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Zeitgeschichte (nach 1945)

A. Wellmann: Beziehungssex

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Beziehungssex. Medien und Beratung im 20. Jahrhundert
Ort:Köln
Verlag:Böhlau Verlag Köln
Jahr:
ISBN:978-3-412-20780-9
Umfang/Preis:298 S.; € 34,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Lu Seegers, Historisches Seminar, Leibniz Universität Hannover
E-Mail: <seegersfoko-ns.de>

„Sex sells“ – dieses Motto ist seit den 1970er-Jahren allgegenwärtig. Ob Kino, Fernsehen, Publikumszeitschriften oder Internet – sie alle setzen auf den Aufmerksamkeitsgaranten Sex. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich Sexualberatungsformate: Zu denken ist an den legendären Dr. Sommer der Jugendzeitschrift BRAVO, aber auch an Erika Berger mit ihrer Sendung „Eine Chance für die Liebe“ im Privatfernsehen der 1990er-Jahre. Sie verbreiten Wissen und Geschichten über den Sex und bringen die Rezipienten dazu, ihre Sexualität zu artikulieren. Somit stellen Sexualratgeber eine bedeutsame Schnittstelle des öffentlichen und privaten Redens über Sex dar. Gleichwohl wurden sie in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft bislang kaum beachtet.

Diese Forschungslücke schließt die an der Universität Zürich entstandene Dissertation der Historikerin Annika Wellmann. Sie untersucht die Sexualratgeberrubrik „Liebe Marta“, die zwischen 1980 und 1995 im Schweizer Boulevardblatt „Blick“ erschien (insofern ist der Titel des Buches etwas irreführend). Mit Michel Foucaults Sexualitätsdispositiv geht die Autorin davon aus, dass Sexualität historisch ist und durch Diskurse konstituiert wird. Sie untersucht, unter welchen Bedingungen und in welchen diskursiven Formationen das Sexuelle in der Ratgeberrubrik „Liebe Marta“ unter dem doppelten Vorzeichen von Unterhaltung und Beratung zirkulierte. Wie wurde über Sex gesprochen, welche Praktiken wurden normalisiert und inkludiert, welche exkludiert?

In den ersten drei Kapiteln widmet Annika Wellmann sich der redaktionellen Produktion der Rubrik und der plurimedialen Inszenierung der verantwortlichen Journalistin Marta Emmenegger als „Sexberaterin der Nation“. Dazu wertete sie den umfangreichen Nachlass von Emmenegger mit rund 13.000 Originalbriefen und 4.500 Kolumnen aus und führte Interviews mit Redakteuren des „Blick“. So nutzte das Boulevardblatt biografische Zuschreibungen, um die Rubrik zu popularisieren. Marta Emmenegger wurde als wissbegierige Journalistin und Frau mit Lebenserfahrung stilisiert, als geschiedene Ehefrau, jugendliche Großmutter und verständnisvolle Seelentrösterin. Ihren Status als Expertin in Sachen Sex, Liebe und Partnerschaft erlangte sie zudem durch intermediale Strategien. 1983 veröffentlichte der Blick-Verlag eine Kompilation von Fragen und Antworten aus der Rubrik, die Emmenegger auch in den Feuilletons bekannt machte. Ab Mitte der 1980er-Jahre trat sie zudem in Radio- und Fernsehsendungen auf.

Die Ratsuchenden thematisierten in ihren Briefen ein breites Spektrum an Problemen. Einen Teil davon beantwortete die Ratgeberin persönlich. Die Veröffentlichung von Anfragen im „Blick“ unterlag spezifischen medialen Ökonomien. Briefe wurden gekürzt, verändert oder portionsweise veröffentlicht, Deutungen, die die Ratsuchenden selbst über ihre Situation anstellten, entfernt. Inhaltlich trugen solche Modifikationen dazu bei, den Status der „Lieben Marta“ als legitime Ratgeberin zu festigen, aber auch Grenzen des Sagbaren zu ziehen. Publizierte Anfragen mussten stets eine Beziehungsnarration und eine eindeutig sexuelle Komponente beinhalten. Bei der Beantwortung der Fragen griff Marta Emmenegger auf verschiedene Wissensordnungen und -formen zurück, wobei sie zwischen Erfahrungs-, Alltags- und wissenschaftlichem Wissen changierte und diese neuartig verband.

