H-Soz-u-Kult

Europäische Geschichte

K. Kaser u.a. (Hgg.): Europa und die Grenzen im Kopf

02.06.2006 Troebst, Stefan <troebstrz.uni-leipzig.de>
 
Titel:Europa und die Grenzen im Kopf
Reihe:Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens 11
Herausgeber:Kaser, Karl; Gramshammer-Hohl, Dagmar; Pichler, Robert
Ort:Klagenfurt
Verlag:Wieser-Verlag
Jahr:
ISBN:3-85129-511-0
Umfang/Preis:510 S., Abb., 1 Karte; € 145,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Stefan Troebst, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas e.V. (GWZO), Universität Leipzig
E-Mail: <troebstrz.uni-leipzig.de>

Das europäische Epochenjahr 1989 und seine (post-)sowjetischen Weiterungen haben der internationalen historischen Osteuropaforschung heftige fachinterne Debatten und gravierende universitäre Bestandseinschnitte, aber auch etliche institutionelle Neugründungen und vor allem eine gewaltigen Publikationswoge gebracht. Im Zuge eines erheblich verstärkten fachlichen wie öffentlichen Interesses sind nicht weniger als drei Dutzend neuer Gesamtdarstellungen zur Geschichte Osteuropas und seiner Teilregionen – darunter sogar eine Comic-Version [1] – erschienen. Hinzu kamen eine ganze Reihe transdisziplinär angelegter Nachschlagewerke und Kompendien wie Handbücher [2] und historische Atlanten [3], aber auch Lexika [4] und eine schwergewichtige „Encyclopedia of Eastern Europe“.[5]

Vor dem Hintergrund dieses intensivierten Regionalinteresses samt veritablem Veröffentlichungsschub ist es ein ehrgeiziges Unternehmen, mit der „Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens“ das – wie es im anzuzeigenden Band vollmundig heißt – „erste moderne wissenschaftliche Nachschlagewerk“, welches „nach Jahrzehnten des Vergessens und Nichtwissens“ die „ostmittel-, ost- und südosteuropäischen Länder in ihrer Geschichte und Kultur beschreibt“ (S. 507), vorlegen zu wollen. Hinzu kommt der hohe Anspruch, „ein die herkömmliche Denkweise änderndes Informationswerk“ über „Länder, [...] über die im Westen noch viel zu wenig bekannt ist“, zu erstellen, ja damit einen „gewichtige[n] Beitrag zur Völkerverständigung auf dem Weg zu einer erweiterten Europäischen Union“ (ebd.) leisten zu wollen. Umgesetzt werden soll dieses ambitionierte Vorhaben vor allem österreichischer Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen mittels 20 Bänden, verteilt auf eine zehnbändige „Lexikon-Abteilung“, eine aus sieben Bänden bestehende „Themen-Abteilung“ (zu welcher der anzuzeigende Band den Auftakt macht) sowie eine dreibändige „Dokumenten-Abteilung“, d.h. Quellenedition. Ob der verlags- und herausgeberseitig seit 1999 vehement verkündete Aufklärungs-, Innovations- und Einzigartigkeitsanspruch der neuen Enzyklopädie eingelöst wird, den vor allem Mitherausgeber Karl Kaser in einem programmatischen Text über die „ungeheure Herausforderung [...] die Geschichte des europäischen Ostens neu zu schreiben“, gar „die europäische Geschichte neu zu schreiben“, erhoben hat [6], kann mittlerweile an den beiden erschienenen Bänden 10 und 11 überprüft werden.[7]

