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Underground Publishing and the Public Sphere: Comparative and Transnational Perspectives

12.11.2006 Lindenberger, Thomas <lindenbergerrz.uni-potsdam.de>Clio-online Forscher/innen-Verzeichnis
 
Veranstalter:Wissenschaftszentrum Berlin in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (Jan C. Behrends, Franz Mauelshagen, Thomas Lindenberger)
Datum, Ort:27.07.2006-29.07.2006, Berlin

Bericht von:
Steffen Hennicke, Paulina Gulinska-Jurgiel, Thomas Lindenberger

Frühmoderne Monarchien in Europa wie autoritäre Regime des 19. und 20. Jahrhunderts strebten nach einer weitgehenden Kontrolle der Öffentlichkeit. Um dieses Ziel zu erreichen, bedienten sie sich der Zensur und setzten die Agenturen ihrer politischen Polizei gegen die jeweilige Opposition und andere nonkonformistische Gruppen ein, die sich mit einer staatlichen Kontrolle der Öffentlichkeit nicht abfinden wollten. Die Tagung „Underground Publishing and the Public Sphere: Comparative and Transnational Perspectives“ ging von der Überlegung aus, dass in den ständischen Monarchien des frühmodernen Europas, in modernen Diktaturen ebenso wie in anderen Formen autoritärer oder suppressiver Herrschaft (z.B. Apartheid in Südafrika) jeweils spezifische Formen von Untergrundliteratur entstanden, und dass dieser Untergrundliteratur und dem sie umspannenden Gewebe von Diskursen und Netzwerken eine weit über die geringe Auflagenzahlen hinausgehende Bedeutung zukam.

Nicht zuletzt angestoßen durch die internationale Rezeption von Jürgen Habermas’ klassischer Studie über den Strukturwandel der Öffentlichkeit hat sich die Untersuchung dieses Phänomens mittlerweile weit über den klassischen Topos von Zensur und Untergrundliteratur im vorrevolutionären Frankreich (siehe die grundlegenden Studien von Roger Chartier und Robert Darnton) hinaus entwickelt. Davon zeugte das reichhaltige Programm dieser Tagung, deren zeiträumliches Spektrum von der frühen Neuzeit außerhalb Frankreichs über das zaristische Russland und seine Peripherie bis hin zu den kommunistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts und verschiedenen autoritären Staaten der kapitalistischen Welt reichten. Die bisweilen verwirrende Vielfalt der Themen, Zeiten und Räume zeigte an, dass es hier vorrangig um erste Versuche ging, dieses Phänomen in einer international vergleichenden Perspektive zu diskutieren, und lieber dem Einzelfall in seiner je historischen Eigenart Gerechtigkeit zu Teil werden zu lassen, als ihre Unterschiede durch vorschnelle Synthesen einzuebnen.

Den Auftakt bildeten zwei Sektionen zum vorrevolutionären Europa. Philipp Soergel (Maryland) referierte zu Modes of Censorship und die Ausbreitung inoffizieller Publikationen in England seit dem 16. Jahrhundert. Anhand der englischen Rechtspraxis argumentierte er gegen die konventionelle Auffassung einer in erster Linie aus der katholischen Inquisition herrührenden und daher spezifisch katholischen Praxis von Zensur und Untergrundliteratur. Brendan Dooley (Bremen) behandelte den „information underground“ im frühneuzeitlichen Italien, der sich mit den ausgedehnten Netzwerken von Kaufleuten und Handelsreisenden entwickelte. Untergründiger Austausch von Informationen entwickelte sich demnach zusammen mit der Verdichtung der geschäftlichen Korrespondenz, deren Gegenstände, angetrieben durch Gewinnstreben und Neugierde, immer über die im engeren Sinne kaufmännischen Belange hinausgingen. Brian Cowan (McGill) stellte anhand des radikalen Politikers und Verlegers John Tutchin den Fall des Misslingens eines Versuchs dar, sich im England des frühen 18. Jahrhunderts als gesellschaftlich anerkannter Protagonist einer unabhängigen Öffentlichkeit zu etablieren. Angesichts der (oftmals auch physischen) Brutalität, mit der Tutchin und seine Gegner ihre Händel öffentlich austrugen, ließe sich dieser Fall auch, so Cowan, als Beispiel für eine scheiternde "Zivilisierung" bürgerlicher Verkehrsformen (etwa im Sinne Elias oder auch des Habermas'schen Strukturwandel der Öffentlichkeit) lesen. Alfred Messerli (Zürich) präsentierte die Ergebnisse einer mikrohistorischen Studie über einen schweizerischen Kolporteur im späten 18. Jahrhundert, der nach einer mehrmonatigen Vertriebsreise in Bern mitsamt seiner aus revolutionären Broschüren, Flugschriften und Porträts bestehenden Handelsware von den Behörden aufgegriffen worden war. Bemerkenswert waren vor allem die keineswegs klandestinen, sondern immer auf Duldung durch die lokalen Autoritäten bedachten Werbestrategien dieses Kolporteurs sowie die Bedeutungslosigkeit der Konfessionsunterschiede für seinen Geschäftserfolg.

