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Zwischen Narration und Methode: Neue Impulse in der historischen Biographieforschung. 5. Tag der Wissenschaftsgeschichte

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Lehr- und Forschungsgebiet Wirtschafts- und Sozialgeschichte/Aachener Kompetenzzentrum für Wissenschaftsgeschichte, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen; Lehrstuhl für Neueste Geschichte, Universität Osnabrück
Datum, Ort:16.12.2011, Aachen

Bericht von:
Christiane Katz, Lehr- und Forschungsgebiet Wirtschafts- und Sozialgeschichte, RWTH Aachen
E-Mail: <Christiane.Katzwiso.rwth-aachen.de>

Die Biographik nimmt in der Geschichtswissenschaft einen wichtigen Platz als Schlüssel zum Verständnis von Akteuren und individuellem Handeln, aber auch von gesellschaftlichen Strukturen ein. Nach einer Phase, in der sich vorrangig Amateurhistoriker/innen und Journalisten/innen diesem Genre widmeten, haben sich Biographien zu wissenschaftlich und methodisch fundierten Werken in den verschiedensten Disziplinen gewandelt. In dem Spannungsfeld zwischen Erzählung und methodisch sowie theoretisch basierter Analyse bewegte sich der Tag der Wissenschaftsgeschichte des Aachener Kompetenzzentrum für Wissenschaftsgeschichte (AKWG), das an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) angesiedelt ist. Der in zwei Themensektionen geteilte Workshop wurde in diesem Jahr vom Lehr- und Forschungsgebiet Wirtschafts- und Sozialgeschichte (RWTH) sowie dem Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Osnabrück veranstaltet und vom Förderverein der Wirtschaftswissenschaften der RWTH unterstützt.

Der Sprecher des AKWG, Dominik Groß (Aachen), eröffnete mit einem Grußwort die Tagung. Er stellte die Arbeit des AKWG vor, das sich mit der historischen Dimension von Wissenschaft auseinandersetze und dabei ein erweitertes Verständnis von Wissenschaftsgeschichte zugrunde lege.

PAUL THOMES (Aachen) führte in das Themenfeld und die Genese der Biographik ein. Er leitete von den Ursprüngen der Biographik als „Geschichte der großen Männer“ über die „Geschichte der kleinen Leute“ hin zur Entwicklung der Kollektivbiographien, die das Individuum und relevante Strukturen in Wechselwirkung untersuchen. Thomes betonte vor allem den Workshopcharakter der Veranstaltung. Das abschließende Postulat für eine Kombination aus Verständnis gegenüber der untersuchten Persönlichkeit sowie einem fundierten Skeptizismus bildete den Ausgangspunkt für die folgenden Beiträge.

RICHARD KÜHL (Tübingen) leitete mit seinem Vortrag in die erste Sektion zur Thematik der Individualbiographie ein. Diesen begann er mit einem Rückblick auf die Entwicklung der Biographik in der medizinhistorischen Forschung. Nach einer langen hagiographischen Tradition habe sich in den letzten Jahrzehnten im Zuge der zunehmenden Professionalisierung des Faches die Medizingeschichte einer kritischen und methodisch interdisziplinären Herangehensweise geöffnet. Als bedenklich bezeichnete Kühl die wachsende Abhängigkeit von einer „leistungsorientierten“ Mittelvergabe, die dazu führen könne, den positiven Trend wieder umzukehren. Anschließend skizzierte Kühl sein aktuelles Forschungsprojekt über den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch (1875–1951). Im Mittelpunkt stehe dabei die Analyse des Arztmythos im 20. Jahrhundert am Beispiel Sauerbruchs.

