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Neuere Geschichte

R. Franz u.a. (Hrsg.): Gottfried Semper und Wien

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Irmgard Zündorf <zuendorfzzf-pdm.de>
Titel:Gottfried Semper und Wien. Die Wirkung des Architekten auf "Wissenschaft, Industrie und Kunst"
Herausgeber:Franz, Rainald; Andreas Nierhaus
Ort:Wien
Verlag:Böhlau Verlag Wien
Jahr:
ISBN:978-3-205-77606-2
Umfang/Preis:256 S.; € 29,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Peter Stachel, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien

Gottfried Semper (1803-1879) war unstrittig einer der einflussreichsten Architekten und Architekturtheoretiker des 19. Jahrhunderts. Zu den berühmtesten von ihm konzipierten Bauten gehören etwa das Opernhaus in Dresden und das Hauptgebäude der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Eher nur Spezialisten ist der Umstand geläufig, dass Sempers letzter und größter Versuch der Umsetzung seiner städtebaulichen und architektonischen Ideen zwischen 1871 und 1876 in Wien stattfand. Hier wurde Semper zum Bauleiter des Um- und Ausbaus der kaiserlichen Burg ernannt, wofür er – nach römischen Vorbildern – ein gigantisch-repräsentatives „Kaiserforum“ konzipierte, das gezielt als imperiales Gegenstück zur als „bürgerlich“ konnotierten Ringstrasse geplant war. Das groß dimensionierte städtebauliche Projekt war somit von Anfang an auch identitätspolitisch aufgeladen, die Diskussionen über Sinn und Wert von Sempers Entwürfen wurden mithin auch unter Gesichtspunkten symbolischer Politik diskutiert und nicht zuletzt (wenn auch nicht ausschließlich) daran ist die Umsetzung der ursprünglichen Konzeption auch gescheitert. Dennoch hat Semper deutliche architektonische „Spuren“ in der Wiener Innenstadt hinterlassen: Das Kunst- und das Naturhistorische Museum, sowie die Außengestaltung des Burgtheaters gehen im Wesentlichen auf ihn zurück und der symbolisch hoch aufgeladene Heldenplatz vor der Neuen Burg ist der „Überrest“ des geplanten Kaiserforums.

Bei den internationalen Symposien anlässlich von Sempers 200. Geburtstag (2003) blieben dessen Wiener Jahre eher unterbelichtet. Dies hatte einen kritischen Artikel des jungen Wiener Kunsthistorikers Andreas Nierhaus zur Folge[1], in dem dieser das seiner Ansicht nach bei österreichischen Kunsthistorikern unverständlich gering ausgeprägte Interesse an Semper kritisierte; was wiederum eine Replik seines Kollegen Rainald Franz provozierte.[2] Die publizistische Auseinandersetzung führte zur gemeinsamen Konzeption einer vom „Verband österreichischer Kunsthistoriker und Kunsthistorikerinnen“ im Jahr 2005 veranstalteten Wiener Konferenz zur Thematik „Gottfried Semper und Wien“, deren Ergebnisse mittlerweile – von Nierhaus und Franz gemeinsam herausgegeben – in Form eines Sammelbandes vorliegen.

Der Band enthält 14 Beiträge von Autoren aus Österreich, Deutschland und den USA., die sich schwerpunktartig mit verschiedenen Fragen zu Sempers Wirken und Wirkung in Wien beschäftigen. Hinzu kommen ein Namensregister und eine umfangreiche Bibliographie. Darüber hinaus sind zahlreiche Abbildungen (in Schwarz-Weiß) im Band enthalten, die die verbalen Ausführungen ergänzen und verdeutlichen. Entsprechend dem Untertitel beschäftigen sich die einzelnen Beiträge sowohl mit Sempers konkreten Bauprojekten in Wien, als auch mit seinem Einfluss als „Reformer der Kunsttheorie und des Kunstunterrichts und als kritischer Beobachter der frühindustriellen Gesellschaft“ (S. 7), wobei die Wirkungsebenen jedoch ineinanderfließen.

Die Wechselseitigkeit von Theorie und Praxis bei Semper wird besonders deutlich in den Beiträgen von Inge Podbrecky, Andreas Nierhaus, Werner Telesko und Heidrun Laudel. Podbrecky analysiert das Kaiserforumsprojekt als architektonisches und räumliches Gefüge und geht auch auf die politische Konnotation des Entwurfes ein. Nierhaus beschäftigt sich mit der Rezeptionsgeschichte dieses gescheiterten städtebaulichen Prestigeprojekts. Telesko stellt die Gestaltung des Kunsthistorischen Museums, insbesondere auch dessen Außenwirkung, als „universales Gesamtkunstwerk“ in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Die von Gegnern Sempers besonders nachdrücklich gerügte Fassadengestaltung – deren programmatische Ausführung als eine Art Überblicksdarstellung der Geschichte der Kunst darstellt – entsprach formal Sempers künstlerischem Credo des „Bekleidungsprinzips“ in der Baukunst, das im Beitrag von Laudel in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen in Sempers theoretischen Überlegungen nachgezeichnet und erläutert wird.