Ein zweiter Block von Sektionen widmete sich der Zensurpraxis in der Peripherie des russischen Zarenreiches im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Jyrki Hakapäa (Helsinki) präsentierte Untersuchungsergebnisse zur Kontrolle des Buchhandels im zum russischen Reich gehörenden Großfürstentum Finnland vor. Daran waren sowohl Zensurbehörden in der russischen Metropole wie auch Vertreter der (schwedisch sprechenden) Elite in Finnland mit je eigenen Motiven beteiligt: Die Unterbindung politisch unerwünschter Informationen stellte dabei nur ein Motiv dar neben der volkspädagogischen Absicht, nur moralisch und religiös unbedenkliche Werke einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Daneben florierte ein Buchhandel mit erlaubter wie verbotener Literatur, der von eben jener Bildungselite toleriert und in Anspruch genommen wurde, die selbst an der Zensurpraxis beteiligt war. Ilkka Mäkinen (Tampere) fügte die Geschichte der Zensur der finnischsprachigen, auf die breite, zum Teil noch illeterate Bevölkerung bezogene Literatur in Finnland hinzu. Zwar gelang der Zensur, diese potentiellen Leser weitgehend von den Einflüssen der europäischen politischen Gedankenwelt abzuschirmen, zugleich entwickelte sich aber in der finnischen Gesellschaft eine von Erweckungsbewegungen getragene Gegenöffentlichkeit. Arvydas Pacevicius (Vilnius) beleuchtete die Zensurverhältnisse im ebenfalls zum russischen Zarenreich gehörigen Litauen des 19. Jahrhunderts. Hier spielte auf Grund der konfessionellen Verhältnisse die katholische Kirche und - aus russischer Sicht - der Einfluss der polnischen Elite eine zentrale Rolle. Repressive und präventive Zensur zielten nicht nur auf die Unterdrückung revolutionärer Schriften, sondern förderten zugleich eine Verselbständigung der litauischen Schriftkultur bis hin zur Einführung des russischen Alphabets. Ausra Navickiene (Vilnius) beschrieb anschließend den Schmuggel illegaler litauischer Literatur, für den besonders der Austausch mit dem zum liberaleren Preußen gehörenden Kleinlitauen von Bedeutung war. Dieser von Handelsreisenden aller Art nebenbei betriebene Buchimport trug erheblich zur Herausbildung der litauischen Nationalkultur bei.

