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Theoretische und methodische Fragen

R. Schnepf: Geschichte erklären

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Geschichte erklären. Grundprobleme und Grundbegriffe
Ort:Göttingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:978-3-525-31016-8
Umfang/Preis:189 S.; € 24,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Uwe Barrelmeyer, Widukind-Gymnasium Enger
E-Mail: <uwe.barrelmeyergmx.de>

In der Forschung der Historischen Kulturwissenschaften, so hat es Dieter Teichert unlängst bilanziert[1], spielt der „Methodendualismus“ von „Verstehen“ und „Erklären“ mittlerweile keine richtungsweisende Rolle mehr: Historikerinnen und Historiker müssten über Interpretations- und Erklärungskompetenz gleichermaßen verfügen. Diese inzwischen dominierende Auffassung leitet die Studie von Robert Schnepf an. Mit den Mitteln der „sprachanalytisch geprägten Wissenschaftstheorie“ (S. 10) möchte Schnepf verdeutlichen, was eine erfolgreiche Erklärungspraxis von Historikerinnen und Historikern auszeichne. Es ist das primäre Ziel der Studie, im Hinblick auf das „Problem der epistemischen Rechtfertigung von Erklärungsvorschlägen“ (S. 177) einen „geschlossenen Argumentationsgang“ (S. 11) zu entwickeln, durch den die Leserinnen und Leser in die Lage versetzt werden sollen, die eigenen Überzeugungen bezüglich des historischen Erklärens deutlicher zu formulieren und zu begründen. Was sind die wesentlichen Schritte dieses Argumentationsgangs?

Im ersten Kapitel nennt Schnepf zunächst die alltägliche Beobachtung, dass keine Erzählung „ohne Erklärungen oder erklärende Elemente“ auskomme (S. 12). Auch als „unauffälliger Bestandteil von leicht lesbaren Erzählungen“ (S. 100) hätten Erklärungen die besondere Funktion, die Qualität dieser Erzählungen und unser Vertrauen in die Wahrheit der Sätze der Geschichtswissenschaft zu sichern. Erklärungen betrachtet Schnepf als kontextbestimmte „Sprach-Handlungen“ bzw. „Sprechakte“ (S. 14). Zugleich wüssten wir alle immer schon intuitiv um die „kontextinvarianten Strukturen von Erklärungen und die internen Kriterien für gute Erklärungen“ (S. 22). Für Schnepf ist es ein „letztlich irreführender Gedanke“ (S. 41), Erklärungen mit Erzählungen gleichzusetzen. Dementsprechend lehnt er die dem Typus des ‚narrativen Erklärens‘ zugeordneten „extremen Positionen von Hayden White“ (S. 45) ab: Dieser verfolge das Programm, Erklärungen als eine Form des Erzählens zu verstehen, und könne deshalb nicht mehr begründen, wie Erklärungen die Funktion erfüllten, bestimmte Berichte oder Erzählungen als wahrer, wahrscheinlicher oder glaubwürdiger auszuweisen als andere.

Den herausgestellten „formalen Kern des Erklärungsbegriffs“ (S. 19) versucht Schnepf im zweiten Kapitel und Argumentationsschritt genauer darzulegen. Dabei rückt er den „Bedingungsbegriff ins Zentrum des Erklärungsbegriffs“ (S. 170). Historische Erklärungen, so formuliert Schnepf im Anschluss an den australischen Philosophen John Mackie (1917–1981), enthielten Aussagen über Bedingungsverhältnisse. Genauere Analysen des Bedingungsbegriffs machten jedoch deutlich, dass klare Aussagen über eindeutige historische Bedingungsverhältnisse innerhalb eines „kausalen Feldes“ (S. 54) denkbarer Einflussfaktoren schwer zu begründen seien. Zudem hänge die Qualität der kausalen Zurechnungen von den vorgelegten historischen Beschreibungen ab: Erklärungen seien „beschreibungsrelativ und mehrere Beschreibungen ein und desselben Ereignisses möglich“ (S. 170). Unter diesen formalen Voraussetzungen könne man nicht eindeutig diejenigen Bedingungen identifizieren, die das historisch zu erklärende Ereignis kausal verursacht hätten. Insofern tauge der formale Bedingungsbegriff letztlich nicht, um historisch überzeugende „Antworten auf erklärungsverlangende Warum-Fragen“ zu begründen (S. 68).

Im dritten Kapitel erörtert Schnepf daher unter Bezugnahme auf verschiedene Typen von Erklärungen (deduktiv-nomologische bzw. induktiv-statistische, genetische sowie intentionale Erklärungen), wie die „Mängel des konditionalistischen Ansatzes“ (S. 74) schrittweise zu beheben seien und wie man entsprechend der „Asymmetrie der Kausalrelation“ (S. 59) von ‚formalen Bedingungen‘ zu ‚realen Ursachen‘ gelange. Wer historische Bedingungen untersuchen und historische Ursachen bestimmen wolle, der könne dies nur dann erfolgreich tun, sofern er etwa im Sinne Max Webers oder David Lewis’ kontrafaktische Möglichkeiten durchdenke, zur Stützung dieser Möglichkeiten auf nomologisches Wissen (Erfahrungs- bzw. Regelwissen) zurückgreife und darüber hinaus genauere Vorstellungen hinsichtlich der historischen Genese des zu Erklärenden („genetisches Erklären“) entwickele. Am Beispiel des intentionalen Erklärens werde überdies deutlich, dass die jeweiligen Erklärungstypen durch allgemeine Begriffe charakterisiert bzw. bestimmt würden (Schnepf spricht auch von „Grundbegriffen“, „Paradigmen“, „Präsuppositionen“, „Dispositionsausdrücken“ sowie „Begriffsschemata“). Die Rechtfertigung solcher „theoretischen Termini“ (S. 31) verlange allerdings oft Argumentationen, die in den Bereich der Geschichtsphilosophie hineinspielten.

