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J. Scholtyseck: Die Geschichte der National-Bank

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ralf Ahrens <ahrenszzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Die Geschichte der National-Bank 1921 bis 2011
Ort:Stuttgart
Verlag:Franz Steiner Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-515-09831-1
Umfang/Preis:423 S.; € 44,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Detlef Krause, Commerzbank AG, GM-C Historisches Archiv, Frankfurt am Main
E-Mail: <detlef.krausecommerzbank.com>

In Zeiten einer weltweiten Finanzmarkt- und Bankenkrise nutzte der Vorstand der National-Bank den eher ungewöhnlichen Anlass einer neunzigjährigen Geschäftstätigkeit, um die Geschichte dieser Regionalbank erforschen zu lassen und somit auch einen Beitrag zur historischen Transparenz zu leisten. Die Aufgabe übernahm Joachim Scholtyseck, der hierzu neben seiner vielbeachteten Quandt-Studie die nötige Zeit und Kraft fand. Scholtyseck beschreibt, noch ein erstaunliches Momentum, die Quellenlage für die Zeit vor 1945 „erfreulicherweise als ergiebig“ (S. 18). Im Archiv der National-Bank fanden sich neben den Geschäftsberichten und Protokollen des Aufsichtsrats offenbar zahlreiche Schriftwechsel wie auch Wirtschaftsprüfungsberichte. Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er sich bis in die 1970er-Jahre auf die Protokolle des Aufsichtsrats und anschließend, bis zur Gegenwart, auf Zeitzeugenberichte, Geschäftsberichte und Presseausschnitte stützen.

Die National-Bank hat, so Scholtyseck, „in der deutschen Bankenlandschaft eine wohl einmalige Geschichte“ (S. 389). So lassen sich drei Phasen feststellen, in denen die Bank jeweils höchst unterschiedliche Entwicklungswege einschlug. Gegründet wurde das Kreditinstitut 1921 unter dem Namen „Deutsche Volksbank“ als Bank der christlichen Gewerkschaftsbewegung für die so genannten „kleinen Leute“. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme erfolgte 1933 eine Namensänderung in „National-Bank“ und eine strategische Neuausrichtung als regionale Mittelstandsbank. Nach 1945 gelang es der National-Bank, sich „als eine der erfolgreichsten unabhängigen Regionalbanken in Deutschland“ zu etablieren, wie der Vorstand mit Stolz im Vorwort bemerkt (S. 9).

Bei der Entstehung der National-Bank spielten weltanschauliche Gründe eine wesentliche Rolle. Die christliche Gewerkschaftsbewegung propagierte den Gedanken der Selbsthilfe in Arbeiterkreisen – durchaus als dritten, christlichen Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Vor allem der Zentrums-Politiker Adam Stegerwald förderte den Ausbau eines gewerkschaftsnahen Wirtschaftssektors. In diesem Umfeld sollte, als Gegenmodell zu Sparkassen und Großbanken, eine „Volksbank“ errichtet und, so Stegerwald, zu einem „umfassenden Geldaufsaugeapparat“ (S. 38) ausgebaut werden. Anfang 1921 beauftragte Stegerwald Heinrich Brüning, den späteren Reichskanzler, mit der Gründung der „Vereinsbank für deutsche Arbeit AG“ in Berlin. Hier befand sich auch die Zentrale des Gesamtverbandes der Christlichen Gewerkschaften. Aus nicht recht ersichtlichen Gründen firmierte das Institut noch im gleichen Jahr und fortan als „Deutsche Volksbank AG“.

Da die eigentlichen Geschäftsmöglichkeiten in der Stadt Essen, einer Hochburg der christlichen Gewerkschaftsbewegung, gesehen wurden, stimmte die Hauptversammlung der Deutschen Volksbank im Oktober 1922 einer Sitzverlegung von Berlin nach Essen zu. Allerdings bedingten externe wie interne Faktoren eine eher verhaltene Entwicklung der Deutschen Volksbank. Ruhrbesetzung und Hyperinflation stellten große Belastungen dar. Die Führungskräfte waren meist keine Bankfachleute, sondern Funktionäre der nahestehenden gewerkschaftlichen Organisationen. Zudem blieb das Geschäftsmodell unklar. Sollte das Institut als gewerkschaftliche „Sparbank“ (S. 85) oder als Spezialinstitut zur Finanzierung genossenschaftlicher und sozialer Projekte arbeiten?

Die Währungs- und Bankenkrise von 1931 brachte die Deutsche Volksbank an den Rand des Untergangs. Ob die Rettungsmaßnahmen, die die christlichen Gewerkschaftsverbände und das Reich einleiteten, zum Erfolg geführt hätten, muss offen bleiben. Denn mit der Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten nahm die Entwicklung der Deutschen Volksbank eine ganz andere Richtung. Der Essener Gauleiter Josef Terboven nutzte sogleich die Chance, mit dem Verlagsdirektor Wolfgang Müller-Clemm einen Vertrauten als Kontrolleur in der Bank zu installieren. Die bisherigen Aktienpakete der Gewerkschaftsverbände gingen auf die Bank der deutschen Arbeit über, die eine Art Holdingfunktion für die Deutsche Arbeitsfront ausübte. Mit einem harten Kapitalschnitt und einer erneuten Kapitalerhöhung wurde die Bank auf eine neue Grundlage gestellt. Die neue geschäftspolitische Strategie lautete, das Institut zu einer Regionalbank vor allem für den kreditsuchenden Mittelstand mit ausgeprägtem nationalsozialistischem Charakter umzuformen. Dementsprechend erfolgte auch im Dezember 1933 eine Namensänderung in „National-Bank AG“.