Den zentralen Themenblock der Konferenz stellten die Sektionen über den literarischen und politischen Untergrund in kommunistischen Diktaturen dar. Mehrere Papiere vertieften einzelne Aspekte der Geschichte des sowjetischen Samizdat: Aile Möldre (Tallinn) skizzierte zwei Richtungen – die politische und die literarische - von Samizdat-Publikationen in Estland. Sie wies auf eine zeitliche Lücke in der literarischen oppositionellen Tätigkeit hin, die nach der Niederschlagung des aktiven Kampfes gegen die sowjetische Herrschaft in der Nachkriegszeit fast zwei Jahrzehnte dauerte. Erst die 1970er Jahre brachten die Entwicklung des estnischen Samizdats. A. Juskevich und S. Soldatov gründeten etliche Oppositionszeitschriften nicht nur in estnischer, sondern auch in russischer Sprache, um den Kontakt mit den sowjetischen Dissidenten zu initiieren und ein transnationales Oppositionsnetzwerk zu etablieren. Diese Publikationen konzentrierten sich v. a. auf die Verbreitung von Informationen und die Erweiterung kollektiver Autonomie. Da die Autoren aus konspirativen Gründen kaum die Möglichkeit hatten, breitere Kreisen der Gesellschaft für ihre Ideen zu gewinnen, wurden die Texte, was für alle Länder des ehemaligen Ostblocks charakteristisch war, über einen anderen Kanal, nämlich den Westen, kolportiert. Der Schmuggel hatte nicht nur das Ziel, die westlichen Regierungen mit Hilfe der estnischen Organisationen im Ausland für den politischen Einsatz zugunsten der baltischen Länder zu motivieren, sondern wirkte sich auch stimulierend und motivierend auf die Oppositionellen im Lande aus. Anschließend sprach Stanislav Savitsky (St. Petersburg) über die Kontinuitäten einer oppositionellen Publikationstätigkeit während des Bestehens der Sowjetunion (SU). Dabei hob er nicht nur die politische Bedeutung des Samizdats, sondern auch seine befreiende Rolle bei der Herauskristallisierung eines modernen Konzepts der russischen Geschichte sowie der russischen Identität hervor. Julie Draskoczy (Pittsburgh) thematisierte in ihrem Vortrag einen anderen, ebenfalls in der heterogenen Welt der sowjetischen Untergrundliteratur anzutreffenden und noch immer unterbelichteten Aspekt der Samizdat-Kultur in der SU, nämlich den Antisemitismus. Wenn es auch durchaus zu positiven Aussagen in Bezug auf Juden kam, lässt sich eine Reihe an negativen und feindlichen Äußerungen nicht ausklammern. Die antisemitischen Diskurse resultierten hierbei aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits fungierte Samizdat als ein Ort, an dem über die Zukunft des Landes sowie der russischen Nation diskutiert wurde. Die Nation konstituiere sich in der Abgrenzung zu den anderen Minderheiten (in der SU nicht nur von der jüdischen, aber auch ukrainischen, georgischen oder baltischen). Einen bedeutenden Beitrag zu ihrer Entwicklung leiste die Religion, was zusätzlich noch die Kluft zwischen Russen und Juden verstärkte. Auch die russische Ideengeschichte liefert genügend Beispiele für den Einsatz und die Instrumentalisierung des antisemitischen Diskurses. Darüber hinaus aber – und das gilt als das größte Paradoxon des Samizdats, welcher sich vom Prinzip her für die demokratischen Werte einsetzte – trug zum Antisemitismus die Auseinandersetzung mit Stalin nach dessen Tod bei. Auch wenn hier durchaus eine Auseinandersetzung mit dem dunklen Erbe des Stalinismus vorkam, wurden gleichzeitig manche der Stalinschen antisemitischen Argumente revitalisiert. Wolfgang Eichwede (Bremen) schloss den der SU gewidmeten Teil der Konferenz mit dem Vortrag „Biographies in dissent: the decision to publish in Samizdat“ ab, welcher auf den im Archiv der Forschungsstelle Osteuropas gesammelten Interviews mit den Samizdat-Autoren basierte. In dem Vortrag fand nicht nur die klassische Variante von Samizdat-Publikationen ihren Niederschlag. Eichwede sprach auch über dessen Vorformen, die auf einer mündlichen Überlieferung der verbotenen Werke basierten, die sonst keineswegs einem breiten Publikum zugänglich gewesen wären und ein breiteres Publikum nur durch die Weitergabe vom Mund zu Mund erreichten.

