Titel
The Nordic Model. Scandinavia Since 1945


Autor(en)
Hilson, Mary
Reihe
Contemporary Worlds
Erschienen
London 2008: Reaktion Books
Anzahl Seiten
236 S.
Preis
19,99 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
David Kuchenbuch, Deutsches Historisches Institut, Washington D.C.

Gibt es ein Nordisches Modell? Die britische Skandinavistin Mary Hilson antwortet klar mit "Jain" – sie verdeutlicht, dass diese Frage sich nur beantworten lässt, wenn man sie in Teilfragen auflöst. Denn das Urteil fällt sehr unterschiedlich aus, je nachdem, wo die Betonung liegt: Gibt oder gab es das Modell, gab es nur ein nordisches Modell, lässt es sich plausibel als nordisch bezeichnen – und wenn man Letzteres bejaht: Ist es überhaupt sinnvoll, mit Blick auf die Realität in Skandinavien einem Modell, also einer heuristischen Abstraktion nachzuspüren bzw., zu versuchen, ein Modell im Sinne eines zugrundeliegenden visionären Entwurfs zu identifizieren?

Hilson selbst setzt zwar das "Nordische Modell" zumindest im Buchtitel nicht in Anführungsstriche, ihre Arbeit besticht aber dadurch, dass sie zeigt, dass gerade wissenschaftliche Definitionen der Region "Norden", wie sie sie ja selbst vornimmt, einerseits historisch hochvariabel waren, andererseits aber immer wieder großen Einfluss auf die Selbstbeobachtung und die daraus resultierenden Praktiken der Entscheidungsträger in den nordeuropäischen Staaten hatten. Die konkrete Ausgestaltung der skandinavischen Wohlfahrtssysteme in den 1950er- und 1960er-Jahren etwa war, wie Hilson zeigt, durchaus geprägt durch die Bezugnahme auf das Heterostereotyp vom "Nordischen Modell", das – trotz großer Unterschiede zwischen beispielsweise Dänemark, Finnland und Island – schon in den 1930er-Jahren entstanden war. Heute äußern sich solche Wiedereinspeisungen in den skandinavischen Ländern in einer gewissen Nostalgie um ein Gesellschaftsmodell, das es in der Form, in der es betrauert wird, eigentlich nie gegeben hat. Die Verklärung des "nordic model" markiert vielleicht ein Ende der Gewissheit um die - um es etwas paradox auszudrücken – fremddefinierte eigene Besonderheit. Globale Interdependenzeffekte, insbesondere die verstärkte Immigration, so zumindest Hilsons implizite These, haben die "remarkable confidence" (S. 105) der Skandinavier in die Gestaltbarkeit der Zukunft schwinden lassen – ein Selbstvertrauen, das Hilson übrigens als einzigen wirklichen gemeinsamen Nenner der nordeuropäischen Gesellschaften nach 1945 identifiziert.

Es würde Hilsons Leistung nur schmälern, wollte man ihre zugleich kompakte und differenzierte Darstellung zusammenfassen. Darum nur einige Worte zur Anlage des Buchs und zu den Anregungen, die es bereithält. Zunächst: Hilsons Arbeit ist eigentlich ein reiner Forschungsbericht, ihr liegen keine eigenen Archivarbeiten und keine Auswertung gedruckter Quellen zugrunde. Dafür zeichnet sich die benutzte Literatur durch weitgehende Vollständigkeit aus. Nicht nur wird hier umfangreich skandinavischsprachige Forschung aufbereitet, die für die meisten deutschen Leser wohl unzugänglich ist, und dabei wiederholt die skandinavische Forschungslandschaft erklärt, die teils stark in die beschriebenen Konstruktionsprozesse eingebunden war, und deren Diskussionen für Außenstehende daher leicht hermetisch anmuten können. Auch eher entlegene Untersuchungen zu Teilfragen werden – wenn auch oft nur mittels Nebensatz – einbezogen. Hilson hat es geschafft, fast alle Facetten der Beschäftigung mit der Geschichte der skandinavischen Gesellschaften insbesondere der zweiten Hälfte des zurückliegenden Jahrhunderts zumindest vorzustellen, was umso erstaunlicher ist, als der Fließtext mit knapp 180 Seiten sehr überschaubar ist. Überhaupt ist das Buch trotz teils "trockener" Stoffe (viel Literatur zu den skandinavischen Wohlfahrtsstaaten ist ausgesprochen dröge) gut lesbar.

