltung zu haben, nach denen im 18. Jahrhundert das ‚Haus’ als Ordnungsmodell der alteuropäischen Ständegesellschaft allmählich verschwindet, und vor dessen Niedergang sich die bürgerliche Kernfamilie als kleinste soziale Einheit der bürgerlichen Gesellschaft etabliert. Es könne aber, so Schmidt-Voges, nicht darum gehen, eine Fortschreibung dieser bislang zumeist rechtshistorisch ausgerichteten Arbeiten und ihrer Ergebnisse in den Blick zu nehmen. Vielmehr müsse die Beschäftigung mit dem ‚Haus’ als Ordnungsmodell zu einer Kulturgeschichte des Hausfriedens in der Frühen Neuzeit erweitert werden, die Norm und Praxis, Wissen und Anwendung analysiert und aufeinander bezieht. Ausgehend von dieser Überlegung und über einen stärker kulturhistorisch orientierten Zugang kommt Schmidt-Voges dabei zu Beobachtungen, die quer zu den traditionellen Forschungsmeinungen stehen. Sie betont demgegenüber, dass der Hausfrieden gerade im ausgehenden 18. Jahrhundert sowohl im gesellschaftstheoretischen Denken als auch in der Verordnungspolitik eine Renaissance erlebte, die ihn als Teil, ja gar als Kern eines bürgerlichen Gesellschaftsentwurfes reformulierte. Und entgegen dem ersten Augenschein nahm dieser Haus- und Hausfriedensbegriff die traditionellen Hauskonzepte der Hausväterliteratur auf, und band sie in die entstehenden ‚Staatsbürgerkonzepte’ ein. Gerade bei der Analyse des Hausfriedens in einer Zeit, die bisher als Übergangsphase von dem alten, ständischen Konzept des Hauses zum neuen, bürgerlichen Modell der Familie angesehen wurde, wird daher nach Ansicht von Schmidt-Voges zu fragen sein, ob beide Entwürfe nicht eher in einem funktionalen Zusammenhang zu sehen sind als in einem konsekutiven.
Die Diskussion der Sektionsbeiträge erörterte unter anderem das Problem der schlechten Quellenlage zur Welser-Verwaltung in Venezuela, die Frage nach der Repräsentativität des Alltags des Freiherrn von Pemler sowie die obrigkeitliche Überwachung des Hausfriedens im 18. Jahrhundert.
Die erste Sektion des Nachmittags unter der Leitung von Beat Kümin beschäftigte sich mit vormodernen „Confessional Cultures“. Sie rückte damit die in der Frühneuzeitforschung stark hervortretende Bedeutung der Religion im Allgemeinen und der Konfession im Besonderen in den Blickpunkt. Insbesondere standen Aspekte der konfessionellen Grenzen und ihrer Überschreitung einerseits, wie auch Überlegungen zur Beziehung von Religion und Politik im Fokus der Präsentationen. Der ursprünglich ebenfalls eingeplante Vortrag von Prof. Dr. Susan Boettcher (University of Texas) mit dem Titel „The Conception of the “Other” in Late Sixteenth-Century Lutheran Preaching” musste aus Krankheitsgründen leider entfallen.
Zunächst stellte Katharina Beiergrößlein (Universität Bayreuth) ihr Dissertationsprojekt mit dem Titel „Robert Barnes (1495-1540): Biographie und politisches Wirken in England und Deutschland“ vor. Der Schwerpunkt der Studie liegt dabei auf den 1530er Jahren und wird insbesondere Robert Barnes’ Rolle im Rahmen der Außenpolitik Thomas Cromwells in den Blick nehmen. Beiergrößlein betonte, dass Barnes in den meisten Überblickswerken zur Reformation in England nur am Rande als Luthers Freund und Tischgenosse, Cromwells Protegé oder aber Heinrichs Gesandter und Märtyrer erwähnt werde. Zudem stehe eine intensivere geschichtswissenschaftliche Untersuchung zu Barnes Leben und Wirken noch aus. Nicht zu unterschätzen, so Beiergrößlein weiter, sei aber Barnes’ Rolle im Zuge der englisch-schmalkaldischen Bündnisverhandlungen. Denn spätestens seit dem Sommer 1535 schien Heinrich VIII. und Thomas Cromwell die Bedeutung von Barnes’ Kontakten zu den Wittenberger Theologen und ihrem Landesvater Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen für ihr Vorhaben, Verbündete unter den protestantischen deutschen Fürsten zu gewinnen, bewusst gewesen zu sein. So fungierte Barnes in der Folgezeit nicht selten als offizieller Gesandter. Im Rahmen der Dissertationsstudie soll es deshalb nach Beiergrößlein insbesondere darum gehen, die Rolle von Robert Barnes als „go-between“ zwischen England und Deutschland auf der Ebene der englisch-schmalkaldischen Bündnisverhandlungen zu beleuchten. Darüber hinaus soll erörtert werden, inwieweit Barnes, der sowohl mit den in England diskutierten reformatorischen Ideen, als auch mit der Gedankenwelt der Wittenberger Theologen vertraut war, eine Mittlerrolle bei den Gesprächen über eine Einigung in der Religionsfrage zukam.