Die Entscheidung, im Untergrund zu publizieren, wurde oftmals nicht aus einem Entschluss zur oppositionellen Tätigkeit heraus getroffen. Die Autoren versuchten durchaus ihre Texte in den staatlichen Verlagen zu veröffentlichen, signalisierten dabei auch oft die Bereitschaft, die Texte umzuarbeiten und gingen so das Risiko ein, sie inhaltlich verstümmeln zu lassen. Nicht selten verlegten sie ihre Texte erst dann selbst und illegal, wenn es anders nicht mehr ging. In diesem Kontext wurden auch die Verbindungen zwischen der offiziell limitierten Kultur und dem Untergrund betont, mit dem Hinweis, dass 80% der Mitglieder des Bunds der Sowjetischen Schriftsteller in irgendeiner Form mit dem Samizdat zusammenarbeiteten. Es handelte sich somit hierbei nicht nur um eine Sphäre, die durch das sich der staatlichen Kontrolle Entziehen den Kampf gegen das kommunistische System aufnahm, sondern auch um ein Laboratorium allgemeiner gesellschaftlicher Diskussionen.

Die letzte Donnerstag-Sektion eröffnete eine Reihe an Vorträgen, die sich dem Samizdat in den Ländern Ostmitteleuropas unter dem Kommunismus zuwandten. Stefana Lamasanu (Montreal) analysierte einen Sonderfall von Samizdat am Beispiel von Rumänien. Im Land, wo das Regime die heftigsten Formen von Niederschlagung und Kontrolle jeglicher oppositionellen Tätigkeit im Ostblock entwickelte, durfte sich eine klassische Samizdat-Kultur nicht etablieren. Aus diesem Grund handelte die rumänische Opposition auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Die eine stellte die Werke der Dichter und Schriftsteller (Constantin Noica, Ana Blandiana) dar, die sich durch eine allegorische, symbolisch kodierte und dadurch nur für die Eingeweihten verständliche Sprache dem Regime zu entziehen versuchten. Die andere Ebene bildeten die Initiativen der rumänischen Exilanten (Paul Goma, Monica Lovinescu). Da jedoch die Zirkulation der Texte innerhalb des Landes so gut wie unmöglich war, erreichten sie die breiteren Kreise der rumänischen Gesellschaft hauptsächlich durch eine mündliche Überlieferung und nur selten in Form von Kopien. Nur Radiosendern gelang es, die dicht gesperrten Grenzen zu überschreiten. Radio Free Europe, welches den Werken rumänischer Dissidenten zu Verbreitung verhalf, trug erheblich dazu bei, eine Brücke zwischen den Oppositionellen in Rumänien und den Exilanten zu gründen und aufrechtzuerhalten. Anna Niedzwiedz (Krakau) beschrieb in ihrem Vortrag über „Religious and National Symbols in the Underground Iconography and Literature of Martial Law in Poland (1981-1983)“ wie unterdrückte oder inhaftierte Mitglieder der Solidarnosc illegale, politische Folklore, Ikonographie und Literatur auf einfachen Mitteln wie Briefmarken, Ansteckern oder Flugblättern produzierten. Anhand zahlreicher Illustrationen zeigte der Vortrag, wie sich dabei eine eigene kodierte Widerstandssprache entwickelte, die in ihren beiden Extremen entweder durch schwarzen Humor oder forciertes Pathos geprägt war. „Eine vergleichende und beziehungswissenschaftliche Analyse am Beispiel von Leipzig und Wroclaw“ unternahm Christian Lotz (Leipzig), der in einem laufenden Forschungsprojekt an der Universität Leipzig über den „Samizdat in der DDR und in Polen“ forscht. Das Referat ging der Frage nach, welche inhaltlichen und strukturellen Gemeinsamkeiten sowie Wechselbeziehungen zwischen dem polnischen und dem ostdeutschen Samizdat existierten. Inhaltlich fiel dabei eine gemeinsame Orientierung an Themen wie Frieden, Menschen- und Bürgerrechte ins Auge, gleichwohl auf der polnischen Seite die Nation eine zentralere Rolle spielte. Anhand von empirischen Erhebungen von Zeitschriften machte Lotz Aussagen über die Verbreitung von Samizdat, wobei Anzahl, Umfang und Auflage auf polnischer Seite fünf- bis achtfach so groß waren wie auf ostdeutscher Seite. Beziehungsgeschichtlich scheint die polnische „Zweite Öffentlichkeit“ der 1970er Jahre Vorbild für das ostdeutsche Pendant der 1980er Jahre gewesen zu sein. Christian Domnitz (Potsdam) erweiterte anschließend in seinem Vortrag über „The Ascent of ‚Europe’. Underground Narratives Entering Public Spheres of Socialism“ den Fokus auf die häufig vernachlässigte „offizielle Seite.“ Es zeigte sich, dass spezifische Themen und Diskurse des Untergrund-Samizdat, wie zum Beispiel Diskurse über Europa, in die Sphäre der offiziellen Presse gelangten. Das Auftauchen dieser Untergrundthemen in der offiziellen Presse war Indikator für das Aufbrechen des Meinungsmonopols wie auch der Transformation der staatssozialistischen Öffentlichkeit, in der in den späten 1980er Jahren nun in einem öffentlich und nicht mehr offiziell zu nennenden Rahmen über Entwürfe eines zukünftigen Europas diskutiert wurde.

