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A. Henriksson: Vassals and Citizens

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Frank Hadler <hadleruni-leipzig.de>
Autor(en):
Titel:Vassals and Citizens. The Baltic Germans in Constitutional Russia, 1905-1914
Reihe:Materialien und Studien zur Ostmitteleuropa-Forschung 21
Ort:Marburg
Verlag:Herder-Institut Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-87969-356-6
Umfang/Preis:XIV, 228 S.; € 31,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Jörg Hackmann, Institut für Geschichte und internationale Beziehungen, Universität Szczecin
E-Mail: <joerg.hackmannuniv.szczecin.pl>

Anders Henriksson greift mit dem vorliegenden Buch den Faden einer früheren Publikation auf, die sich mit den „loyalen Deutschen“ im Zarenreich bis 1905 befasste.[1] Hier nun geht es um die Reaktion der deutschen Eliten in den russländischen Ostseeprovinzen auf die Revolution von 1905 und ihre politischen Strategien bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Henriksson stützt sich dabei vor allem auf die Auswertung der deutsch- und russischsprachigen Presse. Das Buch beginnt mit einem eher allgemein gehaltenen Abriss der Geschichte der Deutschbalten bis 1905. Angesichts der recht umfangreichen Forschung zu der Epoche und der Politik der Deutschbalten wäre eine präzisere historiographische Einordnung seines Themas hier allerdings sinnvoll gewesen. Anschließend wird der Verlauf der Revolution und die Politik der Ritterschaften, die Einrichtung des deutschen Selbstschutzes sowie die Reaktion St. Petersburgs mit den Strafexpeditionen und der erneuten Einsetzung eines Generalgouverneurs in den Ostseeprovinzen knapp beschrieben.

In den folgenden Kapiteln geht es um die Konstruktion einer deutschnationalen Identität, um Prozesse nationaler Vergemeinschaftung der deutschen Bevölkerung sowie um den Wandel der lokalen interethnischen Beziehungen. Mit Recht stellt Henriksson den Heimatbegriff als Kristallisationskern einer neuen nationalen Identität der deutschen Bevölkerung auch schon vor 1905 heraus, versäumt es aber doch, ihn genauer zu verorten. Interessant sind die Ausführungen zum Verhältnis der deutschbaltischen Liberalen zu den Nationalbewegungen in der Region. So ist etwa bei Paul Schiemann, der nach dem Ersten Weltkrieg der wichtigste deutschbaltische Protagonist einer konstruktiven Minderheitenpolitik war, zu sehen, dass die nationalen Barrieren zu estnischen und lettischen Politikern kaum zu überwinden waren. Henriksson geht auch auf den Liberalen Klub in Riga ein, dessen Bedeutung für die baltischen Juden er aber nicht erwähnt.

Ausführlich behandelt werden dann die „Deutschen Vereine“ und insbesondere die Mobilisierung von Frauen in ihren Strukturen. In der Beurteilung der Vereine unterstreicht Henriksson, dass der Aufbau eines deutschsprachigen Schulsystems die zentrale Leistung gewesen sei. Dagegen sei die politische Nationalisierung der Deutschen Vereine trotz ihrer weitreichenden Mobilisierung der deutschen Bevölkerung umstritten geblieben, und letztlich hätten die politischen Kontroversen zwischen konservativen und liberalen Mitgliedern, wie etwa in der Dorpater Abteilung, zum Bedeutungsverlust der Vereine vor 1914 beigetragen.

Anschließend beleuchtet Henriksson die politische Entwicklung in den Ostseeprovinzen mit Blick auf die zarische Administration und die nach 1905 eingerichteten regionalen parlamentarischen Strukturen mit dem Baltischen Konseil und den Provinzialräten, die allerdings nicht im Zusammenhang dargestellt werden. Außerdem geht er auf die politische Entwicklung mit Blick auf die Wahlen zu den Stadträten und die interethnischen Beziehungen ein. Dabei wird auf Gegensätze zwischen Adel und deutschbaltischem Bürgertum hingewiesen und allgemein festgestellt, dass die Beziehungen zwischen den nationalen Gruppen komplex gewesen seien.

In den beiden abschließenden Kapiteln thematisiert Henriksson die imperialen Kontexte und beschreibt zunächst recht ausführlich die parlamentarische Repräsentation der Deutschbalten in der Duma. Seine Darstellung der deutschbaltischen Beziehungen zum Deutschen Reich enthält allerdings einige Verzerrungen, so erscheint Karl Lamprecht als ein Verleger, der zentral in der Verbreitung ultranationalistischer Literatur gewesen sei. Der Feststellung, dass letztlich die Loyalität zum Zaren mit den alldeutschen Tendenzen reichsdeutscher Propaganda kollidierte, ist gewiss zuzustimmen.

Insgesamt liegt der Fokus der Darstellung vor allem auf politischen Positionen und Konflikten, weniger dagegen auf kulturgeschichtlichen Aspekten, die dem Buch mehr Farbe hätten verleihen können. Trotz einiger Ungenauigkeiten und dem eher traditionellen politikgeschichtlichen Fokus handelt es sich aber um einen auch für deutsche Leser nützlichen Überblick, der zahlreiche interessante Einzelheiten und Beobachtungen enthält. Für Impulse zu einer neuen Betrachtung von Umfang und Tiefe der Nationalisierungsprozesse in der baltischen Region bleibt die Darstellung allerdings zu oberflächlich und zu blass.

Anmerkung:
[1] Anders Henriksson, The Tsar’s Loyal Germans. The Riga German Community. Social Change and the Nationality Question, 1855-1905, Boulder, CO 1983.

ZitierweiseJörg Hackmann: Rezension zu: Henriksson, Anders: Vassals and Citizens. The Baltic Germans in Constitutional Russia, 1905-1914. Marburg 2009, in: H-Soz-u-Kult, 14.03.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-184>.

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