Der zweite Vortrag der Sektion war dem Dissertationsthema von Heike Bock (Universität Luzern) mit dem Titel „Conversion and Confession: Transgressing Confessional Boundaries in Early Modern Zurich and Lucerne“ gewidmet. Mit inner-christlichen Konfessionswechseln akzentuierte Bock ein nicht nur religiöses, sondern auch gesellschaftliches Problem zu einer Zeit, in der gerade die Frage nach der Konfession eine fundamentale Rolle für europäische Gesellschaften spielte. Unabhängig von den Gemeinsamkeiten bezüglich der zentralen und herausgehobenen Stellung der beiden Städte Zürich und Luzern sei laut Bock der Charakter der Konfessionswechsel in beiden städtischen Gemeinwesen sehr verschieden gewesen. Im reformierten Zürich erscheinen Konfessionswechsel als ein gewissermaßen internationales Phänomen, da Konvertierte und Konversionswillige aus vielen Gebieten Europas in Zürich Zuflucht suchten. Nicht selten wurden deshalb Proselyten schon nach kurzer Zeit wieder von der Zürcher Obrigkeit an andere protestantische Gebiete weiter verwiesen. Demgegenüber waren Konfessionswechsel im katholischen Luzern eine auf den eidgenössischen Raum begrenzte Erscheinung. Die Gründe liegen nach Ansicht von Bock vor allem in der defensiven Position der reformierten Kirche in Europa, die eine überregionale Solidarität beförderte. Gewisse Gemeinsamkeiten seien aber auch nicht von der Hand zu weisen. So stieß die Bereitschaft zur Unterstützung der Konvertierten in beiden Städten an seine Grenzen, sobald die ökonomischen Konsequenzen für die Hilfeleistungen zu schwerwiegend wurden. Darüber hinaus sei auch die individuelle Lage der Konvertierten zumindest ähnlich gewesen, da diese in beiden Fällen dem Risiko der Ausgrenzung, nicht selten offen entgegnetem Misstrauen oder schlicht materiellen Existenzsorgen vor Ort ausgesetzt waren.
Im Rahmen der Diskussion im Anschluss an die Vortäge wurden die Gründe für die Konfessionswechsel sowie der Niederschlag der Konfessionswechsel in den verschiedensten Quellentypen thematisiert.
Die vierte und letzte Sektion „Body and Health“, moderiert von Claudia Stein, griff mit der Medizingeschichte einen der neueren Trends innerhalb der historischen Kulturwissenschaften auf. Die einzelnen Vorträge offenbarten in diesem Zusammenhang die – bezogen auf die konkreten Untersuchungsfelder – vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten medizinhistorischer Zugänge. Neben städtischen Gemeinwesen wurden einzelne soziale Gruppen sowie der menschliche Körper oder die Person des Anatomen selbst in den Blick genommen.
Zunächst stellte Mariusz Horanin (Max-Planck-Institut Göttingen) in einem Werkstattbericht sein Dissertationsprojekt über die „Soziale Konstruktion der Pest in der Augsburger Stadtgesellschaft in der Frühen Neuzeit“ vor. Horanin betonte, dass Krankheiten im Allgemeinen und Seuchen im Besonderen nicht nur als naturgeschichtliche Phänomene zu betrachten sind, sondern in jeder Epoche kulturell konstruiert werden. Daraus ergebe sich die Feststellung, dass die kulturspezifischen Wahrnehmungsmuster immer entscheidend mitbestimmen, wie eine spezifische Krankheit gedeutet werden kann, denn auf diesen aufbauend entstünden Diskurse, Handlungsstrategien und Institutionen, mit deren Hilfe Individuen und soziale Gruppen versuchen, sich mit der Krankheit auseinander zu setzen. Für die Vormoderne könne der Prozess der kulturellen Konstruktion von Krankheiten am besten am Beispiel der Pest verfolgt werden, weil in diesem Fall die größte Anzahl von Akteuren verschiedenster Gruppen und sozialer Schichten betroffen sei und somit die angesprochenen Konstruktionsprozesse aus vielfältigen Perspektiven beleuchtet werden könnten. Die Untersuchung werde dabei, so Horanin, sowohl die diskursive Ebene über die Analyse von medizinischen Handbüchern und Pesttraktaten, als auch Aspekte der individuellen und städtischen Memoria-Praxis über die Untersuchung von Chroniken und weiteren Selbstzeugnissen, und schließlich Quellen der Handlungsspraxis wie Verordnungen zur Pestabwehr in den Blick nehmen.
