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Geschichte allgemein

Sammeln - Erforschen - Bewahren

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Gudrun Gersmann <gudrun.gersmanndhi-paris.fr>

Diese Rezension entstand durch die Kooperation mit Server für die Frühe Neuzeit www.sfn.uni-muenchen.de/

Titel:Sammeln - Erforschen - Bewahren. Zur Geschichte und Kultur der Oberlausitz. Ernst-Heinz Lemper zum 75. Geburtstag
Reihe:Neues Lausitzisches Magazin, Sonderheft
Herausgeber:Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften zu Goerlitz e. V.
Ort:Hoyerswerda / Goerlitz
Verlag:Selbstverlag des Herausgebers
Jahr:
ISBN:3-00-004866-9
Umfang/Preis:570 S.; € 25,00

Alexander Schunka, Institut für Neuere Geschichte, Uni München
E-Mail: <Alexander.Schunkalrz.uni-muenchen.de>

Ernst-Heinz Lemper hat sich um die Geschichte der Oberlausitz verdient gemacht: als Kunsthistoriker, Honorarprofessor an der Universitaet Leipzig und Leiter der Goerlitzer Museen, als Direktor der Staedtischen Kunstsammlungen Goerlitz, der Einrichtung also, die seit den 1950er Jahren in der DDR das Erbe der traditionsreichen Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften verwaltete, und als Verfasser zahlreicher Abhandlungen zu Kunst und Geschichte der Oberlausitz, darunter Biographien Jakob Boehmes und Adolph Traugott von Gersdorfs. Es erstaunte daher nicht, dass Lemper nach der Wende zum ersten Praesidenten der wiederbegruendeten Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften gewaehlt wurde.

Nun liegt eine umfangreiche Festschrift zu seinem 75. Geburtstag vor. Sie vermittelt kaleidoskopartige Einblicke in die Geschichte der Oberlausitz, in die wissenschaftlichen und kulturellen Aktivitaeten der letzten Jahre, und sie zeigt ein imponierendes Panorama der gesellschaftlichen Verbindungen des Jubilars, dessen Schriftenverzeichnis am Ende des Bandes immerhin 209 Veroeffentlichungen ausweist. Es nimmt nicht wunder, dass die Themen der insgesamt 49 Beitraege der vorliegenden Festgabe im einzelnen aeusserst disparat ausfallen - inhaltlich reichen sie etwa vom Zittauer Fastentuch ueber die Sanierung Goerlitzer Hallenhaeuser bis zu "50 Jahre Listerioseforschung" (eine Infektionskrankheit) - und dass nicht alle Aufsaetze als wissenschaftliche Abhandlungen i. e. S. bezeichnet werden koennen. Neben Ausfluegen in die Medizin und die Paedagogik, neben Jugenderinnerungen oder einem Ausstellungsbericht liegt das Hauptgewicht der Festschrift auf historischen Beitraegen, vorwiegend zur oberlausitzischen Geschichte, wie der Titel es verspricht. Unter den Autoren sind so illustre Namen wie Klaus Garber oder Karlheinz Blaschke versammelt, ferner einige ausgewiesene Kenner der Oberlausitzer Regionalgeschichte. Manche Beitraeger bringen bislang eher Unbekanntes ans Licht, so Dietmar Ness, der ueber den "Katechismus der vaterlaendischen Geschichte" aus dem fruehen 19. Jahrhundert informiert, oder Peter Kunze, der die Versuche zur Begruendung eines Lehrerseminars in der Oberlausitz seit dem 18. Jahrhundert beschreibt. Bei Festschriften sorgen bekanntermassen haeufig der Jubilar und sein Freundeskreis staerker fuer Kohaerenz als die behandelten Themen - dies wird im vorliegenden Band besonders deutlich. Das Spektrum der Beitraege zeigt aber die Bedeutung der Oberlausitz als eine Kulturlandschaft auf, die sich im Verlaufe ihrer Geschichte trotz wechselnder politischer Zugehoerigkeiten ihre Eigenstaendigkeit bewahrt hat.