Diesen Begründungszusammenhang erörtert Schnepf im vierten Kapitel. Anhand der einschlägigen Werke von Karl Marx und Michel Foucault möchte der Autor veranschaulichen, welche „konstruktive Funktion geschichtsphilosophische Theorien für die handfeste Aufgabe geschichtswissenschaftlichen Erklärens haben können“ (S. 116). Zugleich sieht er die konstruktive Funktion geschichtsphilosophischen Wissens durch eine grundlegende Aporie belastet: Wenn es die Aufgabe der Geschichtsphilosophie sei, „das bei den jeweiligen Erklärungsversuchen vorausgesetzte Begriffsschema zu rechtfertigen“ (S. 171), so lege die Existenz konkurrierender Geschichtsphilosophien die Auffassung nahe, dass es letztlich eine „richtige Erklärung eines zu Erklärenden nicht gebe und am Ende eben doch ein Akt der willkürlichen Setzung stehe“ (S. 119). Dies führe zugleich zu der Vorstellung, dass selbst ein minimaler Wahrheitsbegriff (‚Wahrheit‘ als „stabile, revisionssichere Überzeugung“, S. 177) „kein erreichbares und sinnvolles Ziel geschichtswissenschaftlicher Bemühungen“ sein könne (S. 171).

Diese „augenscheinlich aporetische Situation“ (S. 120) sucht Schnepf in der Schlussbemerkung des Buches aufzulösen. Wie tragfähig sind seine diesbezüglichen Ausführungen? Die eher skeptischen Urteile eines anderen Rezensenten[2] erscheinen mir berechtigt: Schnepf kann letztlich nicht überzeugend darlegen, dass sich insbesondere „Foucaults methodologische Überlegungen als eine Art und Weise verstehen lassen“ (S. 155), die angesprochene Aporie aufzuheben.

Wie ist die Studie insgesamt zu bewerten? Mit Blick auf die primäre Zielsetzung des Autors lässt sich zunächst sagen, dass große Teile der Arbeit transparent und klar dargestellt sind. Insbesondere gelingt es dem Autor vorbildlich, einen diskursiven „Stil des Nachdenkens“ (S. 11) zu entfalten, der zur eigenständigen Auseinandersetzung anregt. Die für die Begründung von Schnepfs eigener Position zentrale Auseinandersetzung mit Max Webers „Projekt des verstehenden Erklärens“ (S. 162) fällt allerdings weniger klar und einleuchtend aus. Schnepf kritisiert, dass in der verstehenden Soziologie Webers eine „eindeutige Begriffsbildung“ nicht möglich und die „Pluralität der Interpretationen letztlich nicht mehr überwindbar“ sei. Weber appelliere im Hinblick auf das verstehende Erklären lediglich an „Evidenzgefühle“ und gebe den „Objektivitätsanspruch des Sinnverstehens“ preis (S. 163). Schnepf verkennt allerdings, dass für Weber die evidente Deutung einer Handlung (Motive, Handlung, Folgen) stets mit den Methoden kausaler Zurechnung gesondert überprüft werden muss (‚kausale Erklärung‘). Nur unter dieser methodischen Voraussetzung wird die ‚evidente Deutung‘, die zunächst nur eine ‚kausale Hypothese‘ ist, zur gültigen ‚verständlichen Erklärung‘.[3] Insofern erscheint es nicht plausibel, im Hinblick auf die verstehende Soziologie Webers von einer „Bankrotterklärung“ des Erklärens zu sprechen (S. 163). Die verstehende Soziologie Webers liefert nicht die von Schnepf gesuchte negative „Kontrastfolie“ (S. 161), von der sich Foucaults Methodenreflexionen als Wege zur Auflösung einer vermuteten Aporie des Erklärens positiv abheben würden.

Anmerkungen:
[1] Dieter Teichert, Erklären und Verstehen. Historische Kulturwissenschaften nach dem Methodendualismus, in: Jan Kusber u.a. (Hrsg.), Historische Kulturwissenschaften. Positionen, Praktiken und Perspektiven, Bielefeld 2010, S. 13-42, hier S. 29.
[2] Siehe die Besprechung von Andreas Frings, 15.10.2011: <www.sehepunkte.de/2011/10/20188.html> (2.11.2011).
[3] Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, 5. Aufl. Tübingen 1985, S. 4f.; ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, 7. Aufl. Tübingen 1988, S. 436f.

ZitierweiseUwe Barrelmeyer: Rezension zu: Schnepf, Robert: Geschichte erklären. Grundprobleme und Grundbegriffe. Göttingen 2011, in: H-Soz-Kult, 30.11.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-4-155>.

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