Die Autorin hat sich für eine eher konventionelle Unterteilung entschieden. Eine ausgezeichnete Einführung in die (Kultur-)Geschichte der Region führt dem Leser gleich zu Beginn die Historizität der Kategorien "Norden" bzw. "Skandinavien" vor Augen. Dem folgen Einzelkapitel zur Politik, zur Wirtschaft, zum Staat, zur Außenpolitik und zur Gesellschaft (mit einem Schwerpunkt auf der Immigration) Dänemarks, Finnlands, Islands, Norwegens und Schwedens; abschließend wagt Hilson einen Blick in die Zukunft des "nordic model". Da die Schnittmengen zwischen den Kapiteln oft groß sind, und die Autorin sich den Themen eher chronologisch als streng systematisch annähert, entstehen hier zwar immer wieder Redundanzen, Hilson fängt diese aber meist auf, indem sie Schlüsselereignisse – wie beispielsweise das berühmte Saltsjöbaden-Abkommen zwischen Industrie und Gewerkschaften in Schweden 1938 – von verschiedenen Blickwinkeln aus beleuchtet. Nach und nach erschließen sich so etwa die institutionellen und kulturellen Voraussetzungen korporatistischer Aushandlungstechniken in Schweden, und es wird deutlich, wie diese – bis zu ihrer demonstrativen Aufkündigung in den 1990er-Jahren – nicht zuletzt vermittelt durch die Fremdwahrnehmung vom "middle way" der skandinavischen Länder, als Bestandteil der schwedischen Identität eine Eigendynamik entwickelten, die bis in die erwähnte Nostalgie der 2000er-Jahre vorhält.

Hilson stellt differenziert Unterschiede und Gemeinsamkeiten, wechselseitige Beobachtungen und Abgrenzungen etwa zwischen den (sozial-)politischen Akteuren der nordeuropäischen Länder dar, vor allem aber verdeutlicht sie, dass sich skandinavische Besonderheiten, vor allem bestimmte wohlfahrtspolitische Pfadabhängigkeiten, immer aus der ortsspezifischen Wechselwirkung zwischen kulturellen, ökonomischen und politischen Prozessen ergaben. Ob es nun, um nur wenige Beispiel zu nennen, um die kulturellen und wirtschaftlichen Ursachen der im weltweiten Vergleich sehr hohen Beschäftigungsrate von Frauen in Skandinavien geht, um den Einfluss der Ideologie des "an sich selbst arbeitenden Arbeiters" (den skötsamme arbetaren) auf Identität und Anspruchsberechtigungen der Sozialversicherungen, ob die Rolle der sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit Neutralität und Besatzung im Zweiten Weltkrieg auf die jeweilige politische Kultur thematisiert, die bürgerlichen Ursprünge der politischen Metapher "Volksheim" diskutiert, das Narrativ von den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie als Hauptakteuren der wohlfahrtspolitischen Entwicklung relativiert, die gesellschaftliche Integration der Kritik von links in den späten 1960er-Jahren erklärt oder der Mehrwert der berühmten Esping-Andersenschen Sozialstaatstypologie angesichts des Mischcharakters der skandinavischen Wohlfahrtssysteme hinterfragt wird – selten sind zumindest nach Ansicht des Rezensenten so viele Aspekte der historischen Forschung zu Nordeuropa auf so wenig Raum so gewinnbringend aufeinander bezogen worden. Allenfalls ein manchmal allzu apriorischer Status des Faktors Wirtschaft ist zu bemängeln.

Hilson zufolge ist es kennzeichnend für das vermeintliche nordische "Modell", dass ihm gerade kein Masterplan zugrunde lag, der kontinuierlich verwirklicht wurde, sondern eher ein muddling through, oder, um den in diesem Zusammenhang oft bemühten Karl Popper zu zitieren, allenfalls ein piecemeal engineering. Insbesondere das Beispiel der innernordischen Sicherheitsgemeinschaft zeigt, dass diese kaum einer kollektiven Anstrengung der vordergründig so friedliebenden skandinavischen Regierungen geschuldet war, sondern eher als "unintended peace" der "reluctants nordics" zu verstehen ist, wie Hilson zusammenfasst (S. 130f.). Ohnehin wird immer wieder deutlich, dass der Norden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wenn überhaupt als "Pool" von Nationalstaaten zu verstehen ist, deren Zusammenarbeit oft eher durch historisch kontingente Sachzwänge hervorgerufen als durch den Willen zur Einheit vorangetrieben wurde.

An vielen Stellen beschreibt Hilson die spezifischen Reaktionen der nordeuropäischen Gesellschaften auf globale Krisenlagen (Weltwirtschaftskrise, 2. Weltkrieg, kalter Krieg, Ölpreisschock), und sie wirft dabei oft vergleichende Blicke über den geografischen Rand Skandinaviens hinaus. Das überzeugt, weil es ihr um die Frage geht, inwieweit ein skandinavischer "Sonderweg" vorliegt – und aus deutscher Forschungsperspektive besteht vielleicht genau darin der Wert des Buches. Vor allem dann, wenn es als Korrektiv eigener historiografischer Gewissheiten herangezogen wird, verspricht es Lektüregewinne. Es kann helfen, den vermeintlichen west- bzw. zentraleuropäischen "Normalfall" in einem neuen Licht erscheinen zu lassen, und sich zugleich – sozusagen im Sinne von "multiple twentieth centuries" – die Vielfalt auch der Abweichungen von diesem Normalfall klar zu machen.1

Anmerkung:
1 Über diese eher vermittelten Vorzüge hinaus bietet Hilsons Buch eine thematisch geordnete Auswahlbibliografie, einen Index und eine (etwas willkürlich anmutende) Reihe von Tabellen zum Parteiensystem, zur Beschäftigungs-, Wirtschafts- und Einkommensentwicklung, zu Staatsausgaben, zur Zuwanderung und zum Grad gewerkschaftlicher Organisation in den skandinavischen Ländern.

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