Gemäß der Einleitung der Bandherausgeber/in soll in „Europa und die Grenzen im Kopf“ „ein Teil unseres Kontinents, der scheinbar und eindeutig vom Rest abgrenzbar ist, umfassend dargestellt werden“ (S. 7). Vor allem soll es darum gehen, „die Hierarchien und Machtbeziehungen zu dechiffrieren, die der ‚Westen‘ mit seinen Vorstellungen, Bildern und Interpretationen des ‚Ostens‘ geschaffen hat und die sich besonders hartnäckig in den so genannten geistigen Landkarten der Menschen festgesetzt haben“ (ebd.). In Anlehnung an Edward Said wird von einer orientalisierenden Ausgrenzung eines nicht näher bestimmten „Ostens“ Europas ausgegangen, als deren Triebkraft das Streben nach Erhalt von Definitionsmacht und kultureller Hegemonie eines ebenfalls nicht genauer abgegrenzten „Westens“ vermutet wird. Der beträchtliche Grad ideologischer Aufladung, der dieser Perspektive eigen ist, schlägt sich in der Formulierung nieder, der „Osten“ sei dem „Westen“ lediglich „eine willkommene Folie für eitle und satte Selbstbespiegelungen“ (S. 16). Offen bleibt dabei, wovon dieser Enzyklopädieband eigentlich handelt – von verräumlichenden Wirklichkeitswahrnehmungen in Politik, Gesellschaft und Kultur, von politischen Regionalisierungsprozessen im Europa der Gegenwart oder von longue-durée-Strukturen großregionaler Art?

Die in der Einleitung aufgebaute Erwartung erstmaliger Dechiffrierung von bislang Undechiffriertem wird nicht unbeträchtlich dadurch gemindert, dass es sich bei den 18 Bandbeiträgen zu Teilen um Nachdrucke, Neubearbeitungen, Zusammenfassungen oder Übersetzungen von bereits zuvor Veröffentlichtem bzw. von in anderen Kontexten Entstandenem handelt. Entsprechend ist das, was sich in den fünf teils regional, teils inhaltlich abgesetzten Themengruppen „Imaginationen Europas und eines europäischen Ostens“, „Die ‚Brücke‘ und die ‚Mitte‘. Modelle des Übergangs“, „Balkanismen und Orientalismen“, „Sprache, Körper, Geschlecht“ und „Grenzkonstruktionen in Kunst und Ästhetik“ findet, nur partiell neu.

Deutlich davon hebt sich Maria Todorovas Aufsatz „Historische Vermächtnisse als Analysekategorie. Der Fall Südosteuropas“ ab, der natürlich auf ihrem Artikel „The Balkans. From Discovery to Invention“ aus dem Jahr 1994 und ihrem Buch „Imagining the Balkans“ von 1997 samt Folgeveröffentlichungen aufbaut, aber dennoch, wie sie zutreffend schreibt, als „gründlich überarbeitete, erweiterte und aktualisierte Version und Sythese dieser Arbeiten betrachtet werden“ kann (S. 227). Der Begriff „historisches Vermächtnis“ stellt sich ihr dabei als „die geeignetste Kategorie für die Analyse regionaler Entwicklungen in einer Langzeitperspektive“ dar, als flexible Alternative zu aus ihrer Sicht starreren „Analysekategorien – wie Grenzen, Raum, Territorialität usw.“ (ebd.). So überzeugend sie dies dann am Beispiel des osmanischen Erbes Südosteuropas belegt, so porös wird doch die von ihr errichtete Trennmauer zu geschichtsregionalen Konzeptionen im wissenschaftlichen, nicht politischen Sinne. Mathias Bernath, Holm Sundhaussen, Karl Kaser und andere haben unter dem Rubrum „Südosteuropa“ den Donau-Balkan-Raum als relativ einheitliche historische Mesoregion langer Dauer beschrieben, die von Byzanz bis zum Kalten Krieg von einem in seiner Kombination – nicht seinen Bestandteilen – regionalspezifischen Cluster struktureller Merkmale geprägt war. Meint dies nicht dasselbe wie „historisches Vermächtnis“?