PETER M. QUADFLIEG (Aachen) gewährte Einblick in sein Dissertationsprojekt über Gerhard Graf von Schwerin (1899–1980). Er skizzierte den biographischen Hintergrund Schwerins, dessen Leben vor allem durch seine militärische Sozialisierung geprägt war. Danach begründete Quadflieg die Biographiewürdigkeit Schwerins. Schwerin sei als ein „Mann aus der zweiten Reihe“ bislang lediglich in verschiedenen Forschungsfeldern (Widerstand, Ereignisgeschichte des Zweiten Weltkriegs, Wiederbewaffnung) am Rande gestreift worden. Die Einzelbefunde seien jedoch bislang nicht in einen biographischen Gesamtkontext gestellt worden. Das Fallbeispiel bilde eine gute Grundlage für die Diskussion um die Elitenkontinuität, da sich Schwerin als Angehöriger des Militärs nach 1945 eine neue wirtschaftliche und soziale Position suchen musste, aber in großen Teilen an dieser Herausforderung gescheitert sei. Die methodische Herangehensweise, eine Kombination aus „Black Box“, Referenzrahmentheorie und Netzwerkanalyse, stellte Quadflieg anschließend vor. Am Beispiel von Schwerins beruflichem Netzwerk als erster Sicherheitsberater im Kabinett Adenauer während des Sommers 1950 veranschaulichte Quadflieg seinen methodischen Ansatz.

CHRISTOPH BRÜLL (Liège) stellte sein biographisches Projekt zur Person des Beamten Franz Thedieck (1900–1995) vor. Thedieck war unter anderem als Generalreferent von Eggert Reeder – dem Chef der Militärverwaltung Belgien-Nordfrankreich während des Zweiten Weltkriegs – und als Staatsekretär im Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen (1949–1964) tätig. Nach einer Zusammenfassung von Thediecks Leben legte Brüll die „thematischen Achsen“ seiner Herangehensweise dar. Anhand von Quellenmaterial umriss Brüll Thediecks Rolle als Bindeglied zwischen Politik und Wissenschaft „zwischen Weimar und Bonn“, die für zahlreiche Kontinuitäten in der Geschichtswissenschaft und in ihrer politischen Förderung über die Systembrüche hinweg gesorgt habe. Dabei wies er auf die Gefahr der „retrospektiven Illusion“ bei der Analyse eines solchen Lebenslaufes hin. Erneut wurde hierbei die Biographiewürdigkeit eines Mannes aus der zweiten Reihe herausgearbeitet, der in verschiedenen Wirkungsbereichen tätig war, aber zuvor nicht systematisch thematisiert worden ist. Abschließend konstatierte Brüll eine Abnahme der theoretischen und konzeptionellen Überlegungen in wissenschaftlichen Biographien, die als rückläufiger Legitimationsbedarf für das Vorgehen gedeutet werden könne.

Mit dem Thema seines abgeschlossenen Dissertationsprojekts zur Biographie des Pfarrers Melchior Ludolf Herold (1753–1810) beschäftigte sich PETER K. BECKER (Paderborn). Das Fallbeispiel Herold stellte insofern eine Besonderheit im Rahmen des Workshops dar, als dass es als einziges nicht dem Untersuchungszeitraum der Neueren und Neuesten Geschichte entstammte. Die Analyse suchte einen mikrohistorischen Zugang zur Industrieschulbewegung, zu deren Begründern Herold gezählt werden kann. Becker charakterisierte die Einführung der Industrieschulbewegung in Westfalen als „bottom-up“-Prozess, der durch die Arbeit Herolds ausgelöst wurde. Dieser Prozess stehe entgegengesetzt zum „top-down“-Ansatz der Verbreitung der Industrieschulbewegung in Österreich. Herold habe als „Pädagoge aus Überzeugung“ durch ein Musterprojekt das Prinzip der zweckfreien Bildung durch das der aufklärerischen Spezialbildung in einem kleinen lokalen Rahmen ersetzt. Das Fallbeispiel verdeutlichte erneut die Relevanz von „kleinen Leuten“ und Personen aus der zweiten Reihe für die Biographik.

Die zweite Sektion der Tagung zu Kollektivbiographien und Sozialprofilen leitete STEFANIE WESTERMANN (Aachen) ein. In ihrem „skeptischen Beitrag“ mahnte Westermann zur Zurückhaltung und Reflektion der „Grenzen der Erkenntnis“ in der Biographieforschung. So stelle sich im Rahmen von Zeitzeugeninterviews die Frage nach der Verantwortung für einen Interviewpartner und ob beispielsweise alles mit der Begründung des Erkenntnisanspruchs gefragt werden dürfe. Nach diesen theoretischen Überlegungen stellte Westermann Auszüge ihres abgeschlossenen kollektivbiographischen Dissertationsprojektes vor und diskutierte hieran die zuvor aufgeworfenen Bemerkungen und Fragen. Im Mittelpunkt stand hierbei die Perspektive von Menschen, die im Nationalsozialismus zwangssterilisiert worden waren. Dabei habe sich die Tabuisierung hinsichtlich des Themas Zwangssterilisation als Herausforderung erwiesen, welche die Frage der Vertretbarkeit von Erkenntnisansprüchen besonders aufgeworfen habe.