Im vierten Kapitel zeigt Annika Wellmann, dass die „Arbeit an sich selbst“ (S. 136) im Mittelpunkt der Ratschläge stand. Marta Emmenegger betrachtete die Ratsuchenden als eigenverantwortlich für ihre Probleme, die als individuell lösbar galten. Der Verbesserung von Sex und Partnerschaft sollte zum einen die Optimierung von Körpertechniken (Marcel Mauss) dienen, wenn Emmenegger etwa zum gezielten Training der Vaginalmuskulatur riet. Zum anderen wurde „positives Denken“ als individuell anwendbare Psychotechnik zur Lösung von Problemen jedweder Art gepriesen. Die „Liebe Marta“ folgte damit einer Logik, die während der 1980er-Jahre das Genre der Lebenshilferatgeber allgemein prägte. Nicht die äußeren Verhältnisse sollten geändert werden, um Probleme zu lösen, sondern vielmehr die Einstellung zu ihnen. In diesem Sinne blendete Marta Emmenegger die im schweizerischen Eherecht bis zur Mitte der 1980er-Jahre sozial und kulturell festgeschriebene Hierarchisierung von Männern und Frauen aus. Die „Liebe Marta“ forcierte das autonome Subjekt, das Wünsche und Lüste selbstbestimmt artikulieren sollte. Gleichzeitig wurden der Autonomie und Selbstbestimmung aber auch Grenzen gesetzt. Sexualität sollte stets partnerbezogen sein und durfte das Prinzip der monogamen Paarbeziehung nicht untergraben. An der Lösung sexueller Probleme sollten die Partner im Sinne der Einübung eines variantenreichen Sexuallebens möglichst gemeinsam arbeiten. Die Ratschläge unterstanden damit, wie Annika Wellmann treffend kontextualisiert, der Logik des lebenslangen Lernens, die seit den 1970er-Jahren im Zuge der proklamierten Weltbildungskrise als ein neues politisch-pädagogisches Paradigma eingeläutet wurde. Der in der Rubrik forcierten „Arbeit am Selbst“ schreibt Annika Wellmann eine eindeutig ökonomistische Komponente zu. Für Marta Emmenegger könnten die Dinge jedoch etwas einfacher gelegen haben: Indem sie die alltäglichen Probleme als für die Subjekte konkret lösbar verhandelte, legitimierte sie sich selbst und inszenierte ihre Ratschläge als unentbehrlich.

Im fünften Kapitel analysiert die Autorin die in der Ratgeberrubrik produzierten sexuellen Normen. An zahlreichen Beispielen demonstriert sie, wie Emmenegger das Leitbild eines monogamen, auf Liebe und Partnerschaftlichkeit gegründeten Beziehungssexes vermittelte. Dabei schloss das Konzept der Zweierbeziehung ab Mitte der 1980er-Jahre auch gleichgeschlechtliche Beziehungen zunehmend ein. Wurden bis dato Anfragen homosexueller Menschen stets nur im Hinblick auf das Ausleben einer Sexualität beantwortet, stand nunmehr die glückliche gleichgeschlechtliche Paarbeziehung im Fokus. Nicht-monogame bzw. promiske Beziehungen zwischen hetero- oder homosexuellen Partnern lehnte die Ratgeberin hingegen ab. Die Betonung der Paarbeziehung deutet Annika Wellmann einerseits als Reaktion auf die AIDS-Krise, andererseits als Gegenbewegung zur sexuellen Liberalisierung der 1960er- und 1970er-Jahre. Letzteres scheint allerdings etwas zu kurz gegriffen, weil sie sich vor allem auf die mediale Inszenierung der Sexuellen Revolution bezieht. Inwieweit diese sich aber tatsächlich im privat-persönlichen Bereich auswirkte, ist bislang empirisch noch nicht untersucht.

Mit ihren Fragen und Antworten zu Sex und Partnerschaft reproduzierte die Ratgeberrubrik ein vielschichtiges Feld des Sozialen, dem Annika Wellmann im sechsten Kapitel nachgeht. Ausformungen des Sexuellen unterschieden sich nach Alter, Geschlecht, sozialem Status und nationaler Herkunft. Ein zunehmend wichtiges Thema markierte die Sexualität im Alter. Marta Emmenegger akzentuierte sie als lustvoll verjüngende Maßnahme und band Senioren auf diese Weise in den Diskurs des Sexuellen ein. Ebenfalls inkludiert wurden Behinderungen im Kontext einer ab den 1980er-Jahren zunehmend auf Prävention, Rehabilitation und Chancengleichheit zielenden internationalen Behindertenpolitik. Im Mittelpunkt der Ratgeberrubrik stand dabei die Frage, ob und wie es möglich sei, mit körperlicher Behinderung eine Liebesbeziehung zu führen. Behinderungen wurden auf diese Weise tendenziell integriert und normalisiert. Allerdings wurden die damit verbundenen Normalitätsgrenzen nicht beliebig verschoben. Anfragen geistig behinderter Menschen tauchten in der Rubrik nicht auf. Annika Wellmann macht dafür die Tatsache verantwortlich, dass zahlreiche geistig behinderte Frauen in der Schweiz noch bis zum Jahr 1970 unter eugenischen Zielsetzungen sterilisiert worden waren. Vorstellungen zur Sexualität geistig behinderter Menschen seien daher in die 1980er-Jahre hinein tabuisiert gewesen. Geistig Behinderte blieben in der Rubrik und damit von der Diskursivierung des Sexuellen ausgeschlossen. Die Normalitätsgrenze im Rahmen der Ratgeberrubrik weitete sich ferner im Hinblick auf AIDS. Ab 1987 wurden HIV-positive Menschen im Zuge der Ausweitung der Risikogruppen von Marta Emmenegger durch vorteilhafte Beschreibungen berücksichtigt. Bereits akut an AIDS erkrankte Menschen blieben jedoch weiterhin ausgeschlossen.

