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Zeitgeschichte (nach 1945)

R. Karlsch: Hitlers Bombe

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Vera Ziegeldorf <ziegeldorfvgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche
Ort:München
Verlag:Deutsche Verlags-Anstalt
Jahr:
ISBN:3-421-05809-1
Umfang/Preis:416 S.; € 24,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Wolfgang G. Schwanitz, Deutsches Orient-Institut Hamburg
E-Mail: <wgs130juno.com>

Rainer Karlschs Entdeckungen, dass die Nazis kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges auf Rügen und in Thüringen Kernwaffen getestet und schon viel früher das Wissen für den Bau einer nuklearen Bombe gehabt haben, sorgt für Unruhe. Ehe das hier vorliegende Buch des Berliner Historikers vorgestellt wird, sei kurz an das bisherige Echo darauf erinnert.

Diejenigen, die Karlschs Resultate bezweifeln, vergleichen sie oft mit der uns bekannten Technologie in Amerika und in der Sowjetunion. Eine große Explosion und Leukämie müssten verifizierbar sein. Aber Karlsch entdeckte eine andere Technik und kleine Tests. In Thüringen nachgewiesene Elemente, wie es sie nur nach einer Kernreaktion gibt, wenden Zweifler ein, stammen vom Reaktorunfall in Tschernobyl. Das vermag der Autor zu entkräften. Dieser, so ein nächster Einwand, liest mehr aus Quellen als sie hergeben. Geheimdienstliche Papiere seien unzuverlässig, von dubiosen Zuträgern und mit eigener Agenda verfertigt. Das heisst aber doch nur, auch diese Quellengattung historisch-kritisch zu analysieren. Schliesslich: sollte es so viele Tote beim ersten Ohrdrufer Test gegeben haben, so müsste dies nachweisbar sein. Dem sollte der Autor in der Tat vertiefend nachgehen.

Rainer Karlsch gab seinem Buch sieben Dokumente bei, darunter Igor V. Kurchatovs Meinung zum Text „Über eine Deutsche Atombombe“. Parallel, das möchte ich durch die angefügte Meldung aus Washingtons Nationalarchiv ergänzen, erhielten die Amerikaner ähnliche Informationen. Wie die von mir dort 1998 gefundene und hier unten abgebildete geheimdienstliche Erkenntnis zeigt, würde energisch zur „atomaren Explosion“ geforscht. Die SS, Orte nahe Berlins und in Böhmen sowie die Bayer und IG Farben AG werden darin genannt. Das mit Januar 1945 datierte Blatt trägt ein zweites Datum, der 20. März 1945. Zehn Tage später verfasste Kurchatov, Leiter des sowjetischen Atomprojektes, jene Stellungnahme für Stalin, die Karlsch fand. Kein Zufall, dass es sowohl sowjetische als auch amerikanische Berichte dazu im März 1945 gab. Nun gilt es nicht nur zu prüfen, inwieweit sie den Tatsachen entsprachen, sondern was noch überliefert ist, denn es gab wohl nicht nur diese Meldung.

Wie es sich kurz vor Kriegsende zugetragen haben mag, stellt der Berliner Forscher so dar: Am Abend des 3. März 1945 waren Leichenhaufen wegzuräumen. Einer der das erledigenden Häftlinge hörte, wie ein Halbtoter ihm noch zuflüsterte: „großer Blitz - Feuer, viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da, viele mit großen Brandwunden und blind, Gruß an Mutter von Oleg Barto nach Gurjew“. Ein grell-rötlicher, außen gelblicher Lichtblitz hat die Gegend erhellt. Das bezeugte die Anwohnerin Cläre Werner, die den Vorgang von der Wachsenburg aus beobachtet hat. Da ging eine schlanke Säule hoch, gleissend, sie hätte Zeitung lesen können, meinte die Frau, die inzwischen verstorben ist. Diese Säule dehnte sich nach oben aus, wie ein großer wohlbelaubter Baum. Danach fühlte sich Frau Werner tagelang müde. Ebenso klagten viele in den umliegenden Gemeinden über Nasenbluten, Kopfschmerzen und Übelkeit. Eine Stichflamme ging bei Ohrdruf hoch, erzählte Tags darauf ein Offizier dem Arbeiter Heinz Wachsmut. Dort wurde etwas Neues ausprobiert. Davon werde noch die Welt reden, „und wir Deutschen sind die Ersten“. Leider sei einiges schief gelaufen. Und nun habe man einige Nichtsnutze weniger. Zynisch wies er damit auf die getöteten KZ-Häftlinge, die keine Haare mehr, dafür aber Haut- und Feuerblasen hatten. Bis zu 700 von ihnen ließen an jenem 3. März 1945 beim deutschen Kernwaffentest auf dem Übungsplatz Ohrdruf nahe des Thüringischen Arnstadt ihr Leben. Das war nicht der erste Test, wie Karlsch enthüllt. Fragte er noch in seinem vorherigen Buch „Urangeheimnisse“, ob die Nazis in Thüringen 1945 Kernwaffen testeten, so bejaht er dies nun. Dem neuen Band beigefügte Analysen halten über den Testplatz fest, dass dort eine Kernreaktion abgelaufen sei.