Den historischen Beitraegen ist hoch anzurechnen, dass sie die vielfaeltigen Forschungsmoeglichkeiten andeuten, die sich im Bereich der Oberlausitzer Geschichte noch bieten. Generell ueberwiegt, sieht man etwa von Matthias Knoblochs Edition einer Untertanenordnung der Klosterherrschaft St. Marienstern aus dem spaeten 16. Jahrhundert ab, ein eher geistesgeschichtliches Interesse. Andreas Gauger und Andrew Weeks beschaeftigen sich mit Jakob Boheme. Wegs liest Boheme "Aurora" als Ausdruck von dessen Friedenssehnsucht am Vorabend des Dreissigjaehrigen Krieges (69), waehrend Gauger einen Ueberblick ueber die Traditionen der Boehme-Forschung gibt. Klaus Garber beschreibt seine Erfahrungen im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Auswertung von Personalschrifttum der Universitaetsbibliothek Breslau. Fuer die Oberlausitz ist Breslau als Bibliotheksstandort heute insofern wichtig, als grosse Teile der Milichschen Sammlung und anderer Bestaende der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften im Zweiten Weltkrieg nach Breslau gelangten. Man koennte sich, so Garber, eine Verfilmung der in Breslau lagernden Goerlitzer Buecher vorstellen, um auf diesem Wege die Bestaende in Goerlitz zumindest unter Zuhilfenahme anderer Medien zu rekonstruieren. Garber verweist fuer die Fruehe Neuzeit auf das Gymnasium als wichtigen Entstehungsort personalen Gelegenheitsschrifttums und unterstreicht die Bedeutung der Stadt Goerlitz und seines "Gymnasium Augustum". Dem Goerlitzer Gymnasium kam fuer die Bildungsgeschichte der Region neben dem Gymnasium in Zittau, das haeufig in Verbindung mit seinem beruehmtesten Rektor Christian Weise betrachtet wird, eine besondere Rolle zu, da die Oberlausitz keine Universitaet besass. Die Gymnasien trugen daher gerade hier wesentlich zur Vermittlung humanistischen und barocken Bildungsgutes bei.

Die Mittlerfunktion der Oberlausitz zwischen ihren Nachbarlaendern klingt u. a. in denjenigen Beitraegen an, die sich mit ueberregionalen Kontakten gelehrter Zeitgenossen beschaeftigen. Darunter finden sich eine knappe Skizze Johannes Irmschers ueber den Einfluss Melanchthons auf die Ausgestaltung des Kirchen- und Schulwesens in der Oberlausitz oder ein Aufsatz Peter Gleissners ueber Genealogie und Handelsbeziehungen der Bamberger Kaufmannsfamilie Fuerst nach Schlesien und nach Goerlitz. Der Artikel von Frantisek Kalesny ueber slowakische Studenten an deutschen Universitaeten des 18. und 19. Jahrhunderts kommt freilich ueber die Untersuchungen Eduard Winters (Berlin 1955) zu den Beziehungen slowakischer Gelehrter nach Halle kaum hinaus. Rudolf Andel geht auf vier Seiten den friedlaendischen Immigranten in die Oberlausitz nach. Es erstaunt ein wenig, dass sich im vorliegenden Band kein Beitrag findet, der sich mit den Verhaeltnissen der sorbischen Minderheit beschaeftigt.

Naheliegenderweise bilden Untersuchungen, die sich im weiteren Sinne um die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, den Kreis ihrer Gruender und die Aktivitaeten in der Fruehzeit der Gesellschaft drehen, einen gewissen Schwerpunkt des Bandes. So schildert Viola Imhof die beruehmte Schweizreise Adolph Traugott von Gersdorfs vorwiegend auf der Basis von Quellen in Zuericher Bibliotheken. Gersdorf, Naturwissenschaftler und neben Karl Gottlob Anton an der Gruendung der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften im Jahre 1779 beteiligt, war auf jener Reise Zeuge der Erstbesteigung des Mont Blanc. Schade, dass er selbst in seinen Reiseberichten nicht wirklich zum Sprechen gebracht wird - immerhin handelt es sich bei den Gersdorfschen Reisetagebuechern um eine aeusserst interessante und bislang wenig beachtete Quelle. Zudem ist der erwaehnte Festschriftbeitrag Imhofs ein Beispiel fuer diejenigen Artikel der vorliegenden Festschrift, die durch ihren Plauderstil im Beiheft eines traditionsreichen wissenschaftlichen Magazins eher missfallen - Fussnoten allein buergen nicht fuer Wissenschaftlichkeit, wenn Saetze wie "Das waere wohl heute nicht mehr denkbar" oder "Wie wird sie sich wohl verstaendigt haben? Hoffentlich hat man recht viel gelacht, auf Saechsisch und auf Zueriduetsch!" (21) den Text verunzieren.

Ueberregionale Wissenschaftskontakte im Zeitalter der Aufklaerung stehen im Mittelpunkt von Conrad Graus Analyse des Briefwechsels zwischen Karl Gottlob Anton, dem Historiker, Sprachforscher und geisteswissenschaftlichen Pendant Gersdorfs, und dem preussischen Minister Graf von Hertzberg. Ausserdem beschaeftigen sich einige Nachfahren des Geschlechts von Gersdorf(f) mit Aspekten aus der Geschichte ihrer Familie.