Das letzte Kapitel behandelt die Grenzziehungen im „Feld der Lüste“. Gerade in diesem Bereich wurden die Grenzen des Normalen immer wieder neu ausgehandelt und moduliert. Dabei inszenierte die Ratgeberrubrik ab Ende der 1980er-Jahre eine zunehmende Akzeptanz – parallel zu anderen populären Medien – gegenüber diversen sexuellen Praktiken, solange sich diese als Beziehungssex verorten ließen. So trug „Liebe Marta“ durch Leseranfragen zur Inklusion von Bisexualität bei, indem sie diese als universelles Phänomen darstellte und vom Stigma der Untreue befreite. Allerdings bestand die Ratgeberin darauf, Bisexualität nur in getrennten Beziehungen zu leben. Ein enges Zusammenspiel zwischen Popularkultur und Ratgeberrubrik zeigt Annika Wellmann zudem im Hinblick auf sadomasochistische Praktiken. Letztere wurden seit den 1980er-Jahren in Zeitschriften, Filmen und Musikvideos zunehmend in Szene gesetzt. Auch Marta Emmenegger integrierte „SM“ als Variante des Beziehungssexes. Dabei sprach sie jedoch ausschließlich den Masochismus als konsensualen sexuellen Akt an. Sadistische Wünsche wurden pathologisiert und exkludiert, weil sie mit dem partnerschaftlich, auf Dialog zielenden Beziehungssex nicht vereinbar zu sein schienen. Zu einem erweiterten Akzeptanzrahmen trug die Ratgeberrubrik „Liebe Marta“ auch in puncto Pornografie bei. So galten pornografische Darstellungen, die ab den 1980er-Jahren als Videos vermehrt auch im privaten Rahmen konsumiert werden konnten, als „übliches erotisches Zubehör“ (S. 252). Davon negativ abgegrenzt wurden jedoch so genannte „Hard Pornos“. Ebenfalls schien der feministische Anti-Porno-Diskurs der 1980er-Jahre in der Rubrik auf, wenn die Ratgeberin Frauen zum Pornokonsum ermunterte, sich aber gegen die Vermarktung nackter Frauen wandte. Zielleitend für Frauen wie für Männer sollte aber auch hier die Abstimmung mit den Bedürfnissen des Partners sein. Die Ratgeberrubrik „Liebe Marta“, so schlussfolgert Annika Wellmann prägnant, benannte nicht nur unterschiedlichste sexuelle Praktiken. Vielmehr wurden sie durch den Bezug auf die Sexualwissenschaften einerseits und dem Erfahrungswissen andererseits traditionellen moralischen Bewertungslogiken entzogen und an der gegenwärtigen Norm des Beziehungssexes gemessen. Dieser Prozess führte seinerseits zu neuen Grenzziehungen und Abgrenzungen.

Erfolgreich gelingt es Annika Wellmann, sich mit ihrer Studie in verschiedene Forschungskontexte einzuschreiben. Ihre Arbeit ist innovativ für mediengeschichtliche Fragestellungen, für die Geschichte der Sexualität und für die Gender Studies. Sie lässt sich zudem in Governmentality Studies einbetten, die die Formierung von Subjektivierungen untersuchen. Hier bietet sich auch in Zukunft ein weites Feld für die Forschung an, das Annika Wellmann in ihrem Ausblick andeutet. Angesichts zahlloser Beratungsforen im Internet, in denen sich Laien gegenseitig Rat geben, scheint sich das bislang exklusive Verhältnis von Experten und Ratsuchenden aufzulösen. Das „beratene Selbst“[1] avanciert zum „beratenden Selbst“ – nicht nur in puncto Sexualität. Die Folgen für Gesellschaft, Kultur und Politik werden zukünftige Forschungen sicherlich beschäftigen.

Anmerkung:
[1] Sabine Maasen u.a. (Hrsg.), Das beratene Selbst. Zur Genealogie der Therapeutisierung in den ‚langen‘ Siebzigern, Bielefeld 2011.

ZitierweiseLu Seegers: Rezension zu: Wellmann, Annika: Beziehungssex. Medien und Beratung im 20. Jahrhundert. Köln 2011, in: H-Soz-u-Kult, 27.04.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-077>.

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