Gleichzeitig wandelte sich die Aktionärsstruktur nochmals. Es gelang, namhafte Industrieunternehmen des Ruhrgebiets wie RWE, Stinnes, Hochtief, Krupp und Vereinigte Stahlwerke als Anteilseigner zu gewinnen. Größter Einzelinvestor wurde dabei die Bank für Industrie-Obligationen (BAFIO), aus der später die Industriekreditbank IKB hervorging. Die komplizierten Vorgänge erschließen sich nicht immer so recht in ihrem zeitlichen Ablauf. Kritisch anzumerken bleibt ferner, dass die spannende Frage, ob die Unternehmen dabei aus politischer Gefälligkeit oder aus wirtschaftlichen Interessen handelten, nicht weiter vertieft wird.

Die National-Bank konnte, wie andere Bankinstitute, von der anziehenden Konjunktur profitieren. Das Kreditgeschäft umfasste Ausleihungen für Bauprojekte, zum Beispiel an Hochtief, ferner Kredite an den Groß- und Einzelhandel sowie an lokale Gewerbetreibende. Darüber hinaus forcierte die Bank das Einlagengeschäft mittels Werbeanzeigen. Breiten Raum widmet Scholtyseck der „Verstrickung“ der National-Bank in das nationalsozialistische Wirtschaftssystem. Die Regionalbank scheute sich nicht, fragwürdige Optionen zur geschäftlichen Expansion wahrzunehmen. So entwickelte die recht kapitalschwache National-Bank erheblichen Ehrgeiz, um an der „Arisierung“ des Bankhauses Simon Hirschland in Essen beteiligt zu werden. Nur mit einer deutlichen Kapitalerhöhung gelang es ihr schließlich, an dem neuen Bankhaus Burkhard & Co. einen Anteil zu erwerben. Für angedachte weitergehende Expansionsbestrebungen, beispielsweise in das europäische Ausland, erwies sich die National-Bank jedoch als zu klein.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste die Führungsspitze nahezu vollständig ausgetauscht werden. Die National-Bank hatte, so Scholtyseck, zudem das Glück, dass sich ihr Sitz in der britischen Besatzungszone befand. Die britische Militärregierung verfolgte, im Unterschied zur amerikanischen Besatzungsmacht, eine pragmatischere Bankenpolitik und stellte den Fortbestand der Bank nicht in Frage. Erleichternd kam sicherlich hinzu, dass rechtliche Ansprüche der Gewerkschaften auf Wiedergutmachung 1952 abgewiesen wurden.

Die National-Bank wurde nach 1945 innerhalb ihres regionalen Wirkungskreises zunehmend zu einer Universalbank, die die Geschäftsfelder Mittelstand, große Geschäftskunden und private Kundschaft pflegte. Die Aktionärsstruktur blieb auch in der Bundesrepublik stabil. Das größte Aktienpaket, ein Anteil von rund 26,4 Prozent, der von der IKB gehalten wurden, ging im Jahr 2000 an die Signal Iduna Gruppe; ein Einschnitt, der sich im Nachhinein durchaus als Glücksfall erweisen sollte. Seit dem Ende der 1990er-Jahre weitete die Bank ihren Geschäftsbereich nach Dortmund, Düsseldorf und Wuppertal aus. Sie widerstand allerdings, wie andere Banken, nicht der Versuchung, überschüssige Liquidität in verbrieften Kreditforderungen des amerikanischen Hypothekenmarktes anzulegen, die nach dem Zusammenbruch der IKB als „toxisch“ bezeichnet wurden. Mit einem Restrukturierungsprogramm und einer strategischen Wendung zum Wealth Management für vermögende Privatkunden scheint die National-Bank diese Krise bewältigen zu können.

Scholtyseck verknüpft in seiner Darstellung gekonnt Makro- und Mikroebene. Er beschreibt die allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen des Bankgeschäfts, berücksichtigt in angemessener Weise die Regionalgeschichte des Ruhrgebiets und schildert die Entwicklung der National-Bank. Sofern es die Quellen erlauben, geht er zudem auf den Bankenalltag und das Personalwesen ein. Mehrfach äußert Scholtyseck sein Erstaunen, dass sich die National-Bank trotz der starken Konkurrenz von Sparkassen und Großbanken in der Region so gut behaupten konnte. Welche Gründe lassen sich hierfür anführen? Auch wenn diese Frage nur recht knapp diskutiert wird, so schält sich doch eine Kombination mehrerer Faktoren heraus. Zu nennen sind gewiss die regionale Nähe zu den Kunden, die stabile Aktionärsstruktur, der Strukturwandel Essens von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsstadt sowie eine überwiegend konservative Geschäftspolitik, die auf nationale oder internationale Expansion verzichtet. Insgesamt liegt mit dieser Publikation ein dichtes, informatives Buch über die durchaus ungewöhnliche Geschichte der selten gewordenen Spezies Regionalbank vor.

ZitierweiseDetlef Krause: Rezension zu: Scholtyseck, Joachim: Die Geschichte der National-Bank 1921 bis 2011. Stuttgart 2011, in: H-Soz-u-Kult, 29.03.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-229>.

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