Doch, so Karlsch, sei dieser Test vom März nicht mit dem in Amerika im Juni 1945 zu vergleichen: den Deutschen fehlte es am spaltbaren Material. Sie gingen daher einen technologischen Nebenpfad. Ihn beschritt unter dem Reichsführer der SS Himmler und Rüstungsminister Speer eine Physiker-Gruppe um Kurt Diebner, Walther Gerlach und SS-General Hans Kammler. Während letzterer die Absicherung stellte, war Diebner seit 1939 ehrgeiziger Leiter des Referats Atomphysik im Heereswaffenamt und Organisator der deutschen Nuklearforschung. In der bisherigen Forschung galt er nur als Randfigur wie auch Gerlach, den Hermann Göring Ende 1943 mit der entsprechenden Forschung beauftragt hatte. Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion. Dabei wurde wohl eine Urankugel durch das synchrone Zünden vieler Sprengsätze zur Kritikalität verdichtet. Ströme an Neutronen schossen auf den Spaltstoff. Hier bleibt offen, wie genau die superkritische Anordnung erzielt wurde. Karlsch vergleicht es mit einer taktischen Kernwaffe. Ein nuklearer Ablauf, der neben Hitze und Druck radioaktive Strahlung freisetzt und Konventionelles übertrifft. Dieser Strahleneffekt gleiche dem der Neutronenwaffe. Diebners Leute wussten, dass es keine kontinuierliche Kettenreaktion würde, sonst hätte ihre Ortswahl zur Katastrophe geführt. Sie kannten den Wirkungsradius aus einem früheren Nukleartest, der auch ans Licht gebracht wird. Er lief im Sperrgebiet der Halbinsel Bug auf Rügen am 12. Oktober 1944 ab. Für Mussolini ließ Hitler dort Luigi Romersa zu. Dem italienischen Journalisten, der heute noch befragt werden kann, sagte Joseph Goebbels zuvor, acht Monate dauere die Produktion dieser Bomben, die gegen Russland eingesetzt werden sollen. Romersa sah nach dem Lichtblitz Bäume zerbrochen, Versuchstiere verkohlt und Attrappen-Häuser verschwunden.

Aber die Entwicklung solcher Bomben und entsprechender Raketen kam für die Nazis zu spät. Es mangelte an Material. Zunächst erahnte Hitler die Potenzen von Atomwaffen. Doch im Taumel rascher Siege bedurfte er ihrer nicht. Als sich das Blatt wendete, setzte er auf sie. Nach dem Anschlag vom 20. Juli 1944 übernahmen Heinrich Himmler und Albert Speer das Zepter. Der eine lenkte SS-Truppen, der andere die Wirtschaft. Doch litt ihr Vorhaben an den alliierten Luftschlägen wie zum Beispiel gegen das Raketenzentrum in Peenemünde. Indes schafften sie es, die Anlagen zu verlagern. Mitte 1944, kurz nach der alliierten Landung in der Normandie, erfassten Raketen gar London. Warum wird Hitlers Griff zur Atomwaffe spät aufgeklärt? Nachdem Otto Hahn 1938 die Urankernspaltung entdeckte, loteten die Historiker etablierte Physiker um Werner Heisenberg sowie Abraham Esaus Uranverein aus, der dem Ministerium für Erziehung unterstand. Sie zeigten, wie diese Forscher nach der energieerzeugenden Uran-Maschine (Reaktor) suchten und wie sie Kernsprengstoff militärisch nutzen wollten. Weniger wurden die SS und die Waffenämter ausgelotet.