Im konkreten Fall in die Irre führend ist Todorovas Unterscheidung zwischen „markierten“, d.h. negativ konnotierten Kategorien wie „Südosteuropa“ oder „Ostmitteleuropa“ einerseits und „unmarkierten“ bzw. vermeintlich nicht existenten wie „Nordosteuropa“ oder „Südeuropa“ andererseits. Denn zum einen ist, wie Dietmar Müller und Karl Kaser gezeigt haben, „Südosteuropa“ eben keine terminologische Hervorbringung des Nationalsozialismus [8], und zum anderen kennt das Untersuchungsdesign „Geschichtsregion“, wie es vor allem die historische Teildisziplin Osteuropäische Geschichte entwickelt hat, durchaus ein „Nordosteuropa“, wie gerade auch „Südeuropa“ derzeit Gegenstand intensiver Diskussionen von Historikern/innen ist.[9] Dass Alexander Drace-Francis‘ Beitrag „Zur Geschichte des Südosteuropakonzepts bis 1914“ die Todorovasche Sichtweise eines politisch kontaminierten Südosteuropabegriffs bestätigt, liegt dabei vor allem an seiner zeitlichen Beschränkung. Hätte er das 20. Jahrhundert, hier vor allem dessen zweite Hälfte, miteinbezogen, wäre das Resultat ein anderes gewesen.

Gleich Todorova bietet Iver B. Neumanns Aufsatz „Russland positionieren. Nördlich oder östlich der Mitte?“, der in politikwissenschaftlicher Sicht und gegenwartsbezogen unterschiedliche Regionalisierungskonzepte und ihre Begründungszusammenhänge beleuchtet, eine hochkarätige Zusammenfassung eigener Forschungsergebnisse. Ähnliches unternimmt in vergleichbarer Qualität sowie unter explizitem Bezug auf Neumann der Historiker Aleksej Miller in dem auf breiter Literaturbasis ruhenden Beitrag „Die Erfindung der Konzepte Mittel- und Osteuropa“. Und tief in den innerrussischen Selbstverortungsdiskurs steigt Susi K. Frank in ihrem Text „Eurasianismus. Projekt eines russischen ‚dritten Weges‘ 1921 und heute“ ein.

Von ganz besonderem Interesse ist der Originalbeitrag von Christian Giordano „Interdependente Vielfalt. Die historischen Regionen Europas“, schlägt doch darin ein Ethnologe eine geschichtsregionale Gliederung vor, und dies mit unverstelltem, da von der geschichtswissenschaftlichen Fachdiskussion über historische Regionalisierungen im Allgemeinen und den geschichtsregionalen Konzeptionen der Historiker/innen im Besonderem nicht getrübtem Blick. Nach den üblichen salvatorischen Klauseln unternimmt Giordano den spannenden Versuch, mit den Methoden seiner Disziplin „Europa als ein System stark (inter-)dependenter, jedoch zugleich strukturell sehr verschiedener historischer Regionen zu verstehen, in dem Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten sowie Differenzen und Konstanten nebeneinander existieren“ (S. 118).

Ausgehend von einer Kritik an Szűcs’ historischer (wie verdeckt politischer) Dreigliederung Europas sowie in Anlehnung an Fernand Braudel und vor allem Immanuel Wallersteins Weltsystemmodell von Zentrum, Semiperipherien, Peripherien und externen Regionen optiert er für eine Gliederung in „Nordwesteuropa“, „Mediterranes Europa“, „Mittelosteuropa“ (!), „Südosteuropa“ und „Osteuropa“. Diese Fünfteilung flexibilisiert er dabei durch die Einführung der Kategorien von „Peripherien im Zentrum und Zentren in den Peripherien“ (S. 130). „Es ist vermutlich gerade diese interdependente Vielfalt“, so Giordanos Resümee, „welche die eigenartige, zwar spürbare, aber dennoch schwer fassbare Einheit unseres Kontinents ausmacht“ (S. 134). Es wäre darüber hinaus interessant gewesen, von einem Ethnologen zu erfahren, was er in seiner disziplinären Sicht von neueren geschichtsregionalen Konzeptionen wie „Nordosteuropa“, „Schwarzmeerwelt“, „Iberien“, „Adriaraum“, „Ostseewelt“, „keltischer Rand“ oder „Levante“ hält, doch dürfte sich dafür eine andere Gelegenheit finden.