Mehrere Beiträge gehen auf Sempers Beziehung zu bzw. Einfluss auf bestimmte Künstler und Kunsttheoretiker des Wiener Umfeldes, sowie auf kunsttheoretische und kunstinstitutionelle Entwicklungen ein. Rainald Franz bietet eine Überblicksdarstellung über Sempers prägenden Einfluss auf die Wiener Kunstgewerbereform, der, wie der Autor nachweist, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nachwirkte. Eva Ottillinger beschäftigt sich mit der Beziehung Sempers zu dem einflussreichen Theoretiker der Kunstgewerbereform Jakob von Falke und, in Verbindung damit, mit der Bedeutung Sempers als Vermittler englischer Reformideen. Erweitert und ergänzt wird diese Thematik durch einen kurzen Beitrag Isabella Nickas über eine im Wiener Museum für angewandte Kunst verwahrte Abschrift von Sempers zu dessen Lebzeiten unpublizierter Schrift „Practical Art in Metals and Hard Materials“. Eva-Maria Orosz widmet sich der Beziehung von Semper zu Theophil Hansen, der mit den von ihm konzipierten Monumentalbauten das architektonische Gesicht der Wiener Ringstraßenzone bis zum heutigen Tag entscheidend geprägt hat. Orosz kommt zu der Schlussfolgerung, dass es zwischen Semper und dem als „Einzelgänger“ geltenden Hansen eine weitaus intensivere wechselseitige Beeinflussung gegeben habe, als bisher wahrgenommen wurde.

Einige Beiträge des Bandes beschäftigen sich auch mit Sempers Bedeutung für die nachfolgende Generation von Kunsttheoretikern und -praktikern. Diana Reynolds geht Sempers Einfluss auf den Kunsthistoriker Alois Riegl nach, Ruth Hanisch und Wolfgang Sonne behandeln dieselbe Frage in Bezug auf den Städtebautheoretiker Camillo Sitte. Reinhard Pühringer stellt den Architekten Friedrich Ohmann in den Mittelpunkt seiner Ausführungen, der sich als Bauleiter des Ausbaus der kaiserlichen Hofburg (1899-1907) intensiv mit Sempers Konzeption des Kaiserforumsprojekts auseinandersetzte, mit seinem Bestreben, das ursprüngliche Konzept durch erhebliche Reduktion wenigstens in Ansätzen zu retten, jedoch an den politischen Rahmenbedingungen scheiterte. Zwei Beiträge erweitern den zeitlichen Rahmen der Analysen schließlich bis in die jüngere Vergangenheit bzw. in die Gegenwart. Markus Kristan stellt Semper in den Rahmen eines historischen Längsschnitts des Wiener Städtebaus, der bis in die 1960er-Jahre verfolgt wird, Barbara Neubauer geht anhand von Ausführungen zu Sempers Ideen über die „antike Polychromie“ auf dessen Bedeutung für Theorie und Praxis des Denkmalschutzes in der Gegenwart ein.

Besondere positive Hervorhebung verdient der Beitrag von Richard Kurdiovsky, der neue Erkenntnisse zu einem zentralen und umstrittenen Kapitel von Sempers Wiener Jahren beibringt: dem problematischen Verhältnis zu seinem „einheimischen“ Geschäftspartner und Kompagnon Carl Hasenauer, mit dem er sich nach mehrjähriger Zusammenarbeit überwarf. Auf Basis der von ihm erstmals systematisch gesichteten Bestände des neu eingerichteten „Carl-Hasenauer-Archivs“ an der Graphischen Sammlung Albertina kann Kurdiovsky zumindest eine Teilantwort auf die Frage nach Hasenauers Anteil an den Planungen Sempers geben, der – wie etwa an der Konzeption des Kaiserforumprojekts ersichtlich – offenkundig weitaus umfangreicher und eigenständiger war, als bislang vermutet. Damit wird in der Tat Neuland in der Erforschung von Sempers Wirken in Wien beschritten, auch wenn, wie Kurdiovsky einräumen muss, der vorhandene Quellenbestand nicht immer eindeutige Zuordnungen ermöglicht.

Mit dem Sammelband von Rainald Franz und Andreas Nierhaus liegt nun erstmals ein aktueller Überblick über Werk und Wirkung Gottfried Sempers in Wien vor, was umso erfreulicher ist, als „Sempers architektonisches Spätwerk, das zweite Dresdener Hoftheater ausgenommen, heute zur Gänze in Wien erlebbar“ ist (S. 7). Ein Umstand, der sowohl für die Semper-Forschung, als auch für die Kunst- und Kulturgeschichte Wiens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, von nicht unerheblicher Bedeutung ist.

Anmerkungen:
[1] Andreas Nierhaus, Semper Semper? Die Wiener kunsthistorische Forschung und das Semper-Jahr 2003, in: kunstgeschichte aktuell 21 (2004), 1, <www.kunsthistoriker.at/artikel.php?itemid=221&menuid=5&pubid=11&rubrikid=1> 10.01.2009.
[2] Rainald Franz, Stellungnahme zum Artikel „Semper Semper“, in: Kunstgeschichte aktuell 21, 2 (2004), <www.kunsthistoriker.at/artikel.php?itemid=249&menuid=5&rubrikid=1&pubid=29>, 10.01.2009.

ZitierweisePeter Stachel: Rezension zu: Franz, Rainald; Andreas Nierhaus (Hrsg.): Gottfried Semper und Wien. Die Wirkung des Architekten auf "Wissenschaft, Industrie und Kunst". Wien 2007, in: H-Soz-u-Kult, 22.01.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-055>.

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