Sebastian Pranghofer (University of Durham) befasste sich in seinem Vortrag mit einem Teilaspekt seines Dissertationsvorhabens, in dem es um die Wissensproduktion im anatomischen Diskurs des 17. und 18. Jahrhunderts geht. Am Beispiel des „Frontispiece of Stephen Blannkart’s Nieuw-hervormde anatomia (1678)“ veranschaulichte Pranghofer, dass solche Formen der Wissensproduktion nicht etwa durch die normative Kraft des Körpers bestimmt sind, sondern eben dieser erst durch die diskursiven Formationen hervorgebracht und konstruiert wird. Dabei ging es ihm nicht einfach darum, diese bildliche Darstellung als Dokument einer historisch-spezifischen Praxis zu beschreiben. Vielmehr akzentuierte er dessen Bedeutung und Funktion bei der Konstruktion einer individuellen und professionellen Identität der Anatomen. So mache das Frontispiz auf eindrückliche Weise die Ambivalenz des anatomischen Diskurses über den menschlichen Körper deutlich. Zentral sei dabei das Motiv der Menschenhaut auf dem Frontispiz, auf der sich das Gesicht von Blankaart, neben seiner hervorgehobenen Stellung in der Mitte des anatomischen Theaters, abermals wiederfindet. Dieses scheinbar besonders starke Legitimierungsbedürfnis von Blankaart könne dadurch erklärt werden, dass dieser eben nicht in einer Position war, die es ihm erlaubt hätte, im anatomischen Theater der Amsterdamer Ärzte- und Chirurgengilde öffentlich zu sezieren. Ob er mit dieser ökonomischen bzw. sozialen Motivation Erfolge hatte, oder ob diese Illustration weitreichende Kontroversen hervorrief, bleibe aber zunächst unklar.
Im letzten Vortrag des Workshops stellte Gabrielle Robilliard (University of Warwick) ihr Dissertationsvorhaben zu „Midwives in Early Modern Germany“ am Beispiel der Stadt Leipzig vor. Anhand von Bestallungsbriefen, Bittschriften, Gutachten und Berichten der kommunalen Verwaltung seit dem späten 17. Jahrhundert, aber auch über die Strafakten des Leipziger Stadtgerichts versuchte Robilliard, die sozial-beruflichen Netzwerke der Hebammen, die Vermittlungswege von Wissen rund um die Geburt, sowie die Wahrnehmungen des weiblichen Körpers und des Geburtsvorgangs zu rekonstruieren. Im vormodernen Leipzig galten Hebammen als Überwachungsinstrumente der Kommune, die nicht nur medizinischen Beistand und Rat leisteten, sondern auch dafür zu sorgen hatten, dass die von der Obrigkeit gesetzten Geburtsrituale und das Seelenheil des Kindes berücksichtigt wurden. Gleichwohl wurden, so Robilliard mit Fokus auf die Leipziger Strafakten, geschworene Hebammen vor Gericht normalerweise nicht als Expertzeuginnen befragt. Aussagen von Hebammen finden sich meist nur dann, wenn sie selbst als Augenzeuginnen auftraten. Die wenigen Aussagen von Hebammen als Expertzeuginnen (so in Fällen von Kindesmord) weisen allerdings im Vergleich zu denen der Ärzte und Chirurgen sowohl förmliche als auch inhaltliche Unterschiede auf. So durften sich Hebammen in diesen Fällen auch auf ihr empirisches Wissen stützen, was dafür spricht, dass Hebammen noch lange Zeit als die Autorität für alle Angelegenheiten rund um den Geburtsvorgang galten. Inwieweit sich in diesem Zusammenhang die Stellung und Identität der Hebammen im Laufe des 18. Jahrhunderts änderte, und inwieweit die medizinisch-naturphilosophischen Entwicklungen damit in Verbindung stehen, müsse die weitere Forschungsarbeit zeigen.
Die sich an die Vorträge anschließende Diskussion behandelte Fragen zur Bedeutung von Stadtnetzwerken für die soziale Konstruktion der Pest, zur Wissensvermittlung im Rahmen des anatomischen Diskurses sowie zur kollektiven Identität von Hebammen in vormodernen Stadtgesellschaften.
Die Abschlussdiskussion des sicherlich als gelungen zu bewertenden Workshops erörterte neben allgemeinen Fragen nach der Standortwahl und der Konzeption des Workshops auch Überlegungen zu den aktuellen Forschungsfeldern der Geschichtswissenschaft. Es blieb in diesem Zusammenhang ungeklärt, ob der allerorts – so auch im Rahmen des Workshops – zu beobachtende Trend hin zu neueren Ansätzen im Rahmen einer historischen Kulturwissenschaft anhalten und die traditionellen Forschungsfelder der Politik-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zunehmend in den Hintergrund drängen werde. Zudem war das weitgehende Fehlen von Historikern mit der Muttersprache Englisch auffällig; ein Umstand, der sich wohl nicht allein auf die diesjährige Standortwahl für den Workshop on Early Modern German History zurückführen lässt, sondern vielleicht auch mit immer größer werdenden Hemmungen englischer Nachwuchswissenschaftler in Bezug auf den Umgang mit Fremdsprachen zusammenhängt.
| Kontakt: | Prof. Dr. Ferdinand Kramer (Ludwig-Maximilians-Universität München), ferdinand.kramer PD Dr. Beat Kümin (University of Warwick), b.kumin Dr. Michael Schaich (DHI London), schaich Dr. Claudia Stein (University of Warwick), claudia.stein |
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