Im Gegensatz zu Giordanos grundlegendem Regionalisierungsvorschlag gleicht der Beitrag des Briten Robert Bideleux zu „Europakonzeptionen“ eher einem EU-feindlichen politischen Pamphlet denn einer in die Tiefe gehenden Analyse. Überdies hat sich seine Voraussage, „dass die Nato immer überflüssiger wird“, während OSZE und Europarat an Bedeutung gewinnen würden, bereits drei Jahre nach ihrer Veröffentlichung als Fehleinschätzung und/oder Wunschdenken erwiesen (S. 107). Immerhin wird dergestalt die geringe Prognosefähigkeit geschichtswissenschaftlichen Tuns einmal mehr eindrücklich unter Beweis gestellt.

Während Nathalie Clayers Essay „Der Balkan, Europa und der Islam“ vor allem durch Exemplifizierungen am Beispiel Albaniens überzeugt, erscheint die Verwendung eines von der Tartuer kultursemiotischen Schule übernommenen Kulturmodellbegriffs im Beitrag von Wolfgang Eismann über „Elemente und Konstanten eines russischen Kulturmodells“ wenig anschlussfähig. Nur auf den ersten Blick thematisch randständig ist Christian Promitzers Untersuchung „Vermessene Körper. ‚Rassenkundliche‘ Grenzziehung im südöstlichen Europa“, zieht er doch überzeugend eine Kontinuitätslinie von der Rassenforschung des 19. Jahrhunderts zur Eugenik und „Rassenpolitik“ des 20., gar zum violenten Ethnonationalismus des 21. Interessant, aber thematisch deplaziert ist Irina Sandomirskajas Beitrag „Der Heimatbegriff in der sowjetischen und postsowjetischen Praxis“, und dasselbe gilt für Oksana Sarkisovas Studie „Grenzprojektionen. Bilder von Grenzgebieten im sowjetischen Film“. Gänzlich abgehoben schließlich wirken Boris Groys Skizze „Zurück aus der Zukunft. Kunst aus Ost und West“ und Maximilian Hendlers Übersicht „Musikästhetik und Grenzen im Kopf. Die politischen Konsequenzen des Gefühlskults in der Musik“.

Dass die von den/r Herausgebern/in in ihrer Einleitung massiv kritisierte „westliche“ Ignoranz bezüglich des östlichen Europa ausgerechnet von ganz überwiegend aus dem „Westen“ kommenden Autoren/innen korrigiert werden soll – nur fünf der insgesamt 23 Beiträger/innen stammen aus dem „Osten“ –, erscheint wenig konsequent und verstellt zugleich den Blick auf vielversprechende innerosteuropäische Perspektiven. So fehlt etwa in der bisherigen Diskussion zum Balkanismus noch immer die ostmitteleuropäische und russische Komponente. Denn die exklusionistische Perzeption des Balkans als eines unaufgeräumten Hinterhofs Europas und Heimstatt von Bakschisch und Blutrache ist eben mitnichten eine ausschließlich „westliche“. Auch in St. Petersburg, Riga, Warschau und Budapest waren und sind dergleichen Stereotype – neben ihrer heroisierend-männlichen Rückseite – verbreitet. Überhaupt hätte man gerne etwas über Europa, seine Grenzen und Gliederungen aus ostmittel- und südosteuropäischer Sicht erfahren, so etwa zu den ubiquitären Antemurale-Vorstellungen in den nationalen Mythologien der Region, zur polnisch-imperialen Konzeption eines „Dritten Europa“ in den 1930er-Jahren oder auch zum Europadiskurs in Bulgarien, der bis heute um das literarische Selbstbild des bauernschlau-egoistischen Rosenölhändlers Ganju Balkanski kreist. Dazu kompetente Autoren/innen aus der Region zu gewinnen, hätte für die Redaktion eigentlich ein Leichtes sein müssen.