Den Abschluss des Themenblocks über Samizdat bildete der einstündige Vortrag von Dietrich Beyrau (Tübingen) über „Arkansphären und Öffentlichkeiten in der sowjetischen Gesellschaft nach 1953.“ Beyrau skizzierte eine Typologie der sowjetischen Gesellschaft, um so einen Vergleich dieser mit den frühmodernen europäischen Gesellschaften und mit den modernen westeuropäischen bourgeoisen Öffentlichkeiten anzuregen. Vor dem Hintergrund der vier Hauptinterpretationsrichtungen der Geschichte der Sowjetunion – SU als Kontinuität der russischen Geschichte, Modernisierung der sowjetischen Gesellschaft, SU als Teil der Moderne oder Alternative dazu und kulturelles Totalitarismusparadigma – trug Beyrau eine Kategorisierung der verschiedenen Öffentlichkeiten in der SU vor. Festzuhalten bleibt, wie sich nach dem Tod Stalins langsam eine „private sphere“, beispielsweise in den Plattenbauten entwickelte, in der eine große Anzahl von Subkulturen entstanden, deren Kontrolle zunehmend erfolglos blieb. Glasnost schließlich invertierte gleichsam die Öffentlichkeit, indem das, was zunächst nur im privaten Bereich im Geheimen geäußert worden war, nun in die offizielle Öffentlichkeit drang und dagegen alles zuvor Offizielle stigmatisiert wurde.

Die beiden letzten Themenblöcke der Konferenz öffneten den Blick auf die Untergrundliteratur für globale Dimensionen. Einen zeitlich weiten Bogen schlug der Vortrag „Tamizdat: Independent Media Crossing Borders from Ancien Régime to Today’s Europe“, von Friederike Kind (Potsdam) und Jessie Labov (Stanford). In einem vergleichenden Ansatz wurden die beiden Phänomene Samizdat, als Untergrundpublikation in der Sowjetunion, und Tamizdat, als im Ausland aufgelegte Untergrundliteratur, in Beziehung gesetzt. Die Muster von Tamizdat fanden sich bereits zur Zeit des Ancien Régimes, als verbotene Literatur im großen Stile über die Grenze in das vorrevolutionäre Frankreich geschmuggelt wurde. Während des Kalten Krieges trug Tamizdat zur Annäherung der Intellektuellen und der Gesellschaften dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs bei, indem er einen „gemeinsamen Markt des Geistes“ zwischen Ost und West schuf und sowohl gemeinsame kulturelle Kontakte als auch eine nicht-offizielle Gegenkultur förderte. Insbesondere in gesellschaftlicher Perspektive konnten transnationale Verlags- und Rundfunkprojekte die verschiedenen intellektuellen Gemeinschaften Europas in einer neuen transnationalen diskursiven Sphäre zusammenbringen.