CLAUDIA BADE (Dresden) begann ihren Vortrag zu Lebensläufen von Wehrmachtrichtern mit einem Überblick zur vorhandenen Täterforschung und entsprechenden kollektivbiographischen Zugängen. Die Wehrmachtrichter als Täter und Akteure seien in der Forschung bislang nur unzureichend berücksichtigt worden. Zwischen dem Selbstbild der Richter in der Nachkriegszeit und ihrer Handlungspraxis während des Nationalsozialismus sei eine große Diskrepanz zu erkennen. Insbesondere habe sich die Spruchpraxis der Wehrmachtrichter durch eine außerordentlich hohe Zahl von Todesurteilen ausgezeichnet. Anschließend schilderte Bade ihre Herangehensweise an die Kollektivbiographie der Wehrmachtrichter im Rahmen des Projektes „Lebensläufe und Spruchpraxis von Wehrmachtrichtern“. Anhand der Analyse von Verfahrensakten versucht sie, die Handlungspraxis der Richter zu rekonstruieren. Raum für individuelle Handlungsspielräume hinsichtlich der Strafzumessung sei für die Richter vorhanden gewesen, wie Bade am Beispiel des Gerichts des Kommandanten von Groß-Paris veranschaulichte. Allerdings sei die Rekonstruktion von individuellen Motiven für die Urteilsfindung mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Quellen schwierig. Um die Verantwortlichkeiten des Einzelnen im Herrschaftsgefüge von Wehrmacht und NS-Regime aufzuzeigen, eigne sich daher auch die Untersuchung von Handlungsmustern, Funktionen und Positionen der Richter sowie individuellen Handlungen.

CHRISTOPH RASS (Osnabrück) fasste die Vorträge des Workshops zusammen und spannte dabei einen verbindenden Bogen zwischen den einzelnen Themen und Schwerpunkten. Insbesondere die Frage nach der Biographiewürdigkeit und die Aspekte der Kontinuität bzw. Diskontinuität hätten im Mittelpunkt der Vorträge zu Individualbiographien gestanden. Die kollektivbiographischen Beiträge hätten strukturgeschichtliche Fragen, aber ebenso Überlegungen zu wissenschaftlichen und ethischen Grenzen der Biographik fokussiert. Rass hob das hohe methodische Reflexionsniveau der gesamten Vorträge hervor und identifizierte einen „Dritten Weg“ zwischen Narration und Neuer Biographik, der sich in der Tagung abgezeichnet habe.

Konferenzübersicht:

Grußwort: Dominik Groß (Aachen)

Einführung: Paul Thomes (Aachen)

1. Sektion: Die Individualbiographie: von der Lebensschreibung „großer Männer“ zum integrierten Mixed-Method-Ansatz

Richard Kühl (Tübingen): Wie umgehen mit den „großen“ Ärzten? Medizinhistorische Biographik nach dem Ende der Hagiographie

Peter M. Quadflieg (Aachen): We(h)rMachtKarriere? „Black Box“, Netzwerk und Referenzrahmen: Methoden-Mix zur Analyse individualbiographischer Wirkungsgeschichte

Christoph Brüll (Liège): Franz Thedieck (1900-1995): biographische Annäherungen an das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik „von Weimar nach Bonn“

Peter K. Becker (Paderborn): Person(en) und Konzeption(en) – Biographische Forschung im Kontext ideen- und wirkungsgeschichtlicher Fragestellungen am Beispiel der Industrieschulbewegung

2. Sektion: Kollektivbiographien und Sozialprofile

Stefanie Westermann (Aachen): Fremde Welten – der Mensch und seine Biographie

Claudia Bade (Dresden): Lebensläufe von Wehrmachtrichtern – Kollektivbiographie und NS-Täterforschung

Zusammenfassung: Christoph Rass (Osnabrück)

ZitierweiseTagungsbericht Zwischen Narration und Methode: Neue Impulse in der historischen Biographieforschung. 5. Tag der Wissenschaftsgeschichte. 16.12.2011, Aachen, in: H-Soz-u-Kult, 29.02.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4095>.

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