Schwerer jedoch als diese okzidentalisierende Perspektivverengung wiegt, dass das historiografische Gedächtnis fast aller Kontributoren/innen erstaunlich kurz in die Vergangenheit hinein reicht. Dass für supranationale historische Raumkonzepte so zentrale Autoren aus der Region wie Jerzy Kłoczowski oder Emil Niederhauser nicht rezipiert und selbst Oskar Haleckis grundlegende Arbeiten (außer von Aleksej Miller) übergangen werden, befremdet an einem Band, der sich explizit mit historischen Regionalisierungen in der Osthälfte Europas befasst. Haleckis kulturhistorische Vierteilung Europas in Westeuropa, Westmitteleuropa (bzw. Deutschland und Österreich), Ostmitteleuropa (einschließlich Südosteuropas) und Osteuropa (d.h. Russland/Sowjetunion) wird auf einen einzigen Satz komprimiert (S. 145) und auch die vergleichsweise „junge“ geschichtsregionale Feingliederung Osteuropas, die der (west-)deutsche Historiker Klaus Zernack 1977 vorgeschlagen hat, wird lediglich gestreift (S. 177).

Zernacks wohlbegründeter Neologismus einer osteuropäischen Geschichtsregion Nordosteuropa – zusätzlich zu Russland bzw. dem ostslawischen Raum, Südosteuropa und Ostmitteleuropa – fehlt im anzuzeigenden Band gar gänzlich, und dies ungeachtet dessen, dass er damit in Lettland, Finnland, Polen und andernorts auf lebhaftes Echo gestoßen ist.[10] Überhaupt wird die gesamte umfangreiche Diskussion über geschichtsregionale Konfigurierungen Europas, über alternative Zentrum-Peripherie-Entwürfe, gar über Europäizität an sich, im anzuzeigenden Band de facto auf Braudel und Szűcs eingeengt, kommt also über die Wende von 1989 nicht hinaus. Aus den bibliografischen Hinweisen der Beiträge fast aller Autoren/innen des Bandes ist gar zu schließen, dass diesen das Œuvre von Halecki und Zernack, aber auch von Gheorghe Ion Brătianu, Y. Eyüp Özveren, Traian Stoianovich, Matti Klinge und vielen anderen „Architekten“ europäischer Geschichtsregionen entweder unbekannt ist oder von ihnen als nicht relevant eingestuft wird. Das wäre zum einen im Kontext des Nachdenkens über Europa und seine Grenzen fatal, zum anderen würde das Potential des geschichtswissenschaftlichen Kunstgriffs „Geschichtsregion“ verkannt.

In diesem Zusammenhang ist zu fragen, ob zumal mit Blick auf den großregionalen Fokus des Bandes die Beschränkung auf Europa tatsächlich sinnvoll ist, ob dadurch nicht Erkenntnismöglichkeiten eingeschränkt werden. Denn sind nicht auch strukturell begründete geschichtsregionale Konstruktionen vorstellbar, die ein politisch-geografisches Europa transzendieren, es überschreiten, gar globalisieren? Die derzeit reaktivierte geschichtsregionale Konzeption einer Schwarzmeerwelt, die neben Ost- und Südosteuropa auch den Kaukasus und Teile des Nahen Ostens umfasst, wäre ein Beispiel dafür, desgleichen eine in die Moderne transponierte Mittelmeerwelt Braudelschen Zuschnitts. Auch was den historischen Vergleich betrifft, ist Europa als Analyserahmen für europäische Geschichte zum einen eine sich selbst erfüllende Prophezeihung, zum anderen zu eng, da die Außensicht gleichsam ausschließend. Um das Europäische an Europa (und das Osteuropäische an Osteuropa) zu erkennen, kann der Blick auf die außereuropäische Umwelt, heißt diese nun Mittelasien oder Maghreb, außerordentlich hilfreich sein.