Mit dem chinesischen Kulturraum und der Struktur der chinesischen Öffentlichkeit beschäftigte sich Lorenz Bichler (Heidelberg), der einige Ideen zu den „Dimensions of Chinese Underground Publishing“ vortrug. In Zusammenhang mit dem für die europäische Geschichtswissenschaft ungewöhnlichen Raum China verwies Bichler auf die Tendenz, Erfolg in der Geschichte mit Erfolg in der Historiografie gleichzusetzen. Samizdat in anderen Erdteilen werde häufig vernachlässigt, da dort der Erfolg von Samzidat bezüglich des Zusammenbruchs totalitärer Herrschaftssysteme weniger offensichtlich erscheint, als in Mittel- und Osteuropa. Auch Liliana Ruth Feierstein (Buenos Aires) verließ thematisch Europa in ihrem Vortrag über „Marranos under the Southern Cross: The Jewish Resistance Press During the Military Dictatorship in Argentina (1976-1983)“. Am Beispiel der Zeitschrift „Nueva Presencia“ (1978-1987), ein von der jüdischen Gemeinde in Argentinien gegründetes Widerstandsblatt, gab sie einen Einblick in die verschiedenen literarischen und journalistischen Methoden und Strategien, mit denen die Zensur der Militärdiktatur umgangen werden sollte. Dazu gehörten beispielsweise die Fabrikation von vorgeblichen Polemiken zwischen verschiedenen Gemeinden, die aber letztlich Spiegelbild der nationalen Situation waren oder vermehrte Beiträge von Gastautoren, die thematisch zunächst nichts mit dem ursprünglichen Zweck der Zeitschrift zu tun hatten. Dem Blatt kam dabei die Vorsicht der Militärregierung zugute, die aus Sorge vor möglichen Reaktionen einflussreicher jüdischer Gemeinden außerhalb Argentiniens, eine kompromisslose Konfrontation vermied.

Im zweiten Themenblock richtete Stephan Keller (Zürich) unter der Überschrift „(Buch-)Zensur und Untergrundliteratur in der Schweiz 1939-1945“ wiederum den Blick auf die „offizielle“ Seite. Die dem Vortrag zugrunde liegende These lautete, dass die Schweiz zwischen 1939 und 1945 integraler Bestandteil der deutschsprachigen Öffentlichkeit war und die in der neutralen Schweiz aus Angst vor Unruhen ausgeübte Zensur erst eine Untergrundliteratur entstehen ließ. Dabei bewegte sich die Rechtfertigung zur Zensur zwischen der Forderung nach einer Gesinnungsneutralität, d.h. Unterdrückung von NS-Kritik, instrumenteller Notrechtsmaßnahmen gegen die Presse sowie zwischen Liberalismus und autoritärer Staatsräson im Bereich der Medienpolitik, immer mit dem Ziel, durch Aufgabe „kleinerer“ Freiheiten, die „große“ Freiheit zu wahren. Die derart eingeschränkte Meinungsfreiheit ließ in der Folge eine Untergrundliteratur entstehen, die Keller in antinazistischem Schrifttum, antidemokratischen, pronazistischen Schriften sowie Schriften der Emigration klassifizierte.