Am Uranprojekt arbeiteten 100 Wissenschaftler aus 19 Instituten. Dabei ragten die Kaiser-Wilhelm-Institute für Physik und Otto Hahns für Chemie heraus. Ab 1940 waren Physiker für zwei Jahre federführend, wobei ihr Institut dem Heereswaffenamt unterstellt wurde. Damit rückte Werner Heisenberg ab 1942 vollends in das Zentrum. Er hatte 1939 die Idee, den Reaktor zu bauen. Am Rande notierte er auch, die Anreicherung des Uran-Isotops U235 sei der einzige Weg, um Explosivstoffe zu erzeugen, die bisherige Stoffe um Zehnerpotenzen übertreffen. Jedoch wurden schweres Wasser und reines Graphit zum Problem. Alles entstand im Wettlauf mit „Rivalen“. Es waren vor allem emigrierte Physiker wie Albert Einstein, die Mitte 1939 Präsident Roosevelt auf die Gefahr von Uranbomben bei Deutschen hinwiesen. Heisenbergs Leute lösten zwar Probleme und Carl Friedrich von Weizsäcker skizzierte 1941 eine Plutoniumbombe, wie Karlsch jetzt entdeckt hat. Doch hielten sich zur selben Zeit eben diese beiden Köpfe im Uranprojekt zurück. Ihr Nahziel war ein Reaktor für Energie. Indes spekulierte Heisenberg ein Jahr später vor Militärs und Physikern: Sollte der Krieg mit Amerika Jahre dauern, könnte ihn die Atomenergie entscheiden. Jemand fragte ihn, wie groß denn eine Bombe wäre, um eine Großstadt (man dachte an New York) zu zerstören. Eine Ananas, meinte Heisenberg. Rüstungsminister Speer informierte Hitler. Da Physiker aber noch keinen direkten Kriegsnutzen vorweisen konnten, lief das Uranprojekt „nicht kriegsentscheidend“ weiter. Zwar gab es in Leipzig einen Reaktorunfall, wo weltweit die erste Neutronenvermehrung in einem solchen Gerät stattfand, wie Karlsch herausfand, jedoch ging es mit den etablierten Physikern langsam voran. Daher folgerten Historiker bislang: sie konnten oder wollten Hitler keine Atombombe bauen.

Der Kreis um Heisenberg wusste laut Karlsch von Nukleartests der SS nichts. Wenn er erst jetzt ein feineres Bild malen kann, so weil er erstmals in bestimmte Archive kam. Dies führte ihn über Akten der Arnstadter Stasi bis dicht an Atomtests in Ohrdruf heran. Heisenbergs erwähnte Rede, die als verschollen galt, fand er in einem Moskauer Archiv. Dort sah er Spionageberichte über geheime Tests der SS ein. Kurz nach dem zweiten Ohrdrufer Kerntest vom 12. März 1945 hieß es: Zwei Explosionen gab es dort. Innerhalb eines halben Kilometers wurde alles zerstört. Von Gefangenen im Zentrum war keine Spur mehr. Die Bombe, wohl mit Uran 235, sei eine 130-Zentimeter-Kugel. Mächtige Detonationswelle. Hohe Temperaturen, stark radioaktiver Effekt. Nazis könnten „unsere Offensive“ bremsen. Man weihte Stalin ein. Als ihm Harry S. Truman später in Potsdam vom US-Nukleartest erzählte, so Karlsch, wusste es der Kremlchef durch Spione besser als der Amerikaner selbst. Aber warum deutsche Kerntests, wenn sie den Krieg nicht entscheiden konnten? Als letzte Hoffnung und Trumpf von Diebners Leuten für die Zeit danach. Sie besaßen damit ein kostbares Wissen, das im Ausland sehr gefragt war. Und die Mehrheit von ihnen setzte bekanntlich ihren Weg in der Forschung fort, in Amerika, Frankreich und in der Sowjetunion. Kurt Diebner und die Beteiligten schwiegen wohl wegen der Toten und der damals aufkommenden Tribunale. Karlsch weist auch auf offene Fragen und noch verschlossene Akten hin. Durch ihn erfahren wir: Deutsche hatten doch das Wissen zum Bau einer Atombombe. Als sich der Krieg gegen sie wandte, fanden die Nazis ihren Weg dahin. Sie führten drei Nukleartests durch. Den Weltkrieg konnten sie damit aber nicht mehr beeinflussen. Vor allem lief ihnen die Zeit weg. Zum Glück.

Wenn Karlsch seine Forschungsergebnisse erhärten kann, darunter mit Bodenanalysen aus Ohrdruf durch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig, und durch eine genauere Beschreibung des funktionellen Aufbaus der Atombombe und ihres alternativen Wirkungsprinzips, dann ist ihm nicht mehr und nicht weniger als ein paradigmatischer Sichtwechsel in der Geschichte gelungen. Bis dahin bleibt abzuwarten, was er noch nachlegen kann und was der durch ihn erneut angeschobene Diskurs zeitigt. Vieles bedarf jetzt der Revision. Es sollte den Leser nicht verwundern, wenn Funde in weiteren Betriebs- und Nationalarchiven, darunter in Moskau und Washington, noch für Überraschungen sorgen werden.

Research on Secret Weapon

ZitierweiseWolfgang G. Schwanitz: Rezension zu: Karlsch, Rainer: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. München 2005, in: H-Soz-u-Kult, 20.05.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-125>.

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