Die redaktionellen Prinzipien des Bandes sind nicht in jedem Fall nachvollziehbar. Warum beispielsweise der geläufige Anglizismus mental map durchgängig ebenso uniform wie partiell irreführend als „geistige Landkarte“ wiedergegeben wird, nicht etwa das englische Original stellenweise beibehalten, das gut eingeführte deutsche Äquivalent „kognitive Karte“ verwendet oder die Variante der „Karte im Kopf“ auftaucht, erschließt sich nicht.

Erschlossen wird der Band durch ein Personenregister, ein Sachregister und ein Ortsregister. Eine systematische Gesamtbibliografie bzw. ein aktueller Literaturbericht ist nicht beigefügt. Überaus störend wirkt schließlich der häufig fehlerhafte Zeilenumbruch in den Fußnoten, und weder Papierqualität noch buchbinderische Ausstattung entsprechen dem exorbitanten Ladenpreis auch nur annähernd.

Karl Kaser, Dagmar Gramshammer-Hohl und Robert Pichler haben einen umfangreichen deutschsprachigen Reader zur neueren westlichen Diskussion über Europa als Ganzes, seine Grenzen und Gliederungsmöglichkeiten sowie seine Fremd- und Selbstperzeptionen zusammengestellt. Ihre Textsammlung ist insofern genretypisch, als sie Bekanntes und weniger Bekanntes, Einschlägiges und weniger Einschlägiges enthält. So verdienstvoll, da weiterer Diskussion förderlich, dieser Sammelband ist, so wenig erfüllt er enzyklopädische Ansprüche, und zwar weder in inhaltlicher noch in formaler Hinsicht. Gänzlich offen bleibt schließlich, was an diesem ersten Produkt der „Themen-Abteilung“ der „Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens“ bahnbrechend, gar unikal sein soll.