Die letzten beiden Vorträge befassten sich mit Untergrundliteratur gegen das Apartheid-Regime in Südafrika und legten den Schwerpunkt auf Machtstrukturen innerhalb der Produktionsseite von Untergrundliteratur. Rudi Venter (Pretoria) behandelte die oppositionellen Printmedien in Südafrika in den 1970er und 1980er Jahren in seinem Forschungsprojekt mit dem Titel „Inventing an Alternative by Oppositional/Underground Publishing: Afrikaans Alternative Media and Publishing during Apartheid South Africa – Taurus (1975-1991) and Vrye Weekblad (1988-1994) as Case Studies“. Die institutionelle Speerspitze unabhängiger Anti-Apartheid Medien waren in dieser Zeit das Verlagshaus „Taurus“ und das afrikaanse Wochenblatt „Vrye Weekblad“. Francis Galloway (Pretoria) nahm sich im Anschluss in ihrem Vortrag über „Publishing the Dissident Voice in Apartheid South Africa” des konkreten Beispiels der “Publishing History of Breyten Breytenbach“ an. In den 1960er Jahren stand Breytenbach an der Spitze einer literarischen Bewegung, die begann, grundlegend mit literarischen, moralischen und politischen Konvention des Establishments zu brechen. Fast zufällig, als seiner vietnamesischen Ehefrau die Einreise nach Südafrika aufgrund des Gesetzes gegen gemischte Ehen verweigert worden war, wurde Breytenbach ein Sprachrohr der Bewegung gegen das Apartheid-Regime in Südafrika. Nach sieben Jahren Gefängnis dominierten seine Schriften in den 1980er Jahren die literarische Szene in Südafrika, veröffentlicht im Verlagshaus Taurus.

Es war nicht leicht, das umfangreiche Tagungsprogramm in einer gemeinsamen Abschlussdiskussion zusammenzufassen. Deutlich war die Vielfalt der möglichen Varianten von „underground publishing“ geworden. Dies zeigte auch der resümierende Definitionsversuch von Thomas Lindenberger, der Untergrundpublizistik umschrieb als eine illegale Tätigkeit, die sich in der Regel an eine kleine, mit persönlichen Beziehungen verbundene Gruppe von Lesern, in bestimmten Situationen aber auch an ein anonymes Massenpublikum richtet, wobei der Raum des Untergründigen unscharfe Grenzen aufweist und sich mit anderen Sphären – durchaus auch der „offiziellen“ Sphäre – überschneiden kann. In jedem Fall berührt diese Tätigkeit die hegemonialen Verhältnisse in einer gegebenen Gesellschaft. Die Konferenz zeigte dabei auf, wie disparat die historischen Kontexte waren, in denen Untergrundliteratur eine herausragende Rolle spielte.

Viele der Konferenzbeiträge stellten die Bedeutung der ästhetischen, formalen und technischen Dimension der Untergrunderzeugnisse heraus. Sie ist nicht lediglich als Beiwerk oder Instrument rein politischer Informationen zu sehen, sondern hatte auch eine eigene repräsentative Funktion, die im Verhältnis von schreibenden und verlegenden Produzenten und Lesern kodiert und dekodiert werden mussten. Ebenso war gemäß der Schwerpunktsetzung der Konferenz auf die Produktionsseite die Rezeptionsseite wie auch die Frage nach der konkreten Wirkung von Untergrundliteratur zu kurz gekommen. Fragen nach der Lesefähigkeit der Rezipienten und nach den sozialen Praktiken der Aneignung und Verwendung von Untergrundliteratur, aber auch der Wirkung von Zensur und Verfolgung standen eher im Hintergrund.

Nicht zuletzt wurde die im Zusammenhang mit Diskussionen über Öffentlichkeit immer wiederkehrende und nach wie vor nicht abschließend geklärte Frage aufgeworfen, ob und wie das Habermas’sche Konzept „public sphere“ bzw. der Öffentlichkeit sich für die Beschreibung außerhalb des Horizonts „bürgerlicher Öffentlichkeit“ eigne. Zwar sei die Frage nach einer systematischen Genealogie von „Untergrund“, so Jan Behrends in seinem Schlußwort, mehr oder weniger unvermeidbar in den Details der zahlreichen vorgestellten Varianten abhanden gekommen. Zugleich bedürfe es jedoch einer solchen, die Vielfalt der zeiträumlichen Varianten erschließenden, transnationalen Perspektive, um zukünftige Forschungen zu einer umfassenden Geschichte der Öffentlichkeiten im Untergrund anzustoßen.

ZitierweiseTagungsbericht Underground Publishing and the Public Sphere: Comparative and Transnational Perspectives. 27.07.2006-29.07.2006, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 12.11.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1359>.

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