Zwei Beitraege sollen nicht unerwaehnt bleiben, die zeitlich im 19. Jahrhundert angesiedelt sind. Josef Matzerath beschaeftigt sich mit der Eingliederung der oberlausitzischen Staende in die saechsische Staendeversammlung nach dem Wiener Kongress. Er kommt zu dem Schluss, dass einige Verwaltungsprinzipien der fruehneuzeitlichen Oberlausitz auch nach der Teilung und der Inkorporation des suedlichen Teils in das Koenigreich Sachsen weiter bestanden, so die separate Gesetzespublikation fuer Sachsen und die Oberlausitz. Adelige Vertretungsansprueche wurden auch bei den Staedten nicht aufgegeben, von denen nur die vier der bei Sachsen verbliebenen Sechsstaedte im Landtag vertreten waren; alle weiteren lausitzischen Staedte wurden weiterhin durch die jeweilige Grundherrschaft repraesentiert. Allerdings zogen - ein Zugestaendnis an die neue Zeit - nun auch verstaerkt buergerliche Gutsbesitzer in das Corpus der Ritterschaft ein. - Karlheinz Blaschke betrachtet die Geschichte der geteilten Oberlausitz zwischen 1815 und 1945. Blaschke schliesst damit eine Luecke, da es augenblicklich an Ueberblicksdarstellungen zur Oberlausitzer Geschichte mangelt, nicht zuletzt deswegen, weil immer noch so viele Forschungsdesiderate ueberbrueckt werden muessen. Gepraegt von einem teils saechsischen, teils oberlausitzischen Patriotismus und mit deutlich antipreussischer Stossrichtung gelingt es dem Verfasser dennoch, fuer die Zeit nach 1815 die kulturellen und historischen Zusammenhaenge der geteilten Oberlausitz ueber die preussisch-saechsische Grenze hinweg deutlich zu machen. Blaschke verweist vor allem auf die Integrationskraft der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Trotz der kirchlichen, grundherrschaftlichen und ethnischen Zerrissenheit der Oberlausitz sorgte die Gesellschaft vom preussischen Goerlitz aus fuer einen kulturellen Rahmen zum Erhalt eines genuin oberlausitzischen Bewusstseins - ungeachtet der teils preussisch-schlesischen, preussisch-brandenburgischen, preussisch-saechsischen Provinzzugehoerigkeit oder des Verbleibs des suedlichen Teils der Landschaft beim Koenigreich Sachsen.

Genau an diesem Punkt ist auch der Gewinn der vorliegenden Festschrift zu sehen. Sie knuepft an das reichhaltige wissenschaftliche Erbe der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften an und traegt dazu bei, dass die Oberlausitz aus ihrem Schattendasein heraustritt und nicht mehr wie bei August Ludwig Schloezer als "terra incognita", sondern staerker als eigenstaendige Geschichts- und Kulturlandschaft wahrgenommen wird.

Tadeln muss man freilich, dass der Titel des Buches, "Sammeln - Erforschen - Bewahren", gewissermassen programmatisch verstanden werden kann: Eine Sammlung - fast moechte man Sammelsurium sagen - von Beitraegen, welche vor allem die Autoren offenbar gerne fuer die Nachwelt bewahren wollten, durchsetzt mit teilweise interessanten Einblicken in den Stand der Forschung zur Oberlausitz. Waere der Band nur halb so umfangreich geworden, und haette man den einen oder anderen Beitrag vielleicht gar nicht erst aufgenommen: es haette die Rezeption der Festschrift zumindest in der wissenschaftlichen Welt erleichtert. Dem Buch haette ferner eine systematische Gliederung oder zumindest eine chronologische Anordnung der behandelten Themen gut getan. So aber steht der Leser vor der Aufgabe, sich durch eine bunte Ansammlung oberlausitzischer Versatzstuecke durchzukaempfen - sollte auch dies programmatisch fuer die wechselvolle Geschichte der Oberlausitz sein?

ZitierweiseAlexander Schunka: Rezension zu: Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften zu Goerlitz e. V. (Hrsg.): Sammeln - Erforschen - Bewahren. Zur Geschichte und Kultur der Oberlausitz. Ernst-Heinz Lemper zum 75. Geburtstag. Hoyerswerda / Goerlitz 1999, in: H-Soz-u-Kult, 10.11.2000, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=3742>.

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