Anmerkungen:
[1] Beck, Paul; Mast, Edward; Trapper, Perry, The History of Eastern Europe for Beginners, New York 1997.
[2] Studienhandbuch Östliches Europa. Bd. 1: Roth, Harald (Hg.), Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas, Köln 1999; Bd. 2: Bohn, Thomas, Dietmar Neutatz (Hgg.), Geschichte des Russischen Reiches und der Sowjetunion, Köln 2002; Plaggenborg, Stefan (Hg.), Handbuch der Geschichte Rußlands, Band V: 1945-1991, 2 Teilbde., Stuttgart 2002-2004; Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas, Themen und Methoden, in: ViFaOst – virtuelle fachbibliothek osteuropa (URL www.vifaost.de).
[3] Magocsi, Paul Robert, Historical Atlas of East Central Europe, Seattle 1993; Ders., Historical Atlas of Central Europe, Seattle 2002; Foucher, Michel, Fragments d’Europe. Atlas de l'Europe médiane et orientale, Paris 1993; Crampton, Richard; Crampton, Ben, Atlas of Eastern Europe in the Twentieth Century, London 1996; Hupchik, Dennis P.; Cox, Harald E., A Concise Historical Atlas of Eastern Europe, London 1996; Dies., The Palgrave Concise Historical Atlas of the Balkans, New York 2001; Dies., The Palgrave Concise Historical Atlas of Eastern Europe, New York 2001.
[4] Rehder, Peter (Hg.), Das neue Osteuropa von A–Z. Staaten, Völker, Minderheiten, Religionen, Kulturen, Sprachen, Literaturen, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Neue Entwicklungen in Ost- und Südosteuropa, München 1993; Held, Joseph, Dictionary of East European History Since 1945, Westport 1994; Franz, Norbert (Hg.), Lexikon der russischen Kultur, Darmstadt 2002; Hösch, Edgar; Nehring, Karl; Sundhaussen, Holm (Hg.), Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Wien 2004.
[5] Frucht, Richard (Hg.), Encyclopedia of Eastern Europe. From the Congress of Vienna to the Fall of Communism, New York 2000.
[6] Kaser, Karl, Die Geschichte des europäischen Ostens schreiben. Herausforderungen für das 21. Jahrhundert, in: Bister, Feliks J. u.a. (Hgg.), Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens. Perspektivenband/Wieser Encyclopedia of the European East. Perspective Volume. Klagenfurt 2001, S. 25-33, hier S. 25; vgl. auch: Hödl, Günther u.a. (Hgg.), Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens. Vorausband, Klagenfurt 1999; und WEEO – Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens, Klagenfurt Dezember 2000 (Verlagsprospekt).
[7] Bei Band 10 handelt es sich um: Okuka, Miloš (Hg.), Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens, Klagenfurt 2002. Siehe dazu die äußerst kritische Rezension von Christian Voss in: Südost-Forschungen 61/62 (2002/2003), S. 493-496.
[8] Müller, Dietmar, Southeastern Europe as a Historical Meso-region. Constructing Space in Twentieth-Century German Historiography, in: European Review of History 10 (2003), S. 393-408; und Kaser, Karl, Südosteuropäische Geschichte und Geschichtswissenschaft, Wien 1990, S. 85-119. In der 2002 erschienenen „2., völlig neu bearbeiteten und aktualisierten Auflage“ des letztgenannten Buches hat der Autor den „starren Südosteuropa-Begriff“ (S. 6) durch den aus seiner Sicht adäquateren Terminus „südöstliches Europa“ ersetzt (S. 22f.).
[9] Siehe dazu übergreifend: Strohmeyer, Arno, Historische Komparatistik und die Konstruktion von Geschichtsregionen. Der Vergleich als Methode der historischen Europaforschung, in: Jahrbücher für Geschichte und Kultur Südosteuropas 1 (1999), S. 39-55; Sundhaussen, Holm, Die Wiederkehr des Raums. Über Nutzen und Nachteil von Geschichtsregionen, in: Clewing, Konrad; Schmitt, Oliver Jens (Hgg.), Südosteuropa. Von vormoderner Vielfalt und nationalstaatlicher Vereinigung, München 2005, S. 13-33; Schenk, Frithjof Benjamin, The Historical Regions of Europe – Real or Invented? Some Remarks on Historical Comparison and Mental Mapping, in: Ders. (Hg.), Beyond the Nation. Writing European History Today (Working Papers des Zentrums für Deutschland- und Europastudien St. Petersburg 1), St. Petersburg 2004, S. 15-24; und Troebst, Stefan, What’s in a Historical Region? A Teutonic Perspective, in: European Review of History 10 (2003), S. 173-188, sowie speziell: Arnason, Johann, Demarcating Eastern Europe, in: European Journal of Social Theory 8 (2005), S. 387-400; Zernack, Klaus, Grundfragen der Geschichte Nordosteuropas, in: Ders., Nordosteuropa. Skizzen und Beiträge zu einer Geschichte der Ostseeländer, Lüneburg 1993, S. 9-21; und den Bericht über die Berliner Tagung „Der Süden Europas – Strukturraum, Wahrnehmungsraum, Handlungsraum?“ vom Februar 2005, URL <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=728>.
[10] Siehe dazu pars pro toto Männikö, Matti, Itämeren piiri historiallisena käsitteenä. Ongelmia ja näkökohtia, in: Faravid 3 (1979), S. 5-31, und Krēsliņš, Jānis; Mansbach, Steven A.; Schweitzer, Robert (Hgg.), Baltija – jauns skatījums, Riga 2002 (schwedische Ausgabe: Gränsländer. Östersjön i ny gestalt, Stockholm 2003).

ZitierweiseStefan Troebst: Rezension zu: Kaser, Karl; Gramshammer-Hohl, Dagmar; Pichler, Robert (Hrsg.): Europa und die Grenzen im Kopf. Klagenfurt 2004, in: H-Soz-u-Kult, 02.06.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-2-155>.

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